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    Scytales Rache
    #46
    @azina: Danke dir
    DSA hab ich nie gelesen oder gespielt
    war ehrlich gesagt immer zu faul dazu... meine Brüder wollten es mir beibringen^^

    @ Ice Dragonlord: Ja, wortwiederholungen sind eigentlich meine größten Ängste...
    Um Dialoge wird man nicht herum kommen, und je länger das buch und je komplexer die Story (würd ich jetzt mal so sagen^^) desto mehr mist kommt auch mit

    Ich hatte mir überlegt, ob ich es wirklich so ausführlich erklären sollte - besonders dann am ende. Aber ansonsten wären die Fragen aufgekommen...

    Auch hab ich versucht, einfach nur das Leben der Sonnenspeere darzustellen, wie ich es mir vorgestellt habe - besonders am Anfang.
    Diese Ruhige atmosphere, die Probleme, die eigentlich nichts mit der Story zu tun haben...
    Naja, es ist vielleicht wirklich ein wenig von Herr der Ringe geklaut, der ja erstmal ewigkeiten sein Hobbit Fest beschrieben hat.

    Bzgl. der Wortwiederholungen arbeite ich dran, aber wenn du mich fragst ist das die Höchste Kunst des Schreibens
    Wenn es nichts gibt, was ich beschreiben könnte, und ich dennoch die Zeit, die er in an dem Ort verbringt, fühlbar machen will, dann steh ich eben vor einem Problem
    Ich muss mir nochmal das ein oder andere "vorbildwerk" zu Gemüte führen, in dem hunderte Seiten lang quasi nichts passiert.

    Auch steht man immer auf der Schwelle zwischen winzigen Details und nur das Nötigste.
    Nur das Nötigste macht das Buch unrealistisch. Es hetzt durch, in 20 seiten ist es erzählt und keiner hat irgendwas dabei miterlebt oder gefühlt.
    Zu viele details ziehen das Buch ewig in die Länge und machen es langweilig.

    Ich erwarte für mein Erstlingswerk auch keinen Bestseller wie illuminati. Mit "Gibt bessere, aber auch schlechtere" kann ich rundum zufrieden sein
    Und das bin ich auch

    Dann kann auch die Handlung ruhig mal etwas voraussehbarer sein

  2. Trog Ulodyte Benutzerbild von Lord War
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    #47
    So habs nun auch mal durchgelesen und kann nur sagen Super.

    @Scytale kennst du eig Kingdome Hearts weil des "du bist noch nicht bereit dafür" kam mir so bekannt vor...
    _______________
    Die meisten Schüler bekommen in Deutsch einen Fehler, da sie vergessen haben ein Komma zu setzen. Ich bekomme einen Fehler, da ich zu viele Kommas setze.

  3. Banned
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    Scytales Rache
    #48
    Zitat:

    Zitat von scytale Beitrag anzeigen
    Inspirationsquellen:
    Kingdom Hearts (Piano Background Medley von German seabass: Hier ein Youtubelink <- einfach nur Göttlich Ohne der Musik wär aus dem Buch nicht viel geworden)
    Within Temptations Restless (Piano Version)
    Frank Herberts Dune
    Franz Schurbert, Masters of classical music
    Donkey Kong II - Diddys Conquest: Bramble Scramble Background
    Euromir Theme

    Hätteste ma den erste post gelesen
    Und zum super: danke

    €: ach ja, und ich hab natürlich auch das game gezockt, nicht nur den background gehört
    Geändert von ScyOfficial (18.08.2009 um 15:56 Uhr)

  4. Trog Ulodyte Benutzerbild von Lord War
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    #49
    Darauf wollte ich eig hinaus, ob Du es gezockt hast.

    Naja dann warte ich nun mal fleißig auf die Fortsetzung
    _______________
    Die meisten Schüler bekommen in Deutsch einen Fehler, da sie vergessen haben ein Komma zu setzen. Ich bekomme einen Fehler, da ich zu viele Kommas setze.

  5. Hydra Benutzerbild von The Pooh
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    Honey
    #50
    mir is das ein bisschen anstrengend zu lesen auf dem bildschirm...

    gibts das im handel auch irgendwei zu kaufen weil meine augen tun weh..

    das soll ein kompliement sein
    _______________
    Jener Indianer, der den Kolumbus entdeckte, machte eine böse Entdeckung.
    "Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit alles zu tun."


    Schwarz Weiß wie Schnee das ist die SGE!

    Freiheit. Leben. Lachen. Lieben.

  6. Thorn Stalker Benutzerbild von Badde
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    #51
    Zitat:

    Zitat von Sinfay Beitrag anzeigen
    mir is das ein bisschen anstrengend zu lesen auf dem bildschirm...

    gibts das im handel auch irgendwei zu kaufen weil meine augen tun weh..

    das soll ein kompliement sein

    Unten auf Druckbare Version zeigen und ab dafür
    _______________
    B A D D ECha Drachenblut
    Götter unter Sterblichen
    Geändert von Badde (30.01.2010 um 20:43 Uhr)

  7. Thorn Stalker Benutzerbild von Badde
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    #52
    Ich habe mir mal die Mühe gemacht, das Buch in einer PDF-Datei zusammenzufassen. Dabei habe ich die Rechtschreib- und Grammatikprüfung von Microsoft Word 2007 drüberlaufenlassen. Ich hoffe, damit geholfen zu haben.
    Angehängte Dateien
    _______________
    B A D D ECha Drachenblut
    Götter unter Sterblichen

  8. Banned
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    Scytales Rache
    #53
    cool, danke (und sorry, dass ich das erst jetzt sehe^^)
    Ja die Open office Rechtschreibhilfe hat mich beim Schreiben wohl "etwas" im Stich gelassen...

    Die macht aus Motivationstheorie schnell mal Molekularbiologie oder sowas.
    Also danke für die pdf
    (Ist auch intressant, das die mittlerweile auch schon wieder 7 Mal aufgerufen wurde )

    Danke natürlich auch für das Kompliment von Sinfay - eine gedruckte Version wird es so in der Form aufgrund des Urheberrechts aber leider niemals geben.

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    #54
    schöne geschichte

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    Scytales Rache
    #55
    Die Rache des Schattens


    Das Warten hat ein Ende. Wie bereits angekündigt geht es weiter mit dem Anfang des zweiten Buches, und einem Ausblick, wie es hätte weiter gehen sollen.

    Damit schieße ich das Kapitel "Der schatten" vorzeitig ab. Die Gründe dafür habe ich ja im Startpost erläutert.

    Ich möchte mich bei allen Bedanken, die so lange an mich geglaubt haben, ganz besonders an I Butterblume I, die mich wieder und wieder dazu ermutigt hat, das Buch weiter zu schreiben.

    Natürlich auch einen Dank an alle, die sich bereit erklärt haben, ihren Namen zur Verfügung zu stellen. Bisher verwenden konnte ich leider nur "Nox Blackblood" und "Beren Miriel".

    Ich hoffe, die Geschichte bleibt trotz des Seitenumbruchs im Thread einigermaßen zusammenhängend.

    Es sind nun 54 Din A4 Seiten, und 35 Kapitel. Ich werde versuchen, immer 4 Kapitel in einen Post zu kriegen. Das heisst, es folgen weitere 10 Postings.

    Zuvor möchte ich noch die üblichen Anmerkungen machen:

    Diese Geschichte wurde Frei erfunden, die Namen von Freunden gewählt, die damit einverstanden sind, oder ebenfalls erfunden.

    Sie lehnt stark an die ereignisse des Nightfall tuts an, spiegelt diese aber jedoch nicht wieder. Die Geschichte verändert die Storyline des Tuts und kann gegebenenfalls Spoiler enthalten.

    Leider enthält die Geschichte zahllose Rechtschreibfehler. Dies ist leider nicht anders möglich, da mein Open Office irgendwelche komischen Sachen macht.

    Leider ist beim Kopieren die Kursivschrift verloren gegangen. Dennoch ist es mE. klar, welche stellen Schräg geschrieben gehören...

    Diese Geschichte zielt nicht auf ein Happy End hin und kann gewaltätige Szenen enthalten! Sie ist nicht vollständig!

    Bedanken möchte ich mich natürlich auch wieder bei Sonja und Nina - Lacy und Nosferatu, dafür, dass sie sich bereit erklärt haben, auch in der Fortsetzung ihren Namen zur Verfügung zu stellen.

    Ich verweise auch nochmals an den Startpost - lest ihn bitte nochmal durch.



    Ansonsten: Viel spass mit: "Die Rache des Schattens"
    Geändert von ScyOfficial (24.05.2010 um 17:17 Uhr)

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    Scytales Rache
    #56
    Die Rache des Schattens

    Kapitel I

    Sanft strich die warme Brise über das hohe, goldene Gras. Bäume wogen zart im Wind, des beginnenden Herbstes. Allmählich färbten sich die Blätter gelb und rot und ließen die Welt in einem farbenfrohen Glanz erstrahlen, den selbst Dwayna in ihrer Herrlichkeit bewundert hätte.

    Der alte Mann ging gemächlich den geschlängelten Weg, durch die Felder, fuhr mit seiner Hand über durch Gräser, hielt inne und betrachtete eine Stelle zwischen den großen Halmen, an der er ein Rascheln vernahm.
    Ein Frosch? Er lächelte bei dem Gedanken. Oder gar eine Eidechse?
    Vorsichtig beugte er sich hinunter und griff nach den Halmen. Schob sie ein wenig beiseite.

    Da war es wieder, das Rascheln. Dieses mal wohl ein Stückchen tiefer in der Wiese... Er sah, wie sich die Halme bewegten, wie sie weggedrückt wurden von einem Körper, der sich durch das Gewirr schob.
    Die Augen des Alten glänzten, als er den Umriss eines Schildkrötenpanzers ausmachen konnte.
    Behutsam griff er nach dem kleinen Tier.
    Ein Baby... dachte er, und beobachtete, wie sich der Kopf des Geschöpfs in den Panzer zurückzog, während er es aufhob.

    „Ist es schon Zeit, schlafen zu gehen meine kleine?“ Der beruhigend tiefe Basston des Mannes schien dem Tier Mut zu machen. Vorsichtig streckte es seinen Kopf ein klein wenig aus dem Panzer.
    „Du hast recht, es ist kühl geworden“, meinte er und blickte sich um. „Der Sommer ist vorbei.“
    Behutsam legte er das Tier ins Gras, dann richtete er sich auf. „Vergrabe dich gut, kleine Schildkröte... Bald werden die Bauern die Wiesen mähen. Nicht, dass dich ein Sensenschwung erwischt.“

    Eine Schar Vögel zog über der Wiese hinweg; der hinter den Bergen verschwindenden Sonne entgegen.
    Allmählich wandelte sich die warme Brise in einen kühlen Wind.
    Der Sommer ist wirklich vorbei...

    Der Alte atmete tief durch. Wie er den Spaziergang in den Feldern vor dem Kloster liebte. Hier im Sunqua Tal fand er schon oft seine innere Ruhe nach einem ereignisreichen Tag wieder. Und ereignisreich war dieser allemal.

    Nicht nur die Vorbereitungen für das Erntedankfest liefen in vollem Gange, sondern nun hatte sich auch Togo, der ehrwürdige Meister des Klosters und Bruder des Königs angekündigt. Und das schon für den kommenden Tag!

    Hecktisch hatte der Mann das Nötigste in Auftrag gegeben, um dem Meister einen gebührenden Empfang zu bereiten, doch er bezweifelte, dass seine Anweisungen rechtzeitig umgesetzt werden würde. Solange die Bediensteten wenigstens ein passendes Festmahl finden...
    Togo mochte keine großen Feste ihm zu Ehren, doch nun war es über ein halbes Jahr her, seit er sein Kloster das letzte mal besucht hatte.
    „Meister Phill, hier seit Ihr, ich habe euch schon überall gesucht!“, brach ein Ruf die Harmonie des Abends. Der Alte verdrehte die Augen und sah einem Jungen entgegen, der ihm aus dem Kloster entgegen rannte.
    „Li, ich hatte doch klare Anweisungen gegeben...“
    „Ja, Meister verzeiht...” Lis Stimme zittere ein wenig vor der Autorität des Alten und er atmete schwer, als er ihn erreichte. Anscheinend war er tatsächlich suchend durch das halbe Kloster gerannt. „Aber Ihr hattet angeordnet eine Gruppe exotischer Musikanten für Meister Togo zu finden...” wieder tat der Junge einige Atemzüge... „Aber wir haben hier nur einige Musiker, die sich der altchantansichen Melodien verschrieben haben.“

    „Dann kann ich es jetzt auch nicht ändern, Li...“ Phill machte eine abschätzige Handbewegung. „Letztendlich war es eh nur so ein Gedanke...”
    „Aber... was sollen wir nun tun?“

    Der Alte dachte an die Schildkröte... Sie hat viel existenziellere Probleme. Sie kämpft alltäglich um ihr Überleben. Sucht Futter, Deckung, und dennoch braucht sie Wärme; darf sich nicht in ihrem Loch verkriechen, sondern muss sich immer wieder hinaus ans Tageslicht wagen.

    „Nehmt die Altchantanischen. Werden wir in der Dekoration eben ein wenig ändern müssen.“ Phill rieb sich die Stirn und sah zu dem Jungen, der nur kurz nickte, sich dann umdrehte und weg rannte.
    Ich fürchte das war es mit dem gemütlichen Abend... Ich kann sie wohl so kurz vor einem wichtigen Ereignis nicht alleine lassen...

    Kapitel II



    „Die Sonnenspeere formieren sich, Kriegsherrin. Sie bereiten sich auf einen Angriff vor.“
    Varesh stand über einem Tisch gebeugt, auf dem eine taktische Karte Elonas lag. Kleine Zinnfiguren standen auf den Positionen, an denen größere Festungen markiert waren.
    „Die Sonnenspeere reagieren erstaunlich aggressiv auf die Kriegserklärung. Ich hätte nicht gedacht, dass sie einen Erstschlag wagen.“
    Sie blickte von den zahlreichen Nachrichten, Dokumenten und Botschaften, die in einem heillosen Durcheinander auf dem Tisch lagen zu Morgahn auf, der auf der gegenüberliegenden Seite stand, und ihren Blick erwiderte.

    Sie befanden sich in Vareshs Privatgemächer, in der Festung von Jahai, jenem riesigen Bollwerk, mitten im Herzen einer Hügelkette. Der einzige Weg von Vaabi nach Kourna führte durch diesen Engpass, den der Fluss Elon im laufe der Jahrhunderte in den Stein gefressen hatte. Doch die Fürsten würden keinen Angriff gegen Jahai wagen... Niemand würde das. Nicht einmal die Sonnenspeere mit ihren verdammten Paragonformationen.

    „Da wir diese Hure bislang noch nicht gefunden haben, ist es durchaus denkbar, dass sie noch lebt“, merkte Morgahn an, und senkte schuldbewusst sein Haupt. „Hätte ich sie doch sofort verfolgt, als ich gesehen habe, wie sie über dem Wald abgestürzt ist...“
    „Du redest von dieser Lacy?“ Vareshs Ton hatte nichts seiner gewöhnlichen Härte verloren, doch die Sinne des Paragons verrieten dem General, dass sie wohl unter gewaltigem Druck zu stehen schien. Ihre Tonlage zitterte minimal. Fast, als habe sie Angst.

    „Sollte sie überlebt haben ist es sehr wahrscheinlich, dass sie Komir etwas von unserem Kontakt zu den Kosaren erzählt.“ Er hielt kurz inne... „Außerdem hatten wir ungewöhnlich schnell Besuch von einer zweiten Gruppe Sonnenspeere. So als hätte Komir gewusst, dass die wenigen Einheiten, die sie schickte nicht ausreichen würden...“
    „Das sind Spekulationen. Konzentrieren wir uns besser auf Tatsachen.“ Varesh schob eine Zinnfigur von der Feste Marga hinunter nach Gandara.
    „Außerdem... Es hat doch alles bestens funktioniert. Scytale ist beseitigt.“
    Sie tippte mit dem Finger auf die Karte, um zu zeigen, dass sie sich jetzt wieder wichtigeren Dingen widmen wollte.
    „Ich denke sie werden hier einfallen“, wechselte sie das Thema. Ihr Finger lag auf der Mondfestung, auf deren Platz nun schon drei Zinnfiguren standen.
    „Warum sollten sie Gandara angreifen? Dort haben wir einen erheblichen Verteidigungsvorteil.“

    Beinahe hätte Morgahn nach Vareshs Hand gegriffen, doch dann besann er sich und deutete mit dem Finger auf die Marga Küste.
    „Dort hätten sie einen breiten Küstenstreifen, den sie nicht nur zum Ausladen der Schiffe benutzen könnten, sondern auch dazu, sich neu zu Formieren und dann...“ er fuhr mit dem Finger auf der Karte ein Stück nördlich: „zur Feste Marga zu marschieren... Oder...“ wieder wanderte sein Finger über die auf Papier gezeichneten Landschaften: „ ...sie landen direkt an der Nundu Bucht an. Das böte ihnen zusätzlich eine günstige Verteidigungsposition. Und die Bucht ist kaum bewacht...“

    „Macht Euch darüber keine Gedanken, General.“ wehrte Varesh ab.
    „Aber...“
    Mit einer abweisenden Handbewegung brachte ihn Varesh zum Schweigen.
    Dann sah sie ihm direkt in die Augen.
    „Macht Euch darüber keine Gedanken.“ Sie betonte jedes Wort mit Nachdruck und ließ dem Paragon keine Luft, für einen neuen Einwand.
    Verhalte dich nicht wie ein Kind Morgahn... das kannst du dir nicht leisten.
    Gebannt starrte er ihr entgegen; unmöglich, sich von ihrem Blick loszureißen.
    „Wir Ihr wünscht, Kriegsherrin!“, rief er in militärischer Strenge aus, doch hinter seinen Worten fehlte die Kraft, auf die er als Paragon so oft zurück griff.

    Varesh brach den Blickkontakt mit einem zufriedenen Lächeln ab und widmete sich wieder der Karte.
    Auch der General fasste sich wieder und sah auf den Tisch.
    Sie hat mich voll im Griff, dachte er und spürte das Zittern seiner Hände, die er wie immer hinter dem Rücken verbarg.
    Sie hat sich verändert...

    Einen Moment lang herrschte eine unbehagliche Stille. Varesh hatte nichts mitzuteilen, und der General traute nicht, eine andere Frage zu stellen, die ihm auf der Zunge lag.
    Warum habe ich solche Angst vor ihr?
    Seine Hände griffen hinter seinem Rücken ineinander, als er seine tadellose und gerade Haltung einnahm. Er spürte, wie seine Rechte die Linke fester und fester drückte.
    Ist es das Funkeln in ihren Augen, wenn sie ihre Befehle erteilt? Woher kommt es?

    Die Stille wurde unerträglich für ihn. Varesh schien sich in die Berichte der Truppen vertieft zu haben, die neben den Vaabischen Kriegserklärungen lagen. Jeder der drei großen Fürsten hatte seinen eigenen Text aufsetzen und mit großen Tam-tam nach Jahai bringen lassen. Varesh hatte die Boten einen halben Tag lang warten lassen, bis sie sie vorließ. Dann, hatte sie die Schreiben entgegen genommen und die Botschafter vor die Tür gesetzt.

    Hat Abbadon Besitz von ihr ergriffen? Zum wievielten mal stelle er sich nun diese Frage?
    Ist es die Macht Abbadons, die mich ängstigt?

    „Was ist mit Vaabi?“, brach er die Stille. Viel zu forsch, zu ungeschickt... Der Paragon rügte sich selbst mit einem Blick auf den Boden, löste dann seine Hände aus der Verkrampfung und deutete mit der Rechten auf die Fürstentümer.
    Letztendlich ist sie die Kriegsherrin. Und ihre Entscheidungen sind zu respektieren. Sie hat mir nie etwas angetan. Vielleicht ist es nur der Druck, der auf ihr lastet...

    Varesh blickte von den Berichten auf:
    „Vaabi?“ Sie lachte auf. „Die Fürsten scheuen doch alles, was Kosten verursachen könnte. Und ein Krieg ist kostspielig. Ich könnte Jahai unverteidigt lassen und niemand aus Vaabi käme auf den Gedanken auch nur einen Soldaten nach uns zu schicken.“
    Ihre Stimme hat sich gefangen. Anscheinend hat sie unseren Disput schon wieder vergessen. Der Paragon schloss die Augen für einen Moment. Zum Glück ist sie nicht Nachtragend, dachte er und atmete heimlich auf.

    Varesh legte die Papiere zur Seite und fuhr mit dem Finger über die Karte.
    „Nachdem wir dieses lästige Sonnenspeer Problem aus der Welt geschafft haben überfallen wir die Fürsten. Ich könnte wetten, sie werden nicht die geringsten Vorkehrungen getroffen haben.“
    Sie sah zu Morgahn auf. Dieser nickte. „Dieser Krieg wird nicht länger als ein paar Monate dauern“, meinte er.
    Die Frage ist nur, ob das gut oder schlecht ist...

    Kapitel III

    „Ich liege also an diesem Abgrund und weiß nicht was ich tun soll. Und dann höre ich eine leise Stimme, wie einen Windhauch...“

    Scytales Augen wanderten vom Einem zum Anderen. Sie saßen zusammen am Feuer: Komir, Lacy, Puuba, der Hauptmann der großen Halle der Sonnenspeere, vor der sie sich in den Staub der Halbwüste gesetzt hatten, Dunkoro, der Mönch, der Lacy geheilt hatte und sich schon seit Jahren liebevoll um das Wohl der Sonnenspeere sorgte, sowie zwei weitere Paragone, die Komir beraten, aber im Notfall auch verteidigen sollten.
    Scytale kannte die beiden gut. Der eine war Devah, mit dem er früher öfter durch den Park der Sonnenspeerbasis gejoggt war, zusammen mit seinem besten Freund Mokk, der sich gerade um die angeforderten Schiffe kümmern musste. Die andere Paragonin war Miriel, die er nur vom sehen her kannte. Aber er wusste, dass sie einst die Leiterin des Rekrutenhauses war.
    Wir reden, als wären es längst vergangene Zeiten, dachte er. Dabei ist es gerade mal zwei Monate her... Viel zu tief saß der Schock über die Botschaft, die er am Tage seiner Rettung aus den Fängen Abbadons, aber auch an dem Tag seines Versagens erfahren hatte.

    Die Anderen blickten ihn fragend an. Man sah ihren Gesichtern die Spannung deutlich an.
    „Ich habe die Stimme nicht verstanden...“, fuhr er fort. „Erst als sie ein zweites und ein drittes mal rief. Lauter und lauter wurde sie. Ich habe mich aufgerichtet und erkannte die Bedeutung des Wortes.“
    Seine Stimme wurde lauter.
    „„Flieh, flieh“, schrie es in mir und als ich über das öde Land sah erkannte ich schwarze Schatten, die sich schnell auf mich zu bewegten...“

    Wie oft hatte er die Geschichte seit seiner Rückkehr schon erzählt? Jeden Abend wollten sie es wieder hören. Jedem Tag fiel ihm etwas neues wieder ein, das er vergessen hatte. Vergessen oder verdrängt?

    Lacy und Komir kannten die Geschichten. Und Scytale war der Ansicht, sie wären die einzigen, die sie ihm auch vollends glaubten. Doch solange die Anderen danach fragten wollte er ihnen davon erzählen. Vielleicht würde er dann lernen, besser mit den Alpträumen umzugehen, die ihn seither jede Nacht quälten...

    Also erzählte er, wie er in den Abgrund sprang, beinahe gegen die schwebenden Felsen geschlagen wäre, und letztendlich von einem seltsamen Licht auf die Plattform geleitet wurde.

    „Was hast du in dem Spiegel gesehen?“, fragte Devah, als Scytale von den drei Vorrichtungen erzählte.
    „Ich weiß es nicht...“, antwortete er karg. „Ich... habe nur einen winzigen Blick hinein geworfen. Kaum eine Sekunde trafen meine Augen das Bild. Und doch habe ich unendlich viel gesehen. Dinge die Möglich sind. Dinge die wahrscheinlich sind... Aber auch Fehler, die wir begehen werden.
    „Dann kannst du jetzt in die Zukunft sehen?“ Devah klang aufgeregt, und warf einen hektischen Blick auf Komir, die Scytale aber weiterhin fixierte.
    „Nein...“ Der Paragon blieb ganz ruhig. Fast müde klang seine Stimme, was niemanden zu so später Stunde verwunderte.
    „Ich weiß nicht wie die Zukunft wird. Ich muss das alles erstmal verarbeiten...“ Er stellte seinen Arm auf ein Knie und legte den Kopf in seine Hand. Zulange schloss er die Augen, als das es den anderen nicht aufgefallen wäre.
    „Ich habe eine riesige Flut an Bildern gesehen. Bilder, die keinen Sinn ergeben, Bilder, die weit, weit in der Zukunft liegen... Vergangenes, versäumtes, verlorenes... Wie ein Teppich liegt es vor mir.“
    Und nur ein Faden führt durch ihn hindurch, dachte er...
    Enttäuscht ließ Devah den Kopf sinken.
    „Also tappen wir im Dunklen.“

    „Bina fliegt die Küsten ab und sucht nach einer geeigneten Position, von der aus wir in Kourna einmarschieren können“, meinte Miriel. „Wir brauchen keinen Spiegel, der uns sagt was wir machen sollen.“ sie lächelte Scytale zu. „Bislang ging es auch ohne.“

    „Reden wir heute nicht über den Krieg“, warf Komir ein. „Darüber müssen wir uns morgen noch genug unterhalten... Dann, wenn Bina zurück ist.“
    Sie stand auf.
    „Ich denke, es wäre jetzt das Beste für uns alle, Schlafen zu gehen.“
    Auch die Anderen reckten sich, standen auf, verabschiedeten sich und wankten in ihre Zelte, die sie im Hof der Großen Halle aufgebaut hatten. Der Ort war nicht dazu gebaut, so viele Menschen aufzunehmen.

    „Kommst du, Scytale?“, fragte Lacy den Paragon zart, als sie sah, dass er sitzen geblieben war.
    „Gleich, Mutter. Lass mich ein wenig nachdenken.“
    „Über die Vergangenheit oder über die Zukunft?“
    „Über die Gegenwart. Über mein Leben...“
    „Es lässt dir keine Ruhe...“ Ihre Hand berührte vorsichtig seine Schulter.
    „Wie könnte es? Wenn meine Existenz doch nur eine Lüge ist...“
    „Du bist zu großem berufen, mein Sohn. Glaube mir.“ Sie lächelte. Dann trat sie zurück und ging.
    „Gute Nacht“, rief sie noch, doch Scytale war längst in seinen Gedanken versunken.

    Kapitel IV

    „Hey, Scytale!“ Die Stimme war hart und bestimmend, als sie an seine Ohren drang. Doch auch ein wenig Enttäuschung floss in Komirs Worten mit.
    Scytale fuhr hoch, und fand sich auf einer der Banken am Brunnen in der Mitte des Parks wieder, der zwischen der U-Form des Hauptgebäudes, sowie weiter nach hinten verlängert bis hin zum Haus der Rekruten angelegt worden war. Es war früher Morgen; noch hatte sie Sonne nicht ihren Weg über die Bäume des Parks gefunden. Das vertraute Geräusch, auf Stein treffenden Wassers drang an seine Ohren. Er sah sich kurz um. Dann blickte er in Komirs tadelnde Miene.
    „Du bist eingeschlafen.“ Sie lächelte gezwungen. „Sind meine Geschichten so langweilig?“
    „Nein...“ er griff sich an den Kopf. Ein kühler Windhauch zog über seine Wange. „Verzeiht, Marschall... ich denke die Nacht war doch zu kurz.“
    Komir stand auf und ging ein paar Schritte auf den Brunnen zu. Scytale tat es ihr gleich, auch wenn seine Beine sich anfühlten, als wären sie aus Gummi.

    „Sag mir wenigstens, was du geträumt hast“, meinte sie, und drehte sich wieder zu ihm um. Ihre Stimme nahm einen sanfteren Ton an, als hätte sie Angst um ihn. „Wieder ein Alptraum?“
    „Er war komisch...“ Scytale starrte auf das Wasser.
    „Komisch, aber auch grausam...“ er hielt einen Moment inne. Sein Blick kreuzte sich mit dem der Marschallin. „Ich habe geträumt die Basis würde zerstört werden. Kourna würde uns den Krieg bringen und wir würden Vorbereitungen treffen, das Festland zu besetzen... Seit 2 Monaten habe ich solche Träume. Nicht mehr wie früher eine Vorahnung. Nicht mehr ab und zu...“
    Er schüttelte den Kopf. „Jede Nacht...“ Wieder griff er sich an die Stirn. Wischte sich noch nicht existenten Schweiß davon. Er fand es sogar ein wenig kühl; jetzt, um diese Uhrzeit.
    „Nicht mehr Ausschnitte, Gegebenheiten oder Eindrücke...“ Er sah Komir an. Sein Blick traf sich mit dem Ihren. „Ich träume jede Nacht das Gleiche.“ Einen Moment überlegte er... „Nein, nicht das Gleiche. Es setzt sich von Traum zu Traum fort... Ich saß an einem Feuer...“ er setzte sich auf den Brunnenrand, als seine Beine völlig drohten einzuknicken.
    „Mit Lacy und den anderen... Und mit dir...“

    Komir hörte seinen Ausführungen irritiert zu. Ihr Blick lag einige Sekunden auf den Paragon.
    Dann versuchte sie, eine ausdruckskräftige Stimmposition zu finden, und sagte so ruhig sie konnte: „Keine Angst, das wird nicht passieren. Wir haben Frieden mit Kourna. Wir haben doch vor zwei Monaten den Vertrag unterschrieben, weist du nicht mehr?“
    Sie bemühte sich um ein Lächeln.

    „Es...“ Wieder fasste sich der Paragon an den Kopf, in dem er ein leichtes Pochen vernahm. „Es ist alles so real gewesen...“
    „Aber es war nur ein Traum. Sei unbesorgt.“ Komirs Tonfall pendelte sich auf eine beruhigend harmonische Lage ein. Mit der vollen Macht der Stimme sagte sie: „Varesh plant nichts schlimmes.“ Dann hielt Sie einen Moment lang inne.

    „Soll ich nach Dunkoro schicken lassen? Vielleicht kann er dir helfen. Diese Alpträume bringen dich noch um den Verstand.“
    Scytale starrte auf den Brunnen. Auf das fallende Wasser, wie es monoton gegen den Stein prasselte. Wie immer beruhigte ihn das Plätschern ungemein.
    Ein Traum... hallten Komirs Worte in seinem Bewusstsein wieder. Nur ein Traum...
    „Vielleicht hast du recht.“ Er sah zu der Marschallin, nickte leicht und scheiterte kläglich, beim Versuch eines Lächelns. „Vielleicht kann Dunkoro mir helfen...“

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    Scytales Rache
    #57
    Kapitel V

    Einen letzten Blick warf der alte Phill auf sein geliebtes Tal unterhalb des Klosters, bevor er sich fürs Bett bereit machen wollte. Er spürte deutlich die Müdigkeit in seinen Knochen. Bis Mitternacht hatten sich die Vorbereitungen hingezogen. Unendliche Kleinigkeiten. Die Kerzen passten nicht in die Ständer, das Festmahl für den kommenden Tag war nicht in ausreichender Menge bestellt und die hoch angepriesene altcantanische Musikgruppe bestand lediglich aus vier Dorfkindern, die unrythmisches abfeuern verschiedener Toncombinationen als Werk betrachteten, „das direkt ins Blut übergeht“.
    Nun hatte Phill Li und drei weitere Mönchsschüler dazu verdonnert, früh am nächsten Morgen ein Stück einzuüben. Noch bestand die Hoffnung, Meister Togo würde das Kloster erst Abends erreichen – insbesondere aus dem Grund, da er zuvor Minister Cho besuchen wollte, der die zumeist lästige Angewohnheit hatte, stundenlang inhaltslose Geschichten über seinen privaten Tiergarten zu erzählen.
    Phill fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, als er an den letzten Vortrag des Ministers über seinen neu erworbenen Moa dachte.
    Welch schönes und edles Tier, rezitierte er Cho in seinen Gedanken und schüttelte den Kopf. Er sieht genauso aus wie jeder, der sieben anderen Moas des Ministers...
    Dem Klatsch aus dem Dorf Tsumei hatte er entnommen, dass er sich weitere sechs Tiere aus aller Welt hatte liefern lassen. Demnach hätte sein Chor in der Tat bis zum nächsten Abend zeit, ein Stück einzuüben.

    Die Nacht war schwarz. Der Neumond hüllte das Tal in einen Schleier aus Dunkelheit, den Phills Augen nicht durchdrangen. Hier, in seinem Gemach hoch oben auf einem Hügel fühlte er sich, als würde er in ein unendlich tiefes Loch blicken...

    Er trat vom Fenster weg, in seinen hell erleuchteten Raum. Magisches Licht strahlte von allen Wänden wieder und ließ das Zimmer in einem weißen Schein erstrahlen, der noch auf tausende Metern sichtbar sein musste. Mit einer bedachten Handbewegung dämpfte der Alte das Licht ein wenig, entglitt seinem Mönchsgewand und zog sich einen bequemes, weites Hemd und eine entsprechend lockere Hose an. Dann ging er zu einem weiteren Fenster und blickte auf den Hof des Klosters. Dort wo Tagsüber reger Betrieb herrschte, Rekruten, Schüler, aber auch Händler und Abenteurer verkehrten und wie aufgescheuchte Hühner in der Hecktick des Tages umher rannten, war nun Ruhe eingekehrt. Phill erkannte einen Nachtwächter, der über den geschmückten Platz marschierte, und einige der Laternen ausbließ.
    Unvermittelt gähnte der Alte.
    Ja, ein harter Tag..., dachte er. Und die Nacht wird kurz. Dann wandte er sich von dem Fenster ab und legte sich auf sein Bett.

    Eine weitere kontrollierte Handbewegung ließ das Licht erlöschen.
    Togo wird stolz auf unsere Flexibilität sein. Seine Mundwinkel zuckten nach oben, doch dann schoss ihm wieder die Frage durch den Kopf, die ihn schon den ganzen Tag bewegt hatte:
    Doch warum kommt er so plötzlich?
    Dann war er eingeschlafen.

    Kapitel VI

    Ein leises Rascheln in der Nacht. Ein Ast, der unter der Last eines Fußes brach... Ein zischen...
    „Wer da?“ Die Stimme war laut und bestimmend. Zu laut für diese stille Nacht, in der selbst die ewigen Töne der Insekten verstummt waren. Es war weit nach Mitternacht, und Barokk, der Wache an der Großen Halle der Sonnenspeere hielt, schwenkte eine Fackeln in die Richtung, aus der er die Geräusche gehört hatte. Ein Schatten huschte ihm im fahlen Schein der Feuer entgegen. Barokk legte seinen Speer an.

    „Wartet!“, zischte ihm die Gestalt entgegen. „Ich bin nicht euer Feind.“ Die Stimme war zart, als käme sie von einer jungen Frau.

    „Wer seit Ihr?“, fragte er, in unverändert lautem Ton. Die Gestalt näherte sich noch einige Meter, dann erwiderte sie: „Man nennt mich Mashir. Ich möchte mit Marschallin Komir sprechen.“
    Dann trat sie in den Schein der Fackeln.
    Barokk hob instinktiv sein Schild und legte den Speer an den Rücken, als er die Junge Frau in einer Kosarenrüstung erkannte. Seine Muskeln spannten sich an. Er vermutete, dass die Gestalt genauso tödlich sein könnte, wie sie schön war. Ihr langes Haar hatte im schwachen Schein eine unerkennbare Farbe, doch er sah, dass es bis zur Schulter an ihr herab hing, und so ihr hageres Gesicht noch schmäler wirken ließ.

    „Ihr seit eine Kosarin!“, rief er aus und überlegte, ob er nicht besser gleich Alarm schlagen sollte. Doch wegen einer Frau...? Hektisch sah er durch das Schwarz der Nacht, konnte aber nichts erkennen.
    Das Mädchen zeigte sich von seiner Haltung nicht beeindruckt. Sie spürte seine Anspannung, das Zittern seiner Muskeln, die Angst, die ihn kontrollierte.
    Ein Paragon kann das nicht sein, dachte sie. Wie er sich verhält, würden noch nicht einmal wir ihn aufnehmen.

    „Ich bin hier, um mit Komir zu verhandeln.“ Sie wählte ihre Worte bewusst leise. Fast spöttisch ließ sie sich Zeit, jede Silbe besonders zu betonen, als spräche Barokk eine andere Sprache.
    Nicht das er mich missversteht, lachte sie innerlich.

    „Komir schläft!“, entgegnete der Wächter - wieder zu laut.
    Jetzt bestimmt nicht mehr. Die Dunkelheit verbarg ihr breites Grinsen.
    „Ich bin weit gereist und die Information, die ich Komir bieten kann, könnte von höchster Wichtigkeit sein.“
    „Ich sag es nochmal. Komir schläft und ich werde sie ganz bestimmt nicht wegen einer Kosarin wecken.“ Mashir ignorierte seine abschätzige Kopfbewegung. „Geht fort. Kommt unter Tags wieder, wenn ihr mit Komir sprechen wollt.“
    „Ich halte es für keine gute Idee, mich wegzuschicken...“

    „Ich auch nicht. Barokk, was geht hier vor?“ Komirs befehlender Ton ließ den Mann zusammenschrecken.
    „Ah Marschallin...“ Mashir verbeugte sich vor der Paragonin. „Ich bitte um Audienz.“
    „Mitten in der Nacht?“ Komir wirkte noch ein wenig verschlafen. Anscheinend hatte Barokk sie wirklich geweckt.
    „Verzeiht, aber es geht nicht anders. Die Anderen sollen nichts davon mitbekommen. Ich musste warten, bis sie schlafen. Und ich hatte einen weiten Weg durch den Dschungel...“
    „Nungut.“ Komir deutete ihr, mitzukommen. „Gehen wir in mein Zelt und reden.“
    „Ihr schlaft nicht in der Halle der Sonnenspeere?“, fragte die Kosarin verwundert und blickte auf das riesige Bollwerk, dass sich hinter dem Lager erhob.
    „Ich bin eine Marschallin. Kein Gott“, erwiderte Komir, drehte sich um und ging voran.
    Mashir schob sich an Barokk vorbei, der noch immer verdutzt zu sein schien und eilte ihr hinterher.

    Kapitel VII

    Scytale trat in die Bar des Rekrutenhauses, und setzte sich an einen Platz am Tresen. Den ganzen Tag war er durch den Komplex gegangen. Vom Park zu seinem Zimmer. Er hatte Lacy auf dem Übungsfeld besucht, die Ihre Wurftechnik perfektionierte. Er selbst hatte seine heutigen Übungen ausfallen lassen, um sich ganz seinen Träumen zu widmen. Leider würde Dunkoro erst am Abend die Zeit finden, sich um ihn zu kümmern.
    Lacy hatte er nichts von seinen Träumen erzählt. Er wollte sie nicht noch weiter belasten, nachdem Komirs entschieden hatte, sie erneut zu prüfen.
    Obwohl sie großartige Arbeit bei der Rettung Chahbecks geleistet hatte, reichte das der Marschallin nicht. Sie musste alleine auf dem Schlachtfeld zurecht kommen. Gegen eine Übermacht bestehen, nicht nur zusammen mit einem Elite Paragon ein paar Kosaren abwehren.
    War es das, über was wir heute Morgen gesprochen haben? Lacys Prüfung?
    Scytale wusste es nicht mehr...

    „Na wie geht es dir?“, fragte der Barkeeper. „Immer unterwegs, nicht? Haben uns lange nicht gesehen.“ er lächelte erheitert, aber Scytale sah ihn nur mit müden Augen an.
    „Ich nehme ein Glas Traubensaft, Pepe. Und bitte heute keine Scherze,“ sagte er so tonlos und schwach, wie er sich schon den ganzen Tag gefühlt hatte.
    „Gut, kein Problem“, erwiderte der Keeper mit einem mitfühlenden Nicken und suchte unterhalb des Tresens ein passendes Glas.

    Sie übt heute härter denn je... Schindet sich fast zu Tode.
    Pepe stellte ihm das Glas hin. „Lass dir's schmecken“, meinte er liebevoll.
    Wenigstens er macht gute Fortschritte...
    Scytale erinnerte sich noch an ihre erste Begegnung an dem Tag vor Lacys Prüfung. Abgesehen davon, dass er sie mit seinen schwarzen Locken und seinem schmalen, zierlichen Gesicht betört hatte, waren seine Motivationsversuche eher kläglich. Doch mittlerweile schien er einiges von seinen Gästen gelernt zu haben...

    Lacy ist da anders... Seit sie die Prüfung nicht bestanden hat, macht sie bei den kleinsten Lapalien Fehler. Überreizt die Stimme, wirft den Speer zu direkt, singt die Balladen zu hektisch...
    Scytale wusste nicht wie er ihr helfen konnte.
    Es ist der Druck, mit dem sie nicht zurecht kommt.

    Ein heftiger Schmerz durchzog seinen Kopf. Unwillkürlich presste er die Hand gegen seine Stirn.
    Die Müdigkeit meldet sich zurück... Und mit ihr kommen die Kopfschmerzen. Hoffentlich kommt Dunkoro bald.
    Er nahm die Hand von der Stirn und trank einen Schluck. Es war das erste, das er heute zu sich nahm. Der unerwartet bittere Geschmack ließ ihn zusammen zucken.
    „Igitt!“, rief er aus und Stellte das Glas ab.
    Im selben Moment bereute er diesen Ausruf, als ihn ein neuer Schmerzimpuls durchdrang. Instinktiv drehte er sich und sah sich in der Bar um. Bis auf zwei Rekruten war der Raum leer, doch diese schienen in ein Kartenspiel vertieft. Scytale machte sich gar nicht erst die Illusion, sie hätten von seinem Aufschrei nichts mitbekommen, doch in diesem Moment war es ihm egal.
    Stell dir vor, so etwas würde dir auf einem Vaabier Ball passieren, durchstieß seine innere Stimme das Rauschen des Schmerzes.

    „Stimmt etwas nicht?“, fragte Pepe überrascht und sah von dem Geschirr auf, das er gerade spühlte.
    Ganz ruhig...
    Der Paragon versuchte sich zu fassen. Hielt den Kopf still, drehte ihn lediglich langsam zu Pepe um.
    Vorsichtig...

    „Scy?“
    „Probiere bitte mal.“ Er schob ihm das Glas ein Stückchen hinüber. Pepe nahm es.
    „Wenn du willst...“, meinte er nur, setzte an und trank einen großen Schluck. „Köstlich“, meinte er, als er das Glas absetzte. „Ein wenig zu süß, wenn du mich fragst. Aber das kommt von der Traubenernte. Sie hatten heuer besonders viel Fruchtzucker...“
    Pepe sah den Paragon an.
    „Stimmt etwas nicht?“
    „Nein... nein, alles in Ordnung“, log Scytale. „Vielleicht werde ich auch Krank...“
    „Oh...“ Pepes bedauern war aufrichtiger Ernst, das hätte jeder sofort sehen können.
    „Dunkoro kommt heute Abend.“ Nun war es Scytale, der sich um ein Lächeln bemühte, welches jedoch von einer erneuten Schmerzenswelle verdrängt wurde.
    „Kopfschmerzen habe ich...“, meinte er noch.
    „Dann leg dich ein wenig hin“ Pepe deutete auf eine Ecke, in der eine Bank angebracht war. „Es ist ja schon später Nachmittag. Dunkoro muss bald kommen.“
    Für einen Moment überlegte Scytale, welchen Eindruck es auf die anderen Anwesenden machen würde, wenn ein Lehrmeister und Elite Paragon wie ein Penner in einer Ecke liegen würde.
    „Sind die Rekruten schon aus der Sommerpause zurück?“
    „Nein, die Dörfer feiern Morgen ihr Erntedankfest. Danach werden allmählich die Ersten eintreffen.“

    Scytale erhob sich von dem Hocker. Bedacht darauf, nicht durch eine unüberlegte Kopfbewegung einen neuen Schmerzensstoß zu provozieren.
    „In der Ecke sieht dich auch keiner.“ Pepe zwinkerte. „Und wenn es dir ein wenig besser geht kannst du ja hoch in dein Zimmer gehen.“
    „Du hast recht Pepe, danke dir.“
    Scytale nahm sein Glas, ging zur Bank und legte sich hin.
    „Kein Problem“, rief ihm der Keeper hinterher.
    Er ist doch ganz in Ordnung... dachte Scytale, der bislang nicht so viel von ihm gehalten hatte.
    Dann döste er vor sich hin, in der Hoffnung, einschlafen zu können.

    ***

    Dunkoro kam spät abends in die Bar. Der Alte Mann, dessen Gesicht zahlreiche Narben zierten, trug ein kleines Täschchen mit sich.
    „Ah hier seit Ihr, Scytale“, meinte er vorsichtig, als er den Paragon noch immer auf der Bank liegen sah; eine Hand über die Augen gelegt. Er näherte sich seinem Lager auf ein paar Schritte.

    Zwei oder drei mal hatte er ein wenig schlafen können, war aber nach wenigen Minuten wieder aufgewacht. Nun nahm er die Hand vom Gesicht und richtete sich langsam auf.
    Die Müdigkeit ließ ihn schwindeln.
    „Guten Tag, Dunkoro. Keine Scheu, ich habe nicht geschlafen“, brummte er.
    „Ich habe gehört, Euch geht es nicht gut?“ kam der Mönch gleich zur Sache. Da die Bar Menschenleer war sah der er keinen Grund, den Paragon nicht direkt hier zu behandeln.

    Scytale erzählte von seinem Tag und den vergangenen Nächten. Dunkoro hörte aufmerksam zu.
    „Also fassen wir zusammen,“ meinte er abschließend: „Ihr habt gerade Kopfschmerzen, Getränke schmecken bitterer als gewöhnlich und Ihr könnt jede Nacht nicht Schlafen, da euch seltsame Träume verfolgen und von Tag zu Tag werdet Ihr müder und schlaffer?“
    Er stöberte in seiner Tasche und brachte einige Pillen sowie Tinkturen zum Vorschein, die er auf den Tisch stellte.
    „Eure Kopfschmerzen kann ich sofort heilen.“, meinte er, und legte die Tasche neben ihren Inhalt. Dann setzte er sich gegenüber von Scytale an den Tisch, und streckte seine Hand aus.
    Einige Zentimeter vor Scytales Stirn zeichnete er mit der flachen Handfläche ein Symbol in die Luft.
    „Ich spüre, der Schmerz sitzt tief.“
    „Woher rührt er?“
    Der Mönch schloss die Augen.
    „Dein Geist ist Müde... Es ist die Schlaflosigkeit.“ Dann sprach er einige Worte, einer fremden Sprache.
    Scytale spürte die magische Kraft, die ihn durchfloss. Wie ein kräftiger Strom den Damm eines Bibers riss, bahnte sich die Magie ihren Weg durch seinen Schmerz.
    Scytale sah kleine schwarze Punkte vor seinen Augen aufblinken. Sein Kopf fühlte sich leicht und frei an.
    Dann nahm Dunkoro die Hand herunter und stellte dem Paragon eine Tinktur hin.
    „Nehmt das, wenn die Schmerzen wiederkommen.“
    „Habt dank.“ Scytale klang sichtlich erleichtert, als er sein Gedankenstrom wieder klar floss.
    „Und bezüglich Eurer anderen Leiden...“
    Der Mönch griff nach einem kleinen Bäutel.
    „Das sind gepresste Kräuter. Wenn Ihr nicht schlafen könnt nehmt eine dieser Tabletten. Und bezüglich der Bitterkeit muss ich mal nachdenken was ich machen kann...“
    Er stand auf.
    „Ich werde in einigen Tagen wiederkommen. Sollte diese Geschmacksverzerrung weiter vorherrschen meldet Euch bei mir. Ich würde die ein oder andere Tinktur probieren müssen, um Euch helfen zu können.“ Er lächelte zu Scytale, packte die übrigen Medikamente wieder in das Täschchen und hing es sich um. „Ich würde ungern einen Paragon als Testkaninchen missbrauchen.“
    Mit den Worten wandte er sich ab und ging.
    Scytale rief ihm die Worte des Abschieds nach und bedankte sich nochmal.

    Beim gehen wünschte er auch Pepe, der vor der Bar gewartet hatte, eine gute Nacht und ging dann auf sein Zimmer, machte sich fertig und legte sich in sein Bett. Lacy schien schon seit einiger Zeit zu schlafen. Den Beutel mit dem Medikament legte er neben sich.

    Tabletten... dachte er. Naja... Solange sie mir Frieden bringen...

    Kapitel VIII

    Die Glocke im Hof des Klosters leutete früh.
    Zu früh, wie nicht nur Phill jeden Morgen dachte, doch es war Tradition der Schüler, bei Sonnenaufgang aufzustehen. Nicht zuletzt, weil die übrigen Bauern auf der Insel Shing Jea das gleiche Los hatten. Und doch freut sich Phill heute, den Klang zu hören. Zwar riss er ihn wie jeden Tag aus seinen träumen und wie fast jeden Tag rügte er sich, am Vorabend zu lange aufgeblieben zu sein, doch an diesem speziellen Tag gab ihm die Glocke die Möglichkeit, noch das ein oder andere vorzubereiten.
    Togo steht auch immer mit dem Läuten der Glocken auf, dachte er. Seine Fähre wird bald ablegen. Hoffen wir, dass Minister Cho seinem Ruf gerecht wird.

    Er richtete sich auf, fuhr mit der Hand durch seine kurzen grauen Haare, verbarg schnell einige, die zwischen seinen Fingern hängen geblieben waren und stand letztendlich vorsichtig auf.
    Ihm schwindelte ein wenig. Sein Geist war wohl noch nicht erwacht, die Augen brannten, als hätte er garnicht geschlafen.
    Er rieb sie sich und tapste in das Bad. Aus einer Schüssel bereitgestellten Wassers zog er einen feuchten Lappen, entkleidete sich und wusch sich gründlich.
    Das kalte Wasser ließ ihn ein wenig zusammenzucken, als er mit dem Lappen über die faltige Haut fuhr.
    Ich sagte ihnen doch, sie sollten das Wasser erwärmen... Phill legte den Lappen beiseite, schnitt eine Grimasse und tauchte dann seinen Kopf in das kalte Wasser...

    Deutlich wacher verließ er einige Minuten später sein Privatgemach, schritt den Gang entlang zur Treppe.
    „Meister... Meister!“, rief eine Stimme hinter ihm, als er gerade die erste Stufe nehmen wollte.
    Phill drehte sich um.
    „Ja Li, dir auch einen schönen Morgen“, brummte er. Seine Augen brannten noch immer ein wenig.
    Li ignorierte den tadelnden Blick. Der Junge sah abgehetzt und müde aus, als er wenige Meter vor ihm zum stehen kam.
    „Das Festmahl, dass Ihr in Auftrag gegeben hattet...“ er keuchte, wie schon am Vortag auf dem Feld.
    Es wird lange dauern, bis der Junge seine innere Ruhe finden wird, dachte der Meister nur und hob die Hand zu einer beruhigenden Geste.
    „Das Festmal ist vorhin angekommen. Die Köche bereiten es gerade zu.“
    Phills Züge wandelten sich in ein zufriedenes Lächeln.
    „Das ist doch schön zu hören“, meinte er.
    „Aber der Salat, Meister. Er ist total vertrocknet. So können wir ihn Meister Togo nicht vorsetzen. Und der Wein ist auch nicht besonders ausgereift.“
    Der Junge trinkt unseren Wein?
    Phill verbarg seine Überraschung.
    „Dann lassen wir eben den Salat weg.“
    Er drehte sich wieder der Treppe zu.
    „Und nehmt Wein aus unseren Kellern. Immerhin feiern wir heute das Erntedankfest.“
    „Aber nimmt man da nicht traditionsgemäß den Wein des Jahrgangs, Meister?“
    Phill überlegte einen Moment, dann lachte er.
    „Du hast doch selbst gesagt er schmecke grauenhaft...“ Mit einer Handbewegung deutete er dem Jungen zu gehen und schritt die Stufen hinab.
    „Wie Ihr wünscht, Meister“, hörte er im Hintergrund.

    Als Phill den großen Hof betrat sah er etliche Schüler Laternen und Schmuck aufhängen. Einige zierten Säulen, andere spannten Seile zwischen den großen Gebäuden, an denen später weitere Laternen baumeln sollten. In einigen Ecken hatte man kleine Stände aufgebaut, die nun mit Kuchen, Wein und allerlei anderem befüllt wurden.
    Dieser Flohmarkt war Tradition der Schule, um die Schülerkasse ein wenig aufzubessern. Phill erinnerte sich, dass sie letztes Jahr mit den vierhundertfünfzig Platin einen neuen Gemeinschaftsraum hatten ausstatten lassen. Außerdem wurden neue Ringe gekauft, sodass sie dieses Jahr auf dem Rummelplatz nicht nur die Glücksringe, sondern auch noch einen zweiten Stand aufmachen konnten.
    Der Meister stemmte seine Hände in die Hüften und betrachtete noch ein wenig die Schüler, wie sie kleine und große Fässer durch die Gegend rollten.
    Der Wein ist letztes Jahr gut gelaufen, dachte er. Vielleicht könnten wir den Preis um weitere zwei Gold erhöhen... Doch Phill wollte ein faires Geschäft. Wir kaufen ihn für umgerechnet sechzehn Gold pro Krug ein und verkaufen ihn für zwanzig. Das sollte den Schülern reichen...

    „Meister, die Drachenwürmer sind nun im Gehege“, riss ihn ein Schüler aus den Gedanken.
    Er sah sich um und erkannte Pan, der hinter ihm stand, wie immer in seiner blauen Mütze und dem Farblich dazu passenden Gewand gekleidet.
    Er hat die letzten Jahre die Glücksringe geführt, erinnerte sich Phill.
    „Ausgezeichnet“, entgegnete er fröhlich und lächelte den Schüler an. „Sind Sunri und die Anderen mit den Karten fertig?“
    „Wir haben jetzt zweitausend Stück vorbereitet.“
    „Nungut, hoffen wir das es reicht“
    „Wird es, Meister. Zur Not gebe ich ihr ein paar derer die ich Eingenommen habe zurück.“
    „Dann wird nun alles rechtzeitig fertig?“, fragte Phill und sah sich erneut im großen Hof um.
    Er war Stolz auf die Arbeit der Schüler.
    „Zur Mittagszeit werden wir fertig sein, Meister.“ Auch Phill sah man die Vorfreude deutlich an.
    „Dann zeigt mir mal den Rummelplatz. Ich bin gespannt, wie sich die neuen Ringe machen werden...“

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    Scytales Rache
    #58
    Kapitel IX

    Wie jeden Morgen wurden die Sonnenspeere zum Appell gerufen. Eine Tradition, die nicht mit der Basis untergegangen war. Komir legte Wert auf solche Traditionen. „Das Altbekannte ist stets ein guter Hafen in neuen Gewässern“, pflegte sie zu sagen, und wie so oft hatte sie recht. Noch nie mussten die Sonnenspeere mit einer solchen Herausforderung zurechtkommen. Ihr allerheiligstes auf einen Schlag ausgelöscht; Ihr Heim, ihre Zuflucht.
    Undenkbar, das Wissen, welches durch den Anschlag zerstört wurde.

    Komir, Scytale, Lacy und die anderen hatten sich nach nach dem Sieg über das Apokryptum die alte Basis angesehen. Noch heute verfolgte die sonst so stolzen und harten Paragone der Anblick der traurigen Ruinen. Überreste des Gebäudekomplexes: Steine, Fragmente... hier eine einzelne Mauer, dort ein verkohltes Stück Holz, dass einst die prunkvollsten Hallen zierte, die das Volk Istans je zusehen bekommen hatte. Die goldene Halle, durch die Scytale einst schritt, als er von seiner Mission aus Vaabi zurückkehrte. Stolz und froh, wieder Zuhause zu sein.
    Zuhause war ein Wort, dass die Sonnenspeere neu definieren mussten, wenn sie je wieder Frieden finden wollten.
    „Ein Sonnenspeer ist dort Zuhause wo ein Sonnenspeer ist“, hatte Komir einst gesagt. „Zusammen stehen wir alles durch!“
    Die Rede war herrlich gewesen und Komirs Worte spendeten Mut, doch auch sie stieß dieses Mal an ihre Grenzen. Einige hielt nur noch die Wut aufrecht; besonders die, die durch den Anschlag Familien und Angehörige verloren hatten.

    Auch Scytale erinnerte sich jeden Morgen an den Anblick der Basis und an Komirs Worte.
    Doch seit einigen Tagen breiteten sich mehr und mehr andere Gedanken in seinem Kopf aus: Die seltsamen Träume...

    „Ich habe von der Basis geträumt“, meinte er, und sah hinüber zu Lacys Matte, die sie, wie er, einfach auf den Boden gelegt hatte.
    „Ich habe von einem Stein geträumt, der in meinen Rücken sticht“, murmelte sie, dann richtete sie sich auf, schob ihre Matte zur Seite und zog einen faustgroßen Stein heraus. „Halt nein, das war kein Traum!“ Sie lachte und sah zu Scytale, doch er blickte sie nur an.
    „Es ist mir ernst, Mutter...“
    Die Paragonin warf den Stein in eine Ecke des Zeltes, rieb sich die Augen, stand auf und ging zu Scytale.
    „Was hast du geträumt?“ Sie ließ ehrliche Sorge in ihre Stimme mit einfließen.

    Er richtete sich auf und erzählte von der Sonnenspeerbasis und ihrer Prüfung, die sie nicht bestanden haben soll...
    „Aber Komir ernannte mich zur Paragonin, nachdem du entführt wurdest und ich dabei half, dich wiederzufinden.“
    „Ich weiß, ich weiß...“, erwiederte er. „Aber in meinem Traum wurde ich nie entführt.“
    Lacy sah in an.
    „Wurdest du aber... Glaube mir, mir wäre es anders auch lieber gewesen.“
    „Ja ich weiß auch nicht, warum ich diese Träume habe... Sie sind nur verwirrend... Und am Ende des Traumes hatte ich Kopfschmerzen... Ich konnte sie fühlen, als wären sie wirklich da gewesen.“
    Scytale fasste sich an die Stirn.
    „Dunkoro war da und hat mir geholfen. Ich habe die Magie gespürt...“
    „Es war nur ein Traum, Scytale...“
    „Nie zuvor hatte ich solche Träume“, er stand auf und öffnete das Zelt.
    Draußen herrschte bereits reges Treiben. Die Paragone zogen sich an, wuschen sich an bereitgestellten Wassertrögen oder suchten die sanitären Einrichtungen der Großen Halle auf.
    „Ich hab schon viel geträumt“, meinte er „Visionen, wie es Komir nennt. Schreckensbilder, Zukünfte, Vergangenheiten...“ er blickte zu Lacy. „Aber so real wie in den letzten Monaten, kam mir noch nichts vor. Und sie werden von Tag zu Tag realistischer...“

    Lacy folgte ihm aus dem Zelt. Auch sie wollte sich waschen, bevor sie ihre bequeme Kleidung gegen das Eisen und Leder der Rüstung tauschte, die ein Paragon außerhalb der Basis zu tragen hatte – zumindest war es bislang Tradition.
    „Ich habe Tabletten von Dunkoro bekommen. Gegen schlimme Träume. Ich weiß noch wie ich Komir erzählt hatte, dass das hier alles nur ein Traum sei...“
    „Es ist sehr verwirrend“, meinte Lacy. Dann fügte sie hinzu: „Du hast Tabletten genommen?“
    „Im Traum, ja... Ich erinnere mich, wie ich eine vor dem Schlafen gehen geschluckt habe.“

    Sie kamen zu einem der Tröge, die früh morgens im Zeltlager verteilt, aufgestellt wurden. Es waren längliche Behälter, die die Sonnenspeere aus der Halle mit den dortigen Wasservorräten speisten. Lacy und Scytale stellten sich nebeneinander und griffen gleichzeitig in das klare Nass, in dem nur hier und da ein wenig Verunreinigung zu erkennen war; Fusseln der Kleidung; Staub und Sand der Einöde Jarins...
    Der meiste Dreck setzte sich am Boden ab.
    Das Wasser war herrlich kühl...
    „Ehrlich gesagt; so schlecht klingt der Traum nicht“, meinte Lacy, bevor sie sich das Gesicht wusch.
    „Überlege dir mal: Die Basis existiert noch, du wurdest nicht entführt, die Welt ist in Ordnung und ich stünde kurz vor meinem zweiten Versuch, den ich mit Sicherheit bestehen würde...“
    Erneut drängte sie einen Schwall Wasser in ihr Gesicht.
    „Keine geheimen Abkommen, keine Paradoxien, keine Tragödien...“
    Leichter Zynismus floss in ihrer Stimme ein.
    „Ich würde auch gerne von so etwas träumen...“

    Eigentlich hat sie recht...
    Scytale sprach die Worte nicht, doch Lacy sah an seinem Gesichtsausdruck, was er dachte.
    Wenn nur diese Müdigkeit nicht wäre...
    Scytale spürte, wie seine Augen brannten und wusch sie daher besonders gründlich, bevor er geistesabwesend einen Schluck aus dem Trog trank.
    „Komm schon, lass uns uns anziehen und zum Appell antreten“, drängte Lacy. „Wir sind schon fast die Letzten...“
    Als sie ein paar Schritte gegangen war drehte sie sich nochmals mit einem breiten Grinsen um: „Nicht, dass du den Anderen ihr Waschwasser weg trinkst.“

    Kapitel X

    „Meister, wir haben ein Problem.“ Die Stimme klang gewohnt verzerrt, als würden mehrere Wesen zugleich sprechen; und doch demütig, vor der Gestalt, die die ganze Welt auszufüllen schien... Tief in Abbadons Reich lag der Herrscher, noch immer gefesselt an den magischen Barrieren, an die er einst gebunden worden war.
    Pranken, so groß wie die Felsen von Dohjok; eine Gestalt, wie sie sich die kleine Margoniterin nicht mächtiger hätte vorstellen können. Allein die Anwesenheit ihres Gottes bereitete der Frau Angst. Zitternd kniete sie auf der Asche des Reiches; spürte die unendliche Macht Abbadons, wie sie sie berührte.
    Ein falsches Wort und ihr Ende wäre besiedelt – wenn sie Glück hatte und Abbadon großzügig war. Ein aberwitziger Gedanke, Abbadon würde sie brauchen...
    Wem wollte sie etwas vormachen? Letztendlich wusste sie es besser: Abbadon braucht niemanden!

    Vor ihr stand der Gott selbst. Kein Abbild, kein Avatar. Er sprach nicht durch Träume oder durch fremde Zungen, sondern es war seine ureigenste Stimme, die durch sein Reich hallte, als er zu ihr sprach.
    „Was für ein Problem?“
    Unter den Worten zitterte die Erde. Die Macht durchströmte die Margoniterin, ließ sie zusammenfahren und beten!
    Ihre Ohren schmerzten. In ihrem Kopf hallten die Worte wieder, als hätte sich jede Silbe einzeln in ihr Bewusstsein gebrannt.
    „Der Paragon, den Ihr entführt habt, Meister...“ Sie suchte nach den richtigen Worten. „Es... es ist etwas unerwartetes passiert...“
    Obwohl Abbadon nichts sagte, spürte die Margoniterin deutlich seine Ungeduld. Für den Bruchteil einer Sekunde wollte sie aufsehen; hinein in das schwarze Licht, in derem Schatten sie sich befand.
    „Er erzählt von Träumen... Dinge, die wirklich passiert sind, soweit ich weiß...“
    Ein tiefes Grollen durchstoß die Atmosphäre. Die Stimme der Frau wandelte sich von einem zitternden, dünnen Faden in blanke Panik.
    „Ich weiß auch nicht, was geschehen ist, Meister. Vergebt mir!“, flehte sie der Kreatur entgegen.

    Einen Schlag mit einer der Pranken würde sie keinesfalls überleben, doch Abbadon brauchte sich nicht einmal zu rühren, um ihr zartes Licht auszulöschen. Ein Blick... ein Gedanke – das würde dem Gott genügen...
    „Wenn seine Seele entkommen konnte... wenn er auch in der Welt der sterblichen existiert...“

    Wieder donnerte es...
    Stille! Jede Sekunde, kroch dahin, wie Jahre ihres ewigen Lebens. Dann ertönte ein grausames Lachen. Erneut hätte sie beinahe aufgesehen.
    „Dann wird sich Scytale noch als sehr, sehr nützlich erweisen“, donnerte es durch die Finsternis...

    Wenige Minuten später verließ die Gestalt die Schwärze Abbadons niemals endender Nacht.
    Der Herr ist zufrieden mit mir, dachte die Margoniterin.
    Als sie ins Zwielicht, der Scheinwelt zurückkehrte durchzog ein breites Grinsen das ledrige, dunkelbraune Gesicht.
    Sie dachte an die Anweisungen, die Abbadon ihr gegeben hatte, und schritt gemächlich einen dunklen Gang entlang. Ein Mann kam ihr entgegen, blickte ihr kurz ins Gesicht.
    Sie nickte ihm nur zu, doch der Mann erwiderte in militärischem Drill: „Guten Morgen, Komir“

    Kapitel XI

    Komir ließ Scytale und Lacy nach dem Appell in ihr Zelt rufen. Als die beiden eintraten und Mashir in einer Ecke sitzen sahen erschraken sie für einen Moment.
    „Eine Kosarin?“ Scytale sah Komir an. Diese nickte.
    „Eine Kosarin, die mir heute Nacht ein interessantes Angebot gemacht hat.“ Sie wandte sich der Frau zu. „Erzähl ihnen, was du mir erzählt hast Mashir“

    Die Kosarin sah grinsend von Lacy zu Scytale.
    „Ihr seit die beiden, die beim Überfall auf Chahbeck die Sonnenspeere führten.“
    Für einen Moment schien sie die Reaktion der Paragone studieren zu wollen, doch weder Scytale noch Lacy ließen sich ihre Überraschung über dieses Thema anmerken. Fast gelangweilt wirkte Scytales Gesichtsausdruck.
    „Und einer von euch hat Bree getötet, den Anführer des Überfallkommandos...“
    Nun sah der Paragon zu Lacy hinüber. „Das war nachdem ich entführt wurde“, meinte er.
    „Ja, ich erinnere mich... Ich weiß nicht wie er hieß, doch ich habe den Anführer der Kosarengruppe getötet.“

    Mashir schien erheitert darüber.
    „Und was würdet ihr sagen, wenn Bree nur ein Offizier gewesen wäre? Wenn jemand anderes den Überfall auf Chahbeck geplant und befohlen hätte?“
    „Worauf Mashir hinaus will...“, fasste Komir zusammen: „ist die Tatsache, dass es ein weiterer Drahtzieher hinter dem Angriff steckt. Ein Mann, dessen Namen sie uns nennen kann...“
    „Nicht nur das, werte Komir. Ich kann euch vielleicht sogar zu ihm führen.“
    „Und was verlangt Ihr für die Information?“ Scytale stemmte die Hände in die Hüften.
    „Erstaunlich wenig, Paragon“, grinste die Kosrain. „Ich möchte ein unbescholtenes Leben führen. Ohne die Schuld, vergangener Zeiten.“ Wieder sah sie vom Einen zum Anderen. Erst Scytale, dann Lacy und zuletzt blieb ihr Blick auf Komir. „Und ein kleines Startkapital von, sagen wir, einhundert Platin. Ich habe mit dem Mann sowieso noch eine Rechnung zu begleichen.“

    Einen Moment überlegte Komir, dann nickte sie: „Wie wäre es mit einhundert Platin und eine endgültige Verbannung aus Istan? Ich zahle Euch die Überfahrt nach Kourna. Bis Ihr dort seit garantiere ich für eure Sicherheit. Dann möchte ich nie wieder etwas von Euch hören.“
    „Abgemacht.“ Mashir grinste über das ganze Gesicht. Nie im Leben hätte sie gedacht, dass die Sonnenspeere so schnell einwilligten.

    Nach dem gemeinsamen Handschlag mit Komir setzen sie sich zusammen, und die Kosarin fing an zu erzählen:
    „Der Mann, den ihr sucht, nennt sich Eisenfaust. Er hat mit den Kournieren ein Abkommen getroffen, dass er unzählige Platin bekommt, wenn er Chahbeck angreift. Uns selbst hat er wenig davon erzählt...“ Sie schlug mit der Faust auf den Boden. „Und noch viel weniger davon gegeben! Nach dem Überfall verschwand Eisenfaust mitsamt dem Geld und ein paar engen Freunden. Niemand wusste bislang, wo er sich versteckt hält, doch ich habe vor einigen Tagen mit jemandem gesprochen, der behauptet, ihn gesehen zu haben.“
    Ein paar Sekunden ließ sie die Worte auf die Anwesenden wirken.
    „Ich weiß, dass er nach Vaabi fliehen wollte, doch eine so große Platinmenge zu transportieren ist gefährlich. Besonders, wenn man so viele Feinde hat, die einen suchen!“ Wieder schlug sie mit der Faust auf den Boden. Jedes ihrer Worte war Hasserfüllt. Allmählich redete sich Mashir in Rage.
    „Noch ist er auf Istan. Ich kann nicht genau sagen, wo er sich versteckt hält, aber ich bin mir ziemlich sicher das ich es herausfinden kann...“
    Komir sah von Lacy zu Scytale. Sie machte einen tief zufriedenen Eindruck, doch der besagte nichts...

    Mashirs wütender Gesichtsausdruck nahm wieder sanftere Züge an, als sie an die Rache dachte, die durch die Sonnenspeere in greifbare Nähe gerückt schien.
    „Doch was kann ich tun, als einzelne, unausgebildete, schwache Frau?“ meinte sie mit übertrieben gespielter, liebkosender Stimme.

    Scytale verbarg seinen Ekel vor der Kosarin. Will sie unser Mitleid erwecken? Die arme, betrogene Frau und der grausame, böse Mann?
    „Ich würde es niemals alleine gegen Eisenfaust und seine Truppe schaffen, doch mit einem Paragon auf meiner Seite...“ Ihre Augen funkelten bedrohlich.
    Komir schien einen Moment zu überlegen.

    „Das ganze muss heimlich ablaufen. Wenn Eisenfaust etwas bemerkt wird er vermutlich fliehen“, meinte Mashir.
    „Lacy, traust du dir das zu?“, fragte Komir mit einem Nicken.
    Die Paragonin blickte die Kosarin missbilligend an.

    Eisenfaust war kein unbescholtenes Blatt. Schon oft wanderte sein Name nach einem Überfall durch die Münder der Überlebenden. Ein gefürchteter Kosaren Kapitän, den nie jemand zu Gesicht bekam. Lacy wusste, dass die Sonnenspeere bereits mehrmals vergeblich versucht hatten, ihn im Chaos des Dschungels zu finden. Doch weder Spione noch Suchtrupps hatten jemals Erfolg gehabt.
    Vielleicht ist das jetzt unsere Chance ihn endlich zu erwischen, dachte sie. Unsere Letzte...

    „Ich werde ihn finden, Komir!“, sagte Lacy in gewöhnlicher militärischer Härte.
    „So wird das dein erster Einsatz als voll anerkannte Paragonin.“ Komir stand auf, wandte sich dem Zelteingang zu und schob den Vorhang zur Seite. Auch Mashir sprang auf. „Ihr geht noch heute Abend. Bereite dich auf die Abreise vor. Wir sprechen uns nachher noch.“
    Mit diesen Worten verließ die Marschallin das Zelt. Mashir hinter ihr.
    „Kommt, ich werde euch beim Packen helfen. Und wir brauchen etwas Anderes zum Anziehen als dieses Paragonkleidchen. Lasst uns nach Kamadan gehen.“

    Als sie sich an Scytale vorbei zum Zelteingang schob, trafen sich ihre Blicke. „Wenn Lacy etwas zustößt...“
    Unwillkürlich ängstigte sie der Blick des Paragons. Sie wollte etwas erwidern, doch brachte keinen Ton heraus.
    „...dann wird dir selbst der Dschungel kein Versteck mehr sein!“
    Die Kosarin nickte Kleinlaut. Die Macht Scytales Stimme brachte sie total aus dem Konzept.
    Ich darf diese Paragone nicht unterschätzen, dachte sie.
    Als sie sah, wie er sie noch immer anstarrte nickte sie kurz. Dann verließ sie das Zelt.

    „Wünsch mir Glück.“ Lacys Worte waren zart, ganz im Gegenteil zu denen ihres Sohnes.
    „Das tue ich, Mutter“, meinte dieser, deutlich wohlgesonnener. „Pass auf dich auf!“

    Kapitel XII

    Zur Mittagszeit setzten sich Komir und der Offiziersstaab um eine Karte in der großen Halle der Sonnenspeere. Während draußen die Mittagssonne glühte, war es hier angenehm kühl. Die Räume erwärmten sich Tagsüber nur schwer. Kleine Fenster ließen das Licht an den Seiten und der Decke der Halle hinein, doch der karge Stein schirmte ab...

    Die Paragone standen an einem runden Tisch; Scytale neben Komir.
    „Keinesfalls dürfen wir Gandara angreifen“, meinte Bina, die erst vor kurzem von ihrem Rundflug über die Küste Kournas zurückgekehrt war.
    „Es ist eine einzige Festung. Varesh scheint dort all ihre Truppen zusammen zu ziehen...“

    Ein Murmeln ging durch die Runde. Devah sagte etwas zu Mokk. Scytale konnte es nicht verstehen, doch das brauchte er nicht, um zu wissen, was sie dachten.
    Seine Stimme war angesichts der Tatsache erstaunlich ruhig, als er nickte, auf die Karte starrte und sagte: „Wir müssen damit rechnen, dass Varesh eine Invasion plant.“
    „Gegen die Verteidigungsanlagen in Gandara kommen wir unmöglich an“, behauptete Devah. Die anderen nickten zustimmend.
    „Vielleicht können wir Sie überraschen, wenn sie übersetzen“, meinte Miriel, und fuhr mit dem Finger von der Mondfestung nach Kamadan. „Letztendlich ist ihre Übermacht auf See nutzlos...“
    „Wenn ich daran denke, was Varesh mit der Sonnenspeerbasis gemacht hat glaube ich nicht, dass es eine kluge Idee wäre zu warten, bis die Kourniere kommen...“, entgegnete Devah schroff.
    „Willst du lieber ein Selbstmordkommando starten und gegen Vareshs gesammelte Truppen marschieren? Willst du ihre starke Seite angreifen? Die Kournischen Bombarden haben uns doch abgeschossen, ehe wir auch nur ein Schiff an das Dock der Festung bringen.“ Auch Miriel wurde lauter.
    Von anderen Seiten kam ebenfalls geraune. Scytale konnte den ein oder anderen Zustimmungsruf heraushören.
    Komir griff ein. Sie hob ihre Hände ein wenig und sorgte so augenblicklich für Ruhe unter den Offizieren.
    „Was ist mit der Nundu Bucht?“, fragte sie, und wandte sich direkt an Bina.
    Diese überlegte kurz.
    „Es wäre auf jeden Fall eine bessere Lösung. Die Bucht wird kaum bewacht und verfügt über einen eigenen kleinen Hafen, über den wir den Nachschub regeln können... Wir könnten formiert zuschlagen – mit Unterstützung der Fußtruppen... Oder wir Hungern die Stadt aus.“
    „Also nehmen wir die Nundu Bucht“, schloss Komir, und signalisierte damit dem Staab, dass das Thema erledigt sei.
    „Hoffen wir, dass das kein Fehler ist...“

    ****

    Einige Zeit später am Nachmittag stand Scytale am Hafen des istanischen Konsulats. Von hier aus wurden die Schiffe mit Proviant, Waffen und Ausüstung beladen.
    Unzählige Arbeiter rannten umher, wie aufgescheuchte Hühner. Überall trugen sie Kisten zu den Schiffen, verluden Ware und überprüften die Rümpfe und Segel der Flotte.
    Neun Schiffe voller Menschen, dachte er. So wenig, wenn man sich Vareshs Truppen ansieht...Und doch die vereinte Armee Istans und der Sonnenspeere...

    „Wie geht es dir, Scytale?“
    Der Paragon drehte sich um. Seine Überraschung, Komir hier zu sehen, verbarg er gut.
    „Noch immer so Müde?“ Sie verzichtete auf die förmliche Anrede – wie immer, wenn sie Privat unter 4 Augen mit einem ihrer Paragone sprach.
    „Die Hitze hielt mich ein wenig wach, Marschallin“, meinte er, und blickte wieder zu dem Schiff vor ihm.
    „Du weißt ich habe deine Träume immer für ein Zeichen gehalten...“ Komir hielt inne. Ihr Unterton gefiel ihr garnicht. Sie versuchte, ihn ein wenig zu korrigieren. „Siehst du etwas für die Zukunft? Etwas für uns? All das, wohin wir gehen ist so schleierhaft... Oder ist es nur die Angst vor dem Sturm?“
    „Ich fürchte ich kann dir nicht helfen...“
    Sie nickte.
    „Wenn du von etwas träumst, sag mir bescheid.“
    Nocheinmal drehte er sich zu Komir um.
    „Darauf kannst du dich verlassen, Marschallin.“

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    Scytales Rache
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    Kapitel XIII

    Lacy fühlte sich so unbequem in ihren neuen Kleidern – sofern man diese so nennen konnte. Die Paragonin war zusammen mit Miriel durch die dunkelsten Gassen Kamadans geschlichen, auf der Suche nach den Fetzen, die die Korsarin für angemessene erachtete. Dann hatten sie sich beinahe mit dem Verkäufer geprügelt, der für den abgerissenen Lumpen den unglaublichen Preis von fünfzehn Gold verlangen wollte.
    Lacy schmunzelte, als Miriel stolz die zwei Goldstücke in der Hand hielt, die sie sich durch die hitzige Diskussion erspart hatten.
    Ein gutes Beispiel, wozu Armut einen Menschen treiben kann, dachte sie.

    Ihre Paragontracht hatte Lacy einer Wache gegeben. Dort wo sie nun hin ging brauchte sie sie nicht mehr.
    „Wie geht es nun weiter?“, fragte sie, und zupfte an den Lumpen um ihre Hüfte herum. Besonders Obenherum war es ihr doch etwas zu wenig.
    „Ich kenne da ein Lokal am Schwarzwasserloch“, meinte Miriel und sah auf die Sonne. „Wenn wir jetzt losgehen sind wir gegen Abend da. Wir können dort schlafen. Der Besitzer schuldet mir noch einen Gefallen...“
    Sie sah zu Lacy, welche ihren Blick mit einem Nicken erwiederte.

    Miriel ging voran, als sie Kamadan verließen und durch das Flachland von Jarin schlichen. Für die Korsain war es eine Selbstverständlichkeit darauf zu achten, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Immer wieder drehte sie sich um und tadelte Lacy aufgrund ihrer mangelnden Vorsicht.

    Als die Paragonin auf einen laut knackenden Ast trat blieb sie stehen. „Pass doch auf! Hier patrouillieren die Sonnenspeere jeden Tag“, keifte sie sie an.
    „Ich bin ein Sonnenspeer, Miriel...“
    „Nein... Solange du diese Kleidung trägst bist du eine Kosarin.“
    Sie ging weiter.
    „Außerdem kannst du hier für den Sumpf üben... Denke nicht, dass jeder Kosar ein Freund ist, jetzt, wo du unsere Kleidung trägst.

    Kapitel XIV

    „Wenn die Sonnenspeere Gandara angreifen wird das für die Festung dennoch eine Harte Prüfung. Istan wird ganz sicher mit in den Krieg ziehen und ich kann mir Vorstellen, dass sie sogar die ein oder andere Kosarenmeute auf ihre Seite kaufen.“
    Varesh ging in ihrem Zimmer in Jahai auf und ab, während Morgahn in der Ecke auf einem verzierten Stuhl vor ihrem Tisch saß, auf dem die Karten von Elona lagen. Wie immer wenn er hier war wanderten seine Augen durch den Raum; blieben an den grausamen Bildern und Teppichen hängen, die die blutrünstigsten Szenen zeigten...

    Das ewige Zwielicht der Fackeln und der winzigen Fenster nahe der Decke bereiteten ihm nach all den Jahren das gleiche Unbehagen, wie schon damals, als Varesh noch ein Mädchen war, und Morgahn diesen Raum nur betreten musste, um ihrem Vater von den Fortschritten des Kindes zu erzählen.

    Er erinnerte sich noch gut daran, was er gemäß Anordnung Vortrug, und was er aus Zuneigung zu der Kleinen besser verschwieg...
    Nun war Varesh eine ausgewachsene Frau, die Regentin über Kourna und Befehlshaberin sämtlicher Truppen.
    Welche Rolle spielte es nun, dass sie sich im alter von neun geweigert hatte, die Taktiken des Pekreton zu erlernen – eines Kommandeurs ihres Vaters, der – abgesehen davon das keine seiner Taktiken je funktioniert hatte – durch seine außerordentlich kreativen Verdienste den dreifachen Sold einstrich.
    An diesen Tag erinnerte sich Morgahn gut. Er stand vor dem alten Ronai Ossa und erzählte, wie unfassbar schnell Varesh die sechzehn größten Hirngespinste des Kommandeurs gelernt hatte. Etwa zur gleichen Zeit führte sie ein kournischer Bogenschütze über die Klippen von Jahai. Eine gefährliche Strecke, die natürlich für Varesh ein striktes Tabu war.
    Doch Morgahn konnte ihr damals keinen Wunsch abschlagen...

    „Warum lachst du so? Die Lage ist ernst, Morgahn!“
    Ihre brutale Stimme hatte nichts mehr mit der des kleinen Mädchens gemeinsam. Fast schon bereute es der Paragon, ihr beigebracht zu haben, worauf sie bei der Aussprache achten musste...
    „Verzeiht, Herrin.“ Morgahns Grinsen war sofort verschwunden – zusammen mit den Erinnerungen.
    Varesh hörte nicht gerne Geschichten aus ihrer Kindheit. Sie war klein, sie war schwach... das passte nun nicht mehr in ihr Erscheinungsbild.
    Sie ging auf Morgahn und den Tisch zu, warf einen Blick auf die Karten...
    „Wir haben 3 Divisionen in Gandara... eine vierte ist unterwegs. Warum sollten die Sonnenspeere eine Gefahr für uns werden?“
    „Überlegt was wir dort haben. Krieger, Schützen, Magier, Nekromanten und Bombarden.“ Morgahn sah sie an. „Ich glaube nicht das sie so dumm sein werden mit ihren Schiffen gegen unsere Verteidigungsfront zu laufen. Sie werden eher eine Paragonformation vorweg schicken, die den Landungstruppen den Rücken stärkt...“
    „Du überschätzt die Sonnenspeere ein wenig, Morgahn. Es gibt nichts, was meine Magier nicht vom Himmel holen. Deine ach so starke Paragonformation wird in einem Feuerregen untergehen.“ Ein breites Grinsen huschte über ihre Lippen.
    Morgahn schüttelte den Kopf...
    „Wie ihr meint.“
    Varesh drehte sich um und ging ein paar Schritte durch das Zimmer, als schien sie etwas zu überlegen.
    „Ich weiß schon wie ich dich überzeugen kann, Morgahn...“ Sie blickte auf einen Wandteppich, auf dem eine Frau panisch vor einem Feuerregen davon zu rennen versuchte.
    „Wir gehen selbst nach Gandara.“
    Morgahn sprang überrascht vom Stuhl.
    „Was? Das ist viel zu gefährlich, Varesh...“
    Sie lachte...
    „Glaube mir, ich weiß mich zu verteidigen.“ Sie ging zur Tür, öffnete diese und sah zu dem General. Deutlich schärfer, als ihre letzten Worte, sagte sie: „Nun geh. Packe deine Sachen, wir brechen morgen auf!“
    Da Varesh keine Widerrede duldete stand Morgahn wortlos auf und verließ den Raum.
    Hinter seinem Rücken glaubte er, Varesh lachen zu hören...
    Oh Lyssa, was zum Henker hat sie nun schon wieder vor?

    Kapitel XV

    Scytale war vollkommen erschöpft, als er gegen Abend in das Zeltlager vor der Großen Halle der Sonnenspeere zurückkehrte. Die schwächer werdende Sonne bereitete ihm Kopfschmerzen – aus welchem Grund auch immer...
    Er legte sich auf seine Matte in dem Zelt und überlegte, ob er nicht besser unter freiem Himmel schlafen sollte.
    Neben ihm lag Lacys Matte. Heute Nacht würde er alleine schlafen müssen, so wie in den darauf folgenden Nächten auch.
    Seine Gedanken waren nun ganz bei seiner Mutter...
    Wo sie wohl ist?, fragte er sich, während er zu dem leeren Platz hinüber sah.
    Irgendwo tief im Dschungel? Oder in einem Loch voller Kosaren? Er machte sich Sorgen; versuchte an andere Dinge zu denken.
    Komir vertraut ihr, also werde auch ich ihr vertrauen. Letztendlich weiß ich was sie kann – ich habe sie ausgebildet.

    Allmählich wurden seine Augenlieder schwerer... die Knochen und Muskeln schmerzten vor Erschöpfung, obwohl er eigentlich garnichts getan hatte...
    Dann war Scytale eingeschlafen.

    ***

    Der Paragon öffnete die Augen einen Spalt. Grelles Licht drängte durch das Fenster in seinem Zimmer. Er sah die karge weiße Decke...
    Wo bin ich hier?
    Als er versuchte sich aufzurichten durchfuhr ihn ein stechender Schmerz in seinem Kopf. Seine Muskeln versagten den dienst, er blieb regungslos in dem Bett liegen.
    Neben ihm hörte er das Scharben eines Stuhles, als würde jemand ruckartig aufspringen. In seinem Kopf hallte das Geräusch nach.
    Eine Tür wurde zugeschlagen...
    Dann hörte er Stimmen von der anderen Seite. Dumpf und schwach...
    „Er ist aufgewacht...“
    Wieder die Türe...
    Jedes Geräusch schmerzte in seinem Kopf...
    Die Augen hatte er wieder geschlossen – das grelle Licht tat weh.

    Regungslos lag er da, versuchte die Qual zu vergessen...
    Er konnte nicht klar denken....
    Wo bin ich hier?
    Die Worte verschwanden in seinem Bewusstsein...
    Sein ganzer Körper schien zu brennen... Er spürte eine Bettdecke an seinem Hals.

    „Ah Scytale, schön das du wach bist.“
    Komir?
    Sprach er das Wort oder dachte er es nur?
    „Dunkoro hat mir dieses andere Mittel hier gegeben.“
    Er spürte etwas kaltes und hartes an seiner Lippe...
    „Schön den Mund aufmachen. Wir wollen doch, das es dir besser geht.“
    Wieder öffnete Scytale die Augen für eine Sekunde.
    Er sah Komirs Kopf. Verschwommen und undeutlich, doch er erkannte sie.
    Dann verließ ihn die Kraft.
    Er spürte, wie sich das Glas seinen weg durch die Lippen bahnte.
    Unfähig, sie zusammen zu pressen ließ er es mit sich geschehen.

    „So ists gut Scytale... Trink das.“
    Eine bittere, kalte Flüssigkeit traf auf seine Zunge. Ein zähes Gemisch, das ihn zusammen zucken ließ. Seine Muskeln verkrampften sich, sein Kopf zuckte hin und her, doch er brachte nichts anders als ein gurgelndes Geräusch heraus.
    „Schlucken, Scytale... dann ist der grässliche Geschmack weg“
    Der Paragon begann am ganzen Körper zu zittern, als die Tinktur seinen Hals hinunter lief.
    Instinktiv versuchte er, seine Arme zu heben.
    Wo bin ich hier?
    Er spürte die Decke... dann die Fesseln... Riss daran...
    Wo bin ich hier?

    Schweiß strömte über seinen Körper. Er spürte, wie er über seine Wangen lief.
    „Ach ja, die Fesseln... Tut mir Leid Scytale, du hättest dich sonst selbst verletzen können...“
    Der Paragon verstand nur die Hälfte von dem, was Komir sagte.
    Seine Welt bestand aus dem lähmenden Schmerzen in seinem Kopf und dem widerlichen Geschmack in seinem Mund...
    Und der Hitze, die in seinem Körper glühte...
    Er stöhnte leise...
    „Versuch ein wenig zu schlafen...“
    Scytale hörte das Kichern Komirs nicht, als sie diese Worte ausgesprochen hatte.
    „Ich sehe nachher wieder nach dir.“

    Wieder eine Tür, dann war es still...
    Nur er, und die Hitze...
    Scytale atmete durch den Mund, versuchte den grausamen Geschmack zu vertreiben, den Kopf möglichst ruhig zu halten...
    Wieder eine Schmerzwelle...
    Tränen schossen ihm in die Augen.
    Wo bin ich hier?

    Sekunden verstrichen... dann wurden es Minuten.
    Der Paragon versuchte einzuschlafen, aufzuwachen... was auch immer.
    Ist das ein Traum?
    Und wieder Schmerzen...
    Bei jedem Gedanken, bei jeder Bewegung, oder einfach so?
    Schmerzen!

    Die Zeit schlich dahin...
    Er bekam sie nicht mit... er lag nur da und betete, dass die Qualen enden würden.
    Vor seinen Augen tanzten Punkte...
    Als würde er Sterne sehen... Hüpfende Lichter in einem Universum aus schwärze...
    Wo bin ich hier?

    Ein erneuter Versuch die Augen zu öffnen scheiterte... Er führte nur zu einer neuen quälenden Welle.
    Aus Minuten wurden Stunden, die er nur da lag, hoffend auf ein Ende der Pein.
    Sein Verstand wog hin und her wie ein Schiff auf dem Wasser...
    Er spürte eine fremde Substanz in seinen Kopf eindringen.
    Die Flüssigkeit, die er vorhin geschluckt hatte?
    Er wagte nicht zu denken... riss an den Fesseln.
    Warum ließen die Schmerzen nicht nach?
    Und diese Hitze...
    Die Substanz fühlte sich an wie Blei...
    Als würden mehr und mehr Bereiche seines Kopfes vergiftet...
    Seine Unterlippe begann ein wenig zu zucken...
    Dann eine erneute Welle, heftiger, stärker denn je.

    ***

    Er schrie auf, riss die Augen auf, fand sich in seinem Zelt wieder.
    Presste die Hände an die Schläfen.
    Sein ganzer Körper zitterte...
    Sein Atem raste.
    Von draußen drang das Geräusch der Grillen an sein Ohr.

    Ein Nachtwächter eilte herein, sah den Paragon und rannte davon...
    Scytale schrie wieder, als der Schmerz in seinem Kopf nicht verschwinden wollte...
    Er hörte eine Tür zuschlagen. Einen Stuhl verrücken.
    Öffnete die Augen für eine Sekunde. Sah die weiße Decke...

    Der Lärm der Grillen wurde unerträglich. Er hallte tausendfach wieder.
    „Hilfe!“
    „Komir ist da“...
    wo kam die Stimme her?

    Er ließ sich fallen. Lag in dem Zelt. Die Dunkelheit ummantelte ihn.
    „Wo bin ich!“
    Schmerzen!
    „Nein!“
    Er hörte seinen Namen...
    „Scytale“
    Mehrere Stimmen... bekannte Stimmen...
    Komir! Und...? Komir...
    „Sprech mir nach Scytale.“
    Blut rann ihm aus den Augen.
    Sein Kopf fühlte sich an, als würde er entzwei gerissen.
    Er hörte den Vorhang, der vom Zelteingang gestoßen wurde...
    Spürte Hände an seinem Arm.
    Spürte die Decke und die Fesseln...
    „Sprich mir nach, Scytale. Das ist sehr wichtig für euch.“
    Ja...

    ***

    Komir war in das Zelt geeilt. Sie stand am Eingang, sah Devah, wie er Scytales Arm umfasste, „Alles wird gut“, sagte und versuchte, ihm Kraft zu geben.
    Der Paragon zitterte; rang nach Atem.
    „Holt einen Mönch; schnell!“, schrie Sie zu Barokk, dem Nachtwächter, der sie geweckt hatte und ließ ihre Stimmkraft mit einfließen „Beeilt euch!“

    „Hört, das ist eine Falle!“, schrie Scytale im Fiebertraum.
    „Varesh plant die Ausrottung aller. Bald ist es zu spät sie aufzuhalten. Wir haben nur eine Chance, nur eine Wahl...“ Er stöhnte auf. Schrie.
    Komir kniete sich neben Devah. „Was hast du gesagt, Scytale?“

    Der Paragon starrte die Marschallin mit Blutroten Augen an. „Gandara ist der Schlüssel. Greift Gandara an, oder Elona versinkt in der Finsternis!“

    Dann klappten seine Lieder herab, sein Körper wurde Schlaff, sein Geist wieder träge...
    Komir sprang auf. Blankes entsetzen zierte ihr Gesicht. Vor ihrem geistigen Auge sah sie noch immer Scytales Augen.
    Auch ihr Körper zitterte leicht...
    „Geht in eure Zelte“, meinte sie. „Hoffentlich kann Dunkoro ihm helfen. Morgen früh will ich nach dem Morgenappell alle Offiziere in der großen Halle sehen.“

    Als Komir und Devah aus dem Zelt traten hatten sich etliche andere Paragone davor versammelt, doch Komir tat ihre Fragen mit einer einfachen Handbewegung ab und steuerte ihr Zelt an.
    „Morgen...“
    Kapitel XVI

    Wie es Phill erwartet hatte erreichte Meister Togo das Kloster erst spät am Abend.
    Er und sein Gefolge waren schon von weitem zu sehen, sodass der Alte von seinen Schülern gewarnt werden konnte.

    Währenddessen war das Fest im vollen Gange. Zahlreiche Besucher drängten sich an den Kuchen-, Obst- und Weinständen. Sunri kam mit dem Verkauf der Karten kaum nach, Pan hatte schon mehrmals die eingenommenen Karten weitergeben müssen.

    Bis jetzt ist das Fest ein voller Erfolg, dachte er, und blickte noch ein letztes mal auf den Innenhof des Klosters hinab, ehe er sich in den Saal begab, in dem er Togo empfangen würde.
    Und der Meister wird zufrieden sein.

    Togos Kutsche erreichte den Hofeingang. Li erwartete die Besucher bereits, öffnete die Tür des Gefährts und verneigte sich vor dem Meister.
    „Euer Kloster steht Euch zu Diensten.“
    Togo trat aus der Kutsche und ließ sich zusammen mit einigen Wachen von Li durch den Hof führen.
    Ausgelassene Musik lag in der Luft und überdeckte die Geräusche der Nacht.
    Überall tanzten und feierten die Menschen.
    Laternen sorgten für eine magische Atmosphäre, die einen kleinen Widerspruch zu den Klängen darstellte.
    „Shing Jea steht ebenso für Besinnlichkeit, wie für Freuden und Feiern“, hatte der Kaiser einst gesagt.

    Ein paar Stufen zum Hauptgebäude ließ sich Togo eskortieren, ehe er seiner Wache andeutete, draußen zu warten. Für sie bedeutete das – wie so oft – ein freier Abend. Togo mochte diese übereifrige Vorsicht nicht, auch wenn er ihre Notwendigkeit zeitweise einsah...

    Im Ballsaal erwartete Phill ihn bereits.
    Der eigentlich viel zu große Raum war für Feiern erdacht worden, doch Togo zog es vor, den Abend in angenehmer, freundschaftlicher Gesellschaft zu verbringen.
    In der Mitte befanden sich große, langgezogene Tische, die man aneinandergereiht hatte. Zwei Gedecke sowie einige Kerzen und Blumen befanden sich darauf. Zudem bot ein Korb Früchte aus den Gärten Shing Jeas.

    Eine Fensterfront mit roten, reich verzierten Vorhängen aus schwerer, vergoldeter Wolle warf von draußen das bunte Licht der Laternen empor. Im Inneren sorgte ein Kronleuchter für einen angenehm warmen Schein.

    Neben Phill lehrten noch zwei andere Meister in dem Kloster, doch keiner der beiden hatte die Zeit gefunden, an diesem Abend anwesend zu sein - was weder Togo noch Phill zu stören schien.
    Die beiden begrüßten sich herzlich, setzten sich dann an den Tisch und ließen den ersten Gang des Festmahls bringen.

    „Dieser Raum...“ Togo sah sich um... „Er riecht nach Politik.“
    Phill lächelte. „Politik wird hier schon lange nicht mehr gemacht, das weisst du. Lediglich der Abschlussball findet hier statt.“
    Togo stocherte etwas in seinem Essen herum.
    „Was hast du mir da wieder aufgetischt? Du weißt doch ich mag solch orientalische Gerichte nicht. Bringt mir doch etwas einfaches. Eine Schüssel voll Reis, ein Hähnchen; mehr brauche ich nicht...“
    „Soweit ich weiß ist das Hähnchen...“ Phill hielt ein, bis zur Unkenntlichkeit in Soße eingelegtes Stückchen Fleisch in die Höhe, ehe er es in den Mund steckte, eine Grimasse schnitt und den Kopf schüttelte. „Nein... das war doch der Lachs...“

    ***

    Der Abend schritt voran. Die Musik schien immer lauter und schneller zu werden; den Gästen gefiel es und die beiden Meister unterhielten sich angeregt über dieses und jenes.
    Als sie ihr Mahl beendet hatten sah Togo zu Phill und lächelte ihn an.
    „Du würdest mich nie fragen, wesshalb ich so plötzlich gekommen bin, nicht wahr, alter Freund?“
    Phill erwiederte sein Lächeln, legte seine Servierte beiseite und griff zu dem Obstkorb. „Du weißt, d du bist uns immer willkommen.“
    Togos Gesichtsausdruck wurde ernster.
    „Ja, Phill... ich weiß.“ Er stand auf. „Dennoch gibt es dieses Mal einen besonderen Anlass...“
    Der Alte steckte sich eine Traube in den Mund, dann stand auch er auf.
    „Und der wäre?“
    Er folgte Togo, als dieser zu einem der Fenster ging.
    „Schlechte Nachrichten...“
    seine Stimme wurde schwerer. Als er sich zu Phill umsah wirkte er erschreckend alt. Tiefe Falten zierten sein Gesicht.
    „Es herrscht Krieg in Elona...“, meinte er dann und sah für einen Moment zu Boden – dann zu Phill...
    „Krieg?“
    „Ja... Und nicht nur das. Vor zwei Wochen erreichte uns ein Kurier. Die Sonnenspeerbasis wurde zerstört. Istan, Vaabi und der Orden kämpfen nun gegen Varesh.“
    „Die Basis zerstört?“ Der Alte sah Togo ungläubig an.
    „Man weiß nicht wie, doch man geht davon aus, dass die Kriegsherrin einen Weg gefunden hat, den Schutz der Götter zu umgehen.“
    „Das ist ausgeschlossen... niemand kann das.“
    Togo sah in an.
    „Ich habe mit den Geistern gesprochen, Phill. Sie kündigen großes Unheil an. Auch für Canta. Die Stimmen sind aufgebracht. Die Ahnen schreien durch das Jenseits. Rufen „Gefahr! Gefahr!“ immer wieder.“
    „Denkt ihr dieses Unheil wird uns von Elona aus erreichen?“
    Togo schwieg einen Moment. „Ich denke, in Elona liegt die Ursache für das Problem...“

    Er sah aus dem Fenster und lehnte sich auf die Kühle steinerne Bank.
    Leise sprach er weiter: „Es liegen Stimmen im Wind. Selbst dem Kaiser habe ich es noch nicht erzählt... Die Ahnen rufen einen Namen. Einen Namen, den ich niemals aussprechen wollte.“
    Phill nickte bestürzt. Er hatte verstanden...
    „Shiro.“
    „Aber Shiro ist tot, Togo. Verbannt in das ewige Reich der Gesandten.“
    „Wer, wenn nicht Shiro wird einen Weg finden, von den Toten zurück zu kehren?“

    Der alte drehte sich ab... Ging ein paar Schritte durch den Raum.
    „Was hat das mit Elona und den Sonnenspeeren zu tun?“
    „Die Basis wurde von den Göttern bewacht, Phill. Das weißt du. Du hast dort einst gelebt.“
    Togo schenkte dem Alten keinen Blick. Seine Augen starrten über den Hof hinweg ins Schwarz der Nacht.
    „Es ist nur eine Vermutung... Aber es ist möglich, dass die Götter die Vereitlung von Shiros Rückkehr dem Schutz der Sonnenspeerbasis vorzogen.“

    „Ich habe einen Sohn dort in Elona...“, fing Phill an, doch Togo unterbrach ihn.
    „Ja, ich weiß. Aus diesem Grund wird dir die Reise nach Elona gestattet. Helfe dort den Sonnenspeeren, Varesh zu besiegen. Unser Bote meinte, sie nehmen an, die Kriegsherrin stünde im Bündnis mit Abbadon.“ Nun drehte sich Togo doch zu dem Alten um. „Es kann kein Zufall sein, dass diese beiden Katastrophen zur selben Zeit passieren... Canta selbst verhält sich Neutral. Wir können uns eine Intervention unter diesen Gesichtspunkten nicht leisten.“
    „Du hast recht. Ich werde schon morgen früh aufbrechen.“

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    Scytales Rache
    #60
    Kapitel XVII

    Der Pub war dreckig und Verkommen. Fast alles, wie am Schwarzwasserloch. Lacy wäre am liebsten gegangen oder hätte draußen übernachtet. Doch wenn Mashir recht hatte wäre es in den Wäldern auf jeden Fall zu gefährlich...
    Lautes Grölen vermischte sich mit dem Gestank zahlreicher besoffener Männer. Geschichten wurden erzählt von Plünderungen, Rauben, dem Töten von Sonnenspeeren und den verdammten Paragonen in ihrer golden glänzenden Scheinwelt...
    Lacy spürte oft das Zittern der Wut, wenn sie es vermied ihre Hand zur Faust zu ballen und stattdessen so authentisch wie möglich in die Hasspredigten mit einstimmte.
    Mashir schien sich köstlich zu amüsieren. Sie genoss es mit jeder Faser ihres durchtrainierten, und doch wunden, dreckigen Körpers sich über die Paragone auszulassen. Wo hatte sie Lacy hingeführt?
    Sie sah, dass sie keine Chance hatte, sollte ihre Tarnung auffliegen.

    Ein fetter, stark behaarter, alter Mann taumelte oben ohne, breitbeinig mit einem Krug Bier in der Rechten durch den Raum, streckte die Nase der Decke entgegen und schrie: „Schaut mich an, schaut mich an ich bin ein Paragon! Ich trage einen Rock und singe! Schalalalalaaaaaaa!“
    Der Mann blieb vor Lacy stehen, grinste sie an und näherte sich mit seiner Alkoholfahne ihrem Gesicht.
    „Na du süße...“
    Lacy schloss die Augen...
    Vielleicht wäre ein Kampf doch nicht die schlechteste Alternative...
    „Wie wärs mit uns zwei?“
    Sie spürte eine Hand an ihrem Hintern. Reflexartig wirbelte sie herum und schlug den Mann mitten ins Gesicht.
    Dieser taumelte zurück, hielt sich die Backe und spuckte auf den Boden.
    Lacy bereitete sich auf einen weiteren Angriff vor.

    „Fass sie nie wieder an!“, kreischte Mashir und stimmte in das Gelächter der anderen Männer ein.
    Lacy hörte Schreie aus den Rufen und Pfiffen.
    „Die Frau weis sich zu wehren...“
    „Lass dir das von dem Weib nicht gefallen...“
    „Die ist dir wohl zu stark, was?“

    Der Fettsack ballte seinen Hände zu Fäusten und starrte die Paragonin grimmig an.
    „Willst du noch eine?“, rief Lacy und presste ihre Rechte, zur Faust geballt in ihre Linke.
    Unter schallendem Gelächter verzog sich der Mann. Von seinem Bier hatte er die Hälfte verschüttet, als er getroffen wurde.
    Die beiden Frauen drehten sich wieder zum Tresen um.
    Der Wirt lachte sie an und stellte ihnen ein Bier hin.
    „Geht aufs Haus, dafür, dass dem alten Joscha mal endlich jemand die Meinung geigt“, rief er überschwänglich und erntete Zustimmung bei den anderen Kosaren.

    „Ich will das nicht trinken“, raunte Lacy zu Mashir.
    Diese leerte ihren Krug in zwei großen Zügen in weniger als einer Minute.
    „Dann geb her du Weichei!“, raunte sie sie an und nahm ihr den Krug ab.
    Lacy strengte sich an, ihre Wut zu beherrschen, doch sie kam sich vor, als ersticke sie in dem Laden.
    Wie sehr er sich doch mit der Taverne der Sonnenspeerbasis unterschied... Was hätte sie gegeben, sich von dem süßen Pepe nerven und Geschichten erzählen zu lassen, die so langweilig waren, dass sie ihn nichteinmal selbst interessieren konnten.
    „Ich geh kurz auf die Toilette“, brummte sie.
    Mashir lachte ihr ins Gesicht. „Ein Klo ist da draußen. Geh und mach in den Wald!“
    Der Wald ist mir lieber als das hier... dachte sie und verließ den Pub.

    Draußen angekommen schlugen ihr Kälte und frische Luft entgegen. Sie atmete tief durch und versuchte, den widerlichen Gestank der aus Brettern zusammengeflickten, halb vermoderten Hütte zu vergessen.
    Hinter ihr grölten und schrien die Männer.
    Es ist mein erster Auftrag, dachte sie und atmete nochmals tief durch. Ich werde Komir nicht noch einmal enttäuschen...

    Kapitel XVIII

    Komir hatte die anderen Paragone zu Bett geschickt, doch sie selbst ging im Lager auf und ab.
    Dunkoro war zur großen Halle geeilt. Schon einige Stunden war er nun in Scytales Zelt.
    Barokk hatte ihr angeboten, sie zu begleiten, doch die Marschallin wollte allein sein.
    Gedanken rasten durch ihren Kopf.
    Was hatte dieser Anfall zu bedeuten?
    Wo kam er her?
    Seit jener Nacht als Scytale entführt wurde, hielten sich die Götter in Schweigen. Diese Träume von denen er erzählt hatte... Seine Geschichten einer anderen Welt...
    In ihrem Kopf fügte sich ein gewagtes Puzzle zusammen.
    Oder war es doch nur Hirngespinst?
    Er traf sich selbst auf jener Plattform... ihr Geist suchte nach einer Verbindung.
    Was hat Scytale mit dem Krieg zu tun? Warum hat mir Dwayna solch seltsamen Dinge befohlen?
    Sie erreichte die letzten Zelte des Lagers. Blieb für einen Moment stehen.
    Ihre Rüstung hatte sie abgelegt, sie lief lediglich im Stoff umher.
    Dennoch, entgegen aller Logik entschied sie sich, weiter zu gehen.
    Hinein ins Flachland von Jarein.
    Weder fürchtete sie die Rieseninsekten noch dachte sie an die gelegentlich auftauchenden Skale, die für die Bauern hier immer wieder zu einem Ärgernis wurden.

    Schritt um Schritt entfernte sie sich von dem Zeltlager und wusste nicht einmal, warum sie es tat.
    Der Schlüssel ist Scytale... Aber wie? Wie soll ein einfacher Mensch, ja selbst ein Schatten einen Gott aufhalten? Und ist ein Schatten nun mehr als ein Mensch? Scytale meint das Gegenteil...

    Wie so oft kapitulierte sie bei dem Versuch, das Geschehene zu verstehen.
    Das Vergangene ist Geschichte. Auch wenn Scytale davon sprach es zu ändern, ich kann es nicht. Für mich... für die Sonnenspeere zählt nun die Zukunft.
    Sie dachte an den Krieg.
    Neun Schiffe... voll beladen und einsatzbereit.
    Gandara... Wieso Gandara?
    Scytales letzte Worte waren eine eindeutige Warnung...
    Soll ich meine Paragone verlieren, wenn ich einen aussichtslosen Angriff gegen Gandara führe?
    Oder soll ich meine Paragone verlieren, wenn das Unheil eintritt, dass Scytale prophezeit hat?
    „Dwayna... Du hast mir eine Zukunft versprochen. Eine Zukunft für die Sonnenspeere. Eine Zukunft für Istan und für Elona!“

    Wo lief sie hin?
    Ihr war gar nicht aufgefallen, wie weit sie die Zelte zurückgelassen hatte. Sie war schon kurz vor einem bescheidenen Ort „Champions Erwachen“
    Wesshalb wohl dieser Ort seinen Namen erhielt?
    Sie rügte sich; weniger für ihre Unwissenheit als für die Belanglosigkeit dieser Frage angesichts der viel größeren Probleme.
    Der Rat wird nicht auf Scytale hören... Sie werden auf die Nundu Bucht bestehen...
    Sie erinnerte sich daran, wie immer weniger Paragone Scytales Geschichten glauben geschenkt hatten. Klangen sie so unwahrscheinlich?
    Nein... es klingt einfach nur Wahrscheinlicher, ihn für Verrückt zu erlären...

    Komir hoffte inständig, er würde am nächsten Tage bei Bewusstsein sein. Sich vielleicht erinnern; seine Vision erklären können.
    Zweifle ich selbst an ihm?
    Ganz überraschend drängte sich die Frage zu ihr auf.
    Seit er wieder hier ist wirkt er so verändert...
    Sie hatte sogar schon Geschichten gehört, in denen erzählt wurde, Scytale wäre zu einem Spion Vareshs gemacht worden.
    Und zu Komirs entsetzen musste sie den Männern recht geben: die Möglichkeit bestand durchaus.
    Also einem Spion vertrauen? Scytale war immer so loyal...
    Doch welch Loyalität trotzt dem stärksten Zauber?

    Sie erreichte einen kleinen See, in der Nähe Champion Erwachens.
    Ich muss eine Entscheidung treffen...
    Wenn ich seine Warnung ignoriere wird mich die Geschichte eine Närrin schimpfen... wenn es überhaupt noch jemanden gibt, der schimpfen kann...
    Und wenn ich Gandara angreife...
    Für Komir war es weniger eine Frage ihres Verstandes, als die Frage wessen Wort mehr zählte...
    Ein... wahnsinniger Paragon gegen meinen Offiziersstaab...
    Doch ein Paragon, von dem Dwayna einst behauptete, er würde sie retten können.
    Er sagt selbst, er habe versagt...

    „Lass mich ein wenig Licht ins Dunkel bringen...“
    Kormir zuckte zusammen. Direkt vor ihr erschienen plötzlich die Umrisse einer Gestalt, als wäre sie aus dem Nichts gekommen.
    Wie jeder Paragon rief Komir instiktiv ihren Speer. Sie befand sich höchstens einen halben Kilometer von ihrem Zelt – in dem die Waffe lag – entfernt, doch ihre Hand blieb leer.
    Überrascht sah sie auf die Gestalt.

    „Keine Angst, ich tue dir nichts, Komir.“
    Die Stimme kam der Marschallin seltsam bekannt vor...
    Wo habe ich sie schon einmal gehört...?
    „Lass uns ein wenig fliegen“, meinte die Gestalt.
    Verunsichert wollte Komir ihre Flügel rufen... Aus irgend einem Grund vertraute sie dem Schatten.
    Ist es die Stimmmacht? Sie hatte nichts heraushören können...
    Als sie jenen Muskel anspannte, der ihr das Gefühl über ihre Flügel gab, stellte sie fest, dass sie den Boden unter ihren Füßen bereits verloren hatte.
    „Glaube mir, dort wo wir hinfliegen, tragen dich deine Flügel nicht, Paragon.“

    Komir beäugte die Gestalt kritisch.
    „Wer bist du?“
    „Das weißt du nicht mehr?“
    „Du kommst mir bekannt vor...“
    „Du wirst mich bald erkennen. Und nun sieh her.“

    Die beiden waren in ein Meer aus Sternen eingetaucht. Als würden sie durch das Nichts auf einer unsichtbaren Fläche wandeln schritten sie voran.
    „Bewegen wir uns überhaupt?“
    Um Komir herum war nichts als Leere. Die Luft schmeckte klar und rein... als hätte sie noch nie ein Wesen geatmet. Sie spüre, wie es einen Hauch kühler wurde.
    „War Scytale auch hier?“
    Die Gestalt antwortete nicht.
    „Ich kann nichts erkennen...“
    Komir fühlte sich unsicher, als könne sie jeden Moment fallen.
    Oder fiel sie bereits?

    Plötzlich blieb die Gestalt stehen; schwebte vor ihr...
    „Hier... sieh her...“, sagte sie, und deutete auf ein seltsames Gebilde, das in dem All umher zu schweben schien.
    „Sie genau hin, Komir...“
    „Was ist das?“
    Doch dann erkannte sie es selbst.
    Ein Spiegel...

    Kapitel XIX

    Allmählich graute der Morgen über dem Schwarzwasserloch. Lacy lag im Heu des Dachbodens des Pubs, in dem sie gestern so viel Spaß hatten...
    Ihre Augen waren gerötet und brannten. Hatte sie überhaupt geschlafen?
    Sie rieb sie sich. Mashir hatte sich am Vorabend Zeit gelassen, ehe sie Lacy endlich auf den Dachboden geführt hatte.
    Doch selbst weit nach Mitternacht war das Gebrüll noch nicht verstummt. Nun lag sie, zusammen mit acht schnarchenden Männern und Frauen in dem Boden und fühlte sich schrecklicher, als Mashir, die ein Bier nach dem anderen runter geschüttet hatte.

    Ein Wunder, dass sie mich nicht verraten hat, dachte Lacy, richtete sich auf und sah zu der Frau hinüber, wie sie auf dem Rücken lag; alle Viere von sich gestreckt, als gehöre ihr die Scheune alleine. Allen Anscheins nach hatte sie am Vorabend noch Geschlechtsverkehr...

    Erschöpft ließ die Paragonin ihren Kopf wieder fallen. Von draußen her drangen Stimmen an ihr Ohr.
    Ein streitendes Ehepaar?
    Gab es hier überhaupt Ehen?

    Ein klirrendes Geräusch...
    Irgend etwas ist wohl zu Bruch gegangen, witzelte sie. Dann drehte sie sich zur Seite und stand auf.
    Sie dachte an ihre Kindheit. Damals, als sie in Chahbek gelebt hatte war sie auch arm. Doch niemals hatte sie sich so gehen lassen, wie die Menschen hier.
    Sie suchte ihre Schuhe, tapste vorsichtig die steile Treppe hinunter in den Pub, der noch immer stark nach Bier roch.
    In manchen Ecken schliefen Kosaren ihren Rausch aus.

    Lacy achtete auf den Boden.
    Zwischen den Brettern waren Spalten, an denen verschüttete Getränke abfließen konnten, aber teilweise hatten sich Kerben gebildet, in denen sich eine schwarzbraune Flüssigkeit ansammelte.
    Mehr als am Vortag stank der Laden nach Urin. Lacy mochte sich garnicht ausdenken, woher...

    Die wenigen Fenster ließen nur kaum das Licht des anbrechenden Tages durch. Vor der Tür lag ein Mann in einer Blutlache.
    Vorsichtig stieg Lacy über ihn und verließ den Pub.
    Eine Sonnenspeerpatreullie täte hier dringend Not, dachte sie, als sie sich nochmals umdrehte.
    Dann wanderte sie ein wenig umher.

    Das Schwarzwasserloch hatte seinen Namen von einem kleinen Weiher in der Mitte der Lichtung. Umgeben war es von den Bäumen des Dschungels.
    Schmale Boote waren am Ufer befestigt. Ein kleiner Flusslauf führte tiefer in den Wald.
    Das Versteck der Kosaren?, fragte sie sich, als ihr Blick dem Bach folgte.
    Erst als sie näher an das Wasser kam merkte sie, dass es nicht Floss. Als hätte man eine Furche gegraben und diese dann gefüllt wog das Wasser leicht auf und ab im Takt einiger weniger Windstöße.

    Am Ufer des Baches bohrten sich die Wurzeln der Bäume in die Erde. Auf dem Oberfläche schwammen einige verrottete Blätter.
    Dreck, zersetztes Blattwerk und hineingefallene Äste hatten das Wasser eine schwärzliche Farbe annehmen lassen.
    Lacy trat einen Schritt zurück, als sie einen Leichnam in dem See erkannte...
    So begraben also Kosaren ihre Toten..., dachte sie.
    Mit jeder Sekunde wuchs ihre Abscheu vor dem Volk.

    Sie drehte sich um und entfernte sich von dem See... Neben dem Pub gab es noch einige andere Häuser am Rande der Lichtung.
    Doch diese machten auf die Paragonin keinen besseren Eindruck. Hölzerne Fassaden, deren Bretter dunkel und halb verrottet waren...

    Einige Minuten streifte sie umher, fand hier und da einen schlafenden Kosaren zwischen dem Gras...
    Aus einem Haus ertönten Schreie; eine Flasche wurde aus dem Fenster geworfen.
    Ein Mann hantierte an einer Ecke seiner Bruchbude. Lacy konnte nicht erkennen, was er tat. Ihr war es auch gleich.
    Wieder rieb sie sich die Augen, was das Brennen aber nur verstärkte. Sie spürte, wie Durst ihre Kehle zuschnürte, doch sie bezweifelte, dass sie hier etwas anderes als Bier und Wein finden würde.

    Ein Hahn Krähte der aufgehenden Sonne entgegen, doch alles in allem war es Ruhig genug für Lacy, um diese Minuten zu genießen, sich zu sammeln und neue Kraft zu schöpfen.

    Sie fühlte sich dreckig und verschwitzt doch sie bezweifelte, dass es hier Wasser gab. Zumindest besseres, als in jenem Loch zu finden war...

    Sie setzte sich auf einen großen Stein am Rand der Lichtung und wartete ab. Dachte an Scytale, wie er nun friedlich schlafen würde und freute sich darauf, ihn wieder zu sehen.

    Kapitel XX

    Statt zum Morgenappell drängten sich die Sonnenspeere vor Scytales Zelt.
    Mittlerweile wusste jeder von dem nächtlichen Vorfall.
    Auch Devah und Mokk, die spät in der Nacht aus Kamadan zurückgekehrt war, warteten auf ein Zeichen des Mönches.
    „Noch ist der er im Zelt...“, meinte Devah leise.
    Ein allgemeines Raunen ging durch die Gruppe.
    Jeder fragte sich, was dort vorginge, doch niemand wagte sich hinein.

    „Wo ist eigentlich Komir?“, fragte Mokk und sah sich um. „Es sieht der Marschallin nicht ähnlich zu verschlafen...“
    „Ich habe gehört“, raunte ein Paragon sie an „sie wäre die ganze Nacht aufgeblieben. Vielleicht schläft sie nun...“
    „Ausgeschlossen“, meinte Mokk. „Immerhin wollten wir heute in See stechen.“
    „Was nun daraus wird...?“
    „Komir wird auf keinen Fall wegen eines einzelnen Paragons die Invasion verschieben...“
    Mehrere beteiligten sich nun an dem Gespräch. Zusammen mit Mokk und Devah bildeten sie einen Kreis.
    „Warum nicht? Er ist ja ihr Liebling“, sagte einer der Krieger spöttisch.
    „Das geht zu weit. So könnt ihr über Komir nicht denken...“
    „Nunja, sieh den Tatsachen doch ins Auge...“

    Plötzlich öffnete sich der Eingang des Zeltes. Dunkro trat hervor.
    Ein Schweigen legte sich über die Gruppen. Voller Erwartung blickten alle auf den Mönch, doch niemand wagte, etwas zu fragen.

    Der Mann ließ den Kopf sinken; sprach leise und geknickt: „Scytale ist tot!“

    Totenstille. Devahs Kinnladen klappte runter. Entgeistert wartete die Gruppe auf eine Reaktion des Mönches, doch dieser wiederholte nur leise: „Er ist tot“ und ging Richtung Komirs Hauptzelt.

    Nach und nach fand Einer nach dem Anderen seine Worte wieder...
    „Tot?“ murmelten manche, und ein Mann sagte: „Niemand sollte auf diese weise sterben. Ein Paragon stirbt im Kampf, oder an Altersschwäche.“

    Langsam trennte sich die Gruppe auf. Einige gingen zum Apellplatz.
    Devah und Mokk sahen sich an.
    „Er war...“, begann Mokk kraftlos.
    „Er war ein Paragon, mein Freund. Ein Krieger. Als ein solcher Mann muss er mit dem Tod rechnen.“ Devah bemühte sich um eine zutrauliche Tonlage.
    „Aber nicht so, mein Freund... Nicht so...“

    Komir trat zwischen die beiden.
    Mokk machte Anstalten eines Salutes, brach aber ab, als er das Gesicht der Marschallin sah.
    Diese starrte eine Weile auf das Zelt. Dann sah sie vom Einen zum Anderen.

    „Sagt dem Offiziersstaab, er soll sich treffen. Unsere Pläne haben sich geändert.“ Ihre Stimme schien erstaunlich hart und direkt.
    Sie drehte sich um. „Wir greifen Gandara an.“
    Dann blieb sie stehen; drehte sich nochmals zu den beiden.
    „Morgen. Heute, werden wir trauern...“

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