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    Scytales Rache

    Der Schatten

    #1
    Es bewegt sich etwas! Lang habt ihr auf News bezüglich "Der Schatten 2" warten müssen, und die news die ich euch nun vorbringen kann, wird euch vielleicht nicht gefallen. aber leider muss ich euch mitteilen, dass das Projekt "Die rache des Schattens" eingestellt wird.

    Das hat mehrere Gründe, die ich im folgenden erörtern werde.

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    Bedanken möchte ich mich bei allen, die mich auch noch Jahre nach dem Release des ersten Teiles auf die Fortsetzung angesprochen, das Buch gelesen und mich mit ihrer Kritik erfreut haben.

    Im laufe der nächsten Tage werde ich euch "Die Rache des Schattens" präsentieren, soweit das Buch fertig gestellt ist. Ich bin nur noch in der Überarbeitung.
    Zudem werde ich die Schlüsselstellen, die ich mir schon vorgegeben hatte, sowie mögliche Enden präsentieren.
    Es steht euch frei, die Geschichte fortzuführen und zu vollenden.

    Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass der Text (auch Buch 1) bis zum geschriebenen Punkt hin sowohl meinem als auch Arenanets Copyright unterliegt. Ihr könnt die Geschichte gerne aufgreifen oder fertig schreiben, publiziert sie aber nicht in einem anderen Forum.


    Direktlink zum zweiten Buch


    ******

    Vorwort zum ersten Teil

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    (Übersicht sämtlicher Werke)
    Geändert von ScyOfficial (24.05.2010 um 16:38 Uhr)

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    Scytales Rache
    #2
    Der Schatten


    Kapitel I

    Langsam öffnet sich eines der riesigen Tore des Sonnenspeer Hauptquartieres. Diese Türen waren bestimmt nicht dazu gedacht, von nur einem Mann geöffnet zu werden, aber das störte Scytale nicht. Er trat von der glühenden Hitze der Sonne Elonas ein, in die kühle Eingangshalle. Hinter ihm fiel das schwere Tor krachend ins Schloss.
    Endlich zuhause, dachte er und strich sich eine Strähne seines nicht zu langen, schwarzen Haares aus dem Gesicht. Der Schweiß glänzte im Sonnenlicht, das durch die hohen Fenster in die Halle drang, auf seiner gebräunten Haut, als er weiter in das Innere der Halle ging: Seine Schritte hallten an den Wänden des großen Raumes wieder und vermittelten ihm das Gefühl von der Geborgenheit eines Zuhauses.

    Unwillkürlich musste sich Scytale daran erinnern wie er zum ersten mal diese Halle entlang schritt, zögerlich und eingeschüchtert von dem mächtigen Bauwerk. Er war erst acht gewesen, als seine Eltern verschwanden und Komir ihn bei den Sonnenspeeren aufnahm.
    Gedanken, an die der Paragon jetzt keine Zeit verschwenden wollte.

    Er ging zu einer unscheinbaren Tür an der linken Seite der Halle. Langsam verschwanden die goldenen Flügel, die er eng an seinen Rücken angelegt hatte, bis nur noch der Köcher mit seinem Speer den Blick auf den Rücken seiner Rüstung verdeckte. Als er die Tür öffnet stieß ihm der unbehagliche Geruch von vermoderndem Holz entgegen. Dieser viel viel kleinere Raum diente zur Aufbewahrung der Köcher, Trainingsspeere und -Schilde. Er war keine 3 Meter breit, aber fast so lang wie die große Halle selbst. Auch auf der Rechten Seite des Gebäudes gab es einen solchen Nebenraum, der auf ähnliche Weise genutzt wurde. Scytale legte den Köcher ab, holte seinen Speer heraus und räumte das Behelfswerkzeug in ein Regal.

    Mit dem Speer in der Rechten und dem an seinem Unterarm befestigten Schild an der Linken ging er die große Halle entlang, trabte die paar Stufen an deren Ende hinauf und drehte sich dort um, um erneut die Große Halle zu überblicken.

    Sein Seufzer wurde von allen Seiten zurückgeworfen und verdeckten seine Stimme, als er aussprach, was er vorhin schon gedacht hatte:
    "Endlich wieder Zuhause"

    Scytale stemmte die Hände in die Hüften und blickte auf die Malereien an der Decke, die kunstvoll verzierten Säulen, und Statuen die an die verschiedensten Paragone und deren ruhmreiche Taten erinnern sollten und zuletzt auf den Boden, dessen Steinmuster in der Mitte der Halle von einem Mosaik unterbrochen wurde. Es zeigte den Krieg gegen die Skarabäen; wilde und bösartige Bestien, die vor hunderten von Jahren ganz Istan wie eine Seuche überfielen und die Bewohner von der Insel verdrängten. Damals hatten die Sonnenspeere geholfen, die Horden abzuwehren, die Bürger zu beschützen und ihre Dörfer wieder aufzubauen. Als dank dafür finanzierte das istanische Konsulat seinerzeit den Bau dieses gewaltigen Gebäudekomplexes.

    "Eine zeit der Taten, nicht der Worte", dachte Scytale, als er auf das Mosaik blickte, dann wandte er sich ab und ging einen Gang entlang, der ihn zum linken Flügel des Komplexes führte. Seine Schuhe waren nicht besonders sauber, hinterließen jedoch wenigstens keine sichtbaren Fußabdrücke auf dem in allen Gängen des linken Flügels verlegten roten Teppichs, den irgend ein, anscheinend nicht allzu praktisch denkender Marschall eines Tages verlegen lassen hatte. Im Laufe der Zeit hatte der Teppich einen leichten braunton angenommen und ließ die Gänge eher verwahrlost als edel wirken.

    Der Paragon bog in ein Treppenhaus ab. Er wunderte sich nicht das niemand ausser ihm zu sehen war. Es war Mittag, daher wähnte er die meisten beim Essen, in Kamadan oder auf dem Übungsfeld. Zudem waren die Rekruten zu ihren Familien oder Dörfern zurückgekehrt um ihren Vätern - soweit sie noch welche hatten, da nur jene in den Orden aufgenommen wurden, die bereits in früherer Kindheit Erfahrungen mit dem Tod sammeln mussten - bei der bevorstehenden Ernte zu helfen. Zu beginn des Winters würden sie wieder zurückkehren um ihre Ausbildung fortzusetzen. Dann würde auch wieder ein geschäftiges Treiben auf den Gängen des Komplexes herrschen.

    Je höher Scytale kam, desto wärmer wurde die Luft. Doch dem Sonnenspeer war das ganz recht. Besonders nach dem langen und anstrengenden Flug unter der erbarmungslosen Sonne Elonas hatte es ihn der großen Halle beinahe gefroren. Den Speer in einer Haltung, wie sie jeder Marschall augenblicklich getadelt hätte trottet der Paragon in den 2. Stock und folgte erneut dem Verlauf des Ganges.

    Eigentlich hätte er sich sofort bei seiner Ankunft an Komir wenden müssen, um einen vollständigen Bericht aller Ereignisse abzuliefern, doch abgesehen davon das ihn störte was er zu sagen hatte glaube er eh nicht daran das die Marschallin in ihrem Büro sitzen oder auf dem Trainingsplatz üben würde.

    Bei dem Gedanken an seine Erlebnisse konnte Scytale nur den Kopf schütteln. Während seines vierwöchigen Aufenthalts im Kodash Basar musste er die Sonnenspeere bei vierzehn Galas, Bällen oder Festen vertreten. Fürst Bokka der Prächtige hatte darauf bestanden das er allen seinen "unglaublichen und neuartigen Theatervorführungen" beiwohnte.
    Wer hätte gedacht das es Ascalon so schlecht erging, und vor allem, wer hätte gedacht das sich die mitreißende und herzergreifende Geschichte des ascalonianischen Prinzen Rurik, so derart in die Länge ziehen würde. Eine weitere Neuigkeit, die er Komir vorbringen musste war der neue Handelsvertrag zwischen den beiden Fürsten Mehtu und Ahmtur welcher überraschender Weise in keinem Punkt von seinem Vorgänger abwich, dennoch aber vier Stunden Diskussionszeit benötigte. Zeit in der ein unabhängiger Vertreter anwesend sein musste: Er!

    Scytale stöhnte bei dem Gedanken erneut auf.
    "Oh Lyssa was hast du da vorgebracht?", Murmelte er, als er die Tür zu der Wohnung öffnet, die er gemeinsam mit Lacy, einer viel versprechenden Paragonin und seiner Schülerin bewohnte. "Und welch wunder." Als er Lacy an einem Tisch sitzen sah sprach er lauter, sodass sie ihn hören konnte. "Wer hätte gedacht das die Maisernte um eins Komma zwei Prozent steigt nachdem sie doch schon im Vorjahr um null Komma vier Prozent gestiegen war?"
    Lacy lachte. "Ja, ist kaum zu glauben"

    Sie nahm ihm seinen Speer ab und stellte ihn in sein Zimmer. Jede Wohnung des Komplexes hatte 2 Separate Zimmer - rechts und links - und in der mitte einen Gemeinschaftsraum. So konnten auch Kämpfer verschiedenen Geschlechts zusammen untergebracht werden, und da es so üblich war, dass Rekruten nach der Grundausbildung einzeln von den Meistern unterrichtet wurden konnte auch das gelegentlich auftretende Problem, dass es zu viele Schüler eines Geschlechts gab, vermieden werden. Abgesehn davon legen die Sonnenspeere allgemein Wert auf Privatsphäre.

    "Wie geht es dir?" fragte Lacy, als sie in das Gesicht ihres Lehrers blickte.
    Scytale ging in sein Privatzimmer und schloss die Tür. Dann zog er seine schwere Rüstung aus.
    "Wie soll es mir schon gehen? Ich bin erschöpft von dem langen Flug und der Zeitverschwendung in Vaabi."
    Wieder musste Lacy auf der anderen Seite der Tür lachen, dann hob sie ihre sanfte Stimme zu einer Melodie.

    Sofort merkte Scytale wie die Kraft in ihm zurückkehrte. Ein Gefühl der Gemeinschaft und Geborgenheit umgab ihn, als er in das Lied miteinstimmte. Die Magie der Worte in Verbindung mit der harmonischen Melodie drang in seine Muskeln und weckte neuen Tatendrang. Das Lied war in einer Uralten Sprache verfasst und Scytale bezweifelte, das Lacy den Text bereits vollkommen verstand. Es war das Lied der Läuterung, das sie gemeinsam Zeile für Zeile nun vortrugen. Leicht schimmerten seine Flügel auf.
    Lacys Stimmmacht war erstaunlich. Sie bettete die Worte in die Melodie, als hätte sie das Lied selbst geschrieben.

    Scytale öffnet einen gläsernen Schrank indem eine Puppe seine Rüstung trug solange er sie nicht brauchte.
    Als das Lied zu ende war hatte Scytale sich umgezogen, Rüstung, Speer und Schild der Puppe übergeben und neue Kraft geschöpft. Seinen nun aufkommenden Hunger konnte er jedoch nicht mit einem Gesang verscheuchen.

    Er trat in den Gemeinschaftsraum, in dem Lacy an einem Tisch saß, gebeugt über einem Blatt Papier; dem Text des Liedes. Als sie Scytale sah, stand sie auf.
    "Gehen wir essen?"
    Sie nickte und beide machten sich auf in den Essenssaal.

    "Du hast viel geübt", meinte er während sie die Treppe hinunter gingen.
    "Ich hatte viel Zeit, nachdem du mir nur so einen lächerlichen Chor aufgegeben hast."
    "Der Chor ist nicht lächerlich, Lacy. Er ist einer der elementarsten Stücke die wir haben und kommt praktisch in jedem Gefecht zum Einsatz."
    Sie sah ihn lächelnd an.
    "Ja manchmal haben die einfachsten Dinge den Größten nutzen!"

    Kapitel II

    Die Kantine war gut gefüllt. Einige Paragone saßen an den Tischen oder standen im Vorraum und unterhielten sich über die Dinge des Alltags. Scytale und Lacy setzen sich an einen freien Tisch, während er ihr von den "Grausamkeiten" - wie er sie nannte - erzählte, die er durchleben musste.

    "Fürst Bokka war nicht gerade erfeut, als er sah wie ich während einer seiner Vorstellungen eingeschlafen bin", lachte er. "Ein peinliches Missgeschick meinerseits, das bestimmt kein gutes Licht auf die Sonnenspeere wirft."

    Eine Bedienung kam vorbei. Die beiden kannten das Mädchen gut; es war Liessa, eine hagere, aber dennoch wunderschöne junge Frau aus Kamadan. Sie stammte aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen weshalb sie ihren Vater finanziell unterstützen musste. Einst hatte Liessa versucht eine Paragonin zu werden - für den Orden spielten die persönlichen Reichtümer der Rekruten nur insofern eine Rolle, das besser Betuchte die Kosten ihrer Ausbildung selber zu tragen hatten während der Orden für die ärmeren aufkam - doch das Mädchen war einfach nicht zur Kämpferin geeignet. Zu oft war die zarte Gestalt während ihrer Ausbildung unter der Last der Anforderungen zusammengebrochen, bis sie sich schlussendlich dazu entschied den Traum aufzugeben. Komir selbst war es, die ihr danach zur Seite stand. Ihr hatte sie diese Arbeit zu verdanken, die sie nun mit Eifer ausführte. Im laufe des letzten Jahres hatte Liessa doch einen Weg in die Stimmmacht gefunden, und viele Lieder gelernt, die die Paragone in den Aufenthaltsräumen sangen.

    "Scyale, schön das du zurück bist", sagte das Mädchen bevor es sich zu Lacy umwandte.
    "Lacy, wie geht es dir?" Sie lächelte die beiden an, während sie aus einer Tasche ihrer weißen Bluse einen Zettel und Stift hervorholte.
    "Danke sehr gut und dir?"
    "Ach das übliche."
    So begann fast jedes Gespräch. Scytale musste schmunzeln als er an die Bedeutung der Worte dachte. Läge Lacy nun im Sterben; ihre Worte wären die Selben gewesen. Es war so selbstverständlich wie ein normales "Hallo", seinen Gegenüber nach dessen Befinden zu fragen und genauso Positiv auf dessen Gegenfrage zu reagieren.

    "Was kann ich euch bringen?", Liessa sah vom Einen zum Anderen.
    "Mir nur ein Glas Wasser, ich habe vorhin schon gegessen", log Lacy. Sie hatte einfach keinen Hunger, obwohl sie seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen war. Liessa kritzelte etwas auf ihren Zettel, dann wandte sie sich Scytale zu. Der Sonnenspeer blickte zu den zarten Zügen in Liessas Gesicht auf und bestellte eine größere Mahlzeit.
    "Wird sofort erledigt." Liessas lange schwarze Haare tanzten als sie herumwirbelte, durch den Raum hastete und hinter einer Tür verschwand.

    Scytale machte es sich auf dem Stuhl bequem und stützte den Kopf in die Hände. Langsam spürte er die Müdigkeit zurück kehren.
    "Ok, Lacy. Erzähl mal was du während meiner Abwesenheit gemacht hast"
    Die junge Frau grinste über das ganze Gesicht, als sie Überraschung für Überraschung preisgab:
    "Also zuerst hab ich den Chor gelernt, den du mir aufgetragen hast."
    "Den Chor der Wiederherstellung", präzisierte Scytale.
    "Genau. Dann hab ich mir ein paar Hymnen angesehen und einige Schreie geübt. Ich kann die Stimmmacht nun fast bei allem einsetzen..."

    "Deine Fortschritte überraschen mich immer wieder aufs Neue", meinte Scytale verblüfft, nachdem er ihr zugehört hatte. Lacy sah sich nach Liessa um, konnte aber niemanden mit einem Tablett erkennen. Darum stand sie auf und packte Scytales Arm.
    "Komm" meinte sie. "Ich muss dir kurz was zeigen"

    Der Speisesaal lag in der Mitte des linken Flügels im Erdgeschoss. Eine Fensterfront ermöglichte den Blick auf den Großen Park inmitten des U-förmigen Hauptgebäudes und eine Tür führte zur Terrasse, die leicht erhöht in die Anlage hineinragte. Scytale stand auf und folge Lacy durch diese Tür.
    "Naja eigentlich wollte ich essen", meinte er scherzhaft, als wüsste sie das nicht.
    "Gleich", meinte sie und stieß die Tür auf.

    Die Glut des Mittags stieß ihnen ins Gesicht, als sie auf die Terrasse traten. Dann führte Lacy ihren Lehrmeister ein paar Stufen hinunter und ein wenig in den Park hinein.
    "Nun sieh her", sagte sie voller Stolz und Vorfreude, als sie den großen Platz in der Mitte des Parks erreicht hatten.

    Ein großer Brunnen zierte den Platz - ein Zeichen des Wohlstandes der Sonnenspeere und ein Geschenk der Vaabischen Fürsten. Der ganze Park war von Bäumen und Palmen durchzogen um seine Besucher vor den brennenden Strahlen der Sonne zu schützen, doch an diesem Platz bildet sich notgedrungen eine Lichtung.

    Lacy wartete bis sich ihre Augen an die veränderten Lichtbedingungen gewöhnt hatten, nachdem sie aus den schattigen Pfaden in die Sonne getreten war, dann breitete sie ihre Arme aus und stimmte ein Lied an.

    Sofort drang die Magie ihrer Worte in Scytales Herz, während er sie regungslos beobachtete. Lacy schien zu wachsen, als sie langsam Zeile für Zeile der Ballade sang. Allmählich schimmerten ihre Flügel auf. Das zarte Gold glänzte im Sonnenlicht. Behutsam breitete sie die Flügel aus, Schwingen aus Gold; so schön als hätte sie Lyssa selbst gezeichnet.

    Die anderen Paragone im Park hielten inne, als die Melodie an ihre Ohren drang. Ein jeder kannte die Ballade, die vom Schmerz und Leid der Wüste handelte. Als ihre Flügel vollends entfacht waren drehte sie die Schwingen ein wenig und bewegte sie behutsam nach unten. Dann hob die Paragonin zum zweiten Mal in ihrem Leben ab, nachdem sie bei ihrem ersten Mal nur der Fluglehrer beobachten konnte.
    Behutsam schwebte sie über den steinernen Weg, bis sie sich nach vorne warf und mit einigen kräftigen Flügelschlägen an Höhe und Geschwindigkeit gewann. Ihre Flügel verloren den goldenen Schimmer und bildeten eine weiße, feste Materie aus Knochen, Haut und Federn. Zusammen mit ihrem weißen Gewand sah sie aus wie ein Engel.

    Lacy flog eine Runde, dann wurde sie langsamer und bereitet sich auf die Landung vor. Ganz behutsam näherte sie sich dem Boden, einige Meter von Scytale entfernt. Ihre Schwingen glichen einen feinen Luftzug aus und bremsten ihren Fall zu einer Landung. Als sie wieder festen Boden unter ihren Füßen Spürte legte sie die Flügel an ihren Rücken.

    Scytale konnte nicht an sich halten, rannte auf sie zu und umarmte sie stürmisch.
    "Lacy du hast es geschafft, du fliegst!" Eine Träne im Auge des Paragons spiegelte sich in der Sonne.
    Sie lachte und löste sich sanft von seiner Umarmung.
    "Ja, habe ich es endlich doch geschafft"
    Allmählich wurden ihre Flügel wieder Goldenen, bis sie verblassten.
    Während sie zurück gingen erzählte sie ihm von ihren Flugübungen.
    "Noch brauche ich die Ballade um die Flügel rufen zu können", meinte sie, "Aber ich hoffe das sich das bald ändern wird"
    "Das ist kein Problem", erwiderte Scytale. "Viele Paragone können auch noch nach Jahren nicht ohne der Ballade fliegen. Einige lernen es nie..."
    Die Stimme des Paragons war nach wie vor von Stolz durchdrungen. Fast schon zuviel des guten, dachte Lacy, als sie sich daran erinnerte das der Flug ein elementarer Bestandteil der Ausbildung war - wenn auch einer der kritischten. Die meisten Rekruten schafften es nicht, Herr über ihre Flügel zu werden.
    "So," wechselte sie das Thema, als sie die Terrasse der Kantine erreichten und sahen, wie Liessa das Gericht auf dem leeren Tisch abstellte. "Und jetzt essen wir."

    Kapitel III

    Nur wenige Kerzen erhellten den Raum, tief unter der Erde, und warfen große, dunkle Schatten an die kahlen Wände. In der Mitte des Zimmers befand sich ein kleiner Altar; eine aus Stein gehauene Statue auf einem hohen Sockel, um die die Lichter herunter brannten. Das Symbol, das mit Blut auf den Steinboden geschrieben worden war, war im Licht der Flammen kaum zu erkennen.

    Eine Frau kniete vor dem Altar und warf die Arme in die Luft. Ihr Körper wand sich wie in Ekstase und sie rief immer wieder den Namen Ihres Herren.
    "Oh Abbadon! Sprich zu mir! Sprich!"

    Der kleine Raum zerbarst und ein Reich aus Hass und Verderben tat sich auf. Langsam glitt ganz Elona in die Finsternis.
    Die Frau stand auf, dämonisch lachend, als vor ihr das Bild kleiner Kinder auftauchte, die brutal von einer Armee, schwarzer Soldaten dahingemetzelt wurden.
    Frauen und Männer schrien und rannten um ihr Leben.
    Dann bildete sich die Erscheinung Abbadons selbst ab; eine furchteinflößende Gestalt, die sich von ihren Ketten riss und wuchs.
    Verunstaltete Kreaturen traten auf verkrüppelte Wesen. Kein Leben wurde Verschont; unendliche Wut, unendliches Grauen, unendlicher Hass. Die Bilder verschwammen, als Scytale die Frau ansah. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Er hörte nur ihr lachen und das wimmern zahlloser Menschen. Dann spürte er Blut, das aus seinen Augen quoll und Schrie auf.

    Lacy stand neben seinem Bett, als er aufschreckte.
    "Was ist passiert?", fragte sie aufgeregt.
    Scytale striff die dünne Bettdecke von sich und richtete sich auf. Sein Nachtgewand war Schweisnass, und sein Körper zitterte noch, als er realisierte, das er nur geträumt hatte. Zum Glück konnte Lacy die Panik in seinen Augen im schwachen Licht der Kerze, die sie in ihrer Hand hielt nicht erkennen. Als er wieder zu Atem gekommen war stand Scytale auf.
    "Ich hab schlecht geträumt." Der Paragon bemühte sich um ein beruhigendes Lächeln.

    Lacy entzündete eine große Gaslampe auf dem kleinen Tisch in dem Zimmer. Das Licht hüllte den Raum in einen wohl vertrauten Schein. Hier hatte Scytale früher oft gesessen, und sei es nur, um nachzudenken, Lieder zu lernen oder sich in der Stimmmacht zu üben; meist bis tief in die Nacht, wenn ihn die Schlaflosigkeit quälte.

    "Ich hätte nicht so früh zu Bett gehen sollen...", meinte er, als er sich vor Lacy auszog - ein Verhalten das, sollte Lacy es melden, zweifellos strenge Disziplinierungsmaßnahmen zur Folge hätte. Doch die Paragonin drehte sich nur weg und bemühte sich, nicht auf Scytales muskulösen Körper zu achten.
    Schnell hatte er sich neue Sachen hergerichtet; eine Unterhose, ein bequemes Hemd und den bei Paragonen üblichen Rock, der genauso aussah wie das Unterteil seiner Rüstung, jedoch größtenteils auf Stoff, statt aus hartem Eisen bestand. Nachdem er am Vortag zurückgekommen war und die schweren Platten abgelegt hatte war dieser Rock eine wahre Wohltat für seine Muskeln und Knochen; insbesondere nach dem langen Flug.

    Als er Fertig war nahm er die Gaslampe, ging an Lacy vorbei in den Gemeinschaftsraum und setzte sich an den Tisch.
    "Weisst du, wie spät es ist?", fragte er sie, als sie ihm folgte.
    "Kurz nach Mitternacht, denke ich." meinte sie.
    Scytale sah zu ihr auf.
    "Ich habe dich geweckt, es tut mir Leid."
    Als hätte er sie damit aufgefordert, gähnte Lacy, bevor sie seine Entschuldigung abtat.
    "Ich kann ja gleich wieder Schlafen gehen. Solange es dir gut geht." lächelte sie, und animierte Scytale damit, auch ein wenig zu grinsen.
    "So wünsche ich dir zum zweiten Mal eine schöne Nacht; Ich werde etwas durch den Park spazieren. Ich glaube nicht das ich jetzt schlafen könnte..." Als er aufstand und die Tür öffnete, hörte er ihre Stimme und hielt inne.

    "Ach, Scy..." Er drehte sich um. "Was kommt jetzt, nachdem ich fliegen kann? Nachdem meine Worte Wunden heilen, und ich den selben Speer wieder und wieder in meine Handfläche kehren lassen kann? Jetzt nachdem ich die Texte kenne, und verschiedene Wurftechniken beherrsche. Nachdem ich treffe auf was ich ziele und nachdem ich auch nach dem hundertsten Wurf nicht müde bin?"
    Er sah in ihr fragendes Gesicht; ihre braunen Augen, die sie mit dem Weiß ihrer Haare, die sie unter Tags zu einem Geflecht aus Zöpfen gebunden trug, gemeinsam mit ihrem recht schmalen Gesicht zu einer ausdrucksstarken Erscheinung machten - und lächelte.
    "Ich werde Komir sagen das du bereit bist für die Prüfung. Bald bist du eine wahre Paragonin."
    "Ich freue mich schon darauf." Lacys Ton zeigte eine Euphorie, die Scytale angesichts der bevorstehenden Prüfung als zu früh erachtete - obgleich er keine Zweifel an ihrem bestehen hegte. Es war lediglich eine gewisse Abneigung gegenüber Prüfungen...
    Geändert von ScyOfficial (24.05.2010 um 16:39 Uhr)

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    Scytales Rache
    #3
    Kapitel IV

    Scytale trat durch eine Tür hinaus in die Nacht. Sie war angenehm Erfrischend im Gegensatz zu den Gängen des Komplexes, die in der Nacht kaum Zeit fanden sich abzukühlen, bevor Elonas Sonne wieder auf das Dach des Gebäudes brannte. Er holte einmal tief Luft, nachdem er die Türe geschlossen hatte und ließ die sanfte Briese um seine schwarzen Haare wehen. Gedankenverloren blickte er gen Himmel; ein Meer aus Sternen und Lichtern, die das Schwarz des nächtlichen Firmaments durchzogen. Unendliche Weite, gegen die Scytale in der Bedeutungslosigkeit des primitiven Menschlichen daseins zu versinken schien. Er kam sich so klein vor, als wäre er ein Sandkorn im Meer. Ein Partikel, das sich in der Unendlichkeit Vergaß.

    Fasziniert blickte er zu den Sternen hinauf als hätte er sie zum ersten Mal gesehen, bis er sich doch los riss und einem schmalen Weg durch den Park folgte. Sehr bald verdeckten Bäume den Blick auf den Himmel, und tauchten den Weg in tiefe Dunkelheit. Doch zwischen den Blättern fand sich der ein oder andere Lichtstreifen, der Scytale den Weg weiß - abgesehen davon das er ihn auswendig kannte. Im Sommer ging er fast jeden Abend über diese Steine, sah auf die Beete, die nun in der Dunkelheit verschwanden und lauschte dem sich langsam nähernden Plätschern des Brunnens. Er hielt den Atem an als er das Wasser vernahm, wie es von Stein zu Stein floss, und schließlich auf seinesgleichen schlug, dass sich in einer Schale sammelte bis es schließlich über die Ränder trat und versickerte. Zumindest glaubte er das.
    Scytale wusste nicht, welch Macht das Wasser steigen ließ, aber er ging von einer magischen Pumpe aus. Mythen des Alltags hatte er es einst genannt, als ihn ein kleiner Junge danach fragte und dabei herzlich über seine eigene Unwissenheit gelacht.

    Wie sehr hatte er diesen Weg vermisst? Wie sehr seine nächtlichen Ausflüge in den Park, die Einsamkeit und Dunkelheit.
    Als er den Brunnen erreichte breitet er seine Hände aus; ähnlich wie Lacy, bevor sie abhob. Der kühle Luftzug, das monotone Plätschern des Wassers und die Weite der Nacht machten ihn träge. Er spürte das Verlangen sich einfach fallen zu lassen. Warum konnte er nicht einfach hier schafen? Warum legte er sich nicht einfach auf eine der Banken, die sich um den Brunnen reihten und ließ sich von der Geborgenheit der Nacht in das Reich der Träume tragen? Vielleicht würde er so den grausamen Visionen - wie Komir seine Alpträume zu nennen pflegte - entfliehen.

    Scytale berührte einen Stein, über den das Wasser floss, bevor es ins Becken platschte. Sofort umhüllte es seine Hand; rann warm und kribbelnd seinen Unterarm entlang und tropfte zu Boden. Der Stein hingegen fühlte sich widerwärtig glitschig an, weshalb er den Arm zurück zog.

    "Vergeude nicht das Wasser, Scytale. Es ist unser Reichtum und damit obliegt es unserer Verantwortung, diesen Reichtum weise zu gebrauchen." Scytale drehte sich um. Ein wenig war er erschrocken, doch er hatte sich schnell wieder gefasst, als er die raue Stimme Komirs identifizierte. Von einer der Banken näherte sich ihm ein Schatten. "Dieser Brunnen hier ist Verschwendung genug." Sie trat in den Mondschein, der Lichtung, in der der Brunnen stand. "Und dennoch liebe ich ihn...". Das Licht zeigte nur einen schwachen Umriss ihres Wettergegerbten Gesichtes; dennoch glaubte Scytale, ein Lächeln in ihren Zügen zu sehen. "Und darin scheine ich nicht die Einzige zu sein."

    "Verzeiht Komir," Scytale setze zu einer Verbeugung an. "Wenn Ihr allein sein wollt..."
    "Das möchte ich nicht. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir etwas Gesellschaft leisten würdet. Ich vermisse noch den Bericht über eure Reise."
    Scytale deutete mit einem Blick auf den Brunnen, den Komir im Licht des Mondes gut erkannte. "Im Gegensatz zu den Fürsten von Vaabi ist dieser Brunnen ein Symbol an Sparsamkeit."

    Sie setzen sich auf eine Bank, der einfache Kämpfer neben der Marschallin; der Befehlshaberin sämtlicher Truppen und Herrscherin über die Landstriche und Dörfer in dem Gebiet der Sonnenspeere. So, als wären sie beide gleich von Rang und Namen. Aus diesem Grund liebten die Paragone Komir so sehr. Sie nahm sich Zeit für ein privates Gespräch.
    Dann begann Scytale, von seinem eintreffen in Vaabi und dem prächtigen Empfangsball, den man angeblich ihm zu Ehren gegeben hatte zu erzählen, auch wenn er eher glaubte die Fürsten und der Adel waren Glücklicher darüber, einen Anlass zu einem Ball gefunden zu haben als über sein Erscheinen selbst...

    Kapitel V

    Schmale Streifen roten Lichts drangen durch die Bäume und ließen den Park wie einen Märchenwald glänzen. Die ersten Vögel stimmten ihre Lieder an und langsam fand Scytales Blick die Blumen und Gräser wieder, die sich seitlich des Weges entlang zogen. Eine Meise sprang aufgeregt zwischen den Bäumen umher, und erregte seine Aufmerksamkeit.
    Das Tier hüpfte vorsichtig von Ast zu Ast.

    Komir bemerkte Scytales unkonzentriert und folgte mit ihren Augen seinem Blick. Sie lächelte, als sie den Vogel sah, der sich plötzlich, wild mit den Flügeln um sich schlagend erhob und auf dem Brunnenrand landete. Er sah sich um bevor er ins Wasser sprang um sich wild und ausgiebig zu Baden.

    Die beiden Paragone hatten sich gerade darauf geeinigt, das es an der Zeit war, Lacys letzte Prüfung vorzubereiten, die sie zu einem vollwertigen Mitglied des Ordens machen würde, aber als Komir Scytales halbwegs bestürztes Gesicht sah, änderte sie das Thema.
    "Ich habe dir gesagt du sollst nicht daraus trinken." Sie lachte herzhaft, als sie daran dachte, wie Scytale vor einigen Minuten erst zum Brunnen gegangen war, um sich einen ausgiebigen Schluck des Wassers zu gönnen.
    Scytale sah seinen Marschall an, dann lachte er mit. Sie beide hatten die ganze Nacht über irgendwelche unwichtigen Details seiner Reise gesprochen, bis sie auf das Thema Lacy kamen.

    "Wann soll die Prüfung beginnen?", fuhr er mit dem Thema fort, als hätte er Komirs letzte Worte überhört.
    "Ich werde den Magiern sagen, sie sollen die Truppen herstellen. Länger als eine Woche dauert es nicht. Dann werden wir sehen müssen wann wir das große Übungsfeld entbehren können. Ich denke Aufgrund der Sommerpause dürfte es kein Problem sein... Sie soll sich einen Tag aussuchen. Es wird ihre Prüfung; es wird ihr Tag."
    Als Sonnenspeer pflegte man zweimal Geburtstag zu feiern, wobei der Tag seiner Geburt weniger wichtig war, als der Tag des Abschließen seiner Ausbildung.
    "Wir sollten den Essensraum schmücken..."
    "Alles zu seiner Zeit, Scytale. Du weist wie schwer die Prüfung ist", mahnte Komir, aber letztendlich teilte sie die Zuversicht des Paragons. Scytale grinste nur voller Begeisterung. Endlich ein Fest, auf das er sich freute.

    Ein paar Minuten saßen sie schweigend da und sahen auf die Sonne; eine riesige Kugel, die sich langsam über dem Himmel erhob und das ganze Firmament in ein Inferno aus orangen und roten Lichtern hüllte.
    "Jeder Sonnenaufgang ist ein Symbol." Komir sprach die Worte weniger zu Scytale als zu sich selbst. Dieser konnte nur dasitzen und nicken. In Momenten wie diesen verspüre er eine tiefe Zufriedenheit. Am liebsten hätte er die Augen geschlossen und sich in dem Paradies eines solchen Augenblicks treiben lassen. Wie die Hand einer Mutter ihr neugeborenes, umgriffen der Gesang der Vögel, das Plätschern des Brunnens, die angenehme Wärme und die unendliche Ruhe seine Seele und ließen ihn die hecktischen und übertriebenen Feste der Fürsten vergessen. Scytale schloss die Augen. Er summte leise eine Melodie und spührte seine Flügel, wie sie gegen die Lehne der Bank drückten bis er sich ein wenig vorbeugte und den schwach schimmernden Schwingen Platz bot.

    "Guten morgen Komir... Scytale." Völlig überrascht zuckte der Paragon zusammen und stieß ein entsetztes "wah!" aus. Der schwache Schein seiner Flügel war sofort verschwunden. Er öffnete die Augen und sah in die verschwitzen Gesichter Devahs und Mokks, die sich jeden Morgen trafen um ein paar runden durch den Park zu joggen. Dann sah er zu Komir, die allem Anschein nach ebenso überrascht reagiert hatte.
    "Guten morgen, Marschallin. Hallo Scytale," begrüßte sie nun auch Mokk.
    Beide trugen ein kurzes, weißes Gewand aus feiner Wolle. Die Standart Trainings Kleidung eben - wenn auch die nicht gepanzerte Variante; nicht zuletzt weil man als Sonnenspeer keine extravaganten Kleider brauchte, um sich von der Menge abzuheben.
    Doch Mokks Glatze ließ seinen Kopf in Kombination mit der Kleidung noch rundlicher wirken, als er schon war, während Devahs kurze schwarze Haare wunderbar zu dem Aufzug passten.

    Beide traten zum Brunnen und tranken einen kräftigen Schluck Wasser.
    "Äh..." machte Scytale und wollte aufstehen, doch dann spührte er Komirs Hand auf seiner Schulter.
    "Scht." Die Marschallin konnte sich das Lachen kaum verkneifen.
    "Die meisten denken, das Wasser stamme direkt aus einer unterirdischen Quelle. Darum muss ich den Brunnen auch ständig auffüllen lassen", sagte sie leise, sodass Mokk und Devah sie nicht hören konnten.
    "Was glaubst du warum alle immer behaupten, das Wasser aus dieser Quelle würde so grässlich schmecken"

    Die beiden Paragone kamen zurück und Scytale und Komir zwangen sich dazu eine zufriedene, aber dennoch ernste Mine aufzusetzen.
    "Wir werden dann mal weiter gehen, oder haben Sie Lust, uns zu begleiten?"
    "Geht nur, ich habe leider zu tun", antwortete Komir mit dem Hauch eines Lachens im Unterton. Mokk sah Scytale fragend an. Da der jedoch nicht den Anschein erweckte, als würde er gleich aufspringen und mitjoggen wollen, nickte er kurz, lächelte und verabschiedete sich. Auch Devah sprach ein paar Worte des Abschieds und wenige Sekunden später waren die beiden hinter den Bäumen verschwunden.

    "Hast du den Ton in ihren Stimmen gehört?", fragte Scytale. Im Laufe eines längeren Gespräches mit Komir wechselte er automatisch die Anredeform - etwas dessen er sich oft rügte, was Komir aber ganz recht war. Solang er sie nicht in aller Öffentlichkeit duzte gab ihr ein solches Gespärch ein besseres Gefühl, als die ewigen Höflichkeitsformen. Außerdem waren sie sich so näher, und Nähe zu Führungspersönlichkeiten stärkten nicht zuletzt auch das Selbstbewusstsein des Kämpfers - ein Thema des Grundkurses in Motivation, das Scytale ebenso beherrschte wie Komir selbst. Doch er dachte ihr etwas zu wenig über solche Details nach, sonst wäre er sich auch des Grundes bewusst, warum Komir so immens beliebt war - nicht nur bei den Sonnenspeeren.

    "Ja", antwortete sie. "Sie fragen sich nun warum ich ihnen so erheitert geantwortet habe."
    "Einem Speermarschall sollte etwas derartiges nicht passieren." Scytale zwinkerte Komir zu, doch sie nickte ernst.
    "Die ewigen Briefe, Formulare und Floskeln lassen mich unachtsam werden. Ich führe kaum ein Gespärch mehr, indem der einzige Unterton nicht eine diplomatisch-militärische Härte ist, oder mir von der übertriebenen Unterwürfigkeit der Person berichtet, damit ich wohlgesonnener bin irgend ein nutzloses oder halsbrecherisches Projekt zu unterstützen."
    Er hörte Müdigkeit und Trauer aus ihrer Stimme, auch wenn sie sich nach wie vor Mühe gab, es sich nicht anmerken zu lassen. Komir vermisste die Zeiten, als sie selbst noch an Feldzügen teilgenommen hatte, die Kosaren bekämpfte oder Friedensgespräche leitete und dabei jedes Wort auf Wahrheit überprüfen musste. Damals war es Lebenswichtig, jede Nuance des Gesprochenen zu bemerken und richtig zu deuten. Denn es machte einen gewaltigen Unterschied, ob Worte wie "alles wird wieder gut" voller Energie; voller Mitgefühl und Glauben gesprochen, oder nur einfach so daher gesagt wurden.
    Fast hilfesuchend sah sie ihn an, und er spürte wieder einmal den Grund, warum sie diesen Brunnen so liebte.
    "Denke an die Feier nächste Woche. Lacy wird die Prüfung bestehen", erwiderte Scytale, für einen Paragon ein wenig zu spät. Doch was sollte er Antworten?
    "Vielleicht solltest du ein wenig in den Urlaub fliegen", fügte er hinzu. "Die Sonnenspeere kommen eine Woche ohne dich zurecht. Suche dir vertraute zusammen und tue etwas, das du schon lange mal tun wolltest. Erkunde z.B. die Barbarenküste. Oder leite Ausgrabungen in Fanafur ein. Fanafur interessiert dich doch schon lange." Ganz vorsichtig flocht Scytale seine Stimmmacht mit in die Worte und kleidet sie in einen väterlichen Unterton, den Komir zwar zweifellos bemerken, aber nicht Tadeln würde.

    Sie gestand sich ein, das auch sie jemanden brauchte der sie hin und wieder zum weitermachen Motivierte - besonders wenn es um Arbeiten ging zu denen sie einfach nicht geschaffen war.
    "Scytale, ich glaube du hast recht", lächelte sie und achtete nicht auf die fast kindliche Lage ihrer Stimme, die vermutlich selbst der Vogel bemerkt hätte, der gerade in den Brunnen....

    Kapitel VI

    Es war kurz nach Mittag als Lacy an Scytales Zimmertür klopfte, und ihn so aus seinen Träumen riss. Nachdem er sich von Komir verabschiedet hatte, war er noch etwas Frühstücken gegangen bevor er sich mit einem Buch über Motivationstheorie in sein Zimmer zurückzog, und auf sein Bett legte. Weniger um die Mannigfaltigkeit der Stimmmacht und die ausgelösten Reaktionen betroffener Personen bei der Verwendung gewisser Wortlaute zu studieren, sondern weil er schon des Öfteren beim versuch, dieses Buch zu lesen, eingeschlafen war.

    Er öffnet die Augen, fand sich auf dem Rücken liegend und blicke auf den Band, der - immer noch aufgeschlagen - auf seinem Bauch lag.
    "Motivationstheorie", murmelte er vor sich hin. "Kein Mensch braucht Motivationstheorie. Motivation ist etwas Situationsbedingtes."
    Scytale konnte es nicht fassen, als er tatsächlich in dem Buch gelesen hatte, eine Beleidigung oder das Aufführen der Schwachpunkte eines Menschen diene nicht zur Besserung seiner mentalen Lage.
    "Da erzählt mir ein Kinderbuch mehr Neuigkeiten." Verärgert legte er das Buch beiseite. "Ich könnte einen Stein ablecken und wüsste danach mehr über Motivationstheorie als dieser siebenhundert Seiten Wälzer beinhaltet."
    Mit diesen Worten stand er auf. Noch leicht schläfrig wankte er zur Tür, doch sein Ärger über das verschwendete Gold - obgleich es nicht seines war, sondern das Buch der Ordensbibliothek gehörte - ließen ihn schnell wacher werden.

    "Ja?" Viel zu forsch klang die Begrüßung, als er die Tür geöffnet hatte und Lacy ihren Kopf durch steckte. Gleichzeitig rügte er sich für diesen Fehler und senkte für einen Moment den Blick als Zeichen der Entschuldigung.
    Lacy achtete jedoch nicht auf so kleine Details.
    "Entschuldige, das ich dich störe, aber könnten wir uns nicht auf die Prüfung vorbereiten?" Lacys erheitertes Lächeln verlieh ihrer Stimmlage einen fröhlichen und motivierenden Unterton.
    "Nicht das ich scheitere."
    Scytale reagierte garnicht auf die Stimmmacht, die in Lacys Worten mitfloss. Hatte sie ihren Unterton bewusst manipuliert? Oder war sie so aufgeregt, wie sie sich gab?
    Der Paragon ging in sein Zimmer zurück und holte das Buch über Motivationstheorie. Tonlos brummte er: "Hiermit kannst du dich vorbereiten." Er hielt ihr das Buch entgegen. Am liebsten hätte er sich wieder hingelegt. Die Müdigkeit machte sich nun doch stärker bemerkbar als er erwartet hatte. Der Ärger über das Buch wich der Erheiterung über den Gedanken, Lacy würde es tatsächlich lesen, doch ihre Antwort überraschte ihn doch sehr.
    "Ich kenne das Buch schon. Sehr...", sie überlegte wie sie es am besten umschreiben konnte...
    "...Nutzlos", endet Scytale. "Nagut, überredet. Ziehen wir uns um und gehen auf das Trainingsgelände.

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    Scytales Rache
    #4
    Kapitel VII

    Es dauerte nicht lange, bis die beiden Paragone ihre Rüstung angelegt, und ihre Speere aus den Schränken geholt hatten. Gemeinsam trotteten sie nun durch den Park. Das Übungsgelände Grenzte nord-westlich an die gewaltige Anlage. Überhaupt verband der Park sämtliche Einrichtungen der Sonnenspeere. Im Schatten der Bäume lehrte Scytale vorab die erste Lektion:

    "Ok Lacy, wie du ja weist ist die Hauptaufgabe eines Paragons das Führen und Motivieren seiner Untergebenen. Wir bedienen uns dazu der Sprache und des Gesangs."
    Als höre sie es das erste mal, hörte Lacy aufmerksam zu, und unterbrach ihren Lehrer nicht.
    "Du hast nun zahlreiche Lieder kennen gelernt. Balladen, Arien, Hymnen, Gesänge und Chöre. Jedoch kannst du die nicht einfach runtersingen wie du willst. Ein effektiver Einsatz der Stimmmacht beinhaltet immer 4 Komponenten."
    Er wartete kurz, bis Lacy ihn durch ein Nicken aufforderte, weiter zu sprechen.
    "Zuerst brauchst du einen Chor; etwas das jeder Soldat singt. Du weist ja die Soldaten der Sonnenspeere beherrschen alle ein breites Repertoir an Chören."
    Wieder nickte Lacy.
    "Du musst für sie vor Beginn der Schlacht einen geeigenten Chor auswählen. Etwas das sie stärkt, wenn sie gegen eine Übermacht kämpfen, oder etwas da sie bremst, wenn du doch zu viel Entschlossenheit in Ihren Augen siehst. Einen Chor der sie aufmuntert oder der Mut gibt, oder einfach einen, der sie nicht vergessen lässt, wofür sie Kämpfen, und sterben werden."

    Sie grüßten einen entgegenkommenden Paragon und bogen in einen Seitenweg ein, welcher sie über einen kleinen Umweg zu ihrem Ziel führen sollte. Scytale benötigte die Zeit, um mit seiner Lektion fort zu fahren, und Lacy lausche interessiert den strengen Worten.

    "Als zweite Stufe teilst du einzelnen Kämpfern einen Refrain zu. Entweder weil sie besondere Aufmerksamkeit benötigen, wenn sie zum Beispiel zu schwach sind, oder genau das Gegenteil. Wenn du siehst, jemand kann die anderen durch Singen des Refrains ermutigen, oder den Feind so besser bekämpfen, dann befiehlst du ihm, den entsprechenden Refrain zu singen."
    Er sah Lacy an und bekräftigte seine folgenden Worte indem er seinen rechte Zeigefinger erhob.
    "Aber du kannst nicht jeden Refrain auf jeden Chor setzen. Vergesse niemals das sich beides harmonisch, melodiös und Rythmisch ähneln muss, sonst läufst du Gefahr, die gesamte Stimmmacht zu verlieren."
    "Ich weiß. Als junge Rekrutin lehrte man mir, welche Refrains zu welchem Chor passten. Doch damals war das alles so weit weg..."
    Scytale hörte nun deutliche Unsicherheit in ihrer Stimme. Besorgnis darüber, dass sie die Prüfung nicht bestehen könnte. Er blieb stehen und sah ihr in die Augen.
    "Mach dir keine Sorgen, Lacy", sagte er mit dem vollen Einsatz seiner Stimmmacht. Seine Worte waren weich und warm, und berührten die Paragonin direkt im Herzen. Sie spürte deutlich ihre Angst weichen und die Magie der Worte hallte in ihrem Bewusstsein wieder, bis sie zu dem Schluss kam, den sie so oft schon gezogen hatte: Scytale ist ein Meister der Stimme.
    Als sie lächelte und er spürte, das seine Worte wirkten, fuhr er mit der Lektion fort.

    "Die dritte Ebene bilden die Finalen. Du weißt jeder Gesang, jeder Chor führt zu einem Höhepunkt hin, das die Krieger nicht während des Kampfes einfach singen können. Es ist ein dramatisches Ereignis, und erfordert deshalb volle Aufmerksamkeit. Darum gibst du einzelnen, besonders guten oder Einflussreichen Kämpfern den Auftrag, das Finale zu singen. So schaffst du dir praktisch kleine Helfer, die den Kampfesmut weiter steigern."
    Seine Hände tanzten zu den Worten, als er versuchte den Inhalt in Gesten zu formulieren.

    "Und zuletzt der schwerste Teil. Über den Chor, das Finale und die Refrains musst du nun selber etwas komplexeres singen. Was das ist musst du der Situation ansehen. Eine Arie, eine Ballade oder doch lieber einen Gesang? Du weisst, wann du was nehmen musst. Ist die Stimmung übermütig, musst du sie durch eine Arie bremsen, ist sie niedergeschlagen versuchst du den Kämpfern durch eine Ballade zu zeigen, das du mit ihnen fühlst, oder durch ein Lied das die Dinge nicht so schlecht sind, wie sie aussehen."
    Erneut erhob er den Zeigefinger
    "Wieder gilt hier - und das ist das schwerste das ein Paragon zu meistern hat: Diese Arie oder Ballade, die nur von dir, mit all deiner Stimmmacht, gesungen wird muss sich rythmisch, harmonisch und melodiös mit den anderen gleichen. Wenn du einen schnellen Chor wählst kannst du mit viel Übung auch eine langsame Ballade darauf legen, aber triffst du einen Ton zu früh oder zu spät - und da du die Ballade in einer neuen Geschwindigkeit singst, für die sie nicht geschrieben wurde, ist das als gerade als Anfänger wahrscheinlich - dann stürzt dein ganzes Gebilde ein, wie ein Kartenhaus. Kannst du mir folgen?"
    Lacy nickte wieder.
    "Ich rate dir anfangs langsame Chöre zu wählen. Es ist leichter eine schnelle Arie oder Hymne langsam zu singen, als eine langsame schnell."

    Vor ihnen erschien das Haus der Rekruten zwischen den Bäumen. Es war ein dreistöckiger Bau, der den Rekruten sowohl als Heim, als auch als Schule diente. Direkt dahinter befand sich das Übungsgelände; eine weite, trockene Steppe von etlichen Hecktar, die nur hier und dort einige Wildgräser aufwies. Zum Park hin bildete sie einen krassen Gegensatz, doch in seiner Naturbelassenheit war das Gelände als Trainingsort ideal. Dort brannte die Sonne unerbittlich auf die Übenden und zeigte von Anfang an die Tücken und Probleme eines hitzeflimmernden Tages, die ein Paragon natürlich miteinberechnen musste, bei der Wahl seiner Lieder und Anfeuerungsrufe.

    "Ich würde sagen wir gehen zuerst alleine auf das Feld und üben den Aufbau noch ein wenig. Du bist die Paragonin, ich die einfachen Krieger."
    Scytales Stimme hatte sich von der vorherigen Monotonie zu purem Enthusiasmus gewandelt, in den Lacy freudig miteinstimmte.
    "Heute beweise ich dir welch Macht meine Stimme schon hat!"

    Kapitel VIII

    Der Tag drang kaum durch die hohen, winzigen Fenster der Festung Jahai und hüllte die Gänge und Räume in ein ewiges Zwielicht. General Morgahn trat durch die dunklen Korridore. Das Licht reichte gerade aus, damit er sah, wohin er trat. Der Steinboden bot ihm ein ebenso monotones Bild wie auch die Wände der Festung, doch Morgahn war nichts anderes gewöhnt. Ein wenig unbehaglich trat er vor eine Tür und stieß mit seinem Eisenhandschuh dagegen. Der donnernde Ton hallte von den Wänden des sich dahinter befindenden Raumes wieder und verlor sich in zahlreichen Echos.

    Dann öffnete der Paragon die Tür und trat ein. Er fand sich in den gewaltigen Privatgemächern Vareshs wieder, der Kommandörin der kournischen Armeen. An der Decke war ein Fenster angebracht, das den Raum erhellte und eine grelle Lichtflut in jede Ecke warf. Morgahn zuckte zurück und hielt sich kurz die Hand vor die Augen, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Dann sah er sich um.
    Teppiche zierten die Wände des Raumes, doch war es kein schöner Schmuck. Sie waren bestickt mit zahllosen Gewaltakten; Hinrichtungen, Morden und Überfällen. Einige dieser Teppiche zeigte missgestaltete Kreaturen reiner Bosheit, wie sie sich über das Leben erhoben und Tod und Verderben verbreiteten, auf anderen war das Abbild bloßer Angst in menschlichen Augen zu sehen.

    Morgahn betrachtete einen solchen Wandschmuck, auf dem ein kleiner Junge aufgestickt war, der halbnackt in einer Ecke kauerte; mit den Armen schützend eine Brust umklammert. Morgahn sah auf seinen ausgedorrten Leib. Er bestand aus nicht mehr als Haut und Knochen, welche von zahlreichen blauen Flecken und Wunden überseht war. Seine Augen waren tränennass und zeichneten das Bild purer Panik ab, während er nach oben auf den vermeidlichen Maler zu blicken schien.
    Der General konnte ihn garnicht ansehen, und richtete seinen Blick von dem Teppich ab. Er suchte mit seinen Blicken nach einem neuen Ziel, doch überall fand er nur Schrecken und Angst.

    Eine Frau, verhungert und alleine, ein Mann, blutend auf dem Boden... und wieder Kreaturen; schrecken, die nur einer erschaffen konnte...

    "Ich habe mit Abbadon gesprochen"
    Morgahn zuckte zusammen und wirbelte herum. Hinter ihm stand eine streng aussehende Frau, dessen schwarzes Haar fast völlig unter einem goldenen Kopfschmuck verschwand. Morgahn kannte die Frau gut. Es Varesh Ossa, die er seit frühester Kindheit aufzog und im Kampf unterrichtete. Mittlerweile - nach dem Tod ihres Vaters, des alten Kriegsherren - ist sie an die oberste Stelle getreten. Ihr unterstand die gesamte Streitmacht Kournas, und damit war sie auch Morgahns Befehlshaberin.

    "Ihr wisst, das ich es nicht gut heiße, Varesh." Obwohl dem General in letzter Zeit etwas unwohl war, wenn er mit seiner Kriegsherrin sprach, zwang er sich zu einer festen, energischen Stimmlage, wie er es in seiner Ausbildung in der kurnischen Paragonenschule gelernt hatte.
    "Abbadon ist das Böse selbst. Nicht umsonst wird er von den anderen Göttern gefangen gehalten."

    Varesh schien ihn mit ihrem Blick durchboren zu wollen. Welch Hass sich in ihren Augen bildete, seit sie dem Gott der Zerstörung verfallen war.
    "Wir brauchen seine Hilfe, wenn wir Elona einen wollen."
    Ihr Unterton ließ Morgahn erkennen das es unklug wäre, ihr weiterhin zu widersprechen.
    "Ja, Kriegsherrin."
    Er wusste immer noch nicht, weshalb Varesh ihn hatte rufen lassen, doch er entschied, sie nicht danach zu fragen. Stattdessen tat er ein paar Schritte in dem Raum, ließ seine Augen über den runden Tisch mit schwarzen Stühlen, in deren Lehnen willkürlich aneinander gereihte Figuren kunstvoll eingeschnitzt waren, wandern, und entdeckte ein kleines Fläschchen, mit einer durchsichtigen Flüssigkeit.
    Ein Extrakt das die Sinne schärft?, fragte er sich. Eine neue Droge, die Abbadon Varesh wieder ein wenig näher erscheinen lässt?
    Er hörte Vareshs Lachen, als sie seinen Blick bemerkte.

    "Abbadon selbst ließt mich diesen Trank brauen. Mit ihm kann ich mit meinem Gott in Verbindung treten."
    Besorgt schüttelte Morghan den Kopf.
    "Er hat mir einen Auftrag gegeben, den du für mich erledigen musst"
    Der General stöhnte auf, dann beherrschte er sich.
    "Was immer ihr befiehlt, Herrin."
    "Die Verhandlungen mit den Kosaren über das Bündnis gegen diese lästigen Sonnenspeere sind ins Stocken geraten. Diese kleinkarierten Piraten fordern immense Summen für ihre bedeutungslose Hilfe." Wie so oft redete sich Varesh in Rage. Ihre Hände ballten sich zeitweise zu Fäusten, dann machte sie wieder abschätzige Bewegungen.
    "Doch ohne eine Kriegserklärung können wir nicht einfach so in deren kleinen Streit intervenieren." Ihr Gesicht kam dem Seinen bedrohlich nahe. Er spürte ihren Atem, als sie in einem erregten Flüstern weiter sprach.
    "Wenn diese Bastarde herausfinden, das wir die Kosaren unterstützen werden sie eine offizielle Beschwerde beim Ältestenrat in Istan einlegen."
    Sie entfernte sich ruckartig und ging auf den Tisch zu, auf dem einige Karten lagen.
    "Dann ist es nur eine Frage der Zeit bis sie die drei großen Mächte gegen Kourna verbünden."
    Sie riss eine der Karten entzwei und fegte sie mit einem Handstreich vom Tisch.
    "Wir sind noch nicht bereit, für einen offenen Krieg!", schrie sie.

    Morgahn wollte etwas erwidern, doch Komir fiehl ihm ins Wort.
    "Doch mit Abbadon auf unserer Seite wird es uns gelingen", sagte sie ganz ruhig, bevor sie erneut aufbrauste: "Versteht Ihr das, General Morgahn?" Ihr Mund verzog sich zu einem hämischen Lachen.
    "Das ist zu gefährlich!" Morgahns Stimme passte sich der erregten Tonlage der Kriegsherrin an.
    "Ihr entfesselt eine Macht, die ihr nicht Kontrollieren könnt."

    "Ach Morgahn." Plötzlich war ihre Stimme zuckersüß. Wieder kam sie dem General bedrohlich nahe und legte eine Hand auf die goldenen Schulterplatten Morgahns Elitegarde-Rüstung. "Vertraut mir. Ich weiß was ich zu tun habe."
    "Ich vertraue Euch, Herrin. Ich fürchte nur..."
    "Ein kournischer General fürchtet nichts, verstanden?" sie zog ihre Hand zurück.
    Morgahn nickte verunsichert, dann stimmte er ihr zu.
    "Ja, Herrin."
    "Gut." Wieder lachte Varesh. "Ich möchte das du persönlich nach Istan gehst und mit diesen kleinen, lästigen Kosaren zu einer Einigung kommst. Geb ihnen zur Not, was sie wollen, aber richte es ein, dass sie für etwas Unordnung, dort auf dieser Insel sorgen."
    "Verstanden, Herrin." Morgahn salutierte, drehte sich um und wollte gehen.
    "Noch etwas", hielt Varesh ihn auf. "Abbadon befiehlt dir dafür zu sorgen das ein gewisser Paragon namens Scytale an dem Kampf beteiligt ist, verstehst du? Wie du es machst ist mir gleich, aber sorge dafür das er der befehlshabende Offizier bei einem Angriff oder sonst irgend einem Einsatz ist ist, ok? Hauptsache er kommt weg von diesem verfluchten Sonnenspeerquartier"
    "Ich kenne Scytale. Er ist ein sehr fähiger Mann..."
    Wieder näherte Varesh sich ihm und wieder wurde ihre Stimme bedrohlich leiser
    "Scytale ist viel mehr, als du denkst. Sorge dafür das er auf dem Schlachtfeld steht. Abbadon selbst wird sich dann um ihn kümmern."
    Sie ging einige Schritte zurück, drehte sich dann aber nochmal zu dem Paragon, als sie merkte wie Morgahn zögerte.
    "Verstanden?", fragte sie bestimmend.
    "Ja, Herrin!"
    Obwohl er sich nicht sicher war, worauf die Kriegsherrin hinaus wollte antwortete er unverzüglich; wissend, das Varesh in diesem Moment kein anderes Verhalten geduldet hätte. Als er den Raum verließ hatte er auch schon eine Idee, wie er den Befehl ausführen konnte.

    Kapitel IX

    Schweißüberströhmt und erschöpft traten Lacy und Scytale in die Taverne des Rekrutenhauses ein. Stundenlang hatten sie unter der glühenden Sonne geübt. Verschiedene Szenarien waren sie durchgegangen; Scytale hatte mal einen übereifrigen, mal einen teilnahmslosen Soldaten gespielt. Sie hatten eine halbe Stunde über ein fiktives tragisches Schicksal gesprochen und Scytale ließ nichts unversucht, Lacy zum scheitern zu bringen. Sie hatten Manöver durchgeführt, angriffsschreie und Chöre gegröhlt und zuletzt hatte Lacy ihren Speer auf ein paar Zielpuppen geworfen, um ihre Treffsicherheit, aber letztendlich auch die Fähigkeit, den Speer zurück in ihre Hand kehren zu lassen, unter Beweis zu stellen.

    Das ein oder andere kritisierte Scytale, doch es waren eher Feinheiten wie:
    "Du bewegst deinen Oberkörper zu weit vor. Als Frau sollte man die Kraft für den Wurf eher aus dem Schwung holen."

    Wie immer beherzigte Lacy solche Ratschläge, und Scytale wusste das sie nichts unversehrt lassen würde, es beim nächsten mal besser zu machen. Wie er ihren Lerneifer liebte... Aber auch sonst war lacy eine begehrenswerte Paragonin. Obgleich Scytale, der seit dem verschwinden seiner Eltern nur noch die Liebe zum Orden kannte, wusste er, das er sie vermissen würde wenn ihre Ausbildung abgeschlossen war, und sie abkommandiert werden würde. Doch das stand in den Sternen. Nach wie vor lebten die meisten Paragone hier, in der zentralen Einrichtung, der Hauptbasis. Nur die wenigsten wurden in anderen Bereichen stationiert. Und mit einem Wort zu Komir würde er sie auch davon überzeugen können, das Lacy in der Hauptbasis besser aufgehoben sei. Zumal sie den anderen immer eine Hilfe war, wenn sie etwas nicht verstanden.

    Sie traten in den hellen Raum der Taverne, und grüßten die Anderen, die sich hier eingefunden hatten. Da die meisten Rekruten noch bei ihren Familien waren ging es ruhig zu. Nur ein paar Lehrmeister saßen zusammen an einem Tisch und diskutierten angeregt über irgend ein Thema; an einem anderen unterhielten sich zwei Jungen, die vermutlich keine Verwandten mehr hatten, zu denen sie hätten gehen können.

    Selbstverständlich konnten diese dann auch über den Sommer hier bleiben. Die Sonnenspeere boten ihrem Leben einen neuen Inhalt, ihren Träumen und Hoffnungen ein neues Zuhause.
    Der Grund, warum Komir - wie alle Marschalle vor ihr - nur jene nahmen, die mit dem Tod zu tun hatten war jedoch ein anderer.

    Der Tod verändert einen Menschen. Er verändert die Einstellung zum Leben. Jeder der einen Verlust beklagte kann sich in die Situation eines anderen hinein versetzen. Er fühlt besser mit und trifft so Entscheidungen zugunsten der Menschlichkeit. Nur wer das verstanden hat, kann im Laufe seiner langjährigen Ausbildung Stimmmacht und Flügel entwickeln.

    "Wie soll man helfen, wenn man das Problem nicht versteht? Wie soll man führen wenn man den Weg nicht sieht? Wie soll man Überzeugen, wenn man nicht selbst der Meinung ist?"
    Diese Worte hingen über den Eingangstüren des Rekrutenhauses - geritzt in Holz; mit Gold bemalt. Wie oft hatte Scytale sie schon gelesen? Er stimmte dem Interpreten dieser Worte volltestens zu - ein gewisser Turai Ossa hatte sie den Paragonen einst geschenkt, als er sich für ihre Hilfe im Krieg gegen Palawa Joko bedankte.

    Die beiden Paragone setzen sich an die Bar und bestellten etwas zu trinken. Wasser für Lacy, die sich wie gewöhnlich nicht von den Aufforderungen ihres Lehrmeisters, sie solle ebenfalls einen Traubensaft probieren, beirren ließ, und Scytale mit dem einzigen Getränk das er - abgesehen von dem ein oder anderen Gläschen Wein zu Festen - zu sich nahm.

    Während er erschöpft zu den zahlreichen Flaschen hinter dem Tresen blickte und sich freute sitzen zu können, rutschte Lacy unruhig auf ihrem Stuhl herum.
    "Ich hab die Tonharmonie durcheinander gebracht. Ich hab die Arie zu früh begonnen", tadelte sie sich selber. "Können wir nicht noch einen Testlauf machen?"
    Scytale lachte. "Du hast ja nur ein bisschen gesungen während ich durch den Dreck gerobbt bin" Dann sah er ihr ernstes Gesicht.
    "Es ist in Ordnung." Er nickte. "Es ist völlig in Ordnung. Mach dich nicht verrückt." Der Keeper stellte ihnen die Gläser auf das Holz und Scytale nahm es sofort auf, um einen großen Schluck zu trinken.
    Der Barkeeper war ein Junger Mann anfang dreißig, der den alten Guantro, nachdem er in seinen Lang ersehnten Ruhestand getreten war, abgelöst hatte. Seine schwarzen Locken und sein schmales Gesicht erregten Lacys Aufmerksamkeit. Als er die Paragonin sah, lächelte er und meinte:
    "Kopf hoch, du hast den besten Lehrmeister dieser Schule"
    Weder kannte der Mann Scytale persönlich, noch hatte er die Schule absolviert wie man seine Stimmlage eindeutig anhören konnte. Beide Paragone merkten das fehlende Talent, doch was zählte war die Absicht. Und Lacy schien etwas ganz anderes an ihm zu interessieren, als feinste Untertonfluktuationen.
    Der Barkeeper schien eine Antwort zu erwarten, doch statt ihm den dank für die netten Worte zu zollen, auf den er sich allen Anscheins nach eingestellt hatte, fragte sie ihn nach seinem Namen.

    Überrascht zog er den Kopf ein kaum merkliches Stück zurück, dann fasste er sich wieder, lächelte und sagte:
    "Ich bin Pepe. Barkeeper seit..." er zog eine Grimasse, die Lacy allen Anscheins nach äußerst amüsant fand und legte den Kopf schief. "... wow schon vier Tagen. Wie die Zeit mit euch vergeht, nicht wahr Jungs?" er blickte zu den beiden Waisen hinüber.
    Als diese lediglich mit einem Nicken antworteten konnte jeder, der auch nur halbwegs etwas von Mimik verstand, seine Gedanken lesen. Oh Lyssa, wo bin ich denn hier gelandet?

    Scytale schmunzelte, dann besann er sich auf das Thema.
    "Deine Fehler sind solche Lapalien; Komir würde dich niemals wegen einer verzerrten Tonharmonie durchfallen lassen."
    "Aber ich will es doch perfekt machen, Scy..."
    Der Paragon zuckte mit den Achseln und blickte in das Grinsen des Barkeepers
    Wo haben sie denn den schon wieder her?, fragte er sich, bevor er Lacy antwortete:
    "Dann machs doch perfekt." Er leerte sein Glas in einem weiteren Zug.
    "Du weist doch wie es geht..."

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    Scytales Rache
    #5
    Kapitel X

    Noch am selben Abend bestieg Morgahn mit einer Hand voll kournischer Soldaten ein Fährschiff im Hafen der Nundu Bucht. Als er die Männer in ihre Kajüten schickte warnte er sie noch einmal ausdrücklich:
    "Solange wir uns auf dieser Mission befinden, sind wir einfache Händler. Ist das klar?"
    Unter keinen Umständen durfte das istanische Konsulat herausfinden, dass Kourna Verhandlungen mit den Kosaren führte.

    Als das Fährschiff bei Sonnenuntergang ablegte, lag Morgahn auf einem schmalen Bett in dem engen Raum und dachte über Varesh nach.
    Was immer sie sich durch Abbadon erhoffte, es war einfach zu gefährlich.
    Abbadon ist der Gott des Bösen. Er ist nicht an einer Hegemonie Kournas interessiert sondern an der Zerstörung ganz Elonas, vielleicht der ganzen Welt.
    Doch Varesh hatte nicht auf ihn gehört.
    Ich weiss nicht wie es soweit kommen konnte...

    Seit etwa einem Jahr schon ignorierte sie Bedenken ihrer Offiziere, und folgte unabbringbar ihren eigenen Plänen.
    Vielleicht hat Abbadon Besitz von ihr ergriffen.
    Morgahn überlegte was er tun könne...
    Wenn sich herausstellt das sie eine Gefahr für Kourna ist...
    Er wagte nicht, den Gedanken zuende zu bringen. Er hatte geschworen Varesh zu verteidigen - und wenn er dafür sein Leben ließ.
    Bin ich es der gefährlich wird? Vielleicht sollte ich meinen Dienst quittieren, bevor ich etwas unüberlegtes tue...

    Die Tür zur Kajüte öffnete sich und ein Mann trat ein.
    "General Mor... verzeiht, Händler Nartuk, möchtet Ihr uns nicht ein wenig Gesellschaft leisten?"
    Morgahn deutete dem Mann mit einer Handbewegung das er verschwinden sollte.
    "Ich hatte eindeutig gesagt Sie sollen in Ihren Quartieren bleiben!"
    Es erforderte einige Konzentration, um nicht so laut zu werden, das andere Reisende aufmerksam geworden wären.
    "Wie Sie wünschen." Der Mann machte Anstalten eines Salutes, besann sich dann aber auf seine Rolle und ging einfach.
    Vielleicht ist es garnicht so schlecht, wenn die Istani etwas von unseren Aktivitäten erführen. Kourna würde angeklagt werden und das Verhältnis einigen Schaden nehmen, doch besser als eine Niederlage gegen die vereinte Streitmacht Vaabis und des Inselstaates.
    Morgahn richtete sich auf.
    Oder ein Sieg und der aus dem Krieg resultierenden schwäche aller 3 Staaten. Gefolgt von einer Eroberung durch Abbadons Diener.
    "Oh Varesh", seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. "Ihr spielt ein gefährliches Spiel"

    Kapitel XI

    Varesh lag auf dem Boden in ihrem Zimmer auf Burg Jahai. Von Krämpfen geschüttelte Muskeln vibrierten unter den Nebenwirkungen des Mittels, das sie soeben genommen hatte.
    "Oh Abbadon!" rief sie, sich vor Schmerzen windend.
    Eine innere Stimme hatte ihr befohlen Kontakt aufzunehmen. Varesh glaubte es sei Abbadon selbst gewesen.
    "Allmächtiger Abbadon! Ich erwarte deinen Befehl." Sie schrie auf. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Die Kriegsherrin bekam kaum Luft. Es kam ihr vor als drehe sich der Raum um sie. Ihr wurde Schwarz vor Augen.
    Ein Blitz drang durch die Dunkelheit. Ein Schmerz, ein Schrei. Ihr Schrei.
    "Abbadon!"

    Vareshs Geist verließ den Raum. Panisch blickte sie umher, doch sie konnte nichts sehen. Ihr Atem raste, als sie den Boden unter ihrem Rücken nicht mehr spürte, auf dem sie sich gerade noch gewunden hatte.
    Dann schien sie zu schweben. Die Schmerzen lähmten ihren Verstand.
    "Abbadon..." Ihre Stimme versagte in einem gurgeln. Dann spuckte sie Blut. Sie krümmte sich unter der Qual; hielt sich die Hände an den Kopf, der sich anfühlte als würde er zerplatzen.
    Wieder ein Blitz.
    Stille...

    Dann endlich donnerte eine Stimme durch den Raum.
    "Varesh."
    Die Kommandörin zuckte erneut zusammen. Ihr ganzer Körper zitterte.
    "Oh Herr...", rief sie zaghaft. "Es ist alles, wie Ihr es euch gewünscht hattet. Bald werden wir dieses Verlfuchte Istanproblem nicht mehr haben..." Wieder spuckte sie Blut.
    "Es geht mir um den Sonnenspeer." Abbadons Stimme schien allgegenwärtig. Varesh konnte nicht ausmachen aus welcher Richtung sie kam. War sie überhaupt hörbar? Oder spielte sich das ganze nur in ihrem Kopf ab?
    "Der Sonnenspeer ist kein Problem, Herr. Mein bester General wird ihn aus dieser verdammten Basis holen. Er wird angreifbar und schwach sein, Herr."
    "Er ist ein Mensch, er ist erbärmlich. So wie Ihr erbärmlich seit! Es sind die Götter die diesen Boden schützten auf dem er sich bewegt! Ich dulde keine weiteren Aufschübe!"
    Als würde Abbadon seinen Worten Nachdruck verleihen durchzog ein heftiger Schmerz Vareshs Kopf wie ein Blitz.
    Sie schie auf und presste ihre Hände fester gegen die Stirn. Tränen rannen ihr über die Wangen.

    "Noch etwas. Pass auf diesen Morgahn auf. Er beginnt an dir zu zweifeln."
    Trotz der Schmerzen erschien der Funken eines Lachens in Vareshs Gesicht.
    "Morgahn ist ein Hund. Er trottet seinem Herren treu hinterher."
    Als hätte der Gott etwas dagegen das Varesh lachte spürte sie einen weiteren Schlag in ihrem Kopf.
    "Bis er bereit ist, etwas gegen uns zu unternehmen ist es zu spät, Herr."
    Nun lachte Varesh und nahm die Hände von ihrem Kopf. Je stärker der Schmerz wurde, desto lauter lachte sie.
    "Es hat schon begonnen", donnerte die Stimme. "Mach jetzt keinen Fehler!"

    Kapitel XII

    Lacy und Scytale verbrachten die folgenden Tage mit den Vorbereitungen für die Prüfung. Während der Lehrmeister Lacys großen Tag kaum erwarten konnte wünschte sich die Schülerin mehr Zeit.
    "Ich bin mir so unsicher..." In ihren Augen spiegelte sich die Versagensangst ab, und mit jeder Übungseinheit fand sie neue Unzulänglichkeiten.
    "Ich werfe den Speer nicht weit genug... Ich schwebe bei der Arie nicht ruhig genug... Ich treffe die Tonspitzen zu ungenau..."

    Scytale wusste, dass er etwas dagegen unternehmen musste, bevor Lacy sich die Zukunft durch ihre eigenen Zweifel verbaute. Worte schienen an ihr abzuprallen und je mehr sie nörgelte, desto schlechter wurde sie. Ihr ewiger Perfektionismus ließ sie eingeübte Techniken ignorieren und trieb sie stattdessen zu waghalsigen Manövern, die dem Wirkungsgrad ihrer Stimme teilweise erheblichen Schaden zufügten.
    Keine Atemübung, kein entspannender Moment halfen ihr. Sie fühlte sich getrieben, als läge das Schicksal der gesamten Menschheit in dieser einen Prüfung. Als würde ihr können entscheiden über Triumpf oder Untergang.

    Scytale entschloss sich an diesem Tag mit ihr in die Halle der Erinnerungen zu gehen. Es war ein Museum der Sonnenspeere, das die Geschichte seit beginn der Dynastischen Zeitrechnung in Elona bis hin zum Ende des zweiten großen Kosarenkrieges um 1216, als Istan die dominierende Seemacht Elonas wurde, dokumentierte. Außerdem fanden sich hier große Helden der Sonnenspeere, und nicht zuletzt auch ein Portrait Komirs, des letzten Marschalls bis zum heutigen Tage.
    Er wusste nicht, warum er das zweistöckige Gebäude, dessen runde Kuppel weit über die Bäume des Parks ragte aufsuchen wollte. Vielleicht erhoffte er sich Antworten auf die Fragen, wie er mit Lacys Unzufriedenheit umgehen sollte. Oder die Halle verhalf Lacy sich auf die eigentlichen Werte und Techniken der Sonnenspeere, die sie allesamt beherrschte und, entgegen ihrer Meinung, zur völligen Zufriedenheit aller ausführte, zu besinnen.

    Die Schülerin war von der Idee weniger überzeugt, den letzten Tag vor der Prüfung Relikte aus der Vergangenheit zu betrachten - zumal sie vor kurzem erst hier war um sich nochmal die Geschichte der Sonnenspeere einzuprägen von der Scytale behauptete sie würde sie niemals brauchen.
    Dennoch war sie der Ansicht, es könne nichts Schaden wenn sie um die Heldentümer früherer Sonnenspeere wusste und sie sich zu Vorbildern nahm.
    Keray hat große Menschenmengen mit seinen Balladen zum Weinen gebracht, erinnerte sie sich. Vartu durchbohrte drei Gegner mit einem einzigen Speerwurf.

    Scytale hielt nichts von solchen Geschichten. Die Historiker hatten zweifellos übertrieben und damit das Debakel verursacht in denen sie beide nun steckten. Darum mied er die übertriebenen Helden, die Lacy so zu bewundern schien und ging auf eine Statue aus schlichtem Eisen zu, die im krassen Wiederspruch zu der sonst reich verzierten Halle stand.
    Während überall an den hohen Wänden farbenfroher Schmuck und Lametta hing zierte nicht einmal eine Malerei die Ecke an der die Statue stand. Der Rest der Halle war durch eine breite Fensterfront in gleißendes Licht gehüllt und die hohe Decke und geöffneten Dachfenster sorgten für eine angenehme Atmosphäre. Doch in diese Ecke verirrte sich nicht einmal ein Sonnenstrahl.

    Verdammt zu ewigem Schatten stand die Statue Herkeos im Halbdunkeln des der Sonne abgewandten Teiles des Gebäudes. Eine Inschrift am Sockel des Denkmals erinnerte an den früheren Marschall. Scytale laß die Worte laut:
    "Dieses Mahnmal erinnert an die schrecklichen Dinge die der drang ewiger Perfektion in uns erwecken können. Herkeos verstieß unzulängliche Krieger, oder bestrafte Versagen auf das Grausamste. Er hätte beinahe einen Krieg zwischen Istan und dem Orden ausgelöst und so für die endgültige Vernichtung der Sonnenspeere gesorgt. Danken wir den Tapferen Paragonen, die sich ihm in den Weg seines Wahns stellten und fortan Mitgefühl und Nachsicht lehrten."

    Lacy blickte fragend zu Scytale. Dieser lachte schwach.
    "Ja, Herkeos wird heutzutage nicht mehr in Büchern erwähnt. Die Sonnenspeere erinnern sich nur ungern an den Tyrannen." er blickte zu ihr und rieb sich die Schweißfeuchte Stirn.
    "Er hat Perfektion von seinen Soldaten verlangt, auch von den Paragonen. Und er hat sie foltern lassen wenn sie ihm nicht gehorchten." Scytale sah in ihre Augen und wählte seine Stimmlage mit bedacht. "Du bist sowohl Herkeos als auch seine Opfer. Du strafst dich selbst."

    Sie unterbrach den Augenkontakt und blickte auf das bunte Muster auf dem Boden, das einen großen Bogen um die Statue machte. Dann spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter.
    "Du schaffst es. Morgen wirst du neu geboren. Als Sonnenspeer; Als paragon; Als Engel!"
    Sie blickte ihn an und zwang sich zu einem zaghaften Lächeln.
    "Ich gebe mein Bestes."
    "Nach ihm..." Scytale deutete mit dem Kopf auf die Statue des alten Herkeos "... ist das alles, was die Sonnenspeere je erwartet haben."
    Geändert von ScyOfficial (13.05.2008 um 13:40 Uhr)

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    Scytales Rache
    #6
    Kapitel XIII

    "Warum haben sie ihn nicht getötet als er von Vaabi nach Hause flog?"
    Der Kosar war ungewaschen und stank grausam. Sein Kopf und Baarthaar war verfilzt und seine Kleidung mit Dreck und Blut besudelt.
    Baden diese Primitiven eigentlich nie?
    Morgahn machte keinen Hehl aus seinem Ekel.
    Aus dem Mund stank der Kosar nach vergammelten Essensresten. Seine gelben Zahnreihen wiesen etliche Löcher auf.
    Obwohl der Mann ein gutes Stück kleiner war als Morgahn riet ein gefärliches Blitzen in den Pupillen den Paragon zur Vorsicht.

    "Warum hat der ach so mächtige Abbadon ihn nicht einfach vom Himmel geholt, bevor er in seine Hexenhütte zurückkehren konnte?" hakte der kleine Mann nach. Die zwei Wachen hinter ihm Lachten und tuschelten, bis ihr Führer sie durch ein lautes Zischen zu Schweigen bringe.

    Morgahns Unterhändler hatte dieses Treffen arrangiert, bei dem jede Partei nur zu dritt anwesend sein durfte. Zweifellos hatten die Sonnenspeere zahlreiche Agenten in den Reihen der Kosaren.
    Der Paragon blickte rechts und links in die Bäume der Djungellandschaft. Wie leicht wäre es hier sie beobachten zu lassen? Doch weder Morgahn noch der Kosar hatten Interresse daran, das zu viele die Wahren Hintergründe erfuhren.

    "Das ist nicht so einfach", erwiderte Morgahn. "Sie verstehen nicht viel von Politik. Ist es nicht so?" Ihm war das Thema zuwieder. Ihm war der Mann zuwieder. Er kannte noch nicht mal dessen Namen. Am liebsten hätte Morgahn ihn in einen See geworfen, das er wenigstens seinen Gestank loswurde. Bei der Gelegenheit hätte er den Mann auch gleich ertränken können.
    "Also, herhören!" Morgahn wählte seine Worte bewusst mit Nachdruck. Er musste demonstrieren das er die Macht in Händen hielt und sich keinesfalls darauf herablassen würde mit einem Kosaren zu verhandeln.
    "Scytale ist kein Dorftrottel. Er ist ein Elite-Paragon der Sonnenspeere, verstehst du? Wenn ein Elite-Paragon spurlos verschwindet dann bleibt das nicht unbemerkt. Ein Mordanschlag hätte zahlreiche Fahndungen zu Folge. Die Sonnenspeere würde niemals ablassen und sie haben Methoden die Wahrheit herauszufinden. Wenn du Lügst dann hören sie das. Wenn ich lüge hören sie das. Und wenn sie wissen das wir lügen konzentrieren sie sich auf uns. Und dann finden sie die Wahrheit heraus." Morgahn spuckte dem Kosaren die Worte geradezu ins Gesicht.
    Ein rauer Mann erfordert einen rauen Umgangston.
    "Und wenn die Sonnenspeere herausfinden was wir getan haben wird es zu einem Krieg kommen, ehe wir bereit sind."
    "Warum wartet ihr dann nicht einfach mit eurem kleinen Krieg?" Der Kosar Begriff nicht...

    "Scytale wird zu mächtig. Wir müssen ihn loswerden."
    "Wie könnte ein einzelner Paragon zu gefährlich werden?" Der Kosar lachte. "Ich habe schon einige von ihnen erwürgt", log er, was Morgahn sofort durchschaute. Angewidert drehte er sich weg.
    Ich habe ihm schon zu viel gesagt..., dachte der Paragon und hatte in diesem Moment die nötigen Konsequenzen gezogen. Doch das war nicht seine Aufgabe. Sollten die Sonnenspeere das für ihn machen.
    Wenn er etwas von Abbadons befehlen erführe, würde es unter keinen Umständen mehr zu einer Einigung kommen.

    "Vierhundert Platin," wechselte er das Thema, um von den bohrenden Fragen des Kosaren ab zukommen und das Gespräch zu einem raschen Ende zu treiben.
    "Niemals!" Der Kosar schrie ihn regelrecht an. "Etwas derartiges erfordert Planungen, Bestechungen, Ermordungen... Ich brauche meine Männer und meine Männer wollen Geld. Viertausend!"
    Nun war Morgahn es, der aufgebrauste; im Gegensatz zu dem Kosar jedoch wohl überlegt und dosiert.
    "Schlagen sie einen Preis vor, der nicht in wahnwitzige Summen greift"

    Die beiden diskutierten einige Zeit. Der Kosar mit der Macht der Sturheit und Geldgier - Morgahn konnte deutlich das glänzen seiner Augen bei dem Wort sehen - und der Paragon mit überlegtem Einsatz der Stimme und Druck durch die kournische Armee, die den Kosaren schon lange im Verborgenen half.

    Schließlich einigten sich beide Parteien per Handschlag auf eintausenddreihuntert Platin.
    Morgahn triumphierte innerlich, als er an die zweitausend Platin dachte, die er in einer Truhe mit sich führe. "Als Anzahlung", hatte Varesh es gesehen, doch Morgahn hatte selbst diesen Betrag noch um siebenhundert reduzieren können, was Varesh aber auch nicht unbedingt erfahren musste.

    Auch der Kosar lachte verschmitzt, als er daran dachte, das ihm seine Männer für ein paar Gold im Monat und der Aussicht auf einen großen Coup wie hier - von dem sie jedoch niemals etwas erfahren würden - folgten. Wenn alles so lief wie der Mann es plante war er bald um einiges reicher, seine Männer tot - doch wen interessierte das? - und er hatte den lästigen Sonnenspeeren einen Schlag versetzt der es den Kournieren ermöglichte, sie endgültig auszulöschen. Er würde sich ein kleines Anwesen kaufen; hoch oben in Vaabi und als Geschäftsmann reich werden.
    Beide erhoben sich von den Baumstümpfen auf denen sie während der Verhandlung gesessen hatten. Im Hintergrund übergaben Morgahns Männer das Geld. "Ich bin Kapitän Eisenfaust." Erneut reichte der Kosar ihm die Hand und als Morgahn sie nahm dachte er nur:
    Ja und? Wen interessiert das?

    Kapitel XIV

    Es war soweit. Lacys großer Tag. Sie hatte fast die ganze Nacht damit verbracht sich alles nochmal durchzulesen. Nicht einmal Scytales Beruhigungsversuche konnten sie davon abbringen. Schlafen hätte sie ohnehin nicht mehr können...

    Nun stand sie auf dem glühenden Feld; die Sonne brannte erbarmungslos auf sie nieder. Ein wenig schwindelte ihr, als sie vor den Reihen der Soldaten entlang lief. Es waren nichts anderes als Truggestalten, erschafft von den Magiern des Ordens. Die milchig-durchsichtigen Krieger waren bewaffnet mit Schwertern, Äxten oder Hämmern; die meisten trugen ein Schild in der Linken.

    Zu ihrere Rechten lag das Rekrutenhaus, auf dessen Dachbalkon nun Komir mit einigen Lehrmeistern saß. Auch Scytale hatte sich dort eingefunden und beobachtete die Szene genau. Er sah eine zweite, deutlich größere Phantomarmee auf Lacys Truppen zumarschieren. Eine fiktive Schlacht, die tagelange Vorbereitung der Magier benötigte, die jeden einzelnen Soldaten erschaffen mussten.
    Heute würde kein Blut fließen. Getroffene Soldaten würden zu Boden stürzen und bei ihrem Tod verblassen. Auch Lacy selbst war außer Gefahr. Auch die Waffen der Illusionen waren nicht real. Bei einem Treffer würden sie Lacys Körper einfach durchdringen, wie ein Blick die Luft.
    Doch sollte Lacy getroffen werden war ihr Überleben das kleinste Problem. Selbstverständlich galt die Prüfung als nicht bestanden, wenn der Geprüfte währenddessen sterben würde.

    Allmählich sah sie die Truppen kommen. Verblüfft erstarrte sie, als sie die gewaltigen Massen sah, die ihren Soldaten gegenüber traten.

    Sie verliert die Kontrolle. Sie zögert. Scytale begann zu zittern. Sie darf nicht an sich zweifeln.
    Auch Komir schien Lacys Unsicherheit zu merken und sie sah, wie sehr sich der Lehrmeister beherrschen musste, ihr nichts zu zurufen.

    Wie gebannt starrte Lacy auf die feindlichen Einheiten. Wie sollte sie eine solche Übermacht bezwingen? Schnell flüsterte sie die worte des alten Ossa. "Wie soll man führen wenn man den Weg nicht sieht?" Wieder und wieder rezitierte sie den Kriegshelden, während ihre Hände zitterten. Der Strom nahm kein Ende, der ganze Horizont verfärbte sich in dem milchigen Weiß der Soldaten.

    Furcht zu Rage. Scytale schrie die Worte innerlich. Konzentriere dich auf das was du gelernt hast.
    Er sprang von seinem Stuhl auf und ignorierte Komirs tadelnden Blick. Er hielt sich am Geländer des Balkones fest, doch er Schrie kein Wort.

    Lacy bekam davon nichts mit. Wie gebannt starrte sie auf die sich ihr nähernde Armee. Hecktisch blickte sie nach links und rechts, dann schien sie sich zu fassen.
    "Haltet eure Stellung! Passt auf euch auf, Männer, es gibt nichts zu befürchten!" schrie sie, doch ihre Stimmmacht versagte. Zu hektisch, zu Aufgeregt zu schrill. Zur Hölle mit den Untertönen!

    "Wir werden Richten!"
    Lacy erhob den klang des Chors. Ihr Atem raste, als sie zur Melodie anstimmte. Wenn sie die Stimmmacht jetzt nicht wiederfand hatte sie schon verloren.

    Allmählich stimmten die Männer in den Chor ein.
    "...und scheitern doch für unsre Welt", riefen sie.
    Lacy hatte die anderen Chöre vergessen. Der Chor der Trauer war der einzige, der ihr eingefallen war. Die Überraschung mit der die Lehrmeister und Komir reagierten bekam sie nicht mit.

    "Weshalb wählt sie diesen Chor?", tuschelten sie. "Sie hat doch noch garnicht verloren." Tadelnde Blicke trafen Scytale.
    Habe ich versagt? die Frage drängte sich dem Paragon unwillkürlich auf. Habe ich sie zu früh testen lassen? Doch nun gab es keinen Weg mehr zurück.

    "Für höhere Gerechtigkeit!" Lacy fand Mut im Klang ihrer Stimme. Ihre Schreie gewannen an Stärke, ihre Stimme an Kraft. Dann ließ sie den Blick über die vor ihr stehenden Soldaten wandern. "Du, und du..." Sie zeigte mit den Fingern auf zwei Soldaten "...ihr singt den Refrain der Wut. Und ihr da," wieder zeigte ihre Hand auf Soldaten, die ihrer Meinung nach einen besonders starken Eindruck machten. "... ihr übernehmt das Finale der Läuterung."

    Die gemeinten Soldaten nickten, dann stimmten sie wieder in den Chor mit ein. Lacy drehte sich zu der nahenden Armee, dann breitete sie ihre Arme aus und erhob die Stimme.
    Ihre Angst wich einer inneren Wärme und ihre Stimme entfaltete ihre volle Macht.

    Sie hat die Angst überwunden. Scytale Atmete erleichtert auf und ließ das Geländer los, als er ihre Rufe hörte. Lächelnd drehte er sich zu Komir um, die ebenfalls erleichtert dreinblickte. Noch ist es nicht überstanden, Scy, dachte sie.

    Lacys Flügel schimmerten auf, als sie die erste Strophe anstimmte. "Kera Mas Ta Tu Fejje dej jar..."
    "Die Verteidigungshmyne" Nun war Komir es, die nicht mehr an sich halten konnte. "Das ist eine Elite Hymne, Scytale!"
    "Und sie beherrscht sie." der Paragon lachte. "Und sie beherrescht sie Perfekt."
    Dann drehte er sich wieder dem Geschehen zu.
    Jeder durfte Elite Hymnen verwenden. Der einzige Grund, warum es ausser den Elite Paragonen fast niemand tat, war lediglich ihre immense Schwierigkeit beim Text oder der Melodie.

    Lacy hob ab. Ihre Flügel trugen sie ein paar Meter über dem Boden. Unter ihr begann die Phantomarmee den Angreifern entgegen zu rennen. Soldat um Soldat rannte unter ihr durch. Ihre Schilde durch die Hymne fester in der linken, ihre Angst durch den Chor gelindert, ihre Waffen durch die Refrains stark in der Rechten. Voller Wut und Stolz durch die Schreie - wenn auch ohne der Stimmmacht lange nicht so effizient - rannten sie singend auf die Angreifer zu.

    Lacy widmete ihre ganze Konzentration der Hymne, die wie die Sonne alles übertönte. Sie musste auf die Geschwindigkeit achten... Eine langsame Hymne auf einen schnellen Chor...

    Ihr Zittern hatte sie In Rage verwandelt, mit der sie die Hymne sang. Dennoch blieb sie konzentriert. Sie traf jeden Ton; achtete auf die Harmonie der Klänge.
    Ich darf keinen Fehler machen..., führte sie sich immer wieder vor Augen.

    Dann trafen die Armeen aufeinander...

    Kapitel XV

    Friedlich lag das kleine Dorf Chahbek auf einer Landzunge; umgeben vom Meer am östlichen Rand der Istanischen Insel - nicht weit von Kamadan. Zwei kleine Bäche zogen sich durch das Tal, die die eine Meeresseite mit der anderen Verband. In der Mitte stand die Dorfmiliz, hoch über den Häusern auf einer Plattform. Dort waren auch Katapulte zur Abwehr gegen kosarische Schiffe oder sonstige Angreifer abgestellt.

    "Warum Chahbek?" Der alte, grimmige Mann blickte zu Eisenfaust, der neben ihm auf dem Hügel stand, auf dem sie beide das Dorf beobachteten. Mehrere Narben zierten sein Gesicht. "Seit wir das Dorf damals überfallen haben sind sie ständig auf der Hut. Wir werden viele Männer verlieren wenn wir hier wieder Angreifen." Kapitän Eisenfaust tat die Bedenken seines Offiziers mit einem Handstreich ab, doch der ließ nicht locker.
    "Kapitän, es gibt andere Dörfer. Warum Chahbek?"
    Eisenfaust packte den Mann am Kragen und zog ihn zu sich. Sein Atem traf das Gesicht des Mannes.
    "Weil hier ein gewisser Scytale geboren wurde. Und mit dem hab ich noch eine Rechnung offen...", log er. "Wenn wir das Dorf also angreifen wird er den Trupp führen, der es versuchen wird zu retten."
    "Und wie willst du dich gegen einen Paragon zur Wehr setzen?" Der Mann Riss sich los.
    "Das lass mal meine Sorge sein," murrte Eisenfaust. Er wandte sich wieder dem Dorf zu und legte die Hände an die Augen, um nicht von der Sonne geblendet zu werden.

    "Ich will zwei Schiffe." er deutete auf die beiden Meerseiten. "Hier eins und dort."
    "Kapitän so sind wir direkt in deren Schussposition. Die Katapulte werden unsere Schiffe vernichtet haben, bevor wir überhaupt..."
    Eisenfaust brachte den Mann mit einem gezielten Schlag auf dessen Hals zum schweigen. Mit einem dumpfen schlag stürzte der Mann zu Boden. Ein leises Röcheln war das einzige, was er noch von sich geben konnte.
    "Bin ich hier nur von Idioten und Feiglingen umgeben?", keifte er zu dem Toten, dann ging er zurück zum Versteck seiner Leute.

    Während er den Weg entlang lief, ließ er sich den Plan noch einmal durch den Kopf gehen. Die Kosaren sorgten für ein Ablenkungsmanöver, das den Paragon Scytale aus seiner verdammten Festung herausholen würde. Den rest würde Abbadon erledigen und Eisenfaust würde - ganz nebenbei - reich werden.

    Er grinste immer noch, als er die mit Laub überdeckte Tür zum Versteck, tief im Dschungel aufstieß.
    "Bree, du bist jetzt der erste Offizier", rief er durch die Höhle. Ohne einen Blick auf die rechts und links auf Steinen oder Stämmen sitzenden Piraten zu werfen ging er durch den unterirdischen Raum zu einer Holzwand, die man an dem Stein befestigt hatte, um dem Kapitän einen privaten Raum zu geben.

    Eisenfaust konnte diese Höhle nicht ausstehen. Er freute sich immer, wenn er wieder auf einem seiner Schiffe war, auf dem Weg zu neuen Plünderungen.
    Diese lagen nun sicher in einem versteckten Hafen. Nicht einmal die Sonnenspeere wagten sich hier hin, und Eisenfaust wusste warum: Ständig verlor er Männer an irgendwelche Viecher. Skale, Insekten... Parasiten so groß wie einer dieser verdammten Köter in den Häfen, die sich immer über die Fischreste hermachten...

    Als er in seinen Bereich der Höhle ging, folgte ihm Bree.
    "Wie lauten ihre Befehle?"
    Der Mann ist klug, dachte Eisenfaust. Er stellt keine Fragen zu seinem Vorgänger.
    "Ich will, das wir noch heute Nacht Chahbek angreifen. 2 Schiffe voller Kosaren. Eines rechts das andere links von dem Dorf und ein kleiner Stoßtrupp, der die Wachen und Katapulte ausschaltet bevor wir zuschlagen. Du wirst den Stoßtrupp anführen. Suche dir die besten Männer, das wird kein Zuckerschlecken"
    "Verstanden!" Der Mann nickte kurz, dann trat er aus dem Raum und schloss die Tür.

    Eisenfaust hatte sich auf einem Baumstumpf niedergelassen und nahm einen Krug voll Bier von dem Tisch. Dann blickte er sich in der engen, lediglich von Fackeln und Lampen erleuchtete Höhle um.
    Ich hasse diesen Ort, dachte er. Aber bald bin ich ihn los...
    Ein hämisches Grinsen durchzog sein Gesicht, als er wieder an die Abmachung dachte.
    Und diese Idioten können sich von den Sonnenspeeren abschlachten lassen...

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    Scytales Rache
    #7
    Kapitel XVI

    "Haltet eure Stellung!"
    Die Hymne hatte geendet, Lacy war am Ende ihrer Kräfte. Doch sie gab nicht auf. Nicht heute, nicht jetzt. Ihre Stimmmacht wurde Schwächer, als sie wieder die Worte schrie, die ihre Männer zu neuer Kraft verhelfen sollten.
    "Wir werden Richten!"
    Wieder die gleichen Schreie, doch allmählich versagte ihre Kraft.
    Reihe um Reihe viel. Lacy beobachtete wie ein Phantomsoldat einen Arm verlor. Heiler liefen durch die Reihen und halfen Männern wie ihm, doch wie in jeder Schlacht waren sie auch hier total überfordert. Der Mann schwankte und stürzte zu Boden.

    Lacy, immer noch über den anderen Schwebend flog zu dem Mann und hielt seinen Kopf noch.
    "Nicht aufgeben!", rief sie "Du wirst überleben."
    Zwar war ihre Stimme gereizt, doch die leisen Worte erzielten ihre Wirkung. Ein schwaches Lächeln bildete sich auf dem Soldaten ab, auch wenn sein milchiges Gesicht von Schmerz durchzogen schien.

    Mit einigen Flügelschlägen gewann Lacy wieder an Höhe. Einige Pfeile rasten an ihr vorbei und mahnten sie zur Vorsicht.
    Die feindlichen Schützen hatten sie ins Visier genommen, doch ein Pfeil konnte ihrer Rüstung kaum etwas ausmachen.
    Zwar durchdrangen sie diese irrealen Pfeile mühelos, aber Komir würde sie deshalb nie durchfallen lassen.
    Nur auf die Flügel musste sie achten...

    Die Paragonin flog höher, um sich eine Übersicht zu schaffen. Seite an Seite drängten ihre Männer durch die gegnerischen Horden, die nun von Überall zu kommen schienen. Jeder schütze seinen Nebenmann mit seinem Schild, wie es die Soldaten von Anfang an lernten. Gemeinschaft! Versagst du, stirbt dein Freund!

    "Bildet einen Kreis, lasst sie nicht durch. Heiler in die Mitte!" Lacy verzichtete auf ihre Stimmmacht, als sie den Befehl schrie. Hier hätte sie nichts gebracht.
    Die Männer schlossen sich zu einem Abwehrkreis. Dreireihig hintereinander formierten sie sich so, dass ihre Waffen in alle Richtungen blickten.
    Bogenschützen schossen von der Mitte aus und die Heiler versuchten vergeblich, die Krieger zu schützen, die wie stählerne Pfosten die Einheit umgaben.

    Liefe es bei den realen Soldaten doch auch nur alles so Glatt. Scytale wusste, das Lacys Taktik normalerweise viel mehr Zeit beanspruchte. Zeit, die sie eigentlich nicht mehr gehabt hätte. Doch das war das bekannte und einkalkulierte Risiko beim Test mit einer Phantomarmee. Realer kann man es ihr nicht machen.

    Die Feindesschaar umringte den Kreis, die ersten Krieger fielen...
    Es sind zu viele, dachte Lacy.
    Als der Pfeilhagel über ihr immer dichter wurde, landete sie in der Mitte des Kreises.
    "Seit Standhaft!"
    Sie überlegte, ob ihre Stimmmacht zu einer weiteren Arie ausreichte. Doch dann entschloss sie sich dagegen.
    Allmählich erkannte sie, das sie diese Schlacht nicht gewinnen konnte.

    Ein Pfeilregen prasselte über dem Kreis zu Boden und riss etliche mit in sich. Plötzlich war Lacy umgeben vom Wimmern und Schreien der Soldaten. Sie konnte gerade noch die Flügel anlegen und ihr Schild schützend über den Kopf legen.
    "Schilde Hoch!", schrie sie, doch es war zu spät. Wieder brach ein Hagel aus Pfeilen über sie herein. Und wieder wurden zahlreiche Männer mitgerissen.

    Es hat keinen Sinn...
    Ängstlich sah sie auf. Ein Paragon darf sich nicht fürchten. Er muss seiner Gruppe Mut machen. Die Litarneien liefen durch ihren Kopf. Wie soll man führen wenn man den weg nicht sieht? Wie soll man Führen...

    "Zieht euch zurück! Lasst euch nach hinten fallen!", Ihre Worte drangen lauter durch das Gewirr aus Schreien und rufen, als es der Chor vorher tat. Doch auch dieser war nun zuende; übertönt von dem donnern, aufschlagender Pfeile, aneinandertreffender Schwerter oder geblockter Angriffe.
    "Wir können diese Schlacht nicht Gewinnen!"
    Lacy sah die Worte als ein Aufgeben. Als eine Bestätigung für ihr Scheitern. Werde ich Scytale je wieder in die Augen blicken können?
    Beschämt sah sie zu dem Balkon des Rekrutenhauses, konnte aber nichts erkennen.
    Nun gut... so ist es Vorbei...

    Die Männer begannen sich eine Bresche durch die sie umzingelnden Soldaten zu schlagen und Lacy folgte ihnen, bedacht darauf, das sie sich nicht treffen ließ. Wenn schon versagen, dann wenigstens Ehrenvoll. Sie brauchen mich jetzt nicht noch zu Töten...

    Nun war Komir es, die aufgesprungen war und am Geländer stand.
    "Sie zieht sich zurück", rief sie überrascht zu Scytale und den anderen Lehrmeistern.
    "Natürlich tut sie das." Der Paragon zwang sich zu einem lächeln. "Sie hat ja keine Chance."
    Ein anderer Lehrmeister stand auf und ging zum Geländer. Es war Dehvan, ein alter Mann, der es dennoch nie soweit gebracht hatte wie Scytale.
    "Sie wird keine allzu schlechte Statistik haben", meinte er, als er das Schlachtfeld überblickte.
    "Für einen Paragon zu wenig." Komirs strenger Ton war nur aufgesetzt; das hörte Scytale deutlich aus ihren Worten. Der Speermarschall schien mit sich zu Ringen was das Urteil anbelangte.
    Reicht ihre Leistung?
    Zweifellos konnte man einiges Besser machen. Die Schreie kamen zu schwach, der Chor zu spät. Die Hymne war falsch gewählt, doch bei ihr hatte sich Lacy selbst übertroffen. Sie hatte die enorm schwierige Hymne in einer anderen Geschwindigkeit singen müssen und weder Scytale noch Komir oder auch die anderen Lehrmeister hatten einen Fehler herausgehört. Besser konnten auch sie es nicht.

    "Der Rückzug kam zu spät", meinte einer der Lehrmeister.
    "Die wenigsten läuten ihren Rückzug bei dieser Prüfung ein", bedachte Dehvan.
    Dann legte sich ein Schweigen über die Richter, das Scytale beinahe daran erstickt hätte, bis er aufsprang und einen Satz zu Komir machte.
    "Ok, was ist? Hat sie es geschafft oder nicht?"

    Komir hatte den Lehrmeister lange nicht mehr so unbeherrscht erlebt.
    Lacys schicksal geht ihm sehr nahe... Näher als das der anderen Rekruten.
    Für einen Moment überlegte sie, ob es falsch gewesen war die Rekrutin Scytale zuzuweisen.

    Sie blickte auf das Schlachtfeld. Lacy und eine Hand voll Soldaten hatten sich in sichere Distanz gerettet. Die Reihen der Angreifenden Armee war ausgedünnt. Deutlich sah man ihnen die Zeichen des heftigen Widerstandes an, gegen den sie sich letzten Endes aber doch durchsetzen konnten.

    Komir klatschte in die Hände als Zeichen für die Magier, die Armee verschwinden zu lassen. Dann drehte sie sich zu Scytale um und sah in seine erwartungsvollen Augen.
    Sie legte eine Hand auf seine Schulter und merkte, wie der Paragon zu Boden blickte.
    "Lass mich nachdenken Scytale, ok?" Sie setzte die volle Macht ihrer Stimme ein, als sie die Worte sprach. So weich sie nur konnte versuchte sie ihr Mitgefühl für ihn und auch Lacy auszudrücken.
    "Ich sage es dir morgen, ok?"

    Ein sanfter Windhauch strich über das Feld und verwehte die Erscheinungen. Plötzlich war das gerade noch überfüllte Gelände Menschenleer. Fast unheimlich erschien es Lacy, als die Männer rechts und links um ihr verschwanden. Der kalte Windhauch ließ sie frösteln und sie blickte noch einmal auf das Feld, das die Sonne in ein abendliches Rot zu tauchen begann.
    Das Leid ging, die Gewissheit blieb:
    Ich habe Versagt.

    Kapitel: XVII

    Hell und klar hing das nächtliche Firmament über den Männern, die sich leise - verkleidet als Händler und Bauern durch das hölzerne Tor Chahbeks schlichen. Die Grenzwachen waren kein Problem. Bree beseitigte sie mit einem geschickten Schnitt seines Dolchs in ihre Kehlen. Der geborene Assassin verzog keine Miene, als Blut in sein Gesicht spritzte. Warme tropfen rannen über seine Wangen; dann wischte er sie mit dem Ärmel seines zerlumpten Kleidungsfetzens ab.

    Dann gingen sie die Straße entlang. Zu so später Stunde waren die meisten Bewohner in der Terverne versammelt oder schliefen bereits vor Erschöpfung über die harten Erntearbeiten. Obwohl Laternen zu ihrer Linken den Schein des Mondes überdeckten und die Straße in ein helles Orange hüllten, auf dem die fünf Männer deutlich zu sehen waren, fürchtete Bree nicht, das ihnen jemand unangenehme Fragen stellen würde.

    Ein Schatten huschte von einer dunklen Nische am rande der Straße in die nächste und erregte Brees Aufmerksamkeit. Unauffällig ging er der finsteren Ecke entgegen. Etwas regte sich in der Dunkelheit, doch Bree konnte nicht ausmachen, was es war.

    In einem kleinen Hinterhof zwischen zwei Holzhäusern tastete er sich langsam voran. Er führte eine kleine Fackel mit sich, die sie schon beim durchqueren des Dschungels gebraucht hatten. Es spürte den Schatten sich weiter und weiter zurückziehen.

    Es ist zu groß für einen Hund oder ein Schwein... dachte Bree, dann machte er im Schein der Fackel eine rasche Bewegung aus.
    Blitzschnell hob der Pirat die Hand und parierte den Schlag, indem er den Jungen am Handgelenk packte. Dann zog er ihn in den Schein seiner Fackel.
    "Was haben wir denn da?", fragte er spöttisch. "Sag mal mein Kleiner, wo sind denn deine Eltern?" Seine Augen funkelten, als er den Jungen hämisch angrinste.

    Schwach erkannte er das zierliche Gesicht des Kindes, das nicht älter als neun hätte sein müssen. Der Junge war abgemagert, seine Kleider waren zerfetzter als die Lumpen die Bree trug; sein Oberkörper war frei.
    "Tot", sagte der Junge und versuchte sich aus Brees Griff zu winden, doch der Pirat hielt ihn eisern fest. "Lass mich in Ruhe!"
    "Soso", brummte der Mann. "Hier haben wir also einen potentiellen zukünftigen Paragon der Sonnenspeere." Er merkte die Angst, die seine Worte dem Jungen einflößten.

    Es war allgemein bekannt, das Komir Straßen und Waisenkinder besonders häufig aufnahm und so war der Junge für die Kosaren eine potentielle Gefahr - zumindest könnte er sich so rechtfertigen. Aber wen interessierte dieser Bengel? Wer würde fragen? Wer würde sich trauen, wenn sie mit dem Dorf fertig waren?

    Bree spürte das Zittern des Kindes. Es gefiel ihm, wie der kleine sich wandt.
    Mit einem kräftigen Schlag gegen seinen Magen brachte ihn der Assassin zu Fall. Dann trat er fast euphorisch auf den wimmernden Jungen ein.

    "Bree, was machst du da?" Die Stimme gehörte einem seiner Männer. Die anderen waren ihm in den Hinterhof gefolgt. Dann sah er die zarten Umrisse des Jungen.
    "Das ist ein Kind!"
    Der Offizier trat dem jungen mit seinem schweren Stiefel gegen den Bauch. Dieser wand sich noch mehr vor Schmerzen, stöhnte auf und schien Blut zu spucken.
    "Noch ist es eines, ja..." meinte er nur. "Aber schon bald wird er uns Jagen, verstehst du?"
    Wieder trat Bree zu, dieses mal gegen den Kopf des Kindes.
    "Man muss sie Töten solange sie schwach sind. Dieses Miststück hier wird eh keiner vermissen."

    Der Mann ließ von Bree ab. Anscheinend konnte er sich denken was geschah wenn er dem Offizier weiter widersprach.
    Bree trat noch einige male zu, bis er sich sicher war, das der Junge tot war. Er hätte ihn auch einfach erstechen können, doch er empfand mehr Freude dabei ohne Hilfsmittel - wie er seine Dolche zu nennen pflegte - zu arbeiten.

    Mit einem zufriedenen grinsen machte er sich auf zur Plattform der Dorfmiliz. Die fünf folgten ihm.
    "Los jetzt. Wir müssen uns beeilen, die Schiffe sind schon unterwegs."

    Kapitel XVIII

    Lacys erster Weg ging zum großen Baderaum in dem Gebäudekomplex. Wasser war zwar Mangelware, dennoch war es den Sonnenspeeren erlaubt, hin und wieder ein Bad zu nehmen. Sie wählte eine der Großen Kabinen mit einem Badebottich.
    Lacy entfachte das Feuer auf einem kleinen Herd in der Ecke und setzte Wasser auf, das dort in großen Tanks gelagert war.

    Es klopfte an der Tür.
    Lacy wollte zwar allein sein, dann entschied sie sich doch dazu, "herein" zu rufen. "Ich bin noch nicht ausgezogen."

    Scytale trat ein, ganz vorsichtig und langsam. Beide sahen sich eine Zeit lang an, dann suchte sein Blick das Fenster, das ihn hinaus in die anbrechende Nacht trug. Einige Schritte und er hatte es erreicht.
    Auch Lacy stand nur da und sah auf das Wasser auf dem Herd, wie er allmählich wärmer wurde.

    Dann endlich brach er das Schweigen, ohne den Blick von dem Fenster zu wenden.
    "Vier Jahre..."
    "Ja." Lacys Stimme klang noch leerer als Scytales. "Solange bin ich nun hier"
    "Andere brauchen acht..."
    "Andere sind nicht so alt wie ich wenn sie hier her kommen..."
    Er drehte sich um und sah sie an.
    "Du bist mir ein Rätsel, Lacy." Er schüttelte den Kopf als würde ihm das helfen zu verstehen. "Warum hat Komir dich aufgenommen? Du bist siebenundzwanzig."
    "Wie alt warst du, als du aufgenommen wurdest?" Scytale spürte ihren Blick und drehte sich zu ihr.
    "Das war nach dem Kosarenüberfall auf Chahbek... Ich war elf. Schon das ist eigentlich zu alt."
    "Bist du wegen der Vergangenheit hier?" Ihre Stimme zitterte...
    "Nein." Er sah sie an; dann ließ der den Kopf hängen "Ich habe dich zu früh angemeldet..."
    "Ich... kann die Prüfung wiederholen, oder?", fiel sie ihm ins Wort. Dennoch hörte man deutlich ihre Unsicherheit.
    "Ja, lassen wir uns Zeit. Ausserdem, hat Komir noch garnicht entschieden." Er ging zur Türe und atmete tief durch. "Tut mir leid wenn ich dich gestört habe", meinte er, als er nach dem Griff fasste.
    "Du störst nicht." Lacy lächelte. War es echt, oder nur aufgesetzt? Er nickte. Dann verließ er Wortlos den Raum.
    Geändert von ScyOfficial (12.05.2008 um 23:16 Uhr)

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    Scytales Rache
    #8
    Kapitel XIX

    Komir ging in ihrem privaten Raum, hoch über dem Hauptschiff des Gebäudes auf und ab. In ihrem geräumigen und weiten Zimmer im obersten Stock des Komplexes stieß die heiße Luft des Tages durch die geöffneten Dachfenster einer gläsernen Kuppel hinaus in die Nacht. Auf einem großen Schreibtisch lag ein Stapel an Dokumenten. Wichtige Unterlagen, Verträge und Papiere. Meldungen, die sie auf dem Laufenden über die Politik der drei großen Provinzen Elonas hielten, oder über Ereignisse aus Übersee informierten.

    Doch das alles half ihr nun ebenso wenig wie die Bilder berühmter Sonnenspeermarschalle an den Wänden, oder die kleine Paragon - Zinnarmee, die auf einem künstlichen Schlachtfeld aus Dünen und Gräsern gegen einen unbenannten Feind kämpfte.
    Lacy hatte es nicht geschafft, und Komir wusste, dass sie sie eigentlich durchfallen lassen müsste.
    Aber wir brauchen sie, dachte sie, und blickte durch das Fenster in die beginnende Nacht. Ihr Blick wanderte über den Park, der sich nun in ein tiefes Schwarz hüllte. Dann ließ sie ihn über das ferne Kamadan schweifen. Jetzt am frühen Abend war die Stadt erhellt von Lichtern. Das Leben dort würde noch lange nicht zur Ruhe kommen.

    Sie erkannte ihr Spiegelbild im Fenster. Ihre Wangen wirkten eingefallener denn je.
    Das hat Dwayna nicht vorhergesehen...
    Unmittelbar nachdem sie diese Worte dachte, erkannte sie hinter ihrem Spiegelbild ein schwaches Schimmern, als würde heisse Luft über einer Düne verglühte.

    Erstaunt drehte sie sich um. Vor ihr erschien Dwaynas Avatar.
    "Ist es schon so weit?", fragte sie das bläuliche Wesen in einer Rüstung aus purem Gold und mit den zarten Flügeln eines Engels.
    "Es tut mir Leid, Komir." Die Stimme des Wesens war zarter als alles, das der Marschall je gehört hatte. Sie spürte die Liebe selbst, die in ihr wohnte. Doch sie merkte auch Dwaynas aufrichtiges bedauern.
    Als Komir sich vor die Gottheit knien wollte tat Dwayna sie ab.
    "Falle nicht unter der Last zusammen. Auch uns wäre es lieber, es gäbe einen anderen Weg."
    "Die Sonnenspeere stehen dir zu Diensten, wie du weißt, Göttin des Lebens."
    "Ernenne Lacy zur Paragonin. Schicke sie sofort, zusammen mit Scytale nach Chahbek."
    "Warum Chahbeck?" Komir stutzte...
    "Die Kosaren werden es überfallen. Lass den Dingen ihren Lauf, Komir. Wenn Scytale und Lacy nicht Versagen, gibt es auch für die Sonnenspeere wieder einen Hoffnungsschimmer."
    Komir nickte. "Danke Dwayna...", sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu dem Avatar, doch sie wusste, das das Wesen sie verstanden hatte. Eine Träne rollte über ihre Wange doch sie lächelte, als sie sich die Worte der Göttin noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Es gibt einen Hoffnungsschimmer...

    Kapitel XX

    Alles ging so schnell, alles lief so glatt. Bree konnte nur lachen, als die letzten Wachen auf der Plattform getötet waren, und die Schiffe das Feuer auf die kleinen Hütten des Dorfes Chahbeck eröffneten. Zusammen mit seinen Männern steckte er die Verteidigungskatapulte in Brand und zerstörte die aus Kourna importierte Bombarde.

    Menschen schrien, Kugeln und Steine krachten in die Gebäude und überall liefen die Kosaren mit Schwertern und Messern durch die Straßen. Bree stellte sich an den Rand der Plattform. Er fühlte sich mächtiger als jedes Wesen - eines Gottes gleich.
    Doch am liebsten wäre er einfach da unten und würde seine Dolche in die wehrlosen Kehlen der panisch umher rennenden Bewohner stoßen. Er sah ein paar Milizen auf die Plattform zurennen.
    Endlich kommen ein paar dieser Schwachköpfe.
    Bree machte keine Anstalten, seine Freude auf den Kampf zu verbergen. Wie ein Gott warf er sein zerlumptes Hemd ab und holte die Dolche aus einer Lasche seiner Hose.
    Seinen Bauch zierte eine Narbe, die er sich einst bei einem Zweikampf geholt hatte. Auch damals hatte er gewonnen. So wie er heute gewinnen würde.

    Mit einer geschickten Bewegung wich er dem Angriff eines Milizsoldaten aus. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er in die Augen des jungen Mannes, in denen sich Furcht und Erregung spiegelten. Dann stieß Bree zu. Blitzschnell steckte der Dolch des Assassins in der Brust des jungen Soldatens. Den dünnen Stoff seiner Uniform hatte er problemlos durchdrungen.
    Bree zog die blutige Waffe heraus. Die Miliz stockte und sah seinen Gegner eine Zeit lang regungslos an, der sich an seinem Leid ergötzte. Blut schoss aus seiner Wunde und durchnässte die Uniform. Bree hatte genau ins Herz getroffen.

    Noch ehe der Mann tot zu Boden fallen konnte zog der Assassin seinen Kopf nach vorne, wirbelte herum und schnitt ihm in der Drehung den Halsrücken auf. Dann wandte er sich dem nächsten Gegner zu.

    Die anderen Milizen blieben wie erstarrt stehen, als sie sahen was der Kosar mit dem jungen Mann gemacht hatte. Als er sich ihnen näherte traten sie ängstlich einen Schritt zurück und blickten in sein grausames Lachen.

    Von hinten näherte sich ein weiterer Kosar mit einer Sense. Die Soldaten bekamen garnicht mit, wie er genau in Halshöhe eines Mannes ausholte. Dann trennte er den Kopf des Mannes vom Körper mit einem kräftigen Schwung. Begleitet von einer Blutfontänte, die einige der anderen besudelte, fiel er zu Boden. Die anderen Milizen rannten panisch und schreiend davon.
    "Lasst sie nicht entkommen!" rief ihnen Bree hinterher, aber weniger zu seinen Männern als zu den Milizen selbst, um sie noch mehr zu ängstigen.
    Bree war es ganz recht das einige entkamen. So konnte er sicher gehen das die Sonnenspeere wie befohlen auf die Lage aufmerksam gemacht wurden.
    Er war sich sicher das sie den schnellsten Weg zu deren verdammter Basis nehmen würden.

    Kapitel XXI

    "Entschuldigen Sie die Verspätung, Marschall. Ich hatte nicht damit gerechnet, das sie mich noch heute Sprechen möchten!" Lacy atmete schwer, nachdem sie sich rasch abgetrocknet und angezogen hatte und durch die Korridore geeilt war.
    Wieder flog die Tür auf, und der Bote, den Komir zu den beiden geschickt hatte trat ein.
    "Ich kann Scytale nirgendwo finden, Marschall." Er rang nach Atem.
    "Er sitzt am Brunnen im Park", riet sie und überlegte einen Moment. Dann deutete sie mit einer Handbewegung an, das der Bote entlassen war. "Wir werden selbst dort hin gehen. Vielleicht ist der Brunnen ein geeigneterer Ort..."

    Lacy folgte Komir durch die Korridore in das Treppenhaus. Sie wagte nicht zu fragen was nun mit ihrer Prüfung sei. Komirs Hektik nach schien es sich um wichtigere Dinge zu handeln. Doch was will sie dann von mir, einer einfachen Rekrutin?

    Einige entgegenkommende Paragone wichen den beiden überrascht aus, fragten aber nicht weiter. Nur einer wünschte Lacy, die dem Speermarschall immer noch hinterher eilte Beileid, als hätte sie etwas Fatales verbrochen.
    Will Komir mich für mein Versagen bestrafen? Werde ich aus dem Orden ausgeschlossen?
    Je länger sie unterwegs waren, desto aufgeregter wurde Lacy.

    Der Marschall eilte durch die Tür ins freie. Ein frischer Nachtwind schlug ihr entgegen. Lacy hatte es schwer, ihr hinterher zu kommen. Die alte Frau war erstaunlich gut zu Fuß.

    Dann endlich erreichten sie den Brunnen. Wie so oft saß Scytale auf einer Bank und starrte auf das Wasserspiel. Er verzog keine Mine als er Komir sah. Erst als Lacy in das fahle Mondlicht trat richtete er sich überrascht auf.
    "Ihr seit zu einem Entschluss gekommen, Marschall?"
    Komir wandte den Blick ab und ignorierte Scytales Frage.
    "Die Kosaren greifen in diesem Moment Chahbeck an."
    Erschrocken sprang er von der Bank.
    "Was? Woher weist du..."
    "Scytale, vertraust du mir?" Komirs Unterton ließ Sorgen in dem Paragon aufkeimen.
    "Bedingugnslos." Für den ihn gab es keine andere Antwort.
    "Lacy..." Sie wandte sich zu der Frau. "Du wirst in den Status eines Paragons versetzt. Herzlichen Glückwunsch." Die Worte waren Leer und ohne Inhalt. Eine reine Formalität, nichts weiter. Noch ehe Lacy etwas erwidern konnte sprach der Marschall weiter. "Ich möchte das du unter dem Befehl von Scytale zusammen mit ein paar Männern die Kosaren vertreibst. Ihr brecht sofort auf. Jede Sekunde die wir verlieren leiden die Bewohner Chahbecks."

    Scytale und Lacy sahen sich an. Dann nickten sie und Lacy sprach für beide. "Wir werden uns sofort auf den Weg machen, eine Truppe zusammen zu stellen und gegen die Kosaren in Chahbeck vorzugehen."
    Komirs Stimme klang nun wieder gehetzter als sie die Stimmmacht mit einfließen ließ um dem Befehl eine magische Kraft zu geben: "Beeilt euch!"

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    Scytales Rache
    #9
    Kapitel XXII

    Varesh lag auf dem Boden ihres Privatgemachs. Zumindest ihr Körper, denn ihr Geist war in einer anderen Welt.
    "Wie ich sehe greifen diese Kosaren auf deinen Befehl hin Chahbeck an", donnerte die Stimme Abbadons in ihrem Kopf.
    "Ja, mein Gebieter."
    Vor Vareshs geistigem Auge erschienen Bilder der Schlacht. Wie ein Geist, der über die blutigen Reihen der Toten flog verfolgte Varesh das Geschehen.
    "Wo sind die Sonnenspeere?" fragte sie. Kurz darauf verschwammen die Bilder zu einer neuen Szenerie.
    "Scytale und irgend eine Paragonin sind also unterwegs", sagte die abschätzend. Dann durchzog sie ein heftiger Schmerz der sie aufschreien ließ.
    "Idiot, du hast keine Ahnung wer sie ist!"
    Varesh richtete sich auf und lachte gezwungen. Allmählich genoss sie die Strafen. "Wer es auch ist, meine Truppen werden sie töten. Kümmere du dich nur um Scytale."
    "Hoffen wir, das deine Truppen das schaffen..."

    Varesh sah die Sonnenspeere sich formieren.
    "Sie haben das Dorf erreicht", erkannte die Kriegsherrin.
    "Sollen sie ein wenig mit diesem Kosarendreck aufräumen", donnerte die Stimme. "Versuchen wir, Scytale so unauffällig wie möglich verschwinden zu lassen."
    "Wohin willst du ihn schicken?" Varesh rechnete mit einem erneuten geistigen Schock für diese dumme Frage, doch er blieb aus, was sie zu einer weiteren ermutigte: "Warum tötest du ihn nicht einfach?"
    "Ich kann ihn nicht töten!", schrie die Stimme, so laut das Varesh sich die Hände an die Ohren presste. Da war er, der Schmerz, den sie schon vermisst hatte.
    "Niemand kann das. Er ist Auserwählt. Auserwählt von einer Macht, gegen die selbst ich nichts unternehmen kann."
    "Was wirst du also mit ihm machen?"

    Die Sonnenspeerkrieger griffen an. Varesh sah Scytale eine Arie anstimmen, Lacy schien ein Finale zu übernehmen oder irgend so ein Paragongehabe. Einige Kosaren stellten sich ihnen Übermütig, andere flohen sofort.
    "Ich werde ihn in eine andere Welt verbannen. Einer Welt ohne Licht, ohne Hoffnung und ohne Wiederkehr."
    Ein donnern hallte durch den unendlichen Raum, in dem sie sich zu befinden schienen...

    Scytale stand hinter den Reihen. Wieder und wieder warf er seinen Speer durch die Krieger des Ordens auf die Kosaren. Lacy stand ein Stück weiter vorne.
    "Die Zeit ist Reif!", meinte Abbadon. "Schicke deine Truppen, um die Plage zu erledigen. Dann sieh her"
    Varesh sprach die Worte eines Zaubers. Dann sah sie wie Morgahn hinter einigen Bäumen nickte und den kournischen Truppen den Befehl zum Angriff gab.

    Die Sonnenspeere schienen völlig überrascht.
    Auf Scytales Befehl formierten sie sich neu und bildeten einen Schutzring um den Paragon.
    "Du hast gerade deine Chance vertan", höhnte Varesh und kicherte, als sie die Formation sah - selbst als eine neue Welle des Schmerzes sie erfasste.
    "Ich bin der Allmächtige Abbadon. Ich brauche keine Chancen."

    Noch eine Zeit lang beobachteten sie das Geschehen. Die Sonnenspeere wurden immer mehr zurückgedrängt. Durch die übermacht der Kourniere standen ihre Chancen schlecht. Aber sie kämpften als wäre jeder von ihnen Balthasar selbst.
    "Nun sieh her...!", donnerte Abbadons Stimme durch den Raum und übertönte Vareshs Lachen.

    Kapitel XXIII

    "Formato!", schrie Scytale, als er die zusätzlichen Truppen sah und brach seine Arie damit ab.
    "Das ist eine Falle!", hörte er Lacy rufen. "Bildet einen Schutzkreis!"
    Die beiden Paragone rannten aufeinander zu. Um sie herum bildeten die Krieger einen Abwehrring.
    "Zu viele," rief Scytale durch das Gewirr aus Schreien und Wimmern.
    "Das sind Kourniere, Scy. Kourna hat uns verraten!"
    Entsetzt sah sich der Paragon um. Tatsächlich; die Verstärkung der Kosaren war viel stärker gepanzert. Alle trugen eiserne Rüstungen und wiesen deutlich höheres Kampfgeschick auf.
    "Scy...!" Wieder kämpfte Lacy mit der Angst. Wie schon vor einigen Stunden schien ihre Stimme zu versagen.

    Der Paragon behielt die Ruhe. "Wehrt sie ab!" Seine Stimmmacht donnerte durch jeden Muskel ihres Körpers. Sie gab ihr Kraft und Mut.
    "Schilde hoch! Passt auf euch auf!"
    Wie eine Schockwelle hallten die Worte in die Nacht.
    Lacy konnte nur über eine solche Stimme staunen. Dann wandte er sich ihr zu, blickte ihr in die Augen und löschte all ihre Zweifel mit nur einem einzigen Satz restlos aus: "Gemeinsam schaffen wir das."

    Die beiden Paragone warfen ihre Speere auf die Angreifer. Mann um Mann fiel. Erst Kosaren, dann Kourniere. Unverhältnismäßig dagegen die Reihen der Sonnenspeere.

    Scytale bemerkte den schwarzen Nebel, der sich um seine Füße bildete vorerst garnicht. Dann sah er erschrocken zu Boden. Immer Höher stieg die seltsame Substanz und hüllte ihn mehr und mehr ein.
    Er versuchte hektisch auszuweichen, doch der Nebel klebte wie seine Rüstung an ihm.
    "Lacy...", schrie er, dann verlor er den Halt unter den Füßen.

    Als sich die Paragonin zu ihm umdrehte sah sie nur noch den schwarzen Nebel, der sich aufzulösen begann. Plötzlich war Scytale verschwunden.
    Geschockt stand sie da; fand keine Worte.
    Das Blatt wendete sich. Die Sonnenspeere verloren ihre Kraft; Schilde barsten, Knochen brachen. Mann um Mann fiel.
    "Gebt nicht auf!", Lacys Stimme war nur ein Wimmern...
    Scy... nein... Nicht auch noch du...

    Wutentbrannt rammte sie ihren Speer in einen angreifenden kournischen Soldaten, dann zog sie ihr langes Messer, nahm es in die Linke und schlitzte einen weiteren Mann auf.
    Furcht zu Rage... Furcht zu Rage!
    Dann Schrie sie die Worte.

    Mit der rechten rief sie ihren Speer und warf ihn sofort erneut gegen das nächste Ziel. Ein Schwert prallte an der Rüstung um ihrem Rücken ab. Lacy wirbelte herum, parierte einen Angriff mit dem Schild, das an ihrem linken Unterarm befestigt war und rief den Speer erneut.

    Ihr Messer suchte sich einen Weg durch die Panzerung eines Kourniers, der daraufhin blutend zusammenbrach. "Wir werden Richten!", schrie sie. "Oder hier und heute sterben, für den Ruhm der Sonnenspeere!"
    Nun war es Lacys Stimme, die über das Feld hallte.
    Furcht zu Rage!

    Ein kräftiger Schlag auf ihren Rücken riss sie frontal zu Boden. Lacy stöhnte auf, wirbelte aber blitzschnell auf den Rücken und stieß zu. Der getroffene Kournier fiel auf sie zu und begrub sie beinahe. Sein Hammer landete nur weniger Zentimeter neben ihrem Kopf.

    Als sie den Toten weg gestoßen hatte und aufstehen wollte sah sie das Bild der Schlacht. Die Reihen der Sonnenspeere waren durchbrochen, vereinzelt liefen Soldaten umher.
    "Rückzug!" Lacy sprang auf.

    "Lasst sie nicht entkommen!" Die Stimme eines Kosaren hallte über das Schlachtfeld - neben den Schreien eines feindlichen Paragons in den hinteren Reihen der Kourniere.
    Dieses mal meinte es Bree ernst. "Tötet jeden von ihnen!" Seine Stimme bewirkte garnichts im Vergleich zu der eines Paragons, doch das war ihm egal. Bree ging es nur um sein Vergnügen am schreien.

    Lacy drehte sich um, und sah einen Mann mit freiem Oberkörper auf sie zukommen. Im Zwilicht der noch funktionierenden Laternen in den Straßen Chahbecks erkannte sie eine große Narbe an seinem Bauch.
    "Eine Paragonin, wie niedlich", rief er ihr entgegen und hauchte Lacy einen Kuss zu.
    Diese rief ihren Speer und warf ihn auf den Mann. Doch der weichte dem Geschoss einfach aus und machte einen großen Satz zu ihr.

    Die Paragonin konnte gerade noch einem seiner Dolches ausweichen, der zweite prallte an ihrer Rüstung ab, hinterließ aber einen deutlichen Kratzer und ließ sie den Stoß stark spüren.
    Sie zog ihr Messer durch die Luft - eben dort wo vor dem Bruchteil einer Sekunde noch das Gesicht des Mannes war.
    Dieser richtete sich wieder auf und lachte herabblickend.
    "Bist du zu langsam, schönes Mädchen?"

    Wieder und wieder riss sie das Messer herum, doch sie zerschnitt nichts außer Luft.
    "Ich habe deinen elendigen kleinen Freund verhext", lachte Bree, um Lacy noch wütender zu machen. "Ich habe ihn in einen Sumpfskal verwandelt. Morgen früh gibts leckeren Braten, willst du auch ein Stück?"
    Lacy ließ sich nicht beirren... Zurück, runter, zurück, zurück...
    Allmählich erkannte die Paragonin ein Muster in der Verteidigung des Kosarens.

    Bree stieß völlig überraschend zu. Anscheinend hatte er genug von dem Spielchen.
    Er traf ihren rechten Arm, als sie auszuweichen versuchte.
    Lacy schrie auf und ließ den Speer fallen. Blut schoss aus ihrer Wunde. Sie spürte es feucht und warm ihren Arm entlang laufen.
    Es ist nur eine Fleischwunde, keuchte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

    Längst hätte Bree sie einfach töten können. Doch er genoss es viel mehr, die ungeschickte, aber hübsche Paragonin zu betrachten, wie sie ihr Gesicht vor Schmerz verzerrte.
    Vielleicht sollte ich sie mir nehmen, bevor ich sie töte..., dachte er und grinste wieder.

    Lacy fasste sich und holte aus. Er wird nach unten gehen...
    Sie wusste es. Sie konzentrierte sich ganz darauf, die Rechte anzuspannen und den Speer zu rufen. Dann zog sie das Messer durch die Luft. Als hätte Bree nur darauf gewartet, wich er nach unten aus. In dem selben Moment stieß Lacy mit ihrem Speer zu, und durchbohrte die Brust des überraschten Mannes.
    "Das ist für Scytale", knurrte sie, obgleich sie wusste, das der Kosar nichts mit dem Verschwinden ihres Lehrmeisters zu tun haben konnte.

    Sie zog den Speer aus dem verdutzten Mann und sah sich, dem besiegten keinen Blick mehr schenkend, um. Das Feld war voller Kosaren und Kourniere. Kaum ein Sonnenspeer war mehr am Leben.
    So schnell sie konnte stimme Lacy eine Hymne an, versuchte Ruhe zu bewahren um die Stimmmacht nicht wieder zu verlieren und ihre Flügel mit der Melodie zu rufen.

    Dann stieß sie sich mit den noch golden glänzenden Flügeln ab. Ich muss hier raus. Ich muss Komir warnen, schoss ihr duch den Kopf, als sie langsam an Höhe gewann.

    Morgahn hatte sowohl den Angriff und Scytales verschwinden, als auch den Zweikampf und Lacys Fluchtversuch beobachtet, während er seine Männer mit Schreien unterstützt hatte. Auch er hatte sich der Stimmmacht bedient, als er vorher eine Hymne über das Schlachtfeld hallen ließ.
    Als sie zusehends an Höhe gewann rief er seinen Speer, der im Rücken eines Sonnenspeeres steckte, legte ihn an seinen Rücken und Atmete tief ein.
    Dann schloss er die Augen, stieß die Luft aus und schnellte mit der Hand nach vorne, so stark, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor.

    Lacy sah den Speer nicht, als er ihren Flügel durchbohre. Sie spührte nur den plötzlichen, heftigen Schmerz, Schrie auf und verlor über dem Djungel an Höhe.
    Blut schoss aus ihrem Flügel. Ihre Augen tränten. Solch einen Schmerz hatte Lacy noch nie gespürt. Sie versuchte einigen Bäumen auszuweichen, dann traf sie auf die Äste einer Baumkrone. Sie legte ihre Flügel an, um die empfindlichen Federn zu schützen - jedenfalls so gut sie konnte...

    Zwischen einigen Bäumen krachte sie auf Laub und Moos. Einige Meter rutschte sie. Ihre Rüstung fing das meiste ab; ihre Hände hatte sie schützend vor den Kopf gelegt.
    Der Schmerz der Wunde brannte entsetzlich, als sie zum Stillstand kam.

    Scytale...
    Mit dem Gedanken verlor Lacy das Bewusstsein...

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    Scytales Rache
    #10
    Kapitel XXIV

    Scytale lag auf dem Rücken, als er erwachte. Er öffnete die Augen, doch er konnte nichts sehen. Wo immer er war, es war stockfinster.
    Bin ich gefangen genommen worden? Ist das ein Verließ?
    Sein Schädel brummte. Er hatte noch das Schild an der Linken. Als er es ablegte hallte von weit her ein Echo.
    Das ist kein Raum... das muss etwas großes sein, erkannte er, als er den Schall hörte.

    Seine Muskeln waren schwer wie Blei. Sein ganzer Körper drückte ihn nach Unten und die Rüstung schien schwerer geworden zu sein. Der Paragon sammelte seine Kräfte und setzte sich auf. Dann sah er sich erneut um.
    Nichts. Kein funken Licht trat in seine Augen. Er konnte nicht einmal den Untergrund sehen, auf dem er saß. Er vermutete einen Steinboden, doch durch die eiserne Rüstung konnte er nicht genau sagen, ob der Untergrund wirklich so hart war.

    Er tastete um sich - der Boden war definitiv hart...
    Bin ich blind? fragte er sich. Vielleicht waren seine Augen es, die ihn im Stich ließen. Er hielt die Hand vor sein Gesicht, doch in der Finsternis konnte er sie auch nicht sehen.
    Mit der Anderen spürte er einen länglichen spitzen Gegenstand.
    Mein Messer... schlussfolgerte er und hob es auf.
    Als er es in die Scheide gesteckt hatte befestigte er sein Schild wieder an der Linken und versuchte aufzustehen.

    Mit einem kräftigen Ruck gelang es ihm, nach oben zu kommen. Er rief seinen Speer, den er kurz darauf tatsächlich in der Hand spürte.
    Also hat man mir meine Waffen nicht abgenommen...
    Der Speer konnte nur über eine begrenzte Distanz gerufen werden. Je nach Stärke des Paragons war diese höher oder geringer, aber über mehr als einen Kilometer schaffte es niemand.

    Allmählich verschwand die Benommenheit. Scytale hätte seine Stimmmacht einsetzen können um sich selbst zu stärken, doch eine innere Stimme riet ihm ab.
    Sei vorsichtig.
    Als wären die Gedanken nicht die Seinen schoss es ihm unvermittelt durch den Kopf.
    Scytale nickte. Ja, vielleicht ist hier Vorsicht geboten.

    Ein weiteres Mal blickte er sich um. Jetzt - im Stand - konnte er einen schwachen Lichtstreifen am Horizont ausmachen. Also bin ich nicht blind, erkannte er, unmittelbar bevor ihm die nächste Erkenntnis begleitete: Und ich bin nicht gefangen. Zumindest nicht in einem Verließ...

    Doch welch seltsamer Ort war das?
    Scytale entschloss sich, dem schwach schimmernden Streifen zu folgen.
    Vorsichtig tastete er sich voran.
    Näher und näher kam das Licht, bis Scytale erkannte, das es von weiter unten heraufgeworfen werden musste.
    Stehe ich auf einer Klippe über Chahbeck?
    Der Paragon sah nach oben. Eine so schwarze Nacht hatte er nie erlebt.
    Oder ist das nur ein Traum?

    Vor ihm bildete sich eine Klippe ab, als er den Lichtstreifen fast erreicht hatte. Je weiter er ging, desto mehr war er der Überzeugung, dort unten Chahbeck zu sehen. Seine Logik schloss bis auf die Möglichkeit, das er träumte, alles andere aus.

    Endlich hatte er die Klippe erreicht. Vorsichtig tastete er sich voran und riskierte einen Blick nach unten...

    Entsetzt trat er einen Schritt zurück, als er weit unter ihm Sterne erkannte. Als blicke er in den Nachthimmel Elonas. Doch nun war er über den Sternen! Scytale blickte nach oben, jedoch verschwand das Licht im unendlichen Schwarz des Himmels.

    Das ist nicht mehr Elona, dachte er und riskierte einen zweiten Blick auf die Sterne unter ihm.
    Er sah rechts und links an der Klippe entlang, fand aber kein Ende dieses "Himmels".
    Dennoch entschied er sich, am Rande der Klippe entlang zu gehen. Ich muss irgend etwas machen...

    Die Luft war frisch, als wäre hier noch nie jemand gewesen, der sie hätte verbrauchen können. Ausserdem fröstelte Scytale. Wo immer er war; es war kälter als eine Nacht in Elona.

    Stunde um Stunde schien zu vergehen. Oder waren es Minuten? Der Paragon verlor das Zeitgefühl...
    Er ging die Klippe entlang und schien doch keinen Meter vorwärts zu kommen. Seinen Speer hatte er in den Köcher gelegt, den er, als er aufgestanden war platt gedrückt an seinem Rücken gefunden hatte.

    Erschöpft setzte er sich ein paar Meter neben den Rand der Klippe. Er blickte rechts ins Schwarze, doch er konnte nicht das geringste erkennen.
    Das Zwielicht der Sterne trübte seine Augen und allmählich schlug sich die Müdigkeit durch. Langsam wandelte sich die Frische in Kälte. Wurde es immer kälter, oder nahm lediglich Scytales Empfindlichkeit mit höherem Müdigkeitsgrad zu?

    Er rieb sich die brennenden Augen...
    Wenn das ein Traum ist, so könnte ich langsam aufwachen.
    Doch als er die Augen wieder öffnete war er immer noch an jenem seltsamen Ort.

    Erschöpft legte sich der Paragon auf den Boden - den Köcher mitsamt des Speers legte er neben sich. Die Rüstung schien unerträglich schwer zu werden, doch er wagte nicht sie abzulegen.
    Obgleich sie keinen Schutz bieten würde wenn er eingeschlafen wäre, fühlte er sich sicherer in ihr. Ausserdem hielt sie vielleicht ein wenig warm...

    Mit erschöpften Augen starrte er in das Schwarz über ihm. Plötzlich stieß ein Blitz durch die Nacht. Hoch oben am Himmel bahnte sich die gewaltige Macht ihren Weg durch das Firmament und enthüllte für den Bruchteil einer Sekunde, was sonst verborgen blieb.

    Scytale erschrak, als er die deutlichen Umrisse eines Gesichtes am Himmel wahrnahm - so Groß wie das Firmament selbst. Das kann nicht sein! durchzog es sein Bewusstsein, als er versuchte das Gesicht zu rekonstruieren.
    Ein hinterhältiges Lachen; unglaubliche Bosheit hinter toten, starren Augen.

    Geschockt legte Scytale die Rechte über seine Augen und wandte sich ab.
    Wo bei Lyssa bin ich hier? Seine Lippen zitterten, als er versuchte diese Frage auszusprechen.

    Plötzlich verlor der Paragon den Kontakt zum Boden. Er spürte den Untergrund nicht mehr sondern stieß durch die Luft, als würde er Fallen. Er wurde schneller und schneller...
    Die Welt um ihn herum begann sich zu drehen. Die Sterne leuchteten nun hoch über ihm - die Klippe war verschwunden - während er in die unendliche Finsternis fiel.

    Scytale unterdrückte einen Aufschrei und blickte panisch nach Unten.
    Was geschieht hier? Was geschieht hier?
    Sein Atem raste, als erneut ein Blitz unter ihm die grausame Fratze abzeichnete, in deren Richtung er fiel.

    Dann schien ihn irgend etwas aufzuhalten. Er tauchte in eine seltsame Substanz ein. Wie Wasser bremste es seinen Fall, doch es fühlte sich nicht Nass an oder hörte ein Platschen, als er abtauchte. Auch konnte er Atmen...
    Lyssa.... Dwayna... Balthasar... Helft mir!
    Er schrie die Worte innerlich, doch er brachte keinen Ton hervor.

    Wieder drehte sich das Bild... die Sterne hoch über seinem Kopf schienen zu wandern, bis sie rechts von ihm lagen...
    Von links ein Blitz.
    Scytale wandte seinen Blick von der schrecklichen Fratze ab.
    Was passiert mit mir?
    Eine Träne rollte ihm über die Wange. Panische Angst umgriff ihn.

    Wieder schien er schneller zu werden; zu fallen... Er fühlte sich, als würde man ihn in alle Richtungen zerren...
    Ein heftiger Schmerz durchzog seinen Körper...

    Dann verlor der Paragon erneut das Bewusstsein.

    Kapitel XXV

    Der Speermarschall ging im Zimmer auf und ab...
    Etwa eine Stunde nach Scytales und Lacys Aufbruch hatte sie Verstärkung geschickt...
    Sie hoffte, das die Zeit reichte...

    Komir hielt sich genau an das, was Dwayna ihr befohlen hatte. Gleichzeitig bedauerte sie den Verlust der beiden Paragone.
    Scytale..., dachte sie, dann versuchte sie ihr bedauern in Worte zu fassen, als könne der Paragon ihre Gedanken lesen.

    Ihre Hand zitterte, als sie ein Glas Wasser vom Tisch nahm und trank.
    Eine Träne rollte ihr über die Wange, als sie daran dachte, wie oft sie mit ihm zusammen auf der Bank im Park vor dem Brunnen gesessen hatte.

    Ein Bote öffnete die Tür. Es war Perat, ein ehemaliger Sonnenspeer Rekrut, der sich jedoch gegen eine Ausbildung als Paragon entschieden hatte. "Marschall, Scytale und Lacy wurden überrannt. Wir haben den Kontakt..." Als er die Paragonin sah verstummte er.
    Komir nickte nur und wandte sich ab.
    "Perat...", sagte sie und versuchte dabei garnicht erst, den traurigen Ton zu verbergen. "Eines Tages wirst du verstehen, das man Opfer bringen muss..."
    Der Bote stand geschockt vor ihr.
    "Ich habe bereits Verstärkung entsandt." Er weiß noch nicht, das die Kourniere an dem Überfall beteiligt waren, dachte sie. Wie denn auch? Es hat ja keiner des Trupps überlebt...
    Perat fand wieder zu sich selbst und nickte. Dann wandte er sich um.
    "Warte." Komir drehte sich zu dem Mann. Ihre Worte verrieten die Angst in ihrem Befehl, als würde ihr schlimmster Alptraum wahr werden. Doch Perat erkannte das nicht. "Die Sonnenspeere sollen sich sammeln. Wir bereiten uns auf einen Krieg vor."
    Perats Augen weiteten sich erneut. "Ein Krieg, Marschall?", fragte er verdutzt.
    Ihm war durchaus bewusst, das einige der Paragone den Kampf gegen die Kosaren als Krieg bezeichneten und Komir würde zweifellos Konsequenzen aus dem Überfall auf Chahbeck ziehen.
    Doch das erforderte keine Versammlung aller Sonnenspeere. Die Kosaren waren eher ein lästiges Problem, als ein wirklicher Kriegsgegner - obwohl Komir sie allen Anscheins nach unterschätzt hatte.

    Als sie nicht antwortete nickte Perat. "Wie Ihr wünscht, Marschall!"
    Dann verließ er den Raum.

    Wir ziehen in den Krieg, Dwayna. Hoffen wir, das Scytale nicht versagt.

    Kapitel XXVI

    Allmählich graute der Morgen über der Stelle, an der Lacy abgestürzt war. Eine Frau in fetzigen Lumpen schlich um sie herum und beobachtete sie von allen Seiten, bevor sie sich dem Paragon näherte und sie mit einem Stock anstieß.

    Lacy regte sich ein wenig.
    "Kourniere...", stammelte sie, während sie ihren Kopf zu der Frau richtete. Dann erschrak sie, fand die Beherrschung über ihre Muskulatur wieder und wirbelte auf den Rücken.
    "Wer bist du?", fragte sie die Frau, die immer noch den Stock in der Hand hielt, aber einige Schritte zurückgesprungen war und nun den Kopf schräg legte.
    "Du bist eine Paragonin." Ihre Stimme strotzte geradezu vor Naivität und Überraschung.
    Lacy richtete sich ein wenig auf, was die Frau scheinbar ängstigte. Sie machte einen weiteren Satz zurück.

    Mit der vollen Macht der Stimme sagte Lacy: "Ich tue dir nichts, hab keine Angst. Wer bist du?"
    Die weichen Worte schienen die Frau zu durchdringen und ihre Angst hinwegzufegen.
    Dennoch antwortete sie nicht auf die Frage, als hätte sie sie nicht gehört.
    "Bist du eine Kosarin?"
    Wieder wich die Frau erschrocken zurück
    Welch seltsames Wesen... dachte Lacy.

    Die Paragonin sah sich um. "Wo bin ich hier?" Dann fasste sie sich. "Ich muss zur Basis der Sonnenspeere", meinte sie, doch die Frau schüttelte heftig den Kopf.
    "Nein geh nicht dorthin."
    Lacy konnte ihre Überraschung nicht verbergen.
    "Warum nicht?"
    "Weil du garnicht hier sein solltest...", die Frau senkte ihre Stimme zu einem flüstern. "Das war nicht Teil des Planes"
    "Welchen Planes?" fragte Lacy verwundert.
    "Scytale entführt... Lacy getötet... die Sonnenspeere vernichtet. Die Welt ins Chaos gestürzt. Es beginnt!"
    "Wer bist du?" Die Paragonin empfand Ärger über die Frau aber auch Überraschung. Scytale entführt...? Dann lebt er...?
    "Du spielst ein gefährliches Spiel, Paragoin", entgegnete ihr die Frau nur.
    Nun verlor Lacy die Geduld.
    "Wer bist du?", donnerte sie die Frau an.

    Diese wich erschrocken und ängstlich zurück. "Die Stimme..." stammelte sie... "Ein Paragon setzt sie nicht gegen das wohl eines Menschen ein. Er schwächt nicht seine Feinde..." Sie hielt kurz inne. "Ich... bin nicht dein Feind" Panisch blickte sie umher, als würde sie jemand beobachten, dann senkte sie erneut die Stimme zu einem Flüstern.
    "Hör zu. Du bist nicht tot obwohl du es sein solltest. Vertrau mir einfach. Gehe nicht zurück zu den Sonnenspeeren."
    "Aber ich muss sie warnen. Kourna ist in den Überfall involviert."
    Wieder blickte sich die Frau um: "Da ist noch viel mehr involviert, Paragon. Abbadon selbst hat diese Geschichte geschrieben. Er wird die ganze Welt in die ewige Finsternis stürzen. Es hat begonnen, so glaube mir doch."
    Lacy glaubte der verrückten Frau kein Wort. Als sie den Kopf schüttelte fuhr sie fort.
    "Aber du lebst..." Die Frau lachte gezwungen. "Du lebst, obwohl du tot sein solltest."

    In einiger Entfernung war das Knacken einiger Zweige zu hören.
    Eine Stimme rief: "Ungefähr dort hinten ist sie abgestürzt"
    "Die Kourniere such nach dir", sagte die Frau schnell. "Komm!"
    Sie versuchte Lacys Hand zu packen, doch der Paragon zog sie schnell zurück.
    "Wer bist du?"
    Die Frau sah zu ihr herauf. Sie war ein gutes Stück kleiner als der Paragon.
    "Man nennt mich Nosferatu. Und nun komm, wir müssen fliehen."
    Widerwillig folgte Lacy der Frau, nachdem sie aufgestanden war und ihre Waffen aufgesammelt hatte. Besser als hier zu sterben allemal...

    Kapitel XXVII

    Scytale stapfte durch einen ihm wohl vertrauten Wald.
    Was für ein Traum, dachte er, als er an einer Lichtung ankam, an der er oft Rast gemacht hatte.
    Er wusste garnicht mehr, wie er hier her gekommen war. Das einzige, an das er sich erinnern konnte war dieser seltsame Traum...
    Eine Entführung? In eine andere Welt?

    Er erinnerte sich an andere Träume, die ihn gequält hatten. An dunkle Visionen, wie Komir es nennen würde. Doch dieser hier war so real... viel realer als er dachte...

    Bin ich spazieren gegangen?
    Wie Scytale in den Wald gekommen war, war ihm ein Rätsel.
    Ich erinnere mich garnicht, losgelaufen zu sein. Und warum bin ich in voller Ausrüstung unterwegs?
    Der Paragon gönnte sich keine Rast an der Lichtung. Er wollte nur nach Hause. Zurück zum Komplex.
    War ich auf einer Übung?
    Komir würde sich wundern, wenn einer ihrer Elite Paragone vergaß, was er tun sollte oder gar getan hatte.

    Scytale trottete weiter, bis er den Komplex zwischen einer Reihe Bäume auftauchen sah. Unvermittelt stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus, als hätte er nicht geglaubt, ihn tatsächlich dort zu sehen. Dann ging er über ein kleines Feld und am Haus der Erinnerung vorbei in den Park.

    Wie immer im Sommer war es Still in dem Komplex. Kein Windhauch erlöste die Luft, die ein wenig über dem heißen Steinboden flimmerte.
    Auch Scytale sehnte sich nach dem Schutz der Bäume im Park. Heute war ein ausserorderntlich heißer Tag - selbst für elonische Verhältnisse.

    Sein erster Weg führte unvermittelt zum Brunnen. Er wollte ein wenig seine Kräfte sammeln, bevor er mit Komir sprach.
    Es muss eine Feldübung oder dergleichen gewesen sein... Oder ich habe einfach einen Marsch simuliert.

    Scytales Beine brannten, als wäre er stundenlang unterwegs gewesen. Dann endlich erreichte er den Brunnen und warf sich auf eine der Banken dort - Speer und Schild hatte er unachtsam neben sich gelegt. Hier brauchte er sie nicht mehr.

    Das herrliche Plätschern half ihm sofort, seine Gedanken zu ordnen.
    Ist ja egal was ich gemacht habe.
    Er breitete seine Arme auf der Lehne aus legte sich zurück und genoss den kühlen Schatten der Bäume, gepaart mit der herrlichen Melodie des Wassers.
    Jetzt bin ich zu hause.

    "Scytale, wie schön das du zurück bist." Die raue Stimme näherte sich ihm von rechts. Eine wohl dosierte Mischung aus Freundlichkeit und Autorität. Als er aufblickte sah er in das wettergegerbte Gesicht Komirs, die sich - wie so oft - ebenfalls am Brunnen ausruhen wollte.
    "Wie war deine Übung?"

    Eine Übung also... dachte Scytale und hoffte, einer Peinlichkeit zu entkommen.
    "Danke, alles verlief nach Plan, nur..." der Paragon verstummte.
    Der Marschall legte den Kopf schräg und lächelte; fast ein wenig kindisch.
    "Nur?"
    "Ja... ich weiss auch nicht wie das kam, aber ich bin Eingeschlafen."
    Nun lachten beide.
    "Nun...", meinte Komir. "Du bist diese ewigen Übungen eben einfach Leid."

    Der Marschall legte den Schild und Speer des Paragons ein wenig weiter weg um auf der Bank Platz für sich selbst zu schaffen.

    "Während du weg warst ist hier auch nicht wirklich etwas interessantes passiert", erzählte sie. "Das meiste ist Papierkram und nutzlos obendrein."
    Scytale sah auf den Brunnen.
    Sie fragt mich gar nicht nach meinem Traum, dachte er, und schloss daraus, das den Marschall etwas bedrückte.
    "Und um was handelt es sich?"
    "Ein fester Vertrag mit Kourna"
    "Oh." Der Paragon blickte überrascht zu Komir. "Das nennst du nichts interressantes?"
    "Er ist sehr...", der Marschall rang nach den richtigen Worten "ausführlich... Auf vierundfünfzig Seiten werden exakte Konditionen aufgehandelt..."
    Komir sah ihm in die Augen. "So macht man keinen Frieden, Scytale."

    Dieser lächelte über Komirs besorgten Unterton und zwinkerte. "Wir würden ihn anders machen. Aber das ist Kourna."

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    Scytales Rache
    #11
    XXVIII

    Nosferatu brachte Lacy zu einer Höhle mitten im endlosen Grün und braun des tiefen Waldes. Die ganze Zeit rannte die Paragonin der kleinen, aber schnellen Frau hinterher, die wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Gebüsch lief, sich alle paar Meter umdrehte und kontrollierte, ob sie die Kourniere abgehängt hatten.

    Nun endlich, in der sicheren Höhle ließ die Frau Lacy zu Atem kommen.
    "So!" Der Paragon packte Nosferatu am Kragen ihres zerfetzten Hemds.
    "Ich will jetzt wissen was hier vor sich geht"
    Die Frau wand sich, bis Lacy sie los ließ. Dann setzte sie sich auf einen Baumstumpf in der Höhle und lehnte sich an eine der kalten, steinernen Wände.

    "Ich weiß selbst nicht viel...", begann Nosferatu und legte den Kopf in ihre Hände, bevor sie fort fuhr.
    "Hör zu. Scytale ist auserwählt Abbadon aufzuhalten. Darum kann der dunkle Gott ihn auch nicht töten. Es ist wie ein Schild den er nicht durchdringen kann..."
    "Was sollte Abbadon aufhalten? Er ist ein Gott!" Nun setzte auch Lacy sich auf einen Baumstamm. Ihre Beine schmerzten. Sie hatte von der wilden Jagt durch die Büsche zahlreiche Kratzer abbekommen - nicht wenige davon bluteten. Vorsichtig legte sie eine Hand auf die roten Stellen.

    "Dwayna, Grenth, Melandru, Balthasar, Lyssa und Abbadon. Sie alle unterliegen einer höheren Macht, die Balance zwischen ihnen hält. Wird ein Gott zu mächtig, oder versucht er es, schafft diese Macht einen Ausgleich."
    "Scytale", folgerte Lacy und nickte, obwohl sie noch nicht gänzlich verstand.

    "Abbadon kann ihn nicht töten. Aber er kann ihn festhalten. Entführen. Wegsperren... Und auch dafür gibt es wieder einen Ausgleich." Nosferatu sah auf.
    "Wie meinst du das?"
    "Verstehst du nicht?" Die Frau sprang auf. "Wo immer er nun ist, wir müssen ihn finden und Retten."
    Wieder nickte Lacy, doch sie blieb stumm.
    Wo sollten sie beginnen zu suchen? Ihr Lehrmeister war plötzlich auf dem Schlachtfeld verschwunden...

    Nosferatu antwortete auf die unausgesprochene Frage: "Suche in deiner Vergangenheit. Frage Dwayna. Sie ist dir schon einmal erschienen, weißt du noch?"

    Lacys Augen füllten sich mit Tränen, als sie entsetzt auf sah. Eine Bilderflut erschien vor ihr. Bilder mit ihr und einem Kind... Ihrem Kind. Mehr und mehr Erinnerungen schäumten hoch, als hätte jemand einen Damm eingerissen.
    Wie konnte sie das Vergessen haben? Lacy brachte keinen Ton heraus, doch Nosferatu erzählte die Geschichte, als wäre es ihre eigene.

    "Du lebtest in Chahbeck. Du hattest einen Sohn. Weißt du noch wie er hieß?"
    Lacy schwieg... Tränen liefen ihr über die Wangen.
    "Er hieß Scytale. Weißt du noch warum?" Dieses mal wartete Nosferatu keine Antwort ab sondern sprach sofort weiter. "Weil dir damals als du sieben warst ein kleiner Junge namens Scytale das Leben rettete. Das hast du alles Vergessen?"

    Stille. Dann fand Lacy ihre Worte wieder.

    "Oh Dwayna... was hast du mit mir gemacht?" sie wischte sich die Tränen von den Wangen. Mehr und mehr Erinnerungen schossen auf sie ein...
    Der erste Kosarenüberfall... Angst!... Ein Mann... ein Junge...

    ***

    "Schnell, komm her," schrie eine Stimme, als die kleine Lacy in eine Ecke getrieben worden war. Panisch blickte sie nach oben. Dort, lag ein Junge im Heu einer großen Scheune, der die Hand nach ihr herausstreckte. "Ich zieh dich herauf..."
    Auch das Mädchen streckte die Hand nach ihm aus, doch sie erreichten einander nicht... Ihre Arme waren nicht lang genug.

    "Hilfe!" Lacy schrie auf, als der Kosar sie mit einem hämischen Grinsen packte.
    "Lass sie in Frieden!" kreischte der Junge panisch. Dann sprang er von der Scheune direkt auf den Mann und schlug wild um sich. Dieser ließ sein Messer fallen, das er in der rechten Hand gehalten hatte und ließ von dem Mädchen ab welches sich hastig in eine Ecke flüchtete und dort zusammen kauerte.

    Der Junge krallte sich an den Kopf des Kosaren und trat immer wieder mit seinen Beinen um sich. "Lass sie in ruhe. Lass sie in Ruhe!", schrie er dabei immer wieder.
    Mit einem kräftigen Ruck warf der Kosar den Jungen ab und taumelte ein paar Schritte nach hinten.
    Diese Gelegenheit nutzte das Kind und nahm das Messer. Noch ehe der Mann reagieren konnte hatte er es ihm in den Bauch gestoßen...

    ***

    Die Paragonin brauchte einige Zeit, bis sie sich wieder fassen konnte.
    "Neun Jahre später brachtest du ein Kind zur Welt, das du zu Ehren dieses kleinen Jungens Scytale nanntest."
    Wieder nickte Lacy.
    "Weisst du noch was mit dem Jungen passiert ist?"
    Eine neue Bilderflut durchdrang Lacy...
    Bilder des Abschieds. Uniformierte Männer... eine Frau... Komir...
    "Er ist zu den Sonnenspeeren gegangen."
    Und wieder schossen Tränen der Erkenntnis über ihre Wangen.
    "Scytale!"

    Nun war Nosferatu es, die nickte.
    "Er ist vier Jahre Älter als ich... Und damals als ich sieben war war der Junge elf..."
    Lacy konnte es kaum fassen.
    "Warum hat er nichts gesagt? Und warum habe ich nichts gemerkt?"
    "Du hast vergessen..."
    "Warum?" Lacys Stimme war nicht viel mehr als ein flüstern. "Warum habe ich mein Kind vergessen? Und den Jungen... Warum?"
    Nosferatu zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht", sagte sie mit weicher Stimme, eines Paragons würdig.
    "Ich denke du bist Teil eines großen Planes. Dwayna wollte es so."

    "Was ist mit meinem Kind?" Lacy Augen hatten schon fast keine Tränen mehr als sie an den zweiten Kosarenüberfall auf Chahbeck vor einem Tag dachte. "Er müsste nun neun sein. Oh Dwayna! Er müsste in Chahbeck sein!" mehr und mehr mischte sich Panik in ihren Unterton.
    "Warum hast du ihn alleine gelassen?"
    "Dwayna. Sie hat es mir befohlen. sie erschien mir eines Tages und verlangte ich solle ihn alleine in Chahbeck lassen und zu den Sonnenspeeren gehen."
    Nosferatu nahm Lacys Hand.
    "Und ich habe gehorcht", sagte diese, den Blick auf den Boden gerichtet. "Er war erst fünf... Und ich habe ihn alleine gelassen..."

    "Du hast das Richtige getan, glaube mir. Die Götter wissen was sie tun."
    Lacy versuchte zu lächeln, doch es wirkte für einen Paragon viel zu gezwungen.
    "Du weißt jetzt, wo wir suchen müssen, Lacy?"
    Die Paragonin atmete tief durch, dann stand sie auf. "Die Kosaren werden mittlerweile von der Verstärkung vertrieben worden sein, die Komir nach dem Ausbleiben unseres Berichts zweifellos entsandt haben wird, oder sogar selbst von Chahbeck abgelassen haben. Suchen wir diese Scheune."

    Kapitel XXIX

    Scytale lag in seinem Bett im Zimmer und dachte an den vergangenen Tag. Wie herrlich es war, einfach den Frieden und die Ruhe in der Sonnenspeerbasis zu genießen. Keine großartigen Reden wie in Vaabi; keine Hektik oder Stress weil irgend etwas seiner Meinung nach absolut belangloses noch nicht ausgefüllt, unterzeichnet oder vorbereitet war.

    Wie er es des öfteren abends tat, hatte er sich zu den anderen Paragonen gesetzt, ihnen Geschichten erzählt oder den Ihren gelauscht und dabei neben einem Kartenspiel gemütlich einen Traubensaft getrunken. Entspannt breitete er seine Arme in dem Bett aus und ließ die Nacht seinen Körper etwas abkühlen, bevor er sich die dünne Bettdecke über die Brust zog.

    Schnell war er in das reich der Träume entglitten.

    ***

    Scytale lag auf nacktem Grund - über ihm ein Sternenmeer. Er richtete sich auf und sah sich um. Wo war er hier? Im Zwielicht der Sterne erkannte er die Umrisse einer bergigen Landschaft. Schluchten und Anhöhen durchzogen das Land. Unvermittelt beugte er sich und tastete den Boden ab.
    Er war hart aber doch kein Stein wie er zuerst dachte...
    Erde? nein...
    Er kratzte mit den Fingernägeln ein wenig über den Grund und nahm eine Hand voll auf und zerdrückte die Klumpen. Langsam rieselte die seltsame Substanz durch seine Finger.
    Asche!

    Ein Blitz schoss durch den wolkenlosen Himmel. Ein Donnern das allgegenwärtig schien...
    Scytale zuckte zusammen und sah sich erneut um.
    Instinktiv rief er seinen Speer, welcher tatsächlich den Weg in seine Hand zu finden schien.

    Ein vorsichtiger Schritt, und plötzlich wechselte die Szenerie.
    Als wäre er durch ein Portal gegangen trat Scytale mit dem Fuß auf weiches Heu. Vor seinen Augen verschwamm die karge Landschaft. Die Sterne bildeten ein Gerüst auf Holz, das sich zu einem Dachgestell ausdehnte; aus den Bergen und Schluchten wurden Wände. Aus der Asche Heu und Stroh.

    Völlig überrascht von der plötzlich wechselnden Untergrundbeschaffenheit stürzte Scytale. Schnell - fast panisch - richtete er sich auf und sah sich wieder um.
    Sein Mund war geöffnet, sein Atem raste.
    Was geschieht hier mit mir?

    Er sah einen Jungen im Heu an einer Lastentür liegen. Er war milchig weiß, wie ein Soldat einer Phantomarmee bei der letzten Prüfung eines Paragons.
    "Schnell, komm her!", schrie der Junge einem ebenfalls milchig-durchsichtigen Mädchen zu, das außerhalb der Scheune unter ihnen war.
    Erst jetzt realisierte der Paragon die Schreie und den Lärm des Kampfes.
    Der Kosarenüberfall!

    Erinnerungen! Vergangenheit! Angst!
    Ich war dieser Junge!

    Er sah ihn springen, sah in Kämpfen. Wie erstarrt stand er da. Der junge trat um sich, aber er schien dem Mann nichts anhaben zu können. Verzweifelt krallte er sich an dessen Kopf fest doch dann warf ihn der Kosar ab.
    "Nein!"
    Scytale schrie, doch er brachte keinen Ton heraus.
    Mit einem kräftigen Schwung warf er reflexartig seinen Speer nach dem Mann und traf ihn in den Bauch. Dieser taumelte ein wenig nach hinten.

    Dann sah Scytale den Jungen, wie er mit seinem Messer in genau die selbe Stelle stach in der der Speer gelandet war und immernoch aus dem Körper klaffte.
    Doch der Junge ignorierte die Waffe einfach. Seine Hände glitten durch sie hindurch und rammten dem Mann sein eigenes Messer, das er vorher hatte fallen lassen, in die Wunde.

    Plötzlich spürte Scytale einen Blick...
    Vorsichtig blickte er über seine Schulter und sah in die toten Augen einer entstellten Fratze, keinen halben Meter hinter ihm. Eine Wesen, dessen Gesicht eingefallen und käseweiß war.
    Erschrocken machte der Paragon einen Satz nach hinten und rief seinen Speer, doch die Erscheinung verfiel vor seinen Augen zu Asche, die zu Boden rieselte und zwischen dem Heu verschwand.
    "Was bei Lyssa geht hier vor sich?"
    Nun zierte Panik und Entsetzen das Gesicht des Paragons.

    Die Scheune begann sich um ihn herum zu drehen. Er vernahm eine Stimme im Gewirr der Kampfgetümmels, das von außen an sein Ohr drang, nun aber aus einer immer weiteren Entfernung zu kommen schien.
    "Noch bist du nicht bereit, Scytale."
    Zu was? Zu was bin ich nicht bereit?
    Der Paragon brachte kein Wort heraus, sondern sah nur hektisch hin und her auf die sich schneller und schneller drehende Scheune...
    "Um die Vergangenheit zu ändern."

    Die Scheune war nur noch ein verschwommener Schleier vor seinen tränenden Augen, die Brannten als lägen sie im Feuer selbst. Der Paragon kniff sie zusammen, ließ den Speer fallen und rieb sie mit beiden Händen.

    "Warte!"
    Eine wohl vertraute Stimme drang an sein Ohr, doch er wusste nicht, wem sie gehörte.
    Die Worte waren Dumpf und schienen von einer anderen Welt zu kommen.
    Er vernahm sie ganz leise.
    "Du bist Scytale, ein Elite Paragon der Sonnenspeere"
    Wer bist du?
    Benommenheit breitete sich in seinem Kopf aus. Er nahm die Hände von den Augen und legte die rechte an die Stirn. Doch er konnte nichts erkennen in der Dunkelheit.
    Vor seinem Blick blieb die Welt so schwarz wie das Gefühl, das sich in einem Kopf ausbreitete.

    Seine Gedanken wurden träger und träger.
    "Ich bin Lacy. Verstehst du? LA-CY! L A C..."
    Dann verlor der Paragon das Bewusstsein.

    Kapitel XXX

    "Wir sind zu spät. Ich... ich konnte ihn fühlen. Hier, vor mir. Aber jetzt er ist weg. Er ist weg..."
    Lacy und Nosferatu standen in der Scheune. Der Atem der Paragonin raste vor Aufregung. Bis sie den weiten Weg durch den Dschungel geschlichen waren hatte sich der Abend über Elona gelegt.
    "Er kam zu früh... warum war er so früh hier her?" Nosferatu schüttelte den Kopf, dann kniete sie sich auf das Heu und wühlte mit den Händen drin herum, als suche sie etwas.
    "Er kann nicht zu früh hier gewesen sein", sagte sie mehr zu sich selbst als zu Lacy.
    "Alles hat seine Zeit." Dann nahm ihre Stimme eine Tonlage an, wie ihn Lacy noch nie gehört hatte. Pures entsetzen bildete sich auf dem Gesicht des Paragons ab, als Nosferatu die Worte sprach:
    "Abbadon ist zu mächtig geworden!" Die zerlumpte Frau sagte das mit der Härte eines Donnerschlags und in ihren Augen loderte eine tief rote Glut.

    "Wer bist du?", fragte Lacy.
    "Nosferatu. Reicht das nicht?" Die Stimme der Frau hatte wieder ihren normalen Ton angenommen.
    "Nein!" Der Paragon wandelte ihren Schock in Rage. "Ich will wissen wer du bist. Woher weisst du so viel über uns? Über unsere Vergangenheit? Über unsere Geschichte. Die Zukunft..." Mit jeder Frage wurde ihre Stimme fordernder und härter.

    Zu Lacys erstaunen lachte die Frau lediglich auf.
    "Frage nicht", sagte sie dann in einem derart bestimmenden Tonfall das Lacy verstummte. War es Magie? Beherrschte diese Frau die Macht der Stimme?
    Die Paragonin brachte kein einziges Wort heraus. Allmählich verstand sie, das es sich bei Nosferatu um mehr handelte, als nur um eine einfache Frau.
    Vielleicht hat Dwayna jemanden Geschickt, der mir helfen soll...

    Irgend etwas sagte Lacy, die Frau wusste was sie dachte. Doch Nosferatu war nichts anzumerken.
    Sie sagte nur: "Lass uns gehen"
    Lacy wollte fragen wohin, doch sie brachte nach wie vor keine Ton heraus.
    Die Frau richtete sich auf, ließ etwas in ihrer Tasche verschwinden und drehte sich zu ihr um.
    "Sei froh, es gibt noch viel hässlichere Flüche als die Stimmminderheit."

    Dann verließen beide die Scheune und Chahbeck.

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    IGN (GW1)
    Scytales Rache
    #12
    Kapitel XXXI

    Schweißgebadet schreckte Scytale aus seinem Bett empor.
    Was war das? Noch immer raste sein Atem als er seine Antwort fand.
    Ein Traum... Das alles war nur ein Traum...

    Er stand auf.
    La... Lacy oder so... Wer ist lacy?
    Der Paragon trat ans Fenster und blickte auf den Park, den die Schwärze der Nacht verschluckt hatte.
    Ein eiskalter Windhauch blies ihm ins Gesicht.
    Er rieb seine Augen, die immer noch brannten.
    Lacy... Lacy...
    miss willig schüttelte er den Kopf. Selbst das wiederholte aussprechen des Namens brachte ihn nicht auf eine Antwort.
    Ich bin ein Elite Paragon der Sonnenspeere... warum sagt sie mir das?

    Scytale zog sich an. Er würde diese Nacht ohnehin nicht mehr schlafen können.
    Die Scheune... Ich bin nicht bereit die Vergangenheit zu ändern?
    Die Szene spielte sich erneut vor seinem geistigen Auge ab.
    Die Fratze... Dieses grauenhafte Gesicht...

    Langsam tastete sich der Paragon durch den Flur des Komplexes, die Treppen hinunter und hinaus in den Park.
    Normalerweise erhellten Lampen den Gang, auch des nachts. Doch heute schien man sie vergessen zu haben, was Scytale jedoch stark verwunderte.
    Doch es machte ihm nichts. Wie oft war er diesen weg schon gegangen? Er hätte die Stufen blind gehen können, auch wenn ihm Licht letztendlich doch lieber gewesen wäre...

    Draußen angekommen schlug ihm eine Eiseskälte entgegen. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus und er fuhr zusammen.
    Warum ist es so kalt?

    Er blickte zum klaren Nachthimmel, den lediglich ein paar Sterne erhellten. Neumond?
    Vor ihm hüllte sich der Park in einen finsteren Schleier und vermittelte ihm ein beklemmendes Gefühl.
    Dennoch trat er Schritt für Schritt auf den Wald zu, fast wie in einer art Trance.

    Den Weg zum Brunnen kannte er auswendig, doch als er ihn ging fuhr eine ihm bislang unbekannte angst in seine Knochen. Er sah sich öfters um, als könnte er in der absoluten Schwärze einen angreifenden Wolf erkennen.
    Eiskalte Böen ließen sowohl die Bäume als auch ihn erzittern.

    Dann endlich drang zwischen dem Rascheln der Blätter und Äste ein ihm wohl vertrautes Plätschern.

    Er setze sich auf eine der Banken und erinnerte sich erneut an den Traum.
    Lacy... Der junge... Das Mädchen... Der Kosar... Ich bin der Junge... Die Vergangenheit ändern... Ich ändere die Vergangenheit.
    "Was ist passiert?" er stellte die Frage gegen das Geräusch des plantschenden Wassers und den Wind, wegen dem er sich auf der Bank zusammen kauern musste.
    "Was ist passiert, das ich es ändern müsste..."

    "Du hast geträumt, Scytale. Nichts weiter. Lediglich ein Alptraum."
    Erschrocken fuhr der Paragon zusammen, als er Komirs Stimme hörte.
    Ein Alptraum, brannte sich in sein Bewusstsein.
    Er sprang auf und drehte sich in die Richtung, aus der er die Stimme vermutete, doch er konnte in der schwärze nichts erkennen.

    "Komir." Er versagte beim Versuch zu lächeln und einen sanften Unterton in seine Stimme zu bringen.
    Ein Alptraum?
    "Kannst du auch nicht schlafen?"
    "Ich hatte noch zu tun...", meinte die Marschallin.

    "Ich habe von einer Scheune geträumt...", begann Scytale, der Komir immer von seinen Träumen erzählte. Doch sie blockte mit einer Kälte ab, die ihn erschauern ließ.
    "Es war nur ein Traum", entgegnete sie.

    Nur ein Traum? Lediglich ein Alptraum? War es nicht Komir, die immer mehr in seinen Träumen gesehen hatte?
    Unsicherheit breitete sich in dem Paragon aus.
    Irgend etwas stimmt hier nicht!

    Plötzlich rannte Scytale auf Komir zu und legte seine Arme um den Speermarschall.
    Er hatte keine Ahnung was er da tat. Als hätte eine fremde Macht die Kontrolle über sein Bewusstsein erlangt legte er die Hand auf Komirs rücken.

    Doch statt der erwarteten Kleidung oder Haut spürte er den gezackten Rücken einer nackten Wirbelsäule.
    Knochen?
    Der Paragon erzitterte, riss sich los und gewann einige Zentimeter Abstand.

    Ein Blitz stieß durch die Luft und offerierte den Blick auf ein Skelett, dessen Augen rot zu leuchten begannen.
    "Und er ist noch nicht vorbei!"
    Scytale schrie auf. Ein heftiger Schmerz durchzog seinen Kopf und er griff sich mit den Händen an die Schläfen.

    Er schloss seine Augen... Riss sie wieder auf...
    So plötzlich wie er gekommen war, verschwand der Schmerz. Unter sich spürte er die weiche Matratze seines Bettes.
    Ein Alptraum...
    Noch immer raste der Atem des Paragons.
    Zitternd stand er auf und ging zum Fenster.

    Ein eiskalter Hauch blies ihm ins Gesicht, als er über den komplett schwarzen Park blickte.
    "Nein!" schrie er auf. Seine Stimme zitterte.
    Schmerz!
    Der Paragon fiel Rücklinks zu Boden.
    Du bist Scytale, ein Elite Paragon der Sonnenspeere, schoss es durch seinen Kopf.
    Dann erinnerte er sich.
    "Lacy! Oh Lyssa...! Lacy!"
    Vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte. Die Welt um ihn herum schien sich zu drehen.
    Die Vergangenheit ändern... Die Vergangenheit ändern!

    Als der Paragon seine Augen öffnete sah er lediglich einen schwachen, von rechts kommenden Schein.
    Zitternd drehte er sich um und erkannte einen Abgrund.
    Er brauchte nicht erst hin zu gehen, um zu wissen das dort, tief im Abgrund die Sterne lagen. Das das der Ort war, an dem er Stundenlang entlang gegangen war.

    Ein Traum?
    Scytale hatte keine Kraft mehr.
    Was ist ein Traum? Was ist real?
    Er schloss die Augen und betete, das es vorbei gehen würde...

    Kapitel XXXII

    Lacy kam es wie eine Ewigkeit vor, bis Nosferatus Fluch verstummte. Dann wagte sie nicht mehr nach der Frau zu fragen. Beide gingen durch die Nacht zurück zum Unterschlupf.

    Erst als sie dort angekommen waren, fragte Lacy entmutigt: "Und jetzt?"
    "Fahranur."
    Nosferatus Stimme hüllte sich in einen geheimnisvollen Tonfall.
    "Die erste Stadt? Was ist damit?"
    "Komir lässt dort Ausgrabungen abwickeln. Dort werden die Barrieren zwischen dem Reich der Qual und unserer Welt zum ersten mal geschwächt werden."
    Lacy sprang entsetzt auf als sie Begriff, was für eine Gefahr für die ganze Welt damit verbunden war."Dann müssen wir sie Aufhalten"

    "Nein. Wenn wir Scytale retten wollen müssen wir ihr sagen, wo sie suchen soll."
    Noch ehe Lacy ihre Worte wiederfand sprach Nosferatu weiter.
    "Doch zuvor legst du dich etwas schlafen." Wieder floss die Stimmmacht in ihre Worte.
    "Du spielst ein riskantes Spiel, Nosferatu." Lacy gelang es nicht, einen bedrohlichen Unterton zu simulieren.
    "Das Schicksal ist vorbestimmt. Solange ihr nicht versagt, gehen wir kein unnötiges Risiko ein. Vertraue mir!"

    Lacy war zwar weder müde noch hatte sie große Lust zu schlafen, doch sie entschied sich, Nosferatu besser nicht zu widersprechen.
    Sie Legte sich auf eine Matte in einer Ecke der Höhle.
    Wer immer diese Frau ist, sie ist sehr, sehr gefährlich, dachte sie... dann war sie eingeschlafen.

    Kapitel XXXIII

    Krieg zwischen Istan und Kourna. Noch immer konnte Komir es nicht fassen, dabei waren die Vorbereitungen längst im Gange.
    Die Rekruten wurden zusammengezogen, Vorräte wurden angelegt, Militärausrüstung in Bereitschaft versetzt, Waffen verteilt und die Schiffe Seetüchtig gemacht.
    Auf dem Schreibtisch vor ihr lag eine kurze schriftliche Botschaft:

    "Hiermit erklärt Ihnen Kourna den Krieg. Gezeichnet, Varesh Ossa, Kriegsherrin der kournischen Phalanxen."

    Doch der Marschall beschäftigte sich gerade mit einem viel mysteriöserem Problem.
    Eine Botschaft aus Fahranur hatte ihre Aufmerksamkeit erregt:

    "Komplettes Ausgrabungsteam in Fahranur verloren. Grund unbekannt. Haben Besorgnis erregende, glühende violette Zeichen auf ihren Körpern entdeckt."

    Sofort hatte Komir entschlossen, sich die Sache selbst anzusehen. Doch zuerst musste sie noch ein knappes Hilfegesuch an Vaabi schreiben, das sie einem Kurier in die Hand drücken würde, bevor sie aufbrach.

    Wenig später suchte sie ihre Rüstung zusammen - sie wollte lieber auf Nummer sicher gehen, falls diese Zeichen eine Gefahr bedeuten sollten - und ließ nach einem Team schicken, das mit ihr gehen sollte.

    Als sie sich umgezogen hatte verließ sie ihr Arbeitszimmer. Das Team wartete bereits vor ihrer schweren Holztür. Ein paar knappe Worte der Begrüßung und die drei Männer und die Frau folgten ihrer Marschallin aus der Basis, die nun fast völlig verlassen war, da so gut wie jeder Paragon mit den Kriegsvorbereitungen beschäftigt war.

    Komir rief ihre Flügel durch das Anspannen eines Muskels, von dem ihr Team nicht mal wusste, das es ihn gab. Während sich ihre Schwingen von dem typischen goldenen Schimmer in ein glänzendes weißes Gefieder verwandelten hörte sie die Ballade, mit deren Hilfe die anderen ihre Flügel rufen mussten.
    Unwillkürlich musste sie an den Brunnen im Park denken, von denen die Paragone auch nicht realisiert hatten, das das eigentlich kein Trinkwasser war - obgleich sie es ihnen immer wieder gesagt hatte.
    Es gibt viel was sie nicht wissen. Die Marschallin lächelte. Hauptsache, man weiß das Wichtige.

    Endlich hatten auch die Flügel der anderen ihre feste Konsistenz erlangt. Komir stieß sich mit einem kräftigen Schwung ab; die anderen folgten ihr.

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    Scytales Rache
    #13
    Kapitel XXXIV

    Minuten schlichten vorüber wie Jahre voller Einsamkeit. Endlos dehnte sich die Zeit, die Scytale am Abgrund stand; später saß und nun doch wieder lag. Die Hände vor den Augen; noch immer brannten sie als läge ein Fluch auf ihm.
    Was soll ich tun?
    Zum wievielten Mal stellte er sich nun diese Frage?
    Die schwarzen Schluchten hinter mir erkunden? Meine Flügel rufen und in den Abgrund springen?
    Ein säuseln; ein kühler Windhauch.

    "Scytale"... nur ganz ganz leise vernahm der Paragon die Stimme im Wind.
    Bin ich Wahnsinnig? Träume ich?
    Er hatte keine Kraft sich aufzurichten; wollte die Hände nicht von den Augen nehmen...
    "Scytale..."
    Eine Frau? Lacy?
    Eine Brise erfasste sein Haar.
    "Scytale."
    Nun nahm er doch langsam die Hände von den Augen und blinzelte ins Zwielicht des von den wenigen Sternen neben ihm tief unten im Abgrund erleuchteten Firmaments.
    "Scytale!" Kein leises säuseln mehr im Wind, keine Stimme von weiter ferne, sondern ein Schrei, als käme er aus den Wolken selbst.
    "Flieh!“
    Erschrocken richtete sich der Paragon auf. Aus der Brise wurde ein immer stärkerer Wind, der ihn Richtung Abgrund drängte.
    Als er Aufstand richtete er seinen Blick auf die zerklüftete Landschaft. Er erkannte schwarze Schatten im dunklen über den kargen Boden huschen. Entsetzt wich er einem angreifenden Untier aus; eine Bestie, die er gerade noch rechtzeitig erkannte. Scharfe Zähne zierten das grausam entstellte Gesicht der Kreatur. Und hunderte weitere konnte er in der Dunkelheit ausmachen.

    "Flieh!" schrie wieder die Stimme von oben. Scytale trat einige Schritte auf den Abgrund zu, bis er direkt vor der Klippe stand. Unter ihm funkelten die Sterne in ihrem gelben Licht und blendeten ihn fast, als er zu ihnen herab sah.
    Vor ihm kamen die Bestien immer näher. Der ganze Horizont schien von ihenen geschwärzt zu werden; er sah die Schatten über Klippen springen, aus Löchern kriechen über Ebenen laufen...

    Der Paragon rief seinen Speer, doch er erkannte das er keine chance haben würde.
    Er holt tief luft; dann sprang er über die Klippe, auf die Sterne zu.

    Während des Falls versuchte er seine Flügel zu rufen; er spannte seine Muskeln an; ließ locker; spannte sie an...
    Dann Stimmte er eine Ballade an.

    Immer näher schienen die Sterne zu kommen, bis sie vor seinem Auge verschwammen. Scytale konnte kaum mehr Atmen, als er schneller und schneller wurde. Die Luft schlug ihm ins Gesicht wie Wasser beim Eintauchen in das Meer.
    Seine Stimme zitterte als er die Ballade sang. Wort für Wort quälte er sich durch den Text während er fiel.
    Irgendetwas raste an ihm vorbei. Er konnte es nicht erkennen, doch dieses etwas striff seine Rüstung und brachte seinen Flug aus der Bahn.

    Er dachte an Komirs Worte, die sie jedem Paragon von Beginn seiner Ausbildung an immer wieder einprägte: "Ihr kämpft niemals allein!"
    Jetzt bin ich allein!
    Scytales Stimme versagte gegen den Luftdruck. Wieder raste etwas an ihm vorbei; so schnell das er nur den Luftzug spürte.

    Die Sterne waren zu einem breiten Lichterband verschwommen, das seine tränenden Augen tanzen ließen.
    Die Stimme vorhin... Ich bin nicht alleine.
    "Fliege, Scytale"
    Der Paragon schloss die Augen.
    Endlich spürte er seine Schwingen, und legte sie vorsichtig gegen den Luftstrom.

    Eine kleine Bewegung änderte seinen Kurs und riss ihn in die Horizontale. Er hatte es geschafft die Energie des Falles umzuleiten in seinen Flug, den er nun abbremste.

    Als er seine Augen öffnete bot sich vor ihm ein Universum aus funkelnden Sternen und bizarren Formen.
    Wie Terrassen schwebten Felsbrocken durch das von allen seiten durch Sterne erhellte All.
    Das Gelb der fernen Punkte brach sich bei den Plattformen zu einem Blauton, welcher die Umgebung in eine unheimliche Schönheit verwandelte.

    Scytale flog nach Atem ringend durch dieses Labyrinth aus Plattformen, bis ein kleines Licht vor ihm erschien.
    Wie eine Fee flog es vor ihm hin und her und schien zu ihm zu sprechen:
    "Folge mir. Ich zeige dir den Weg."

    Wie hypnotisiert flog der Paragon dem Licht hinterher. Es war wunderschön; weich und warm. Seine Augen brannten nicht mehr; der Wind hatte sich gelegt.
    Er war sich nicht einmal mehr sicher, ob hier überhaupt Luft war, denn so schnell er auch flog; er spürte keinen Wind mehr. Doch er konnte Atmen. Oder war dies wieder nur ein Traum?

    Das Licht flog auf eine besonders große Plattform zu, der wie ein Kontinent in dem Inselmeer aus Felsen wirkte, und kam, wenig über dem Stein schwebend zum Stillstand.
    Zaghaft landete der Paragon auf der Plattform und trat einige Schritte auf das Licht zu. Doch kurz bevor er es berühren konnte, verblasste es, und ließ ihn auf der Ebene alleine.

    Kapitel XXXV

    "Der Schild ist geschwächt; Komir ist weg und die Götter scheinen mit anderen Dingen Beschäftigt zu sein", donnerte Abbadons Stimme durch die Unendlichkeit, in der Varesh sich zu befinden schien.
    "Du weißt was das heißt."
    Die Kriegsherrin ließ sich nicht von den grausamen Schmerzen in ihrem Kopf abhalten zu lachen.
    "Ja, allmächtiger Abbadon. Ich werde das Ritual wirken." Wieder lachte sie auf. "Wir werden den Sonnenspeeren einen Stoß versetzen. Direkt in ihr Herz!"
    "Bereite das Ritual vor. Sie werden uns diese Gelegenheit nicht lange offen lassen..."

    *****

    Einen Tag nachdem Komir mit ihrem Trupp losgeflogen war stand Pepe allein in seiner Bar im Rekrutenhaus und blickte aus dem Fenster auf den Park.
    Seit selbst die Marschallin fort war fühlte er sich, als wäre er der letzte in der Basis. Wie immer im Sommer war die Bar nicht gut besucht. Doch nun, seit die Kriegsvorbereitungen in vollem Gange waren, war es trostloser denn je zuvor.
    Nur ein paar Bedienstete schauten ab und an vorbei und tranken ein Glas Wasser.

    Sein Blick fiel auf den tadellos blauen Himmel und die von der Sonne beschienenen Bäume des Parks, der sich mehr und mehr zwischen die U-form des Hauptgebäudekomplexes zwängte. Er ahnte wo der Brunnen war; der Mittelpunkt der ganzen Anlage, doch er konnte ihn von seiner Position aus nicht sehen. Zu viele Bäume versperrten ihm den Weg.

    Er blickte gerne aus dem Fenster. So sah er die Schönheit der Basis aus der kühlen Bar heraus. Es war Mittagszeit und die Sonne brannte bestimmt unerbittlich auf die Erde nieder. Pepe blickte gen Himmel. Wie so oft verlor er sich in dem blau des Ozeans.

    Gedankenverlorenen erkannte er zuerst gar nicht das sich langsam vom Himmel nähernde weiße Licht.
    Wie ein Meteor raste ein greller Streifen gen Boden.
    Dann sah Pepe ihn. Überrascht und verwundert sah er durch das Fenster, entschied sich dann aber doch, sich das ganze außerhalb des Gebäudes anzusehen.

    Er eilte in die Hitze des Mittags und richtet seinen Blick wieder dem Lichtstreifen entgegen, wie er größer und größer wurde.

    "Wow. Er ist wunderschön!", staunte er, als er sah, wie das Licht in der Mitte des Parks einschlug.
    "Wunderschön..."
    Dann tat er seinen letzten Atemzug...

    In einer gewaltigen Explosion riss sich die geballte Energie aus dem Strahl und donnerte über die Bäume des Parks. Der Brunnen zerschmolz zu einem unförmigen Steinklumpen; die Bäume verloren ihre Blätter, bevor sogar ihre Stämme entwurzelt wurden und zu brennen begannen. Die Druckwelle breitete sich rasend schnell aus und ließ die Fenster der Sonnenspeergebäude bersten.
    Die Erde erzitterte, als die Explosion ihren Weg durch den massiven Stein der Basis bahnte. Wie eine Streichhölzer wurden die Mauern fortgerissen; die Dächer stürzten ein oder flogen einfach davon und die große Kuppel der Basis brach in sich zusammen.

    Innerhalb weniger Sekunden war der gesamte Komplex mit allen noch verbliebenen Aushilfen und Paragonen ausgelöscht.
    Niemand hörte Vareshs grausames Lachen das durch die verbrannte Luft drang.

    Kapitel XXXVI

    Sie hätten so schnell in Fahranur sein können wenn sie doch nur fliegen hätte können...
    Lacys derzeit nicht vorhandene Flügel schmerzten. Ein seltsamer Schmerz, deren Ursprung sie nicht lokalisieren konnte...
    Er schien tief in ihrem Rücken zu sitzen, doch sie ignorierte das Bohren und Brennen, als sie gemeinsam mit Nosferatu durch den Dschungel stapfte - immer auf der Hut vor eventuellen Patrouillen der Kourniere, die immer noch nach ihnen zu suchen schienen.

    Über Stunden sprachen die beiden kein Wort, was Nosferatu ganz recht zu sein schien. Dabei hätte es für Lacy so viel zu sagen; so viel zu erfragen gegeben...
    Die Frau war ihr ein einziges Rätsel, und doch kreisten ihre Gedanken mehr um Scytale als um die Magie der Alten.

    Fahranur ist der Schlüssel? Lacy fragte sich allmählich, ob sie der Frau überhaupt trauen konnte. Doch nun war es zu spät. Was immer in der Scheune in Chahbeck geschehen war, sie hatte Kontakt zu ihm. Er lebte!
    Sie wusste gar nicht, warum sie ihn so unbedingt wiedersehen wollte.
    Freundschaft, oder liebe?

    Nosferatus Blick brachte sie auf andere Gedanken; fast, als könnte sie es steuern.
    "Dort vorne ist die Ausgrabungsstätte. Komir ist seit Gestern hier."
    Urplötzlich hielt Nosferatu in ihrer Bewegung inne. Ihre Kinnlade klappte nach unten.
    "Oh nein, was hast du getan, Abbadon?" flüsterte sie, bevor sie sich zu Lacy umdrehte und sie mit blutrot leuchtenden Augen anstarrte.
    Die Knie der Paragons wurden weich - wie schon damals in der Scheune.
    "Was ist passiert?" Lacy tadelte sich selbst über das Zusammenbrechen ihrer Stimme. Warum konnte sie in Nosferatus Anwesenheit nicht ihre Stimmmacht entfalten?

    "Die Sonnenspeerbasis wurde ausgelöscht...“ und dann: „Die Götter sind unachtsam geworden."
    "Was?" Lacys Augen füllten sich mit Tränen, doch noch immer Realisierte sie nicht, was das hieß. "Komir?" Mehr brachte sie nicht heraus.
    "Komir geht es gut. Sie ist ja an der Ausgrabungsstätte. Aber das Zentrum der Sonnenspeere wurde ausgelöscht. Mitsamt sieben Paragonen und vierundfünfzig Aushilfen." Nosferatus Augen nahmen wieder ihre typische schwarze Farbe an. "Auch ein gewisser Pepe ist umgekommen. Er müsste dir etwas sagen."

    Lacy erinnerte sich an die eine Begegnung, als Scytale und sie trainiert hatten und nach diesen letzten Übungen vor der Prüfung in die Bar zu Pepe gegangen waren.
    Von heute aus gesehen war die Welt damals noch in Ordnung. Kein Krieg, kein Überfall, kein Verschwinden... Sie hätte einfach Leben können, leben, arbeiten, lernen. Doch sie hatte sich den Alltag voll geladen mit Aufgaben. Zu viel Arbeit, zu viel Lernerei. Nie hatte sie sich Zeit genommen das Mosaik in der Empfangshalle näher zu betrachten. Den Schmuck der Basis zu betrachten - all das was den mächtigen Komplex von den anderen Anwesen adliger Bürger unterschied - wäre ihr immer eine verschwendete Zeit gewesen. Dinge, die sie nach ihrer Prüfung nachholen wollte... Dinge, die nun verloren waren.

    "Die Basis ist nun unwichtig. Wenn Scytale der Schlüssel ist, wie du sagst, dann müssen wir ihn so schnell wie Möglich finden."
    Lacy rechnete mit einer Erwiderung wie: Alles braucht seine Zeit, doch Nosferatu schien viel von ihrer überlegenen Ruhe verloren zu haben.
    "Du hast recht, Lacy. Ehe Abbadon noch mächtiger wird..."

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    Scytales Rache
    #14
    Kapitel XXXVII

    Sie brauchten Stunden, um zur Ausgrabungsstätte zu gelangen. Als sie sie endlich erreicht hatten bot sich vor ihnen ein chaotisches Bild. Überall liefen Ausgräber hecktisch hin und her. Berge voll Erde wechselten sich ab mit Steinernen Mauerstücken. Hier und da war vereinzelt ein Zelt...

    "Hey, wo ist Komir?" Lacy achtete nicht besonders auf ihre Stimme, weshalb sie ungewohnt hart klang, als sie einen Gehilfen ansprach.
    "Komir..." Der Junge hielt inne und musterte Lacys Rüstung. "Die Marschallin ist in ihrem Zelt", meinte er, als er erkannte wer Lacy war. Er deutete mit den schmutzigen Fingern in Richtung der Unterkünfte.
    Ein knappes Wort des Dankes fuhr über die Lippen der Paragonin und schon machten sie sich auf zu ihrem Zelt. Auch der Junge setzte seine Arbeit fort.

    Komir war gerade im Gespräch mit ihrem Trupp, als Lacy und Nosferatu auf sie stießen.
    Überrascht hielten die Offiziere inne. Auch der Marschallin schien ein Stein vom Herzen zu fallen, als sie ihre beste Rekrutin erkannte.
    "Lacy. Wie freut es mich, das du nicht tot bist." Sie lächelten sich an. Komir ergriff ihre Arme. "Erzähl, was ist Passiert? Wo ist Scytale?"
    "Scytale ist... verschwunden. Wir wissen nicht wo er ist. Die Kourniere haben in unseren Kampf interveniert. Unsere Gruppe wurde getötet. Ich wurde verletzt..."
    Komir verzog keine Miene. Anscheinend wusste sie das alles Bereits.
    "Komir...", Nosferatu meldete sich zu Wort. Vor der Marschallin klang sie zaghaft und kläglich. Unterwerfender noch als sie sich bei ihrem ersten Treffen mit Lacy gab.
    "Ich bringe euch leider schlechte Neuigkeiten." Sie hielt inne und ließ sich von Komir mustern, die sie mit einem weichen Blick bedachte. Dann lies Nosferatu auch sie erstarren indem sie von der Basis erzählte.
    "Hast du das gesehen? Mit eigenen Augen?", fragte sie nach einiger Zeit
    "Ich weiß das es geschehen ist." Ein mysteriöser Unterton begleitete ihre Stimme und Komir schien zu verstehen, was Lacy bislang verborgen blieb.
    "Oh Lyssa!" Auch die umstehenden Paragone waren zuerst geschockt gewesen, erholten sich nun aber von ihrer Starre. Einer drehte sich weg und stammelte wiederholt "nein..." ein anderer fing an zu weinen, als er an seine Frau dachte, die als Aushilfe in der Basis gearbeitet hatte... Nachdem Komir Nosferatu zu glauben schien, gab es keinen Grund mehr, die Wahrheit ihrer Worte anzuzweifeln.
    Die Frau im Team schien die Nachricht gar nicht richtig zu realisieren und der vierte Mann starrte Nosferatu an, als habe sie selbst die Basis zerstört.

    "Das war nicht geplant." Komirs Worte klangen leer.
    "Vieles ist geschehen was nicht geplant war, Komir." Nosferatu hielt kurz inne, dann gestand sie sich ein: "Die Götter haben versagt."
    "Was machen wir nun?"
    "Scytale ist der Schlüssel. Wir müssen ihn zurück holen."
    "Wie sollen wir das machen?", fragte einer der Paragone.
    "Kommt", erwiederte Nosferatu. "Ich zeige euch, wo ihr suchen müsst."

    Nosferatu ging los, hielt dann aber inne und drehte sich nocheinmal um: "Nehmt euren Speer mit. Ihr werdet ihn brauchen."

    Kapitel XXXVIII

    Welch bizarrer Ort, dachte sich Scytale, als er über die Plattform schritt. Sowohl zu seiner Rechten, als auch zu seiner linken Seite war er kaum fünf Meter vom Abgrund entfernt. Die Ebene die er nun entlang schritt breitete sich oval förmig vor ihm aus. Er erkannte seltsame Vorrichtungen vor sich, die von leuchtenden Steinen matt erhellt wurden. Wie knöcherne Finger ragte karger Stein aus dem Boden, zwischen denen vier Spiegel befestigt worden waren.
    Scytale trat langsam näher.

    Schritt für Schritt tastete er sich vor, während seine Flügel verblassten.
    "Du bist gekommen, Scytale."
    Die Stimme kam aus dem nichts, doch ihr beruhigender Ton und Scytales Erschöpfung ließen ihn nicht weiter darüber nachdenken, wer zu ihm sprach.
    Auch auf die Stimmlage und den Unterton achtete er gar nicht mehr. Was solle es ihm bringen? Hier, am Ende der Welt oder wo immer er war...

    "Dein Schicksal erfüllt sich."
    "Wenn das mein Schicksal ist..."
    "Du hast keine Ahnung, was dein Schicksal ist!", donnerte die Stimme. "Blicke auf die Spiegel. Der erste zeigt die Vergangenheit, der zweite die Gegenwart und der dritte die Zukunft."
    Scytale blickte auf die Vorrichtungen.
    "Und der vierte?", fragte er.
    "Der vierte zeigt, die Möglichkeiten. Es sind Zukünfte, was passiert wenn Entscheidungen anders getroffen werden. Werfe einen Blick hinein, doch bedenke das Risiko. Verliere dich nicht in den Möglichkeiten, um nach einem besseren Weg zu suchen."
    Im Dunklen sah Scytale einen Schatten auf sich zubewegen.
    "Was muss ich nun tun?"
    "Sehen, erkennen..."
    Der Paragon blieb vor dem ersten Spiegel stehen und blickte hinein.
    "Zuerst musst du deine Vergangenheit kennen. Dinge, die du vergessen hast; die man dich vergessen hat lassen; auch, um dich zu schützen."

    Scytale sah das Abbild eines Mädchens in dem Spiegel.
    "Das ist nicht meine Vergangenheit..."
    "Weisst du wer das ist?"
    Der Paragon wandte sich zu der Gestalt um, der nach wie vor durch die dunkleren Winkel der Plattform schlich. Er konnte sein Gesicht nicht sehen, doch er erkannte an der Form der Kreatur, das sie in etwa seine Größe hatte.
    "Nein..."
    "Dann sieh zu. Sieh zu und verstehe!"
    Scytale wandte sich wieder dem Spiegel zu und ließ die Geschichte Geschichte sein...

    ****

    Das Mädchen rannte panisch durch die Gassen und Straßen eines Dorfes. Überall brannten Häuser und schrien Menschen. Männer rannten mit langen Schwertern, Äxten oder Fackeln die Häuserreihen entlang, töteten wahllos Menschen und steckten die zum Teil aus Holz und Stroh gebauten Hütten in Brand.
    Auf den Straßen lagen blutüberströmte Leichen von Männern, Frauen oder auch Kindern. Niemand war vor den Eindringlingen sicher.
    Ein Mann wurde auf das Mädchen aufmerksam und schien ihr hinterher zu rennen.
    Sie schrie panisch, als er sie packte. Dann bekam sie seine Hand zu fassen, und Biss so kräftig sie konnte hinein.
    Der Mann ließ von ihr ab und schrie auf.
    Der Atem des Kindes raste, genauso wie ihr Herz, als sie in einen Hinterhof floh...

    ****

    "Ich kenne diese Szene. Ich habe sie schon einmal miterlebt..." Scytale hielt inne. "Nein. Ich habe sie schon zweimal miterlebt"
    Er erkannte die Scheune, von der aus der Junge das Kind retten würde; von der aus er das Kind retten würde.
    "Sehe was passiert. Sehe die Wahrheit, wie es hätte geschehen sollen"

    Gebannt sah Scytale weiter zu. Der Mann packte das Mädchen erneut.
    Jetzt werde ich sie retten, dachte er, aber er sah nur, wie das Kind zappelnd in den Armen des Mannes lag.
    Mit einem hämischen Grinsen drehte ihr der Mann den Hals um.
    Scytale starrte geschockt auf den Spiegel. Er erkannte die Szene hundert Prozentig. Das war der Kosarenüberfall! Das war die Scheune!
    Er erinnerte sich, wie er dem Mädchen dann das Leben gerettet hatte. Er erinnerte sich wie er vor kurzem erst in der Scheune stand und den Speer geworfen hatte, nachdem der Junge abgeschüttelt worden war.
    "Das kann nicht sein!"
    "Sieh in den zweiten Spiegel. Sieh was heute ist."

    Scytale riss seinen Blick von dem Grauen des Überfalls los und tat, was die Gestalt ihm befohlen hatte.
    Das Bild zeigte ein friedliches, wieder aufgebautes Dörfchen Chahbeck.
    "Das ist nicht die Gegenwart. Chahbeck ist erneut verwüstet worden."
    "Und hast du dich gefragt warum Chahbeck? Wieso sollten die Kosaren ausgerechnet nochmal ein Dorf überfallen, dessen Reichtümer sie schon erbeutet haben? Dessen Mauern aus Angst gestärkt wurden und bei dem Sonnenspeere regelmäßig Patrouillieren?"
    Scytale sah den Mann fragend an.
    "Die Gegenwart ist ein harmonischer Ort - zumindest in Chahbeck.
    Sehe, was mit den Sonnenspeeren geschieht:

    Das Bild im Spiegel wechselte. Er erkannte die Sonnenspeerbasis.
    "Die Götter waren zu unachtsam. Sie haben den Schild um eure Basis nicht aufrecht erhalten können, weil sie sich haben ablenken lassen von wichtigeren Problemen."
    Ein gleißender Lichtstrahl schlug auf den Brunnen im Park und zerstörte die gesamte Basis.
    Wieder starrte Scytale gebannt auf den Spiegel.
    "Das kann nicht sein. Welcher Täuschung unterliege ich hier? Fliegende Welten im unendlichen All? Sterne unter mir in einem Abgrund? Die Welt wie ich sie kenne und plötzlich sind alle Tot? Ein Überfall, wie er so gar nicht geschehen ist? Die Sonnenspeerbasis wie sie zerstört wird?"
    Scytale wandte sich der Gestalt zu und setzte seine volle Stimmmacht bei seinen nächsten Worten ein.
    "Höre auf mich zu täuschen!"
    "Und wenn es keine Täuschung ist?", donnerte es zurück. "Was wenn das die Wirklichkeit ist, so wie sie sein sollte? Was würdest du tun wollen?"
    "Ich würde versuchen zu ändern, was man ändern kann."
    "Du kannst alles ändern, Scytale. Begreifst du nicht? Du bist der Schlüssel zu der Welt wie sie heute ist. Zu dem Leben, und zu dem Glück. Nicht gegen Abbadon kämpfst du hier! Er war es der dich entführte, doch die Götter schafften es, dich zu retten."
    "Warum ich?"
    "Weil es dein Schicksal ist. Sieh in den Spiegel der Zukunft. Er wird dir das Urteil Abbadons über diese Welt zeigen. Er wird dir sagen was passiert, wenn du Dinge nicht änderst.

    Scytale wagte nur einen flüchtigen Blick auf die Geschehnisse. Monster; abscheuliche Kreaturen liefen durch Städte und Dörfer in ganz Elona. Keine Sonne erhellte mehr den Tag. Träge, schwere Wolken hingen am Firmament. Die Menschen trugen Tücher vor der Nase, als sie panisch vor den einfallenden Kreaturen flohen. Zahllose Leichen lagen verstreut über tote Felder oder in Ruinen von Häusern. Wo immer Leben sich verkroch, die Abscheulichkeiten fanden es. Halb verwestes Fleisch lag über die Straßen verstreut. Geschändete Kadaver, deren Innereien zu einem neuem Leben in Sklaverei reanimiert wurden...

    Der Paragon wandte seinen Blick ab.
    "Soweit darf es nicht kommen!", entschied er.
    Der Schatten näherte sich ihm, doch noch immer konnte Scytale keine Konturen ausmachen. Er erkannte nur eine Männerstimme, ähnlich wie die seine.
    "Du kannst es ändern. Du hast es in der Hand"
    "Was soll ich tun?"
    "Höre zu und verstehe: Du warst der Grund, weshalb man Chahbeck ein zweites Mal angriff. Und du wärest bei diesem Angriff gestorben, hättest du dich nicht selbst gerettet. Das Mädchen im ersten Spiegel hätte, wie du richtig bemerkt hast, überleben müssen. Ohne sie wärst du garnicht am Leben. Also musst du einen Weg finden, wie du sie rettest. Doch damit wirst du das Ereignis auslösen, dass deinen Tod verursacht. Also musst du so auch dich retten."

    Scytale Begriff gar nichts. "Ich hätte nicht am Leben sein dürfen?"
    "Hör doch zu." Die Stimme war eindringlich, als würde ein Paragon seine Stimmmacht nutzen. "Die Zeit ist unsere stärkste Waffe. Hier können wir die Vergangenheit ändern. Das Leben wie es ist muss erst erschaffen werden. Hier und jetzt obliegt es an dir, die Vergangenheit so zu ändern, wie du sie kennen gelernt hast. Ein Überfall, bei dem du ein Mädchen rettest, das dich zur Welt bringt."

    Sie bringt mich zur Welt?...
    Allmählich begriff Scytale.
    "Aber wie sterbe ich bei dem zweiten Angriff?"
    "Blicke in den vierten Spiegel. Er zeigt dir die Möglichkeiten. Er wird dir viel viel mehr zeigen als das was du kennst. Achte auf das was du sehen willst. Konzentriere dich auf den Weg, den du bisher gegangen bist. Ansonsten verlierst du dich in der Mannigfaltigkeit der Möglichkeit."

    Der Paragon nickte unsicher, dann blickte er in den vierten Spiegel.
    Der Anblick überwältigte ihn. Millionen von einzelnen Informationen und Entscheidungen flossen auf ihn ein.
    "Suche dein Leben, wie du es heute kennst." riet die Stimme.
    Zwischen all den Bildern, Geschichten und Wegen fand Scytale einen Jungen, der vor einem Kosar in einen Hinterhof floh.
    Plötzlich erinnerte er sich wieder. Er war dieser Junge.
    "Oh Lyssa... Oh mein Gott" Scytales Hand berührte den Spiegel, als er sah, wie ein gepanzerter Kosar im Dunklen der Gasse auf den Jungen eintrat. Wie er erst abließ nachdem der Junge tot war. Nachdem er tot war!
    "Ich war neun. Als die Kosaren Chahbeck ein zweites mal überfielen war ich neun... neun und einunddreißig."
    "Allmählich verstehst du."
    Die Stimme hatte recht. Nach und nach fügten sich die Fragmente zusammen.
    "Ich wurde nach dem ersten Überfall geboren. Habe aber das Mädchen gerettet."
    "Du erkennst sie immer noch nicht?"
    Die Gestalt trat von der Schwärze ins Licht. Scytale erkannte sich selbst, verwahrlost, dreckig. Tiefe Falten zogen sich um das Gesicht, das Haar war verfilzt.
    Zum dritten Mal erschrak der Paragon.
    "Das ist unsere Mutter."

    Scytale Blieb das Herz stehen...
    "Mutter?"
    "Weißt du nun, was du zu tun hast?"
    "Ich muss mich Retten... Ich muss uns retten und uns dann zurück setzen in die Vergangenheit."
    Sein gealtertes Ebenbild lächelte. "Schön, du hast verstanden."
    "Zwei Dinge verstehe ich immer noch nicht..." Scytale wartete, bis er die Aufmerksamkeit seines Doppelgängers hatte. "Wie können wir Existieren, wenn es uns doch nie gegeben hat?"
    "Das, mein Lieber, ist eine Frage der Existenz. Wir können keine temporalen Paradoxien lösen, das ist Aufgabe der Götter. Wichtig ist, das du uns rettest."
    "Ja... aber wie?"
    Der Doppelgänger zeigte mit dem Finger auf einen Steinkreis am Ende der Plattform.
    "Stell dich dort hinein. Ich werde dich hinbringen."

    Als Scytale in der Plattform stand, schien sein Doppelgänger irgendwelche Kontrollen an den Spiegeln zu bedienen, worauf sich ein merkwürdiger Ring aus Blitzen um den Paragon erhob.
    "Eines noch", meinte Scytale, und blickte zu seinem Doppelgänger hinüber. "Was ist mit dir Passiert?"
    Dieser lachte matt. "Ich habe Versagt..."

    Kapitel XXXIX

    "Dort ist es." Nosferatu zeigte auf eine Stelle, an der Komir nur unbedeutenden Stein erkannte. "Grabt diesen Felsbrocken dort aus. Die magischen Worte müssten in seine Seite geritzt sein..."
    Die Ausgräber machten sich an die Arbeit
    "Brauchen wir einen Magier oder seit Ihr der Magie mächtig, Nosferatu?"
    "Habt um die Magie keine sorge, Marschall."

    Lacy stand neben den sechs - die vier Paragone, Komir und Nosferatu. Sie konzentrierte sich auf den Schmerz in ihren Flügeln und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
    Komir hatte bereits nach einem Mönch geschickt. Ihr hatte Lacy nichts vormachen können. Aber den anderen Paragonen wollte sie ihre Schwäche nicht allzu öffentlich zeigen.

    "Die Ausgrabungen werden sich noch einige Stunden hinziehen", meinte Komir. "Geh doch zurück zu den Zelten und lege dich ein wenig hin, Lacy." Ihre Stimme war weich und warm, wie ein guter Ratschlag, doch Lacy wusste, dass das ein Befehl war. Der Heiler würde bald kommen aber solang sollte sie sich ausruhen.
    "Danke Komir, das werde ich." Die Erleichterung in ihrer Stimme war nicht gespielt. Seit Tagen war sie auf den Beinen; schlief nur, wenn Nosferatu sie mit einem Zauber belegte und selbst dann quälten sie Alpträume.
    Ein starkes Band verband sie mit Scytale. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum, doch allmählich bekam sie den Eindruck, Komir wüsste es...
    Vielleicht sollte sie sie einmal zur Rede stellen...

    Aber nicht jetzt und nicht heute. Obwohl Lacy wusste das sie sich nicht entspannen können würde, bis sie Scytale in Sicherheit wusste legte sie sich ein wenig auf eine Matraze im Zelt. Das Liegen tat ihr gut. Sie ließ ihre Muskeln locker und hoffte, das der Schmerz ihres durchborten Flügels allmählich nachlassen würde.

    Bis der Heiler angekommen war, war sie eingeschlafen - das erste mal seit Tagen vor Erschöpfung statt aufgrund einer Verhexung.
    Vorsichtig wurde sie von einem etwas älteren Mönch geweckt.

    "Guten Tag", begrüßte er die Paragonin behutsam. "Ich hoffe Sie schliefen nicht allzu tief." Er lächelte. "Mein Name ist Dunkoro."
    "Lacy... und danke das Sie gekommen sind" Sie richtete sich auf.
    "Selbstverständlich. Würden Sie nun bitte ihre Flügel rufen?"
    Lacy stand nun ganz auf und stimmte die übliche Ballade an.
    Ein heftiger Schmerz durchfuhr sie, als ihre Flügel matt-golden zu glänzen begannen.
    Sie brach ab; die Schwingen verschwanden.
    "Warten Sie", meinte der Heiler und sprach einige Worte einer fremden Sprache.
    Lacy spürte Magie durch sie hindurch fließen, doch es war eine andere als die, die mit der Stimmmacht einher ging.
    "Das wird die Schmerzen etwas lindern. Dennoch muss ich ihre Flügel sehen"
    "Natürlich..."
    Erneut raffte sich Lacy auf und stimmte die Ballade an. Dieses mal war der Schmerz weniger schlimm, wenn auch noch immer störend.

    Leicht schimmerten ihre Schwingen auf. Ihr durchbohrter Flügel wandelte seine Farbe statt in weiß in ein ungesundes bläuliches Schimmern. Das Blut färbte das klaffende Loch und die Federn unter ihm rot. Eine träne rollte Lacy über die Wange; unvermittelt, vermutlich Aufgrund der Schmerzen, die nun jedoch verblassten. Die Fürbitte wirkte, doch für diese Wunde war mehr erforderlich.
    Behutsam legte Dunkoro seine Hand auf das Loch. Der Flügel zuckte reflexartig ein wenig zusammen, als er ihn berührte, doch dann hielt Lacy ihn still.

    Wieder sprach Dunkoro einige magische Worte der fremden Sprache, dann spürte Lacy ein merkwürdiges Kribbeln. Wie eine Welle breitete sich Wärme in ihrem Körper aus. Dann nahm der Heiler seine Hand von der Stelle.

    Der Flügel war verheilt. Nichts erinnerte mehr an die gerade eben noch klaffende tiefe Wunde, nicht einmal eine Narbe würde bleiben.
    "Es wird eventuell noch ein paar Tage jucken oder gar Schmerzen. Das Gewebe muss sich erst erholen. Folgeschäden sind aber keine zu erwarten", sagte Dunkoro fröhlich. "Soll ich Ihnen den Flügel ein wenig waschen?"
    "Gerne, Vielen dank, Dunkoro"
    Der Mönch nahm einen vorher bereit gestellten Eimer Wasser und strich mit einem Schwamm über den Flügel.
    "Sie sollten zwei bis drei Tage noch nicht fliegen." Er wusch den Schwamm aus und strich erneut über die Schwinge. "Geben Sie ihm etwas Zeit, sich zu regenerieren. Ich weiß das ist schwer, gerade für einen Paragon. Doch wenn Sie das nicht tun könnte es sein, dass das Gewebe falsch zusammen wächst."
    Wieder lächelte der Mönch. "Nagut", meinte er "zur Not komme ich eben wieder und heile ihn ein zweites Mal."
    "Das wird nicht Nötig sein, vielen dank." Lacy lächelte den Mönch an.
    Die Schmerzen waren komplett verschwunden und das Blau des Flügels färbte sich allmählich weiß.
    "Legen Sie sich noch ein wenig hin. Die Ausgräber sind immer noch nicht soweit, lässt Ihnen Komir mitteilen."
    "Ok vielen dank." Lacy tat, wie ihr geheißen wurde, auch wenn die Gedanken an Scytale sie weiter quälten.
    Der Mönch verabschiedete sich von ihr; wenig später war sie bereits wieder eingeschlafen.

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    Scytales Rache
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    Kapitel XXXX

    Scytale fand sich in dem dunklen Hinterhof wieder, in den der Junge gerade flüchtete. Er sah sich selbst in den Schutz der Dunkelheit rennen, gefolgt von einem hämisch grinsenden Kosaren.
    Und plötzlich erinnerte sich der Paragon wieder an den Überfall.
    Oh Lyssa, wie konnte ich vergessen...? dachte er, als er den Jungen sah, wie er sich in der Ecke verkroch und vor Angst bibberte.
    Wie gelähmt stand er da, als ihn immer neue Bilder überströmten. Bilder seiner Kindheit, seiner Jugend... Gedanken an seinen Vater, den er nie hatte kennen gelernt. Bilder seiner Vergangenheit, wie er sich verkrochen hatte, nachdem seine Mutter verschwunden war. Immer im Dunklen leben, immer ein Schatten sein...
    Und jetzt stand der Junge da, panisch mit den Händen um sich schlagend.

    Scytale spürte die Angst des Kindes. Er erinnerte sich daran. Und erneut überkam sie ihn. Dort war sein Mörder. Und doch nicht? Er hatte überlebt. Und er musste dafür sorgen, dass er es wieder tun würde.
    Er sah den Mann auf den Jungen einschlagen. In der Finsternis konnte er kaum etwas erkennen, doch er spürte die Schläge, als würde der Kosar ihn schlagen. Er erinnerte sich an die Schmerzen, dann an nichts mehr. Er kannte keinen Weg, sich selbst zu helfen, doch in diesem Moment war ihm die Zeitlinie egal. Er blickte sich nach einem Sack Mais um, die hier im Hinterhof gelagert wurden, und warf ihn zwischen den Kosaren und den Jungen.

    Als hätte der Kosar nichts davon mitbekommen, trat er auf den schweren Sack ein, in dem scheinbaren Glauben, es sei der Junge.
    Scytale hob das bewusstlose Kind auf. Hatte ihn der Kosar schon so oft getroffen?
    Habe ich zulange gezögert?
    Er strich seiner Vergangenheit vorsichtig über das Gesicht.
    "Scytale?" Doch der Junge rührte sich nicht.
    Der Paragon drückte die kleine regungslose Gestalt an sich. Er merkte gar nicht, das um ihn herum die Nacht verschwamm und sich die Umrissen der Plattform wieder abspiegelten.

    "Er ist tot. Was ist so schwer daran, einen Jungen zu retten?"
    Scytale blickte auf. Sein Ebenbild stand vor ihm, die Haare zerzaust und grau, das Gesicht eingefallen und von falten durchzogen, als wären hundert Jahre vergangen. Ein kalter Schauer fuhr über ihn und er sah, wie sein Ebenbild zu Boden blickte. Die Szernerie wechselte. Sie befanden sich wieder auf der Plattform.
    "Warum kannst du ihn nicht retten?"
    "Erinnerungen..."
    "Ja, ich weiß. Du hast dich von ihnen überwältigen lassen." Und leise fügte er hinzu: "...genauso wie ich."
    Scytale legte den Jungen behutsam auf den Boden.
    "Und jetzt? Warum sind wir noch hier, wenn der Junge tot ist?" fragte er, sein älteres selbst.
    "Ich weiß es nicht. Wir sollten gar nicht mehr hier sein."
    "Kann ich es nicht noch einmal versuchen?"
    Entgeistert starrte der Alte den Paragon an.

    "Komm mit", meinte er schließlich, und zeigte Scytale einen schmalen Pfad, der ihn immer weiter in die Mitte der Plattform führte, bis sie zu einem weiten Feld gelangten, das von blau leuchtenden Steinen erhellt wurde.
    "Sie dich um", meinte der Alte nur, dann schüttelte er den Kopf.

    Scytale konnte es nicht fassen, als er vorsichtig an einem Kadaver vorbei schritt. Und an noch einem, und noch einem...
    "Hunderte. Das bin ich... Ich bin tot!"
    "Wir... sind schon tausendmal gestorben. Warum auch immer; wir haben jedes Mal versagt.“
    Scytale blickte sich zu dem Alten um. Seine unsicheren Aungen spiegelten blankes Entsetzen wieder.
    "Aber warum sind wir dann hier?"
    "Das verstehe ich auch nicht. Genauso wenig verstehe ich, warum ich dich immer wieder zur gleichen Zeit hinschicken kann, ohne das ihr dort aufeinander trefft. Ich verstehe nicht, warum ich euch nicht weiter zurück schicken kann, ich verstehe nicht, warum sich die Kinder hier anhäufen. Sie müssten verschwinden, sie haben nie existiert! Schließlich gibt es nur einen Scytale..." sein Blick traf den seines jüngeren Doppelgängers. "Auch dich gibt es nicht!"

    Eine Zeit lang schwiegen beide. Der Paragon starrte auf die zahllosen Kinderleichen, die im Feld vor ihnen lagen. Ein paar schienen vergraben worden zu sein, doch die große Masse lag einfach auf dem Boden oder stapelte sich sogar.

    "Das ergibt keinen Sinn!", rief er aus und riss seinen Blick von den Toten. "Das ergibt einfach keinen Sinn..."
    Der alte wandte sich ab. "Gehen wir. Ich kann diesen Blick nicht mehr ertragen."
    Während sie wieder zu den Spiegeln gingen schwiegen beide bedrückt. Jeder wusste, was der Andere denken würde. Eine Frage, auf die zumindest der Jüngere Scytale keine Antwort hatte. "Wie geht es jetzt weiter?"

    Als sie vor den Spiegeln standen stellte er die Frage doch.
    "Sieh in den Spiegel der Möglichkeiten. Vielleicht sagt er dir etwas. Vielleicht deutest du die Bilder richtiger, als deine Vorgänger... oder als ich.
    "Wie viele sind schon zu dir gekommen?"
    "Ich zähle nicht mehr..."
    Scytale bemerkte den Trauer seiner Stimme und ergriff seinen Arm.
    "Und wir haben alle versagt?"
    "Es gibt kein Leben für Scytale. Sieh in den Spiegel. Die einzige Möglichkeit, die er uns offenbart ist ein Leben als Schatten. Wir leben unser Leben ohne zu wissen warum wir es überhaupt tun. Wie du siehst, die Vergangenheit ändert sich nicht. Deine Erinnerungen bleiben genauso wie du selbst."
    "Du willst damit sagen das wir einfach so grundlos leben?"
    "Nein. Wir haben keine Existenzberechtigung, und existieren doch. Die Götter haben die Geschichte verändert. An der Zeitlinie gespielt. Eine Möglichkeit gesucht, Elona zu retten."
    "Und wenn wir das getan haben?", fragte der Junge Scytale vorsichtig.
    "Dann wird die Zeitlinie bereinigt."
    Der Paragon erschrak, doch er wusste selbst nicht warum. Er verstand das Gefüge nicht und er hatte den Eindruck, der Alte verstand es genauso wenig.

    "Wenn die Zeitlinie bereinigt wird..."
    "Ja ich weiß", fiehl ihm der Alte ins Wort. "Dann versinkt Elona doch in der Finsternis. Ich kenne nicht den Plan der Götter. Ich weis nicht was sie vorhaben. Ich weiß nur, sie sehen eine Möglichkeit, bei der wir die Hauptrolle spielen."
    Der alte sah ihm tief in die Augen.
    "Unser Leben ist wertlos im Vergleich zu dem, was wir daraus gewinnen"

    "Was tun wir nun also?"
    "Das selbe, was ich mit allen anderen gemacht habe, die hier her gekommen sind. Ich habe sie zurück geschickt."
    Der Alte ging auf die Stelle, an der Scytale vorhin zurückversetzt worden war, von seinem sehr viel jüngeren selbst.
    "Komir und Lacy führen ein Ritual durch, das die Grenzen zwischen Abbadons Reich und ihrer Welt schwächt."
    Seine Stimme war tonlos, als er die Worte sprach. Auf das Entsetzen Scytales reagierte er gar nicht.
    "Sie schwächen somit unwissentlich auch die Barriere zwischen dieser Welt und der Ihren. Nur dann kann ich dich zurücksetzen." er drehte sich wieder zu Scytale um. "Hör zu! Zu musst Abbadon aufhalten. Du bist der Einzige der das kann. Nicht alleine, aber zusammen mit Komir, Lacy und all den anderen. Das ist deine Bestimmung. Das alles, was du jetzt kennen gelernt hast ist hierfür ohne Bedeutung"

    "Eine Frage noch...", begann Scytale, doch der Alte schnitt ihm das Wort ab.
    "Ja ich kenne all deine Fragen. Ich weiß warum du in dieser Welt bist obwohl dich Abbadon in seine entführt hat. Die Götter haben dich mit vereinter Kraft vom Kurs abgebracht. Abbadon versuchte dich zu holen. Das hast du bestimmt bemerkt, als du glaubtest in den Himmel zu fallen. Doch dann änderte sich deine Richtung erneut und du wurdest in eine Welt der Illusionen versetzt. Obwohl du die letzte Zeit als Hölle empfunden haben musst, glaube mir: du warst nie in Abbadons Welt. Die Götter retteten dich, so wie sie unsere Existenz gerettet haben, obwohl wir damals starben."

    Ungläubig schüttelte der jüngere den Kopf. Dann standen beide nur stumm da und starrten sich an.

    Kapitel XXXXI

    "Ich habe es." Nosferatu sprang auf und lief zu Komir, die sich gerade mit einem Boten unterhielt, der ihr die grausame Nachricht vom Angriff auf die Sonnenspeerbasis bestätigte.

    "Sagt den Sonnenspeeren, sie sollen sich zu Kastellan Puuba in der Großen Halle im Flachland von Jarin einfinden. Man soll auch alle meine Nachrichten dort hin leiten. Sobald ich hier fertig bin werde ich mich auch dort einfinden."
    "Wie ihr wünscht, Marschall!" Der Bote verbeugte sich, dann flog er davon.
    Komir wandte sich der alten Frau zu.
    "Ihr habt die Schriften gefunden, Nosferatu? Soll ich Lacy holen?"
    "Das könnt ihr, Marschall. Ich bin nun bereit, das Ritual zu wirken."
    "Ihr wisst um die Gefahr?"
    "Es ist der Plan der Götter. Was soll schon schief gehen?"
    Komir blickte die Frau zuerst ein wenig skeptisch an, dann entschloss sie sich aber, ihr zu vertrauen.
    "Ok", meinte sie. "Versuchen wir es. Ich lasse nach Lacy schicken"

    *****

    Kurze Zeit später standen Komir und Lacy in Begleitung von einigen Ausgräbern, Offizieren und Wachen hinter Nosferatu, die die seltsamen Worte der alten Sprache zitierte. Während sie die Schrift entzifferte und immer tiefer in die Magie der Worte drang veränderte sich ihre Stimme. Tiefer und tiefer wurde sie, sodass Komir das unbehagliche Gefühl überkam einen großen Fehler begangen zu haben. Doch nun war es zu spät. Sie konnte nur hoffen, Nosferatu wirklich auf ihrer Seite zu finden wenn es gegen Abbadons Truppen ging.

    Es entwickelte sich ein immer stärkerer Wind um Nosferatu, die die Worte immer lauter schreien musste, damit sie nicht im Sturm unterging, der sich innerhalb weniger Sekunden entwickelt hatte.
    Wort für Wort wurde es heftiger. Lacy und Komir hielten sich überrascht an einer Palme fest, die anderen suchten sich andere Möglichkeiten. Feiner Sand in der Luft verdeckte die Sicht und brannte in Gesicht und Augen. Viele legten sich ein Tuch oder ihre Kleidung über, doch Komir und Lacy trugen nur ihre eiserne Rüstung.
    Nur Nosferatu stand da, als würde ihr der reißende Wind nichts anhaben können.
    "Oh Abbadon!" schrie sie durch den Sturm, als sie die letzte Zeile der Inschrift rezitiert hatte. Dann brach sie zusammen.
    Mit einem mal brach der Sturm ab. Sand rieselte zu Boden, als der Wind mit einem Schlag verstummte.

    Dann erhob sich ein gewaltiges Monster aus der Sandschicht. Viele Steineplatten bildeten einen Schlangenförmigen rumpf, der sich auf magische Art zusammenhielt. Gravuren waren in den einzelnen Platten zu erkennen; Schriften aus vergangenen Zeiten? Oder doch aus einer anderen Welt?

    Lacy reagierte Instinktiv. Sie rief ihren Speer, noch bevor Komir es tun konnte und schrie in der vollen Magie der Worte "Es gibt nichts zu befürchten! Haltet Eure Stellung!".
    "Passt auf euch auf!" Komir Stimmte in die Schreie ein. Die beiden Paragone ergänzten sich perfekt und gaben einander selber Kraft.
    Auch die Offiziere hatten sofort ihre Speere gerufen und setzen nun die Kraft ihrer Stimme ein, um die Arbeiter fortzuschaffen.

    Dann warf Lacy ihren Speer auf das Monstrum. Dieser durchbrach eine der dünnen Steinplatten. Als er den Rumpf durchschlagen hatte ließ sie ihn erneut in ihre Hand kehren.
    Das Monstrum zeigte sich davon unbeeindruckt. Es holte mit steinernen Schwingen aus schlug mit voller wucht gegen einen Arbeiter, der einige Meter weggeschleudert wurde und dann schwer verletzt zu Boden viel.
    Ein General nahm sich seiner an.
    "Zieht Euch zurück!" schrie ein anderer.

    Lacy hatte längst einen Verteidigungsgesang angestimmt; Komir passte den Moment ab, in den Refrain mit einzustimmen.

    Wie eine gewaltige Mauer aus schreien und Gesängen standen die fünf Paragone nun vor dem Monstrum, der sechste kümmerte sich um den Verletzten.
    "Es ist ein Apokryptum", hörten sie die Stimme eines Ausgräbers hinter sich, der um sein Leben rannte.
    "Wir werden nicht weichen!" Wieder schlug die steinerne Faust zu, dieses mal zu Lacy.
    Diese hob ihr Schild und blockte den harten Angriff - gestärkt von den Schreien und Gesängen - ab.
    Wütend warf sie erneut ihren Speer nach ihm. Dieser fing in der Bewegung an zu brennen und traf das Monster an einer anderen Steinplatte. Das magische Feuer breitete sich rasend schnell über den gesamten Körper aus, doch Lacy bezweifelte, das der lodernde Speer dem Apokryptum etwas ausmachen könnte.

    Als würde ihn das Feuer rasend machen schleuderte es einen Felsbrocken gegen die Paragone.
    "Schilde hoch!" Es war Komir, die im letzten Moment schrie.
    Der Felsbrocken prallte an Komirs Schild ab und zerbarst, als wäre er aus Reis gepresst.
    Kleine Steine flogen überall umher; einer Traf Lacys Oberarm, doch ihre Rüstung fing das ab.

    Man merkte Komirs Wut deutlich, als sie schrie: "Zielt auf die Augen und erledigt ihn"
    Lacy spührte eine ungeheure Kraft, die sie Durchdrang. Ihr Speer folgte denen der Offiziere zu dem Kopf des Apokryptums. Das magische Feuer ihres letzten Angriffes war noch garnicht ganz erloschen, da warf ein Offizier erneut einen lodernden Speer auf die Bestie und steckte sie so erneut in brand.

    Die Speere zertrümmerten zahlreiche Steinplatten am Kopf des Apokryptums. Nun taumelte das Monster unkontrolliert und schleuderte einige kleinere Steine in alle Richtungen. Alle Paragone blockten die Geschosse die ihnen gefährlich wurden mit ihren Schilden ab, dann beobachteten sie das Monster, wie es allmählich in sich zusammenfiel und dann als kläglicher Scherbenhaufen auf dem Boden lag.

    Lacy rang nach Atem. "Was war das?"
    "Ein Wächter zwischen dieser und den anderen Welten?" Auch Komir atmete schnell.
    "Was immer es ist, es ist tot", meinte einer der Offiziere.
    "Genau wie er..." eine ruhige Stimme durchstieß das Gelächter der Paragone. Der Offizier, der sich des davon geschleuderten Mannes angenommen hatte trat vor Komir. "Keine Chance."
    Komir nickte. "Er starb für ganz Elona. Lasst seiner Familie diese Nachricht bringen."

    Kapitel XXXXII

    "Es ist soweit. Die Tore sind offen."
    Scytale nickte.
    "Was auch immer geschieht, denke daran. Du musst Abbadon aufhalten."
    "Standest du einst an meiner Stelle? Was ich meine ist..." er überlegte kurz. "Werde ich einmal an deiner Stelle stehen?"
    "Kümmere dich nicht um die Zukunft." Der alte schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. "Und mache dir keine Gedanken. Die Zukunft ändert sich in jedem Moment. Dein Schicksal muss nicht das Meine sein.
    "Hast du Abbadon besiegt?"
    Schweigen...
    Der Alte fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Dann atmete er tief durch.
    "Du musst gehen. Ich werde dich nun fort schicken."
    Scytale nickte.
    Also werde auch ich scheitern. Wozu dann das Ganze?
    Als könne der Alte seine Gedanken lesen wiederholte er leise: "Die Zukunft ändert sich in jedem Moment."

    Dann verblasste die Umgebung. Die trostlose dunkle Steinlandschaft wandelte ihre Fabe in ein warmes Gelb, als der Paragon durch das Portal trat. Die Sonne wärmte seine Haut und seine Rüstung. Das Licht brach sich in dem weiß der Panzerung und ließ den Paragon in voller Pracht aus der Dunkelheit treten.

    Vor sich sah er den toten Körper Nosferatus. Daneben die Scherben des Apokryptums.
    Er blickte sich um. Erkannte Lacy, Komir, die Offiziere wie sie ihn anstarrten.

    "Scytale, Scytale du bist zurück", rief Komir.
    "Scytale?" der Paragon sah sie an, dann Schüttelte er den Kopf. "Nur ein Schatten meiner selbst. Scytales Schatten..."
    Dann blickte er zu Lacy und lächelte matt.
    Sie rannte vor zu ihm, umschloss ihn mit ihren Armen.
    " Doch für dich bin ich zurück, Mutter."
    "Dann endet es hier?" Lacys Augen tränten vor Freude.
    "Leider nein, hier beginnt die Zukunft. Es gibt eine Menge zu tun..."
    Geändert von ScyOfficial (07.06.2008 um 22:16 Uhr) Grund: omg... vor sich lag der tote körper :D warum is mir das nie aufgefallen?

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