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  1. Ehemaliger Mitarbeiter Benutzerbild von Sten cal Dabran
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    Kaineng

    Die Nacht der Schaufler

    #1
    Die Nacht der Schaufler

    Der Schaufler leckte seine goldenen Fangzähne. Er war, wie jeder seiner Rasse, mit Muskeln bepackt und breit gebaut. Seine winzigen Augen standen im krassen Gegensatz zu seinen riesigen Fängen. Während er die Festung der Menschen beobachtete, blähten sich seine Nüstern. Im Lager der Schaufler stank es nach dem Menschenfleisch, das sie letzte Nacht verzehrt hatten. Auf den Zinnen der Burg, die in der Dämmerung ihren Schatten übers ganze Tal warf, herrschte trotz der frühen Stunde schon reger Betrieb.
    * * *
    „Hey Sten“. Der Ruf durchbrach dir drückende Stille, die in der Feste herrschte, „sie belagern uns seit über 3 Wochen! Unsre Vorräte neigen sich dem Ende zu und die Kampfmoral unsrer Krieger lässt von Tag zu Tag nach. Wir können ihnen nicht ewig standhalten. Was sollen wir tun?“
    Sten caal Dabran überlegte. Er wusste es selbst nicht. Die Überzahl der Gegner war erdrückend. „Zurück auf deinen Posten oder ich mach dich einen Kopf kürzer!“
    Der Bogenschütze trollte sich davon. Sten machte sich auf zu seinen Gemächern, um sich mit seinem Freund, dem Schleicher Zarim, zu beraten. Hätte er gewusst, welche Verantwortung er als Herr der Feste tragen musste, hätte er das Amt nie angenommen. Unterwegs kratzte er sich am Kinn. Sein Gesicht war von vielen Kämpfen geprägt und von Narben zerfurcht. Auf dem kahlen Kopf hatte er, wie jeder Heiler, ein Muster aus Runen eingraviert. Nur im Nacken ließ er sich einen kurzen Zopf stehen. Aufgrund seiner Aufgabe als Heiler kämpfte er zwar selten an vorderster Front, doch die gegnerischen Elementarmagier, Nekromanten und Mesmer machten ihm oft schwer zu schaffen. Als er angekommen war klopfte er der Höflichkeit halber an die Tür und trat ein. In den finsteren Zeiten des Krieges waren solche Gesten zwar überflüssig, doch er war sein halbes Leben lang schon darauf gedrillt, dass die Disziplin stets gewahrt werden musste. „Herein“, schallte die Stimme von drinnen und Sten erkannte sofort, dass es sich um Zarim handelte, den er schon von seiner Kindheit auf kannte. Zarim war ein Assassine, ein Meister der Dolche, der es selbst in der Schlacht immer schaffte, sich seinen Gegnern unbemerkt von hinten zu nähern und sie heimtückisch zu erdolchen. Wie Sten war auch er bei der großen Schlacht von Shing Jea dabei gewesen und hatte zahlreiche Untote niedergestreckt. Doch es war noch eine andere Person im Raum, die rechts neben dem Bett auf einem leeren Fass saß. Es war Daron the Black. Wenn es jemandem in Cantha gab, der alle verbotenen Sprüche der dunklen Künste kannte, war er es. Als ein flüchtender Veteran war er im letzten Sommer zu ihnen gestoßen. Die knapp 80 Mantiden, die ihm gefolgt waren, hatte er mit einem Zauber vernichtet. Seitdem war er ein Offizier 1. Grades auf der Feste Maatu. „Folgendes“, verkündete Sten. „die Schaufler bereiten einen Angriff vor. Sie haben Sturmleitern und Belagerungstürme, Rammböcke und Ballisten. Mal im Ernst, ich glaube kaum, dass wir ihnen standhal...
    „ÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄAAAAAAAAAAÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜÜ!!!!“ Die Kriegsonis der Schaufler gaben das Signal zum Sturm. Die Schlacht um die Feste Maatu hatte begonnen.
    * * *
    Sten stürmte auf die Mauer. „Bogenschützen in Bereitschaft“, brüllte er zu Zho, der Anführerin der Waldläufer, die sich auf den Zinnen der Trutzburg aufstellten. „Tötet die Leiterträger und die Onis. Ohne die Signale sind die Schaufler dumm wie Maulwürfe. „ÖÖÖÖÖÖÖÖÄÄÄÄÄÄAAA......“. Ein Oni kippte um, aus seiner Kehle ragten die Schäfte von 7 Pfeilen und ein Schwall von grauem Blut ergoss sich über die Schaufler, die vor dem mächtigen Oni Stellung bezogen hatten. In blinder Wut stürmte die erste Welle auf die Mauern zu. Die ersten Reihen fielen, noch bevor sie 10 Schritte zurückgelegt hatten, doch den Rest der über 20.000 Schaufler kümmerte das einen Dreck. Nachdem die Bogenschützen ihre ersten Salven verschossen hatten, lehnten sich Belagerungsleitern an die Mauern. Es waren so viele, dass Sten ihre Zahl nicht überblicken konnte.
    * * *
    Zarim hatte lange genug gewartet. Endlich erschienen die ersten Schaufler auf dem Wehrgang. Dem ersten Schaufler schlitze er die Achillesszene auf, sodass er vornüber kippte und in die Tiefe stürzte. Das Krachen der Knochen beim Aufprall konnte man selbst im Lärm der Schlacht und der Onis hören. Die zwei nächsten meuchelte er geschickt von hinten, dem nächsten trennte er den Kopf vom Leib. Der Torso blieb schlaff in einer Blutlache liegen. Als er auf den nächsten Gegner zustürmte, rutschte er im rosa Lebenssaft des toten Schauflers aus und blieb benommen liegen. Sofort stürzten sich vier Krieger auf ihn. Einem konnte er mit einem gezielten Messerwurf noch die Kehle durchtrennen. Doch in die entstandene Lücke drängten sich gleich zwei weitere Schaufler. Er bereitete sich schon auf seinen Tod vor, als seine Ohren einen Laut vernahmen, auf den er gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. „ Schmort in der Hölle!“ Ein Knistern war zu hören. Dann waren alle Gegner verschwunden, nur ein grünlicher Brei auf dem Boden erinnerte noch daran, dass sie ihn eben noch töten wollten. Aus den verseuchten Haufen entstanden sogleich Knochenteufel, die Daron the Black aufs Wort gehorchten. „Noch mal helf ich dir nicht aus der Klemme, du verdammter Hund“, rief Daron mit einem Augenzwinkern, „und jetzt zeig mal was du kannst!“ Zarim sprang auf und zog sein Wurfmesser aus dem Hals des toten Schauflers, was zur Folge hatte, dass seine lederne Rüstung mit rosa Blut besudelt wurde. Mit einem Kampfschrei auf den Lippen stürzte er sich wieder ins Gefecht.
    * * *
    Zho erschoss einen Schaufler nach dem anderen, doch ihre Zahl war zu groß. Als sie zum x-ten Mal in ihren Köcher griff, spürte sie nichts mehr in der Hand. Ihre Pfeile waren aufgebraucht. Sie stöhnte innerlich auf, denn obwohl sie eine perfekte Bogenschützin war, konnte sie mit dem Schwert nicht umgehen. Auch die anderen Bogenschützen machten sich zum Rückzug bereit, als eine andere Person auf die Mauer trat. Von einer feurigen Aura der Macht umgeben, erklomm Zonxx, einer der größten Elementarmagier des Landes, die steile Treppe, die zum Wehrgang hinaufführte. An ihm vorbei flohen die Bogenschützen in die innere Burg oder in die Waffenkammer, um sich mit Pfeilen einzudecken. Ein kehliger Laut erklang und die Mauer brannte. Während sich das Bollwerk jedoch nicht einmal schwärzte, kreischten die Schaufler, die in dem tosenden Inferno verbrannten und sich vor Schmerzen wanden. Zonxx stand, die Arme zum Himmel gereckt, auf den Zinnen und jeder, der ihn sah, zweifelte keinen Moment daran, dass er der Hüter der Flammen war. Anschließend beschwor er einen Blitz, der hunderte von Schauflern und auch einigen Onis das Leben kostete. Doch wie bei jedem Herr der Elemente war auch seine Energie begrenzt. Erschöpft zog er sich zurück, nachdem er seine zwei mächtigsten Zauber gewirkt und seinen Freunden und ihrer Armee etwas Zeit erkauft hatte.
    * * *
    Sten caal Dabran eilte im Laufschritt über die Mauer. Überall wo sich Verwundete wanden, wirkte er Worte der Heilung, hier und da vertrieb er noch einen Gegner, der ihm zu nahe kam, mit seinen Gebeten der Peinigung. Aus der Entwicklung der Schlacht schöpfte er neue Zuversicht. „Wir gewinnen“, sagte er sich immer wieder, „wir gewinnen!“
    * * *
    Die Schaufler zogen sich zurück. Sie waren erschöpft und hatten für diesen Tag die Nase gestrichen voll vom kämpfen. In der Burg der Menschen, die kaum Verluste zu beklagen hatten, tönte es laut. Doch der Jubel verklang, als von weitem Gekröle von Onis und lautes Getrommel zu hören waren. Die Schaufler bekamen Verstärkung.
    * * *
    Sten caal Dabran wurde von einem bestialischen Schrei aus dem Schlaf gerissen. Doch es war kein Kriegsoni, wie er später feststellen sollte. Es waren die hölzernen Räder eines Belagerungsturms. Um genau zu sein: Es waren die Räder von 17 Belagerungstürmen. Sten rannte nach draußen und warf sich im Laufen seine Robe über.
    Auf der Brüstung angekommen, bot sich ihm ein seltsames Bild: auf der einen Seite der hohen Außenmauer versammelte sich eine riesige Streitmacht, die selbst in der Nacht gut zu erkennen war. Überall brannten Feuer. Im inneren der Feste jedoch sah es furchtbar aus. Soldaten liefen mehr oder weniger gerüstet, schlaf- oder betrunken und mit breiten Ringen unter den Augen umher, eine Ordnung war in keiner Hinsicht erkennbar. Sten fragte sich nur, was die Schaufler erreichen wollten. Die Belagerungstürme waren zu niedrig, um den Außenwall zu stürmen und Leitern hatte er keine gesehen. Zusammen mit Zonxx und Daron beobachtete er das Geschehen von der Innenmauer. Zho und ihre Bogenschützen begaben sich gerade auf ihre Posten, als Arren zu Sten und den anderen stieß. Sten hasste Arren und umgekehrt war wohl das Selbe zu behaupten. Arren hatte früher zusammen mir Zonxx auf die Akademie der Elemente besucht, wo beide zum Magier ausgebildet wurden. Doch Arren wurde dabei erwischt, wir er heimlich die schwarzen Künste beschwor. Daraufhin wurde er der Akademie verwiesen, doch seine Ausbildung war so gut wie fertig. Als eines Tages schließlich beschlossen werden sollte, wer der neue Oberbefehlshaber der Feste Maatu werden sollte - der letzte Herr war in einer stürmischen Nacht von der Mauer gefallen -, wollte Arren nichts anderes mehr als diesen Posten. Doch als Sten zum Herrn der Feste ernannt wurde, rastete er im Ballsaal aus, und so wurde er damit bestraft, Unteroffizier in der Burg zu werden, um Befehle von Sten entgegenzunehmen. Fast niemand kam gut mit ihm aus, doch an seiner Macht zweifelte keiner. „Arren, geh zu Zho und mach den Belagerungstürmen die Hölle heiß“, befahl Sten, was Arren mit einem Grummeln zu Kenntnis nahm. Er war gerade dabei, mit seinen Kumpanen zu beratschlagen, was zu tun sei, als ES geschah.
    * * *
    Zho stand mit ihrer Staffel Bogenschützen auf der Mauer und wartete auf den Angriff der Schaufler.
    Kurz bevor ES geschah, hörte sie noch ein leises Schaben.
    * * *
    Arren trottete niedergeschlagen zu Zho auf die Mauer.
    In seinem gewaltigen Hass auf Sten überhörte er das Knirschen, das zu vernehmen war, bevor ES passierte.
    * * *
    ES passierte zu plötzlich, als dass irgendjemand hätte reagieren können. Plötzlich ging das Kampfgeschrei der Schaufler in einem ohrenbetäubenden Krachen unter. Der komplette Außenwall viel wie von Zauberhand in sich zusammen. Wüsste man nicht, dass Schaufler eine magiefremde Spezies sind, hätte man meinen können, ein Hexer wäre am Werk gewesen. Viele Dutzende Leiber wurden von der Mauer geschleudert, die zerbarst und in einem Regen von Steinen hunderte Schaufler außerhalb dahinraffte. Als die Mauer schließlich in Trümmern lag, konnte man die Ursache der Katastrophe deutlich sehen: Die Schaufler hatten den Wall untergraben!
    * * *
    Zho wollte gerade ihren ersten Pfeil auflegen, als das Knistern unter ihr zu einem Grollen anschwoll. Mit einem harten Ruck wurde sie von den Füßen gerissen und Richtung Boden geschleudert. Arren und den anderen Schützen erging es nicht besser. Ihr grüner Umhang, der ihren Flug kaum merklich bremste, rutschte ihr vor die Augen. Das letzt was sie sah war Arren, der neben ihr von einem gigantischen Felsbrocken zerquetscht wurde. Dann umfing sie Dunkelheit.
    * * *
    Sten erschauderte. Er konnte das Geschehene nicht verarbeiten. Es ging alles viel zu schnell. Vom Schrecken gerührt starrte er aufs Schlachtfeld. Die wenigen der Kämpfer, die den Sturz überlebt hatten, wurden entweder gefangen genommen oder von den Belagerungstürmen überrollt, die langsam auf die Innenmauer zukamen. „Das kann nicht das Werk der Schaufler sein“, dachte Sten „Es ist alles viel zu gut geplant. Schaufler sind dumm und primitiv. Irgendetwas muss sie antreiben.“ Natürlich hatte die Burg eine Schatzkammer, doch deren Inhalt war es nicht wert, eine komplette Festung dem Erdboden gleich zu machen. Seine innere Stimme sagte Sten, dass die Schaufler es auf etwas ganz anderes abgesehen hatten, doch das würde er erst viel, viel später begreifen.
    * * *
    Der Schaufler wusste, dass ihnen der Sieg nicht mehr zu nehmen war. Voller Vorfreude dachte er an das zarte Fleisch, das sie heute Nacht verspeisen würden und das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
    * * *
    Neben Sten, Zarim und Daron hatten sich etwa 200 Menschen auf der Mauer der inneren Feste versammelt. Es waren viel zu wenige, um die Schaufler zu bremsen.
    Zonxx schaffte es zwar, 6 Türme zu verbrennen, aber ihre Gegner waren unaufhaltsam. Als die Klappen der Belagerungstürme mit einem Krachen auf den Zinnen aufsetzten, strömten hunderte Schaufler zugleich auf den Wehrgang. Die tapferen Verteidiger wurden praktisch niedergemäht. Sie hatten keine Chance.
    Daron schrie beständig Flüche in die Nacht, doch die Schaufler ließen sich vom schrecklichen Schicksal ihrer Mitstreiter nicht zum Rückzug bewegen. Auf der völlig überfüllten Mauer gab Zarim es schließlich auf, seine Gegner mit Hinterlist zu töten und organisierte bereits den Rückzug: „Zieht euch zurück. Die Burg wurde eingenommen. Flieht um euer Leben, sie werden keine Gnade walten lassen. Rennt so schnell ihr könnt!“
    * * *
    Während seine Kameraden die Befehle von Zarim und Sten befolgten, schlich ein Soldat sich geistesgegenwärtig davon und rannte in die Katakomben unter der Burg. Schließlich fand er, was er gesucht hatte: Einen riesigen Diamanten, der als Schlüssel für die kleine Trutzburg in den Bergen diente, wohin sie sich schon öfters zurückgezogen hatten, wenn die Feste Maatu zu überrannt werden drohte. Im allgemeinen Durcheinander hatte wohl niemand mehr daran gedacht. Im Geiste lobte er sich selbst für seine Klugheit und malte sich schon aus, was seine Belohnung sein würde. Durch den geheimen Ausgang unter der Burg flüchtete er nach draußen. Wieder im Freien schloss er sich den flüchtenden Soldaten an, die sofort zu jubeln begannen, als sie den Stein erblickten, obwohl sie von einigen Schauflern beschossen wurden.
    Grinsend reihte er sich ein und rannte. Doch er kam nicht weit: Ein Bolzen aus vergiftetem Holz schlug in seinen Rücken ein und während er sterbend zurückgelassen wurde, nahmen die Schaufler den Diamanten an sich und blieben abrupt stehen. Sie wussten, dass ihre Gegner keinen Schutz mehr hatten. Sie würden sie in den nächsten Tagen aufspüren und töten. Zufrieden mit sich und seinen Kriegern hob der Anführer der Schaufler einen abgetrennten Menschenarm vom Boden auf und biss genüsslich hinein.
    * * *
    „Verflucht!“, rief Sten, als sie vor den Toren der Bergfestung standen, „ohne den Schlüssel kommen wir hier niemals rein. Eigentlich würde ich den, der erzählt hat wir hätten den Schlüssel noch, mit Vergnügen köpfen, aber da wir nur noch 67 Mann sind und von Bestien verfolgt werden, brauchen wir unsere Köpfe zum Denken. Also überlegt euch mal, was wir machen sollen, wenn wir nicht verbrannt, gefoltert oder gegessen werden wollen!“ Mit diesen Worten schloss er seine kurze Rede und zog sich in eine Nische zurück, wo auch schon seine Freunde auf ihn warteten. „Es ist hoffnungslos!“, meinte Daron verzweifelt, „Wie können uns noch nicht einmal in die nächst verfluchte Stadt retten, weil sie hunderte von Meilen entfernt ist. Der Reisestollen der Naga ist jetzt in der Kontrolle der Schaufler. Außerdem hätten wir nicht genug Vorräte für den langen Weg.“ „Eine Chance gibt es“, warf Zonxx ein, „wir müssten versuchen, den Diamanten aus der Feste Maatu zu stehlen.“ „ Aber die Festung ist gut bewacht und wir wissen überhaupt nicht, wo sie den Stein aufbewahren“, rief Zarim. Doch alle, einschließlich Zarim und Daron, sahen ein, dass es ihre einzige Hoffnung war. Sten rief: „Ich habe schon genug Freunde an diese Monster verloren. Wenn sie mich töten, ist es auch egal. Ich habe nichts mehr zu verlieren.“
    * * *
    Gemeinsam mit dem Rest der Gruppe zogen sie in Richtung Wald, um nach einer Höhle Ausschau zu halten. Nach einer halben Stunde des Suchens wurden sie schließlich fündig. Der Stollen war groß genug, um sie alle aufzunehmen. Während die ersten Soldaten Wasser schöpfen und Mantiden jagen gingen, setzten die vier sich an die Wand und entwarfen gemeinsam einen Plan. Nach einiger Zeit kehrten sie hungrig und zuversichtlich blickend zu den anderen zurück.
    * * *
    Karyysk Bsarfulst war schon lange nicht mehr im Tal gewesen und durch den Wald geschlendert. Seit die Menschen vor vielen Zeitaltern damit begonnen hatten, die Yetis in die Berge zu vertreiben und ihre Dörfer niederzubrennen, waren sie gefürchtete Einzelgänger.
    Nachdenklich fuhr die riesige Gestalt sich durchs schneeweiße Fell. Er hatte eigentlich nichts gegen Menschen und war nie aggressiv, es sei denn er wurde gereizt, was in seiner einsamen Höhle in den Bergen schon Jahrzehnte lang nicht mehr passiert war. Plötzlich schnüffelte er, als ihm der Duft von gebratenem Mantidenfleisch in die Nase fuhr. Ohne Scheu machte er sich auf in die Richtung, aus der der Geruch kam.
    * * *
    Die Stimmung beim Essen war mehr als gedrückt. Zwar hatten die meisten Soldaten in der Schlacht alles verloren, aber das Mantidenfleisch war zäh wie das Leder, aus dem Zarims Rüstung geschaffen war. Die Moral von Stens Kriegern sank gen null, als von draußen schwere Fußstapfen zu hören waren. Ein Späher kam kreidebleich im Gesicht in die Höhle gestürzt. „Yeti“, verkündete er, bevor seine Beine nachgaben und er zur Seite hin umkippte. Sten hatte schon viel über Yetis gelesen, aber gesehen hatte er noch keinen, was er, so war es zumindest in den meisten Büchern beschrieben gewesen, nicht überlebt hätte.
    Das Stampfen kam näher und dann brach der Yeti in die Höhle. Er war noch viel größer, als Sten es vermutet hatte.
    * * *
    Karyysk betrat die Höhle und erspähte sofort den Braten, der sich über einem Feuer in der Mitte drehte. Er schritt gemächlich vorwärts, als ihm die winzigen Menschen auffielen, die auf dem Boden kauerten. „Lasst mich in Ruhe, ich will euch nichts tun“, brummte er, doch sofort viel ihm ein, dass die Menschen seine Sprache nicht verstehen konnten. Er befürchtete sogar, dass es sich für die kleinen Geschöpfe vor ihm bedrohlich anhörte. Als er einen von ihnen aufhob, um ihn zu betrachten, hörte er ein kurzes Sirren. Ein Pfeil steckte in seiner Brust. Als er deswegen kurz zuckte, drückte seine Hand etwas zu fest und das Menschlein fiel schlaff zu Boden. Auf einmal herrschte helle Aufregung um ihn herum.
    * * *
    „Schießt ihm nur auf den Kopf! Schlagt ihm in die Beine!“ Sten rief Befehle in das Chaos, das in der Höhle herrschte. Nachdem der Yeti einen Krieger in voller Montur einfach erdrückt hatte, machte sich Panik breit.
    Pfeile flogen unkontrolliert durcheinander und Soldaten
    hieben in blinder Wut auf den Riesen ein. Mit einem röhrenden Schrei riss sich der Yeti los, holte aus und fegte gleich sieben Kämpfer gleichzeitig von den Beinen. Drei von ihnen blieben liegen. Bevor das Ungetüm noch mehr Schaden anrichten konnte, sprang Daron auf und rief etwas Unverständliches in einer längst vergessenen Sprache. Der Yeti, der gerade einen Bogenschützen an die Wand schleuderte, sodass dieser mit seltsam abgewinkelten Gliedmaßen liegen blieb, explodierte förmlich in einer roten Kugel. Als der der Yeti, von innen heraus mit einem schwarzen Ball gesprengt, der stetig weiter wuchs, platzte, schwappte eine Welle von Blut durch die Höhle. „Es wird Stunden dauern, die Schweinerei wegzuräumen“, dachte Sten bei sich.
    * * *
    Als die Nacht hereinbrach, machten sich Sten und seine Kumpanen auf zur Burg. In der Gewissheit, dass sie von den Schauflern verfolgt wurden, witterten sie hinter jedem Baum eine Gefahr, wodurch sich die ersten Meilen des Weges erheblich verzögerten. Nachdem sie ungefähr in der Mitte der Strecke auf einen Hügel krochen, konnten sie zwei Lager der Schaufler im Wald unter ihnen ausmachen. „Ihr übernehmt das linke Lager“, flüsterte Sten, „Zarim und ich knöpfen uns die anderen vor“. Beinahe schon übervorsichtig schlichen die beiden sich an das Lager an, das aus drei Erdhaufen bestand, aus denen ein Schnarchen zu hören war. Drumherum patrouillierten zwei Wächter der Schaufler. Der erste wusste gar nicht wie ihm geschah. Blitzschnell zuckte eine glänzende Klinge aus der Nacht und durchbohrte seinen Hals. Durch das erschreckte Quieken seines sterbenden Partners aufgeschreckt fuhr der zweite Wächter herum. Bevor er in der Dunkelheit etwas ausmachen konnte, zischte ein Messer durch die Luft und blieb regungslos in seinem rechten Auge stecken. Der Hüne fiel um und hatte noch nicht einmal Zeit gehabt nachzusehen, was ihm das Leben gekostet hatte. „Starker Wurf“, wisperte Sten anerkennend, denn das Auge eines Schauflers zu treffen war eine Meisterleistung. Die verbliebenen Gegner schliefen noch immer, da Zarim kein einziges verdächtiges Geräusch verursacht hatte. Er meuchelte sie mühelos.
    * * *
    Daron und Zonxx hatten mit ihren Schauflern noch weniger Probleme. Da es in diesem Lager keine Wache gab, befahl Zonxx einfach der Erde, aus der die Schaufler ihre Häuser gebaut hatten, die darin liegenden Bestien zu erdrücken. Man hörte auf dieser Seite des Waldes keinen Laut der Schmerzen.
    * * *
    Dort wo der Wald sich langsam lichtete und den Blick auf die Feste Maatu freigab, stießen die vier wieder zueinander. Sie hielten sich nicht lange mit den Berichten ihrer Erlebnisse auf und sprachen noch ein letztes Mal den Plan durch. Er war noch lange nicht perfekt, doch einen Besseren hatten sie nicht: Zarim und Daron würden die Schaufler ablenken, indem sie einige in ein Gefecht verwickelten und danach dank ihrer Talente unbeschadet fliehen würden. In der Zeit würde Sten mit Zonxx in die Gemächer des Anführers eindringen und ihn dazu zwingen, ihnen das Versteck des Diamanten preiszugeben. Anschließend hatten sie vor, gemeinsam aus dem Haupttor zu fliehen, weil der Weg zum Tunnel, durch den sie kamen, nach dem Kampf bestimmt nicht mehr frei war. Der Plan hatte nur einen gewaltigen Haken: Es gab zu viele Schaufler in- und außerhalb der Festung. Wenn zu viele auf sie Aufmerksam werden würden, wäre der Plan dahin.
    * * *
    Der Weg zum Eingang des geheimen Stollens verlief reibungslos. Den Schauflern offenbar unbekannt, war der vor Jahrzehnten angelegte Fluchttunnel nicht bewacht. Nachdem sie unter den Felsen gerobbt und in die Dunkelheit darunter eingedrungen waren, zündeten sie eine Fackel an. Das Licht warf lange, unheimliche Schatten auf die Wände des engen Tunnels. Nach einigen Minuten standen sie an der Außenseite einer unscheinbaren Tür, die von innen förmlich mit der Wand verschmolz und in der Schwärze der Verliese nicht zu erkennen war. Sie schlichen die Treppen hinauf, bis sie die Kerker hinter sich gelassen hatten. Seltsamerweise begegneten sie keinem einzigen Schaufler. An einer Weggablung angekommen, versteckten sich Sten und Zonxx in einer Nische, wobei Zonxx noch ein paar Silben murmelte. Als er geendet hatte, stürzte ein Teil der Wand vor Zarim und Daron ein. „Wenn das mal keine Schaufler anlockt“, dachte Sten, denn das Grollen im Gemäuer war unüberhörbar. Plötzlich war der Gang belebt. Aus beiden Richtungen stürzten sich Schaufler auf den Nekromanten und den Assassinen. Jetzt gab es kein zurück mehr.
    * * *
    Als die Schaufler an ihrem Versteck vorbei waren, gab Sten sich einen Ruck und rannte los. Da er selbst auf der Burg geherrscht hatte, konnte er beinahe blind zu den Privatgemächern gelangen. Zonxx verbrannte mit einem Fingerschnippen die prunkvolle Tür, die, wie Sten verwirrt feststellte, unbewacht war und stürzte hinein. Unglücklicherweise war das Feuer auch auf den Schaufler übergesprungen, der keuchend im Raum lag. Sten wirkte einen effektiven Heilspruch, während Zonxx Wasser beschwor, um das Zimmer zu löschen.
    Mit einer Hand vor dem Mund betrachtete Sten hustend das Wesen, das sich auf den geschwärzten Dielen wälzte. Es war ohne Zweifle ein Schaufler, doch an der Kleidung und der etwas helleren Hautfarbe konnte man erkennen, das es sich um ein weibliches Monster handelte. Des Weiteren trug sie keinerlei Rangabzeichen, die sie als Anführer hätten ausweisen können. „Wo ist dein Vorgesetzter?“, fragte Sten in einem schroffen Tonfall. Doch anstatt zu antworten, spie sie ihm ein Stück Fleisch ins Gesicht und erschlug sich mit dem Nachttisch. „Verdammt“, rief Sten, „wie sollen wir ihren Anführer finden? Er könnte überall sein!“ „Na ja“, machte Zonxx „schau mal, Sten. Sie hatte eine Keule Fleisch, wir sind fast keinem Schaufler begegnet und ihr Boss ist nicht da. Die werden feiern. Und wo feiere ich wenn ich ein fettes Ungetüm bin, das an nicht andres als Fressen denkt?“ „Im Speisesaal“, überlegte Sten laut, „los, komm, wir haben nicht ewig Zeit!“ Ihre Vermutung bestätigte sich, sobald sie in Richtung Speisesaal aufgebrochen waren. Sie mussten einfach nur dem Geräusch folgen, das sich anhörte, als würde jemand den Echowald zersägen. Als sie die Halle betraten, bot sich ihnen ein grässlicher Anblick: An der riesigen Tafel schnarchten hunderte Schaufler vor sich hin und von den Decken und über Feuerstellen hingen tote Menschen in Käfigen. In der gegenüberliegenden Ecke stapelten sich meterweise Knochen. Sten übergab sich sofort auf den Boden. Aber beinahe noch schlimmer war der bestialische Gestank, der von den Leichen ausging, sodass es auch Zonxx den Magen umdrehte und er auf den rot-gelben Teppich kotzte.
    Doch damit nicht genug. Wie in aller Welt sollten sie den Anführer der Schaufler unbemerkt aus der Halle schaffen, ohne dass er aufwachte. Außerdem war die fette, muskelbepackte Kreatur viel zu schwer, als dass die beiden sie hätten heben können. Schon an der Grenze zum Aufgeben hatte Zonxx die rettende Idee. Erst war nichts zu sehen, doch langsam stieg der Schlafende Schaufler, der seinen Titel wohl seiner Größe verdankte, immer weiter auf. Unter ihm hatte sich ein kleiner, lautloser Wirbelsturm gebildet, der ihn langsam zu Zonxx trug. „Tenais Wind“, flüsterte Sten ehrfürchtig. Als der Schaufler schließlich vor ihnen lag, weckte Zonxx ihn mit einem kleinen Feuergeschoss. Als das Geschöpf erwachte, verzerrte es sein Gesicht vor Schmerz, denn Sten hatte es mit einigen Peinigungsgebeten belegt, die seinen Kopf förmlich von innen zum Bersten brachten. Derart gefoltert, gab das Oberhaupt der Schaufler den Standort des Diamanten preis. Er lag in der Mitte der Eingangshalle. Verblüfft darüber, dass der Diamant nicht besser versteckt war, schlug er das Ungetüm mit seinem Stab ohnmächtig, nahm ein Messer aus dessen Tasche und bohrte ihm die Waffe ins Herz. „Dass ist für meine Freunde“, dachte Sten, während ihm das Bild von Zho vor den Augen schwebte. Die beiden hatten sich seit ihrem siebten Lebensjahr gekannt, weil sie in zwei benachbarten Orten aufgewachsen waren. Tief in Gedanken versunken bemerkte er gar nicht, dass sie die Eingangshalle bereits erreicht hatten. In der Mitte des weitläufigen Saals lag das Kleinod auf einem schlichten Holztisch. Doch mysteriöserweise gingen von dem Diamanten blaue, magiedurchsetzte Strahlen aus. Es war der endgültige Beweis, dass die Schaufler nicht in Eigenregie handelten. Als Zonxx den Stein vorsichtig anhob, durchbrach er die Strahlen. Kaum sichtbar zischte sofort ein grünlicher Blitz durch den Raum. Als Sten sich nach der Überraschung seinem Freund zuwandte, bemerkte er, welche Aufgabe die Strahlen hatten. Es war ein Schutzmechanismus! Vor ihm wand sich Zonxx, in der einen Hand den Diamanten, in der anderen Hand sein Bein, oder besser gesagt: Das, was noch davon übrig war. Anstelle seines linken Beins besaß er nur noch einen blutenden Stumpf, den er ungläubig betrachtete. Sten heilte ihn so gut er es vermochte, doch das Bein wieder herzaubern konnte er nicht mehr. Sten rannte, seinen fluchenden Kumpanen tragend, zum Haupttor, als er plötzlich aus der anderen Richtung Schritte hörte.
    * * *
    Nachdem Sten und Zonxx gegangen waren, sahen sich Daron und Zarim in einen schier aussichtslosen Kampf verwickelt. Zwar wirbelte der Assassine anfangs unter den Gegnern, doch aus allen Gängen strömten ohne Unterlass Neue heran. Zarim tauchte unter einem Hieb durch, seine Parade zerfetzte einem Schaufler das Gesicht. Geschickt rollte er dem nächsten durch die Beine und stach ihm seinen Dolch von hinten in den Nacken. Dann sprang er auf und schlug im Sprung zwei weitern Schauflern die Hand ab. Als er einem Gegner beide Dolche gleichzeitig in den Wanst bohrte und ruckartig nach oben zog, quollen ihm die Eingeweiden des Riesen entgegen. Angewidert schnellte er zurück und schlug einen Schädel ein. Erschöpft ließ er sich ein paar Meter zurückfallen. Auf der anderen Seite kämpfte Daron verbissen gegen die Schauflerhorden. Geschützt von einigen untoten Knochendienern, lehrte er den Monstern das Fürchten. Als er nach unzähligen Verhexungen und Flüchen etwas Kraft benötigte, entzog er einem seiner Gegner einfach seine Lebenskraft. Binnen Sekunden alterte das betroffene Wesen, bis es letztendlich zu einem Haufen Staub zerfiel. „Wir müssen fort von hier“, rief Zarim, „ wir können sie nicht alle besiegen. Wir haben Sten und Zonxx genug Zeit verschafft. Lass uns verschwinden!“ Zarim verschwand kurz in einer Rauchwolke und tauchte plötzlich im Rücken seiner Gegner auf. Sie waren viel zu verwirrt, um ihn zu suchen, also wanden sie sich alle Daron zu. Zarim salutierte noch einmal frech in Richtung seines Partners, dann verschwand er hinter einer Ecke. Daron wusste, dass er hinter der Wegbiegung auf ihn warten würde. Er ließ einen seiner Untoten implodieren, was die Schaufler kurz blendete. Diese Zeit nutzte Daron, um zu Zarim zu stoßen. Die Schaufler würden mit den Knochendienern fürs erste noch genug zu tun haben. Sie konnten das Haupttor schon vor sich sehen, als aus dem Nebengang Schritte schallten.
    * * *
    Sie stellten erleichtert fest, dass die Schritte von ihren Freunden verursacht worden waren und traten gemeinsam durch die große Pforte. Zumindest versuchten sie es, aber Sten konnte Zonxx, der sich unter Krämpfen wand, nicht mehr weiter tragen. Resigniert ließ er sich gegen die Wand sinken. Zarim wusste auch nicht, was zu tun war, nur Daron grübelte angestrengt vor sich hin. Dann erhob er sich, hielt seinen Stab in die Höhe und sprach nur einen kurzen Befehl. Plötzlich war Zonxx von silbrigem Nebel umhüllt. Als der Nebel verschwand, hatte Zonxx wieder ein vollständiges, gesundes Bein, welches jedoch von Magie durchsetzt war. „Das Bein habe ich ihm gegeben, aber die Schmerzen vermag ich nicht zu verbannen“, sagte Daron, „das ist deine Aufgabe, Sten“. Nach einer kurzen Behandlung mit Heilzaubern rannten sie los. Sten bemerkte, dass Zonxx sich mit seinem magischen Bein erstaunlich gut bewegen konnte. Sie rannten aus dem Tor und wollten der Festung fürs erste den Rücken zudrehen, als sie über sich ein wehklagendes Geräusch hörten. Einige Gefangene hingen an geschmiedeten Eisenketten über dem Torbogen, wo sie ohne Nahrung und Wasser der Sonne ausgesetzt wurden. Sten erschrak. Er hatte schon fast vergessen, wie grauenvoll die Schaufler waren. Eigentlich hätte sein Erlebnis im Speisesaal in genug darauf hinweisen müssen. Drei der vier Gefangenen regten sich nicht mehr und schauten mit einem leeren Blick in eine Ferne, in die außer ihnen keiner blicken konnte. Doch eine Person bewegte sich noch. Sie hatte lange braune Haare und trug ein grünes Cape. „Zho!“ Sten hätte ihren Namen beinahe schon geschrieen, als ihm bewusst wurde, wo sie sich befanden. Obwohl noch kein einziges Wort gesagt war, stand schon fest, was sie tun würden. Sie konnten Zho niemals diesen Bestien überlassen. Gewand kletterte Zarim am Torbogen hinauf, indem er die Lücken zwischen den massiven Steinen, aus denen das Tor bestand, geschickt nutzte. Als er das Schloss der Kette erreicht hatte, schob er seine Dolche ins Schlüsselloch, und benutzte sie wie einen Dietrich. Mit einem leisen Klicken sprang es auf und Zho fiel regungslos dem Erboden entgegen. Doch bevor sie aufschlug, fing Sten sie beherzt auf. Sie kam wieder zu sich und fiel Sten um den Hals. Für die anderen Gefangenen konnten sie nichts mehr tun.
    * * *
    Als sie endlich in ihrer Höhle angekommen waren, graute schon der Morgen. Die ersten Soldaten, die schon wach waren, bemerkten sie und brachen in lauten Jubel aus, durch den Zho wieder erwachte, denn auf dem Weg hatte sie einen Schwächeanfall erlitten. Nachdem sie den Diamanten erblickt hatten, hob sich ihre Stimmung noch mehr. Sten und seine Freunde verschliefen den ganzen Tag, dem man anmerkte, dass der Winter langsam Einzug hielt. Nur Sten lag wach und beobachtete Zho, während er darüber nachdachte, wann er das Lager räumen und in die Bergfeste ziehen würde.
    * * *
    Am dritten Tag nach ihrer Rückkehr war es so weit. Sie packten das Wichtigste zusammen und zogen mit ihrem 60 Mann starken Trupp in die Berge. Der Diamant rastete im Schloss der Burg ein und gab den Weg in den Innenhof frei. Die Festung war groß genug, um eine ganze Streitmacht zu beherbergen, wie Sten erleichtert feststellte. Er hatte nämlich einige Pläne hinsichtlich ihrer Truppenstärke ausgeheckt. Er würde zusammen mit Zho in die Gipfel ziehen und versuchen, die Purpurschädel dazu zu bringen, sich ihnen anzuschließen. Er wusste, dass es ein schwieriges und gefährliches Unterfangen werden würde, aber er musste es riskieren. Schließlich fiel er in einen gesunden, tiefen Schlaf.
    * * *
    Die Festung war nur über einen schmalen Gebirgspfad zu erreichen. Für schweres Belagerungsgerät bot er kaum Platz. Wer nicht im Pfeilhagel fiel oder mit Pech verbrannt wurde, stand vor einer 20 Schritt hohen Mauer. Falls man es irgendwie schaffte, die Mauer zu überwinden, stand man im Innenhof, der von allen Seiten verschließbar war. Die perfekte Falle. Wer im Innenhof gefangen war, konnte von überall beschossen werden. Wer auch das überlebte – was sehr unwahrscheinlich war – musste auch noch die Mauer zur eigentlichen Festung, die in den Berg gehauen war, bezwingen. Die Tore der Mauern waren aus Granit und schier unzerstörbar. Die Schaufler hatten im harten Gestein ebenfalls nicht die Möglichkeit, die Bollwerke zu untergraben. Sie würden sich im Falle einer Belagerung wortwörtlich die Zähne an der Trutzburg ausbeißen.
    * * *
    Yin der Schädelbogen kratzte sich am stoppeligen Kinn. Als Anführer der Purpurschädel beunruhigte ihn die Nachricht von Eindringlingen im Gebirge am meisten. Seit Jahrzehnten hatte es schon niemand mehr gewagt, das verrufene Reich der Bergpiraten, wie sie auch genannt wurden, zu betreten. Er erinnerte sich nur daran, dass in seiner Kindheit einmal ein verirrter Wanderer den Weg zu ihnen gefunden hatte. Sie hatten ihn damals beraubt und ihm dann im Schlaf die Kehle aufgeschlitzt. So hatte er es zumindest erzählt bekommen, denn als 13-jähriger hatte er der Hinrichtung natürlich nicht beiwohnen können. Er erhob sich langsam aus seinem Sessel, rückte seine Augenklappe zurecht und schritt aus der Höhle.
    Er hatte das seltsame Gefühl, dass die Ankunft der Eindringlinge ein Zeichen war, er wusste jedoch nicht, für was. Er würde sie vorerst am Leben lassen.
    * * *
    Es war kalt. Eisig kalt. Sten und Zho trugen schwere Stiefel, Mäntel, Pelze und je zwei Hosen, doch sie froren immer noch. Ständig setzten neue Schneetreiben ein, in denen sie die Sicht und die Orientierung verloren. Aus Stens Nasenlöchern ragten kleine Eiszapfen, die er regelmäßig abbrechen musste, um noch atmen zu können, was in der Höhe ebenfalls beträchtlich schwer fiel. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo er die Purpurschädel finden sollte und langsam beschlich ihn der Gedanke, umkehren zu müssen. Wenn sie das Lager der Bergpiraten nicht im Laufe des nächsten Sonnenumlaufs zu sehen bekamen, würden sie zum Aufgeben gezwungen werden, denn ihr Proviant wurde mit der Zeit knapp und die Luft wurde immer eisiger, je höher sie kamen. Obwohl in dem schroffen Teil des Gebirges, in dem sie sich gerade befanden, kein echtes Leben existieren konnte, fühlte Sten sich nachts manchmal beobachtet und wurde das Gefühl nicht los, dass ständig ein Paar wachsame Augen auf ihm ruhten. An Verstecken mangelte es indes nicht, denn das ganze Plateau war übersät von schroffen Kanten, Felsvorsprüngen und Nischen, die einem Beobachter mehr als genug Deckung verschafften. Auch sie hatten sich abends in einer Nische zur Ruhe gelegt, in der sie durch einen kleinen Felsüberhang sowohl von Schnee, als auch von unerwünschten Blicken sicher waren. Zho war sofort eingeschlafen, doch Sten konnte keinen Schlaf finden. Plötzlich hörte er ein Geräusch. Sofort war er hellwach und sah sich um. An einem Abhang, der ungefähr zehn Schritt von ihrem Versteck entfernt war, kullerten einige Steine herab. Als Sten sich aufmachte, um nachsehen zu gehen, zischte etwas an seinem Ohr vorbei. Der Pfeil zersplitterte neben ihm an der Felswand. Zho schrak auf und ging hinter einem Felsen in Deckung. Plötzlich kamen vier Gestalten den Hügel herunter gerannt. Noch ehe sie Sten erreichen konnten, fiel der erste mit einem Pfeil im Hals nach hinten und riss zwei seiner Kumpanen mit, sodass sie zu dritt in die Senke rollten. Der letzte war ebenfalls ein leichtes Ziel für Zhos Pfeile und Sten betäubte die anderen mit einem Hieb seines Stabes. „Wenn das Purpurschädel waren, können wir ihre Hilfe vergessen“, bemerkte Sten, „ hoffen wir, dass das nicht zutrifft.“ Nachdem sie die Leichen im Schnee verscharrt hatten, setzten sie ihren Marsch fort, denn mit Schlaf war nach dem Angriff nicht mehr zu rechnen.
    * * *
    Zarim war nervös. Weil die Späher im Osten eine Schaufler Patrouille entdeckt hatten, berief er sofort eine Versammlung mit Zonxx und Daron ein. „Die Schaufler sind noch höchstens zwei Tagesmärsche entfernt. Nur ein Wunder kann uns noch retten“, begann Zarim. „Doch was ist mit Sten? Er kann noch rechtzeitig zurückkommen. Wie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben!“ warf Zonxx ein. Zarim, der die Kontrolle über die Burg in der Abwesenheit von Sten erhalten hatte, entgegnete bitter: „Sten wird nicht mehr zurückkommen. Nicht nur dass es im Gebirge gefährlich ist, ihre Vorräte müssten schon lange aufgebraucht sein. Wahrscheinlich nagen bereits die Yetis an ihren Knochen. Es war leichtsinnig, die beiden alleine gehen zu lassen. Nein, wir müssen die Festung alleine halten. Daron, organisiere du die Verteidigung, Zonxx sorgt für die Ausrüstung der Krieger und ich übernehme den Rest.“ Mir diesen Worten schloss er die kurze Beratung.
    * * *
    ER schaute gebannt auf das Geschehen unter ihm. Nachdem seine Schaufler die Feste geschleift hatten, bereiteten sie den großen Sturm auf die Bergfestung vor. In ihrer unbezähmbaren Gier nach Blut und Frischfleisch dachte kein Schaufler daran, IHN nach seinen wahren Absichten zu fragen. Das Morden und Plündern machte sie zu seinen bedingungslosen Dienern, die durch ihre schier unendliche Kraft und ihre immense Größe nur zur Verwirklichung seiner Pläne geschaffen waren. Nicht mehr lange, und etwas würde in seinen Besitz gelangen, von dem er schon immer geträumt hatte.
    * * *
    Der kalte Stahl zischte durch die Luft. Mit einem sauberen Hieb trennte Yin der Schädelbogen den Kopf vom Torso des Kundschafters, der ihm die Nachricht überbracht hatte, dass die Eindringlinge von seinen Spähern angegriffen worden waren. Wütend über die Unfähigkeit seiner Mannen drosch er wie wild auf den am Boden liegenden Körper ein, um seinen Frust abzubauen. Nach all den Jahren wollte er endlich erfahren, was außerhalb seines Reichs in den Bergen vor sich ging, doch nun konnte er den Fremden nicht mehr friedlich begegnen. Nach kurzem Überlegen wusste er was zu tun war: Die Eindringlinge mussten eliminiert werden.
    * * *
    Ein leises Beben in der Ferne weckte Sten. Verschlafen blinzelte er in den Himmel, der vom Rot der auf-
    gehenden Sonne durchzogen war. Verwirrt lauschte er dem seltsamen Geräusch, das immer näher zu kommen schien. Als er auf den nächstgelegene Hügel kletterte, konnte er undeutliche Rufe vernehmen, hatte jedoch keine Ahnung, was dort vor sich ging. Auf der Kuppe angekommen, traf ihn die Erkenntnis auf einen Schlag:
    Rund zweihundert Purpurschädel stürmten tobend auf ihr Versteck zu. Ein Schrei in den Reihen seiner Feinde offenbarte Sten, dass sie ihn entdeckt hatten. Dieser Eindruck verstärkte sich vor allem dadurch, dass erste Pfeile an ihm vorbei rauschten. Endlich wieder bei Sinnen machte Sten kehrt und rannte zu Zho um sie zu wecken, doch er fand ihr Nachtlager verwaist vor, vom Proviant und ihrer Ausrüstung fehlte ebenfalls jede Spur. „Willst du unbedingt sterben, oder auf was wartest du?“, hallte Sten eine Stimme entgegen, die er nur zu gut kannte. Zho stand auf dem gegenüberliegenden Rand der Mulde, in der sie die Nacht verbracht hatten. Kaum hatte er sie gesehen, war sie auch schon wieder aus seinem Blickfeld verschwunden. Fluchend rannte er ihr hinterher, denn jetzt wusste er, dass jede Hilfe für seine Freunde auf der Burg zu spät kommen würde.
    * * *
    Als die Frühaufsteher unter den Verteidigern der Feste einen ersten Blick über die Zinnen warfen, fanden sie die Trutzburg umstellt vor. Auf dem steilen Bergpfad, der zum Tor hinauf führte, drängten sich die Schaufler. Die Onis hielten sich diesmal dezent im Hintergrund, um den Überraschungsangriff mit ihrem Geschrei nicht zu verraten. Wer die Armee vor dem Tor bemerkt hatte, wurde von den Armbrüsten der Kreaturen zielsicher und leise von den Zinnen geholt. Heimlich wurden die Belagerungsleitern zur Mauer getragen, aufgestellt und bestiegen. Innerhalb von wenigen Minuten waren so mehrere hundert Schaufler in den Vorhof der Feste gelangt, bis es dem ersten Mutigen gelang, die Alarmglocke zu läuten. Wohlwissend, dass es aus dem Innenhof kein Entrinnen gab, öffneten die Schaufler von innen das große Tor und ließen den Rest des Heers ein. Die erste Hürde war ohne viel Blutvergießen genommen.
    * * *
    „So will das Schicksal uns doch unter der Erde sehn“, seufzte Zonxx beim Anlegen seiner Rüstung, „Sten ist nicht zurückgekehrt, der Innenhof wurde genommen und wir sind nur noch knapp fünft Dutzend gegen dreitausend. Balthasar stehe uns bei.“ Nach einem letzten Stoßgebet zu allen ihm bekannten Göttern trat er ins Freie, um sich einen Überblick zu verschaffen. Zarim und Daron erwarteten ihn schon, in ihren Gesichtern las er Hoffnungslosigkeit, die auch ihn befallen hatte. Während sich die Schreie der Schaufler zu einem bestialischen Chor hochschaukelten, wurde langsam ein Rammbock zum Tor der eigentlichen Festung vorgereicht.
    * * *
    Sten wusste schon gar nicht mehr, wie lange sie schon gerannt waren. Immer wenn sie das Gefühl hatten, die Verfolger abgehängt zu haben, tauchten sie wieder hinter der letzten Felskante auf. Jetzt rannten sie an der Flanke eines Berges entlang, dessen Gipfel sich in den Wolken verlor. Völlig außer Atem spurteten sie um die nächste Biegung und machten eine grauenvolle Entdeckung: Die Purpurschädel hatten sich aufgeteilt. Ihre Gegner kamen von hinten und von vorne. Da ein Sprung über die Klippen in jedem Fall tödlich verlaufen wäre, gab es nur noch eine Möglichkeit: Sie mussten den Weg nach oben einschlagen. Nach einigen Minuten Klettern ließ Sten alle Hoffnung fahren. Die Purpurschädel waren im Gebirge aufgewachsen und es gewöhnt, die steilen Berghänge zu erklimmen und holten Meter für Meter auf. Die letzte Chance, die sie hatten, war, den Verfolgern im dichten Nebel zu entkommen. Ohne den roten Umhang von Zho, der ständig einige Schritte vor ihm wehte, hätte er schon lange die Orientierung verloren. So fragte er sich auch nicht, wo das ganze Holz herkam, das überall verteilt auf dem Boden lag. Irgendwann bedeckte es den ganzen Boden unter ihnen. Durch das neue Geräusch beim auftreten blieb Sten stehen und bemerkte die Veränderung um ihn herum, blieb stehen und blickte auf. Vor und über ihm bot sich ihm ein Anblick, der überwältigender war als alles, was er jemals gesehen hatte. Der Gipfel des Berges war ein gigantisches hölzernes Nest. Obwohl Sten sich nicht von dem Szenario abwenden konnte, rannte Zho weiter hinauf, um zu einer torähnlichen Öffnung zu gelangen. Doch der Zugang wurde ihr von zwei Geschöpfen verwehrt, die ihr aus Nischen neben dem Eingang in den Weg sprangen. Zho wäre vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen, en es waren die ungewöhnlichsten Kreaturen, die sie je gesehen hatte: Zwar von der Statur einem Menschen nicht unähnlich, waren sie von Kopf bis Fuß mit Federn bedeckt. Unter den tückischen und zugleich wachsamen Augen eines Raubvogels ragte ein langer, spitzer Schnabel aus dem Gesicht, der zusammen mit den monströsen Krallen an den zwei gefiederten Armen begründete, warum diese Vogelmenschen keine Waffen trugen. Im gleichen Moment lösten sich die Schemen der vor Wut rasenden Purpurschädel aus dem Nebel. „Vom Regen in die Traufe“, rief Sten, „wir sind umzingelt!“ Ein schriller Pfiff gefolgt von einem Kreischen, das aus hunderten Stimmen zu kommen schien, ließ Sten und Zho aus ihrer Resignation aufhorchen. Auf den Ruf der Wache strömten aus allen Löchern und Spalten des überdimensionalen Nests Vogelwesen, die den Wächtern zwar vom Körperbau glichen, sich jedoch in den Farben ihres Gefieders voneinander unterschieden. Wie eine Wand strömten sie auf die beiden Menschen zu, die zu verdutzt um irgendetwas zu tun in ihre Richtung starrten. „Dwayna und Melandru mögen uns wohl gesonnen sein und in ihre Hallen aufnehmen. Das ist unser Ende.“ Die erste Reihe der Vogelmenschen schloss zu ihnen auf und Sten bereitete sich schon auf den Gnadenstoß vor, doch die vermeintlichen Gegner ignorierten ihn einfach und rannten weiter in Richtung der Bergpiraten. Durch die unzähligen Beine der vorüber strömenden Gestalten konnte er einen Blick auf Zho erhaschen, der es glücklicherweise ebenfalls wie ihm ergangen war. Mit einem gewaltigen Krachen prallten die ersten Reihen der verfeindeten Parteien ineinander. Körper wurden durch die Luft geschleudert, zertrampelt und zerrissen.
    Die Purpurschädel hielten sich mit ihren Schwertern, Speeren und Schilden zwar recht gut, doch durch ihre weite zahlenmäßige Unterlegenheit waren sie den Vogelmenschen ausgeliefert, die ohne Rücksicht ihre Schnäbel in die Herzen ihrer Gegner trieben und ihnen mit den Krallen die Bäuche aufschlitzten. Die Rüstungen störten sie dabei wenig, sodass sich der Schnee rasch vom Blut der Gefallenen und deren Innereien rot färbte. Immer größere Stücke rissen sie aus den Menschen, die sich ihnen in den Weg stellten, bis diese ihr Heil schließlich in der Flucht suchten. Sten bezweifelte, dass auch nur einer von ihnen dem Tod entrinnen würde.
    Der Dunst des warmen Blutes lag drückend in der Luft. Ein Blick auf das Schlachtfeld offenbarte Sten, dass die Vogelmenschen mehr als nur begnadete Kämpfer waren. Für jeden ihrer Toten lagen fast zehn humane Leichen im Schnee. Nachdem Sten sich abgewandt hatte, merkte er dass sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich und Zho bezog. Aus den Reihen der Vogelwesen trat ein besonders auffälliges Exemplar hervor, dessen Haupt von besonders großen und schmückenden Federn gekrönt war. „Ihr“, begann es in einem völlig fehlerlosen canthanisch, „ihr habt uns geholfen, über unsere grausamsten Feinde zu obsiegen. In ihrem Gebiet des Gebirges hätten wir nie gesiegt, doch in unsrem eigenen Revier konnten wir sie schlagen, doch nur dank eurer Hilfe, denn ihr locktet sie hierher. Ich, der Herrscher aller Sensali, und mein ganzes Volk stehen zutiefst in eurer Schuld.
    * * *
    Das mächtige Tor erzitterte unter den wütenden Stößen des Rammbocks. Die letzten Verteidiger hatten sich hinter dem Portal versammelt, in der Hoffnung, dem Ansturm der Schaufler standhalten zu können. Oft waren Schreie der Schaufler zu hören, wenn Zonxx und Daron sie mit ihren Zaubern vernichteten. Doch letzten Endes war es nur noch eine Frage der Zeit, bis den Schauflern der Durchbruch gelang. Die Kämpfer schöpften noch einmal Hoffnung, als sie am Horizont die ersten Strahlen der Sonne entdeckten, die für viele von ihnen heute zum letzten Mal scheinen würde. Wie auf Kommando erbebte in jenem Moment das Schwere Tor, das seit Urzeiten jede Bedrohung abgewandt hatte, und neigte sich langsam in Richtung der Verteidiger. Auf einen letzten Stoß kam der ihnen der Koloss rasend schnell näher. Wer die Gefahr rechtzeitig erkannte, rettete sich mit einem Sprung zur Seite, doch viele treue Kämpfer fielen dem Tor zum Opfer. „Unser Schicksal ist nun nicht mehr abzuwenden!“, rief Zonxx von der Mauer, „Doch unser Tod soll nicht umsonst gewesen sein. Kämpft, wie ihr noch nie zuvor gekämpft habt, und reißt noch viele von ihnen mit ins Grab. FÜR BALTHASAR!“ Die erste Welle der Schaufler strömte durchs Tor und krachte mit einer unvorstellbaren Wucht in die Verteidiger. Die Schaufler waren in eine Art Blutrausch verfallen und kämpften wie Berserker. Alles, was sich ihnen in den Weg stellte, wurde gnadenlos niedergemetzelt. Zonxx beschwor ein Inferno herauf, das die Torpforte kurz von allen Schauflern befreite, doch sofort drängten neue Bestien durch die Breschen in ihren Reihen. Zarim zückte seine Dolche und stürzte sich todesmutig ins Gefecht. Den ersten Schaufler, den er sah, köpfte er mit einem Schlag aus dem Handgelenk, der gleich auf den Hals des nächsten Gegners angesetzt war. Die Blutfontäne, die Zarims Gesicht bespritzte, zeigte ihm, dass er getroffen hatte. Sein nächstes Ziel war ein Rücken, der ihm unvorsichtig zugewandt wurde. Zwei gezielte Stiche und der Schaufler sank zu Boden. Nach einer Zeit gelang es den Verteidigern sogar, ihre Stellung gegen die Kreaturen zu halten, doch mit einem monströsen Schrei brachen die Onis durchs Tor und schlugen alles kurz und klein. Zwischen Schauflern und Menschen machten sie dabei keinen unterschied. Einer von ihnen hatte sich, wie Zarim bemerkte, ihn als Ziel ausgesucht. Geschickt rollte er ihm durch die Beine und wollte zustechen, als er die Klauen eines weiteren Onis auf sich zukommen sah. Verzweifelt hechtete er zur Seite, nur um an ein Bein seines vorigen Gegners zu stoßen. Die scharfen Krallen schossen in seine Richtung, als sich ein schwarzer Schatten zwischen ihn und den Oni warf. Daron jagte im selben Moment einen Fluch gegen das Untier, als sich dessen Krallen in seinen Lein bohrten. Zeitgleich realisierten beide ihr Ableben und sanken zu Boden. „Ich, ich habe dir ...“, ein Schwall Blut unterbrach Darons letzte Worte, „aus d-d-der Klemme geholfen...“
    Er tat einen letzten Atemzug, sein Körper zuckte noch einmal leicht, dann trübten sich seine Augen und er starrte in eine Welt, die auch Zarim bald zu sehen bekäme. Plötzlich hallten Hörner übers Schlachtfeld und rissen Zarim aus seiner Trauer zurück in die Gegenwart.
    Doch der Oni, der vor ihm stand, regte sich nicht mehr. Mit einem Pfeil im Hinterkopf stürzte er vor seine Füße.
    Den anderen Schauflern im Hof erging es nicht besser, mache wurden getötet, andere rannten fluchtartig ins Freie. Sichtlich irritiert erklomm Zarim die Treppen und gesellte sich zu Zonxx auf dem Wehrgang. Die Schaufler hatten keineswegs vor zu flüchten, sondern wandten sich einem neuen Gegner zu, der in einer großen Staubwolke den Gebirgspfad hinauf stürmte.
    Zarim konnte ihre genaue Zahl nicht ausmachen, aber es mussten mehrere Tausend sein. Während die Schaufler in ein bestialisches Geheul ausbrachen, war von den Neuankömmlingen nur etwas zu hören, was entfernt einem Krähen ähnelte. Dann waren die ersten auch schon nah genug, um Einzelheiten auszumachen. Es waren vogelähnliche Menschen, die in geordneten Reihen angriffen. „Sensali“, flüsterte Zonxx, „ich dachte, sie wären nur eine Legende!“ „Was sind das für Viecher?“, fragte Zarim stirnrunzelnd, denn das Aussehen der Geschöpfe war ihm zuwider. „Es ist das Volk der Sensali. Einst war Boran, der Gott der günstigen Winde, in seiner Lust so unersättlich, dass er sich mit einer Sterblichen vergnügte. Als sie seinen Sohn gebar, hatte er sie schon lange verlassen und sie wurde gehängt, weil ihr Kind halb Mensch und halb Vogel entsprach. Der Bastard sollte sterben, doch er konnte fliehen und suchte in ganz Cantha nach jemandem, der ihm ähnlich war. Als er schließlich eine Frau fand, gründeten sie den Stamm der Sensali. Doch es gab einen Streit zwischen den Sensali und den Menschen. Die Sensali zogen sich auf den höchsten Berg von Cantha zurück und schufen sich dort eine neue Heimat. Erst Äonen später zogen auch die Purpurschädel ins Gebirge und begannen einen Krieg mit ihnen, der bis heute andauert. Eigentlich haben sie geschworen, sich nicht mehr in die Angelegenheiten der Menschen einzumischen, doch anscheinend haben sie ihre Meinung geändert.“
    * * *
    Einen kurzen Augenblick herrschte Ruhe im Tal, dann brachen die Kräfte aus, die die Welt seit hunderten von Jahren nicht mehr wahrgenommen hatte. Die Sensali zischten wie Wirbelstürme zwischen den schwerfälligen Schauflern umher und schon nach wenigen Minuten war der Boden getränkt vom Blut der Gefallenen. Bevor die Schaufler auch nur daran denken konnten, zum Schlag auszuholen, waren fünf Sensali über ihm und hackten ihn binnen Sekunden in kleinste Stücke. Keiner konnte der geballten Wut der Vogelmenschen standhalten, die sich in ihren Attacken vereinte. Stöhnend sanken immer mehr Schaufler zu Boden, bis auch die letzten unter ihnen das Licht der Sonne von Cantha ein letztes Mal erblicken durften. Als jene schließlich ihre Bahn beendete und hinter den Bergen versank, war die Schlacht um die Feste gewonnen.
    Geändert von Sten cal Dabran (14.06.2009 um 19:09 Uhr)

  2. Necrid Horseman Benutzerbild von Ert
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    ach du kacke das is ja ordentlich viel naja respekt nur ne bis ich da sgelassen ahbe kannsch auch ein bissel farmen sry aber werds heute abend noch lesen
    _______________
    Ingame name : ERT das brot

    Zensierte Dinge und wer mal lachen will ;)

  3. Minotaur Benutzerbild von Mister Hagae
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    #3
    Ähm nett...... aber zu viel für mich....^^
    _______________
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    ---------------------------------------------
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  4. Ehemaliger Mitarbeiter Benutzerbild von Sten cal Dabran
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    #4
    ja is halt mehr für ausdauernde leser geschrieben^^

  5. Charr Blade Warrior Benutzerbild von Duskbat
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    #5
    Wow! Ich liebe solche Fantasy Geschichten wirklich gut geschrieben. Ich schreib auch gerade mit einem Freund an einer Geschichte aber gegen deine ist unsere ziemlich schwach xD
    _______________
    <img src=http://de.miniprofile.xfire.com/bg/os/type/2/duskbat14235.png width=450 height=34>

    Das deutlichste Anzeichen der Weisheit ist eine immer gleich bleibende Heiterkeit.
    Michel Eyquem de Montaigne, Die Essais

  6. Aloe Seed Benutzerbild von Chaos Der Magie
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    #6
    Wow einfach nur geil deine Story *.*
    _______________
    IGN Chaos der Magie
    Mrs Killer Monk
    Saolis Schwester
    Mr Coldest

  7. Trog Ulodyte
    (Makani Ookook)
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    #7
    am anfang fand ich die saetze bisl kurz aber dann isses eichtig gut geworden! hab garnichmehr aufhoern koennen zu lesen =)
    _______________
    You never lose untill you stop fighting!

    IGN: Dark Vyerabend

  8. Stone Summit Crusher Benutzerbild von BigWhiteDevil
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    #8
    o shit is das ein hammer post ^^
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    Big White Devil [PVE [email protected]@R]
    Kaddi Der Engel [PVP [email protected]@R]

  9. Stone Summit Crusher Benutzerbild von Dylan Hunt
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    #9
    Ich konnte meinen Blick auf diese Geschichte meine Augen nicht abwenden. Sie ist fesselnd und sehr ansprechend geschrieben. Meiner Meinung nach eine Geschichte die eine Weiterführung verdient hätte.
    _______________
    - "Cry, 'Havoc!' and let slip the dogs of war", 3. Akt, 1. Szene / Antonius
    Mord rufen! Und des Krieges Hund entfesseln

    - "Cowards die many times before their deaths; the valiant never taste of death but once", 2. Akt, 2. Szene / Caesar
    Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt, die Tapfern kosten einmal nur den Tod

  10. Ehemaliger Mitarbeiter Benutzerbild von Sten cal Dabran
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    Kaineng
    #10
    vorschau: Die Schlacht der Schaufler

    „Wir könnten allerdings auch-“, begann Zho, als das Schiff plötzlich erbebte und ihr Gepäck durch den Raum geschleudert wurde. „Was war das?“, rief Sten und rannte an Deck, dicht gefolgt von Zarim. Auf dem Weg schlossen sich ihnen einige Matrosen an, die aus dem Schlaf gerissen worden waren. Das erste was sie wahrnahmen war der Lärm, der von oben erklang. Er machte allen schlagartig klar, dass etwas Schreckliches bevorstand, denn es wurden unverkennbar Klingen gekreuzt. Bis sie endlich die Tür zum Deck aufstoßen konnten, schien die Zeit langsamer zu vergehen und jeder Todesschrei, der von oben erklang, hallte scheinbar stundenlang in ihren Köpfen. Ihnen bot sich ein grausames Bild: Überall auf dem Schiff lagen die leblosen, verstümmelten Körper der Crew in ihrem eigenen Blut, das von den peitschenden Wellen gierig in den Schlund des Meeres gezogen wurde...

  11. White Mantle Knight Benutzerbild von faramir
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    #11
    schicks an anet, vielleicht machen die doch noch ein update

  12. Ehemaliger Mitarbeiter Benutzerbild von Sten cal Dabran
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    #12
    was fürn update?

  13. Charr Blade Warrior Benutzerbild von Chicken Tikka
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    IGN (GW1)
    Tanze Samba Mit Mir
    #13
    Wow! Deine Geschichte hat mir richtig gut gefallen
    Ich fand es super, wie du die Klassen,Fertigkeiten und Rassen wie Sensali,Schaufler etc. aus Guild Wars in die Geschichte eingebaut hast!
    Die Geschichte wuerde ich richtig gern ingame spielen xD Das Gebirge neben der Feste Matuu kann man ja leider nicht betreten,also waer das echt ne tolle Sache diese Story spielen zu koennen

    mfG
    _______________
    IGN: Tanze Samba Mit Mir

  14. Bone Dragon
    Userid
    42857
    Registriert seit
    01.2007
    IGN (GW1)
    Fear And Horror
    #14
    wow. ich kann mich den obigen kommentaren nur anschließen, die geschichte ist super gelungen und ewig lang. hast dir sehr viel mühe gegeben.

    ein großes an dich, mach weiter so und lass uns dran teilhaben^^
    _______________
    Geändert von Fear And Horror (06.11.2007 um 19:00 Uhr)

  15. Trog Ulodyte Benutzerbild von IcySpikeEle
    Userid
    71069
    Registriert seit
    02.2008
    Ort
    Ramstein
    #15
    super gemacht sten^^

Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 19:09 Uhr.
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