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    Augsburg
    IGN (GW1)
    Scytales Rache
    #61
    Kapitel XXI

    Das Fest dauerte fast bis zum Sonnenaufgang. Selbst, nachdem Pan zu Bett gegangen war feierten die Bewohner der Insel ausgelassen auf dem Feld, auf dem die Glücksringe standen.
    Laute Musik hallte meilenweit über die Insel hinweg.

    Tanz, Gelächter, Rufe... all das zog an Phill vorbei, als er auf seinem Bett lag und den Abend Revue passieren ließ.
    Nach dem Abendessen spielte Li zusammen mit einigen anderen Schülern ein paar Lieder einer altchantanischen Oper. Zur Erleichterung der beiden Meister ohne Gesang.
    Togo hatte gutmütig über sämtliche Fehler hinweg gehört und lobte zum Ende hin die zahlreichen Interpretationen der Tonlagen.
    Phill hatte sich geschämt, doch als er Togos Hand auf seiner Schulter spürte wusste der Mann, dass ihm der Meister nicht böse war.
    „Ich sage es dir jedes mal aufs neue, alter Freund. Ein solcher Empfang ist nicht nötig“, hatte er gesagt und Phill hatte überlegt, ob er nun damit die Darbietung insgesamt, oder lediglich die „Interpretation“ seiner Schüler meinte.

    Letztendlich war es nicht wichtig. Togo hatte ihm ein bedeutend größeres Problem anvertraut.
    Krieg in Elona...
    Sofort hatte Phill daran gedacht, den Sonnenspeeren zu helfen, und da der Meister es erlaubte würde er auch schnellstmöglich aufbrechen.
    Doch die Ereignisse setzen so plötzlich ein.
    So unerwartet änderte sich all das, was er kannte.

    Ob mein Sohn noch lebt?
    Phill hätte die Sonnenspeerbasis gerne ein weiteres Mal besucht. In seiner frühen Jugend hatte er sie einst gesehen, ehe jene seltsamen Ereignisse seinen Weg kreuzten...
    Ob Dwayna gewusst hat, was mit der Basis passieren würde?

    Phill war ein Mönch und stand so im direkten Dienst Dwaynas. Er bediente sich ihrer Magie, um Wunden zu heilen und Leid zu vermindern, doch die Göttin selbst, in all ihrer Schönheit, hatte er nur einmal zu Gesicht bekommen.

    „Meister, Euer Koffer ist Gepackt.“ Li riss ihn aus den Gedanken.
    „Seit ihr sicher, dass ihr alleine gehen wollt?“
    Togo sah auf.
    Ein guter Junge, dachte er. Doch er ahnt nicht, was mir bevor steht.
    Li wartete einen Moment, ob ihm der Meister antworten würde. Dann sprach er weiter: „Ich habe Geschichten von Elona gehört.“
    Seine Stimme war glockenhell und rein. Eben die eines vierzehn jährigen Jungen. Doch auch so naiv. Er glaubte die Geschichten der Alten, von Ruhm und Ehre.
    „Ich würde es so gerne einmal sehen...“, meinte er.

    Phill erinnerte sich, wie er selbst ein Knabe war. Jung, unerfahren und tollkühn...
    Der Traum vom großen Abenteuer... Er wich den blutigen Bildern; entsetzlichen Fratzen...
    Dem Flehen totgeweiter Männer, wie sie vor Schmerzen schrien. Nicht nach Rettung sondern nach der Erlösung, die ein viel zu junger Phill nicht über das Herz brachte.
    Ein Bild tauchte vor seinem inneren Auge auf. Damals hatten die cantanischen Wachen einen Aufstand der Am Fah niedergeschlagen. Er war in einem der Trupps, die sich nach der Razzia um die Verletzten kümmerte.
    Er sah sich die Straße entlang laufen. Überall Tote und Verletzte. Frauen, Kinder... Verstümmelt und ermordet.
    Immer wenn er an den Kaiser dachte kamen ihm diese Bilder in den Sinn.
    Und nun, als er weniger den jungen Li sah, als sich selbst, lächtzend nach Abenteuer...

    „Elona ist nicht, was es scheint...“
    Der Alte stand auf.
    „Meister, ich kann Euch von Nutzen sein. Ich kann heilen. Ihr habt gesehen, welch Fortschritte ich mache. Und ich schwöre Euch, ich werde Euch nicht enttäuschen!“
    Phill sah den Jungen an.
    Seine Eltern waren arme Bauern. Als sie ihn in das Kloster brachten wussten sie, dass sie ihn eines Tages nicht wieder sehen würden.“
    „Hast du deinen Vater gefragt?“
    „Ich will meinem Vater eine Geschichte erzählen können. So, wie die Anderen. Oh bitte nehmt mich mit.“
    Alleine werde ich vielleicht wirklich nicht viel ausrichten können, überlegte der Alte, doch er wusste, dass er lediglich Argumente suchte, sich selbst von der Wichtigkeit des Jungen zu überzeugen...
    Abgesehen von Lis Naivität hatten sich die beiden immer gut verstanden. Phill war wie ein Vater für ihn geworden...

    Togo hatte ihm erzählt dass der Kaiser in Anbetracht der Gefahr, Shiro könnte wiederkehren keine Männer nach Elona schicken würde. Außerdem verstärkte sich das Problem mit den Banden in den Städten.
    Nicht zu vergessen dieser ewige, sinnlose Krieg zwischen Luxon und Kurzik im Osten...

    Er atmete durch.
    „Hast du es dir gut überlegt?“
    Li holte einen zweiten, wesentlich kleineren Koffer hinter der Tür hervor und strahlte über das ganze Gesicht.
    Unwillkürlich musste der Meister lächeln, ehe er mit fester stimme sprach:
    „Nungut. Aber bedenke bitte, du könntest niemals wieder kehren. Nehme Abschied von deinen Kameraden aber vergiss nicht: Ab heute bist du ein Mann. Blödle nicht mehr herum, nehme ernst, was die anderen sagen und höre auf mich. Denke an das, was du weißt, vertraue deinem Gefühl. Dein Handeln wird schon bald über Leben und Tod entscheiden. Und denke vor allem nach, ehe du etwas leichtfertiges tust!“
    Er ging in sein Bad.
    „In zwei Stunden werden wir das Kloster verlassen...“

    „Tausend dank, Meister.“
    „Warte besser mit deinem Dank. Du könntest ihn bereuen,“ meinte Phill – mehr zu sich selbst, als zu dem Jungen – und tauchte unbedarft seinen Kopf in das Wasser des vorbereiteten Waschzubers.
    Ahh! Kalt! Diese ungehobelten...!

    Kapitel XXII

    Die Kutsche war beladen, die Truppen standen bereit.
    „Herrin, ich muss euch nochmals eindringlich davor warnen...“, begann Morgahn erneut, doch Varesh ließ ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung verstummen.
    Der Paragon unterdrückte ein Brummen und meinte dann nur noch: „Ich werde gegen Abend nachkommen“, bevor er ging.

    Der Hof der Festung Jahai war karg gehalten. Die großen Mauern umgaben ein monotones Pflaster aus Steinen, in deren Ritzen sich teilweise Moos angesiedelt hatte.
    Ein Wunder, wenn man an den felsigen Untergrund dachte, auf dem die Burg errichtet worden war, doch der Schutt, der zum Begradigen des Fundamentes angehäuft worden war, schien ein geeigneter Nährboden zu sein.
    Heu, Pferdekot und Nahrungsmittelreste erledigten den Rest.

    Der Kutscher ließ die Peitsche knallen und setzte somit das Gefährt in Bewegung.
    Gegen Mittag würden sie in Jahai eintreffen. Sofern ihre Informanten recht hatten würde Komir noch an diesem Tag aus Kamadan auslaufen.
    Ihnen bliebe also nicht mehr viel Zeit, die Verteidigung zu perfektionieren.

    Doch Varesh war zuversichtlich.
    Die Sonnenspeere sind Schwach geworden.
    Ohne ihre Basis fehlt ihnen ein wichtiger Bestandteil ihrer Motivation. Selbst wenn sie meine Mauern überrennen und in Kourna einfallen würden; ohne diesen Scytale haben sie keine Chance gegen Abbadons Diener.
    Varesh kicherte vor sich hin, als sie an all das Leid dachte, das den Angreifern widerfahren würde.
    Sie hat keine Ahnung, unsere Weltpolizei. Fliegt in euren Untergang, Paragone!

    Die Kutsche fuhr langsam. Immerhin mussten die Soldaten Schritt halten um eventuelle Gefahren beseitigen zu können.
    Melandru strafte sie zudem mit einem besonders heißen Tag.
    Man würde Pausen einlegen müssen. Varesh hoffte nur, dass die Wasserelementarmagier beim Versuch, für den Trupp etwas zu trinken herbei zu zaubern, versagen würden.
    Es kostete das letzte Mal Stunden, eine geeignete natürliche Quelle zu finden.

    In einer Tasche ihres Gewandes fand sie eine kleines Fläschchen, das mit einer schwarzen Flüssigkeit befüllt war.
    Sie konnte sich nicht erinnern, es in die Tasche gesteckt zu haben, wusste aber, was es mit dem Getränk auf sich hatte.
    Abbadon verlangt nach mir, dachte sie, und leerte das Gefäß in einem Zug.
    Warum auch nicht? Nach Gandara werden diese Idioten wohl noch alleine finden.
    Ehe die Wirkung einsetzte und ihr schwindelig wurde befahl sie ihrem Kutscher, auf keinen Fall gestört zu werden.
    Er sollte besser noch nicht wissen, mit wem ich im Bündnis stehe...
    Dann durchzogen Schmerzen den Kopf der Kriegsherrin und ihr wurde schwarz vor den Augen.

    Kapitel XXIII

    Stille... Schwärze...
    Nichts.
    Kein Licht, das in die Augen drang, kein Ton, den die Ohren hätten aufnehmen können.
    Kein Geruch in der Luft; kein Wind in den Haaren...
    Nichts.

    Wo bin ich?
    Was ist geschehen?

    Ein Blick nach Rechts – einer nach links...
    Nichts.

    Kann ich überhaupt noch sehen?

    Nicht warm, nicht kalt.
    Der widerliche Geschmack war fort.
    Sowie die ganze Last...
    Die Erinnerungen? Nein... er erinnerte sich gut.
    Schmerzen... Leid... plötzlich so abwegig... weit entfernt, wie Freude und Liebe...

    Ein Griff an den Kopf...
    Nichts. Er spürte nicht das weiche, schwarze Haar, die Haut, das Ohr...
    Nichts...
    Wieder die selbe Frage: Wo bin ich?

    Ein Schritt... nichts veränderte sich.
    War er überhaupt gegangen?
    Stand er Überhaupt?
    Er spürte den Boden nicht.
    Schwebe ich?

    Dann plötzlich ein leises surren. Hauchdünn, doch eindeutig hörbar.
    Als käme es aus seinem Kopf...
    Dann eine Stimme... leise und warm...
    „Fürchte dich nicht, Paragon Scytale. Ich bin Emissär Heleyne.“
    Vor seinem geistigen Auge erschien das Abbild der Gesandten.
    „Ich bin hier, um dich zu den Nebeln zu geleiten.“
    Scytale klammerte sich an die Stimme. Spürte, wie sie seinen Kopf durchdrang.
    Wunderschön...
    Ihm schwindelte ein wenig. Gab sich ganz den Worten hin.
    Die Stimmmacht? - Nein; pure Magie.

    „Komm, begleite mich zum Nebeltor.“
    Plötzlich verspürte er einen Zug an seinem Körper, dem er nur zu gerne nachgab.
    Er schwebte durch das Nichts; unfähig Fragen zu stellen oder logische Schlüsse zu ziehen.
    Unfähig zu denken.
    Doch wozu fragen? Alles schien so vertraut; so selbstverständlich...
    Wozu Denken? Wie noch nie zuvor fühlte er sich geborgen von dem Wesen.
    Eine Gesandte...
    Scytale wusste es, ohne das sie ein Wort sagen musste.

    Wie das hin und her eines Schiffes hüllte die Präsenz des Wesens seinen Verstand in einen Nebel.
    Er breitete die Arme aus.
    Fliegen war für ihn immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. Man flog zu Einsätzen, zu Festen, Patrouillen, Treffen...
    Man flog aus Spaß oder um die Flügel zu trainieren.

    Doch das hier war so anders...
    Woran wusste er, dass er flog? Das er sich fortbewegte?
    Er sah nichts, an dem er seine Geschwindigkeit hätte messen können; nichts, das kleiner und kleiner wurde, oder an ihm vorbei raste.
    Keinen Luftzug, der die Muskeln seiner Flügel kühlte.

    Und doch wusste er es. Er Schwebte; er flog. Schneller, als jemals zuvor; höher, als jemals zuvor!
    „Lass ihn los, Scytale. Folge mir mit deinem Geiste. Ihn brauchst du nicht mehr, im Reich der Nebel.“

    Er spürte, wie er seinem Körper entglitt. Aus den Muskeln, aus dem Fleisch, aus der Haut. Frei von Grenzen. Frei von Angst...
    Dann sah er sich selbst.
    Wie ein Schatten über ihm schwebte sein Geist durch das Nichts.
    Er sah, wie er die Arme ausgebreitet hatte. Wie er lachte... wie das kleine Kind, das mit seinem Vater spielte.
    Vater! Da waren die Erlebnisse, die er Vergessen hatte. So unbeschwert, so frei.
    Ein Tanz mit der Mutter im Hinterhof. Ihr Kuss...

    „Schau mal Pappi, ich kann fliegen.“
    Er sah den kleinen Jungen, der die Arme ausstreckte und durch den Garten des kleinen Häuschens in Chahbeck lief.
    Er sah den Vater, der ihn an den Seiten ergriff und durch die Luft trug.
    „Nun kannst du fliegen.“
    Lachen... unbeschwertes lachen...

    Die Bilder verblassten. Formten wieder seinen Körper unter ihm, wie er durch das Nichts schwebte; die Arme ausgebreitet und lachend...
    „Moment...“ sagte Heleyne plötzlich.
    „Irgend etwas stimmt hier nicht.“

    Der Flug wurde unruhiger. Etwas drängte Scytale zurück in seinen Körper.
    „Das kann nicht sein!“ Heleynes Stimme war plötzlich unruhig; unsicher.
    „Was ist hier los?“

    Ein Erdbeben erfasste seinen Geist.
    „Du bist kein Mensch!“
    Scytale fand sich in seinem Körper wieder.
    „Was bist du?!“, schrie die Gesandte.

    Der Flug wandelte sich... Plötzlich schien Scytale zu fallen.
    „Was hast du getan?“
    Sterne erschienen unter ihm.
    Wie ein Stein die Wasseroberfläche, durchdrang er die Membran zu einer anderen Welt.
    Plötzlich wurde es Kalt.

    Ein Sternenmeer. Nicht mehr nur unter ihm, sondern überall.
    „Du dürftest nicht hier sein!“
    Die Worte waren kalt; Hasserfüllt; Hart.
    „Wie kannst du sterben, wenn du überhaupt nicht gelebt hast?“

    Scytale fand zu sich... Spürte seine Muskeln, seinen Kopf seine Hände... seinen Schmerz. Den Geschmack auf der Zunge.
    „Für dich gibt es keinen Platz in den Nebeln!“
    Heleynes Stimme war zum Kreischen einer Furie verkommen.

    Felsen rasten an ihm vorbei, und Scytale verstand.
    „Nein!“ schrie er auf, als er jene owahlförmige Plattform erkannte, die, wie eine Insel im Meer, durch das Nichts, der bizarren Welt schwebte.

    Er spürte seine Kraft erschlaffen. Seine Jahre vorbeiziehen.
    „Hier kannst du deinen Fehler wieder gutmachen! Rette deine Existenz, und deine Seele, oder bleibe hier für immer!“
    Die Stimme der Gesandten drang nur noch aus weiter ferne an sein Ohr. Als wäre sie auf der anderen Seite jener seltsamen Grenze geblieben...
    „Solang, bleibt dir der Weg in die Nebel versperrt!“

    Mit unfassbarer Geschwindigkeit traf Scytale auf die Plattform und ließ sie erbeben.
    Doch sein Körper empfand keinen Schmerz dabei.
    Nur sein Geist, der sich selbst erkannte, in jenem Mann, der ihn einst auf die Reise schickte, bei der er so kläglich versagt hatte...

    Kapitel XXIV

    Am späten Vormittag fanden sich die Offiziere in der großen Halle der Sonnenspeere ein.
    Das Komir nun doch einen Angriff auf Gandara plante hatte sich wie ein Lauffeuer im gesamten Lager herumgesprochen.
    So sah sich die Marschallin nun sechs Menschen gegenüber, die sie missmutig anblickten.
    „Gandara anzugreifen ist purer Wahn.“ Bina achtete nicht auf ihre Tonlage. Auch die tadelnden Blicke ignorierte der Hitzkopf.
    „Ich habe gesehen, wie Division für Division aufmarschiert ist. Sie hätten mich beinahe bemerkt.
    Marschallin, die ganze Küste ist unverteidigt.“
    Sie fuhr mit dem Finger die Margaküste entlang bis zur Nundu-Bucht.
    „Hier, haben wir gut hundert Kilometer unbewachtes Land. Das ist ein Geschenk!“
    „Bina hat recht,“ stimmten die anderen Paragone zu. „Varesh lässt uns hier ganz offensichtlich ein Schlupfloch.“
    Devah ließ seinen Blick über den Kreis wandern, der sich um den runden Tisch gebildet hat, ehe er vorsichtig und überlegt die Stimme erhebt.
    „Warum sollte sie das tun? Warum zieht sie alles, was sie hat nach Gandara und lässt ihre gesamte Küste unverteidigt?“
    „Selbst wenn sie über den gesamten Streifen Truppen aufziehen würde, wäre die Mondfestung keine bessere Wahl... Gandara ist so gut wie uneinnehmbar. Von Wasser umgeben und von stärkeren Mauern geschützt, als Jahai selbst. Die Türme sehen weiter als jedes andere Bollwerk und jeglicher Überraschungsvorteil wird durch das Notfeuer auf dem Hauptbergfried, das man selbst in Jahai noch sehen würde, zur Nichte gemacht.“

    Komir wartete, bis die Offiziere ausgesprochen hatten und nickte dann, als hätte sie garnicht gehört, was die anderen gesagt hatten.
    „Genau dort werden wir zuschlagen.“
    Sie stemmte die Hände in die Hüften. Mit deutlich strengerem Ton fuhr sie fort:
    „Als Marschall ist es mein Recht, eine solche Entscheidung alleine durchzusetzen. Ihr seit mir zu Gehorsam verpflichtet! Ich habe eure Einwände gehört und verstanden. Dennoch treffe ich nun die Entscheidung, Gandara anzugreifen.“
    Als jemand Einspruch erheben wollte fuhr sie fort:
    „Ich hatte erwartet, dass der Offiziersstaab hinter meinen Entscheidungen steht. Das man mir in ernsten Zeiten vertraut. Und das meine Anordnungen ausgeführt werden, selbst wenn sie einigen nicht passen.“
    „Wir dienen auch dem Orden der Sonnenspeere“, warf Miriel ein und kopierte aufmüpfig Komirs Ton, was diese in Rage versetzte.
    Von dem ausgewogenen Paragon war in dem Gesicht der Marschallin wenig zu sehen.
    „Der Orden verdankt sein Leben und sein Ansehn nicht, solch törichten Entscheidungen, Komir.“

    Das ging zu weit. Die anderen Paragone sahen Miriel verwundert an, doch Mokk und Devah konnten die Frau verstehen.
    Unter ihrer Hand reiften Mädchen und Jungs zu Kriegern heran. Sie sah sie wachsen, stärker werden, einen Traum folgen. Sie sah die Zukunft in den Gesichtern dieser Kinder, die Komir nun allen Anscheins nach einfach so in ihr Verderben stürzte...
    Die beiden sahen sich an und nickten, als sie einander wie die zwei Freunde, die sie schon ihr Leben lang waren, verstanden.
    Miriel hat recht.

    „Ich bin die Marschallin,“ schrie Komir zornig. „Und ich habe dir eine Anweisung gegeben. Führe sie aus oder geh mir aus den Augen!“
    Sie deutete auf die Karte.
    „Morgen früh werden wir aufbrechen. Geht nun.“

    Verwundert über ihre Strenge und Härte verließen die Paragone den Raum.
    Alle, bis auf Miriel.
    „Verzeiht, Marschallin...“ begann diese und simulierte einen reuigen Tonfall, um ihre Wut zu verbergen.
    „Geht... es sei verziehen.“ Komir war zu einer der Wände gegangen. Sie waren verziert mit Schmuck und Bildern. Die meisten zeigten - wie damals im Haus der Erinnerungen - große Marschalle. Heeresführer vergangener Zeiten, die wie sie nun vor einem unlösbaren Problem standen. Sie hatten nicht versagt...
    „Komir... wenn Ihr wenigstens sagen würdet, weshalb wir Gandara angreifen sollen... Nur weil Scytale es gesagt hat?“
    Sie drehte sich zu Miriel um.
    „Scytale ist tot!“ rief sie verärgert aus.
    „Und du hast keine Ahnung von der Gegenwart.“
    Sie bereute es, Lacy auf Kosarenjagt geschickt zu haben... Jeder andere Paragon wäre genauso gut dazu geeignet gewesen... Doch sie wollte sie vor dem Angriff schützen – sei es nun Gandara oder die Margaküste.
    „Vielleicht, Marschallin. Aber ich habe eine Ahnung von Gandara. Ich weiß was eine Paragonformation leisten kann und ich weiß, was sie dort leisten müsste. Ich weiß das Gandara unser Untergang ist. Aber ich weiß verdammt nochmal nicht, warum wir uns selber töten sollten!“
    Wieder erhob sie ihre Stimme.
    „Jeder von uns, Komir, jeder würde für Euch in den Tod gehen. Wir alle haben unser Leben den Sonnenspeeren gegeben und wir alle haben uns bereit erklärt Euch zu dienen. Aber wenn wir uns blind ein Messer in die Brust stechen sollen, Marschall, dann fange ich an zu Zweifeln!...“

    Komir tat die Frau Leid...
    „Ihr könnt das nicht verstehen, Miriel.“ Sie bemühte sich darum, ihre Worte weicher wirken zu lassen. Ihre Stimme war kaum zu hören, als sie sich der Paragonin näherte. „Manche Dinge geschehen, ohne das wir einen Grund kennen. Manchmal müssen wir vertrauen, wenn die Logik uns nicht weiter bringt... Vertraue mir, Miriel.“
    Als Komir ihre Hand ergreifen wollte zog die Paragonin sie zurück.
    „Ihr habt recht“, meinte sie streng, drehte sich um und ging zur Tür. Ehe sie hindurch ging und verschwand sprach sie leise, aber für Komir doch gut hörbar:
    „Ich bin nicht Scytale.“

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    Scytales Rache
    #62
    Kapitel XXV

    Lacy kam es wie eine Ewigkeit vor, bis Mashir endlich erwachte. Und als sie es war wünschte sie sich, sie hätte noch ein wenig länger geschlafen...
    Sie konnte diese Kosarin von Beginn an nicht ausstehen, doch allmählich entwickelte sich blanker Hass daraus.
    Nachdem Mashir aufgestanden war ging sie zum Schwarzwasserloch, tauchte ihren Kopf in den See und witzelte dann über Lacys Haare...
    „Nun sind sie nicht mehr so schön, Parapüppchen, hm? Das ist Leben!“

    „Wie geht es jetzt weiter?“, fragte Lacy, die den Spott wie immer ignorierte.
    „Heute Nachmittag treffen wir uns mit einem alten Bekannten im Dschungel.“
    „Wir gehen in den Dschungel?“
    Mashir roch an ihrer Achsel, zog eine Grimasse, unternahm aber nichts gegen den Gestank.
    „Natürlich, was dachtest du denn, weshalb wir hier sind? Oder hast du etwa Angst vor den bösen Skalen?“ Sie lachte abschätzend. „Die große starke Paragonin fürchtet sich vor ein paar Fröschleins?“
    Lacy atmete tief durch...
    „Hör zu!“ Das Lachen im Gesicht der Kosaren war verstorben. „Dort hinten beginnt der Lahtenda-Sumpf. Ich weiß, dass Eisenfaust dort ein Versteck hat. Und ich könnte schwören, dass er sich dort noch befindet. Ich weiß nur nicht wo es ist.“
    „Und dein Kontaktmann weiß es?“
    „Er stand einst in Diensten Eisenfausts, genauso wie ich. Nur ich habe in der Zehlon-Bucht gearbeitet. Eisenfaust ist nicht dumm...“ sie Strich sich mit den Fingern durch die verfilzten Haare. „Er hat uns nur eines seiner Verstecke genannt. Die meisten seiner Leute kennen sich untereinander nicht. Es ist sogar möglich, dass er im Lahtenda-Sumpf einen völlig anderen Namen hat.“
    Lacy folgte der Frau zurück zum Pub.
    „Wie hast du den Kontaktmann dann kennen gelernt?“
    Mashir drehte sich zu der Paragonin um. „Genügend Bier lässt einen auch den treuesten Eid vergessen“, lachte sie; dann ging sie weiter. „Ohne diesem hübschen Lokal hier, könnte ich dir garnicht weiterhelfen.“

    Als sie bei dem Lager ankamen in dem sie geschlafen hatten, kramte die Kosarin einige Dinge aus dem Stroh: Ein Messer, dass sie sich an einen Gürtel schnallte, ein kleiner Kompass, der kaum mehr richtig zu funktionieren schien und einige andere Dinge, die ihre gesamte Habe zu sein schienen.

    Lacy wunderte sich über die Frau, als diese mit einem Dolch spielte. Hätte ich derart viel getrunken könnte ich nicht einmal mehr gerade stehen... Die muss doch einen höllischen Kater haben.
    „Los, pack zusammen.“ Sie deutete mit dem Kopf auf Lacys Schlafplatz. Diese nickte, nahm ihr billiges Holzschild, dass sich Mashir von einem Händler in Kamadan „geborgt“ hatte und die wenigen Sachen, die eine Kosarin im Dschungel brauchte, zu überleben.
    Den Speer hatte sie am Rande der Lichtung versteckt. Zwar benutzen Kosaren hin und wieder auch Speere, doch diese waren von deutlich schlechterer Qualität, wenn nicht sogar einfache Äste.
    „Einen Sonnenspeer erkennt man natürlich zuerst am Speer“, hatte sie gesagt.
    Deshalb würde Lacy ihren erst rufen können, wenn sie das Schwarzwasserloch hinter sich hatten.

    Als die Pakete verschnürt waren füllten sie ihre ledernen Trinkschläuche in der Taverne – auch wenn Lacy vermutete Mashir würde in ihren nicht nur Wasser schütten – und verließen das Haus.
    „Wenn wir es rechtzeitig zum Treffpunkt schaffen wollen, müssen wir uns beeilen. Und vergiss nicht, deinen Speer zu rufen. Du wirst ihn schon bald brauchen.“

    Kapitel XXVI

    Scytale öffnete die Augen...
    Welch seltsamer Traum, dachte er, als er sich in seinem Bett in der Sonnenspeerbasis wiederfand.
    Die Ketten? Er hob seinen Arm. Nichts hinderte ihn daran, ihn über sein Gesicht zu streifen.
    Es klopfte an der Tür.
    „Herein“, sagte Scytale, wie von selbst.
    Die Tür öffnete sich. Lacy trat ein.
    „Scytale, Dwayna sei dank, dir geht es besser.“
    „Was ist geschehen?“
    Der Paragon fühlte sich noch ein wenig benommen.
    „Das wissen wir auch nicht so sicher... Du warst sehr krank. Dunkoro meinte, du wärst in Vaabi vergiftet worden. Weisst du noch? Du warst vor zwei Monaten als offizieller Vertreter der Sonnenspeere dort...“
    „Ja, ich erinnere mich... Vergiftet? Wieso sollte man einen Botschafter vergiften?“
    Scytale presste die Hand gegen seine Stirn. Sie fühlte sich warm an. Aber nicht so, als hätte er Fiber. Dann richtete er sich auf.
    „Wir wissen es nicht... Wir wissen nur, dass wir dich beinahe verloren hätten.“
    Lacy sah ihn an und legte eine Hand auf seine Schulter.
    „Aber Dunkoro hat es geschafft. Er hat dich gerettet.“
    Sie lächelte, doch Scytale hakte nach: „Ich muss mit Komir sprechen... Wir stehen im Bündnis mit Vaabi. Niemals hätte man mich dort vergiftet.“
    „Vielleicht waren es nicht die Fürsten, die es in Auftrag gegeben haben... Vaabi hat genauso seine soziale Unterschicht... Neider, die die Fürsten ihre Reichtümer beneiden...“
    „Wohl eher Bauern, die die Fürsten zu dem gemacht haben, was sie heute sind: leibeigene Bettler.“
    Lacy setzte sich neben ihn auf das Bett.
    „Scy... Das soll heute nicht unser Problem sein. Du hast überlebt. Dafür danke ich Dwayna und Dunkoro.“
    „Ich erinnere mich kaum an die Vorfälle der letzten Zeit... doch was ich weiß ist... verwirrend...“
    „Das kann ich mir vorstellen...“ sie strich über seinen Arm.
    „Du hast eine Menge phantasiert. Im Schlaf geschrien, im Fieber gesprochen... Du hast mich sogar mal Mutter genannt,“ lachte sie.
    Scytale sah sie an...
    „Du bist nicht?...“
    „Scytale; wie alt, sehe ich aus?“ sie stand auf und spielte Empörung vor.
    Auch der Paragon musste lachen.
    Also habe ich das alles geträumt, dachte er. Mit dieser Tatsache konnte er sich gut abfinden...
    „Es war ein schrecklicher Traum...“
    Lacy ging zur Tür.
    „Steh auf und zieh dich an. Gehen wir etwas essen. Du musst mir alles erzählen.“

    Kapitel XXVII

    Phill und Li saßen sich in der Kutsche gegenüber.
    „Also denke daran, was ich dir gesagt habe, mein Junge“, mahnte der Alte noch einmal.
    Li, der sein Glück noch immer nicht fassen konnte, mit seinem Lehrmeister auf Abendteuerjagt gehen zu dürfen nickte und strahlte über das ganze Gesicht.
    Könnte ich doch nur deine Euphorie teilen...

    „Die Reise ist weit. Wenn die Winde günstig sind – und das werden sie sein, da wir einen Waldläufer dabei haben; einen boten Melandru, der es vollbringt den Wind nach unserem Bedarf zu lenken – brauchen wir etwa vierzehn Tage.“
    Li schien das weniger zu Interessieren. Er sah aus dem Fenster der Kutsche hinaus auf die vorbeiziehenden Häuser des kleinen Hafendörfchens Seitung. Gerade einmal zwei Stunden hatte die Fahrt hierhin gedauert, doch Li hatte den Ort noch nie gesehen.
    Er kannte nur das Dorf Tsunmei, die Panjiang Halbinsel, auf der er als kleines Kind immer gespielt hatte und das Sunqua Tal, dass das Kloster mit seiner Heimat verband.

    Sein Drang, neues zu Erkunden war für Phill daher mehr als verständlich...

    „Seht, Meister. Die Schiffe.“
    Phill lächelte, als er sah, auf was der Junge deutete.
    „Dieses Boot nennst du ein Schiff? Warte ab, bis wir in Kaineng sind.“

    Da die Schiffe von der Klosterinsel lediglich ins Zentrum der gigantischen Hafenmetropole übersetzten, waren die beiden gezwungen, in der Stadt umzusteigen.
    Phill wollte diese Gelegenheit zudem nutzen, einige Einkäufe zu tätigen.
    Beispielsweise ein richtiges Mönchsgewand für den Jungen, der bislang nur die Novizenkutte trug.

    Die Kutsche hielt an; der Kutscher öffnete die Tür.
    „Wir sind angekommen, Meister Phill.“
    Der Alte trat aus der Kutsche, verbeugte sich, wie in Canta üblich zum Dank und ließ seinen Blick schweifen.
    Kleine, doch reich verzierte Häuser prägten das Antlitz des Dörfchens, dass durch den Handel mit dem Festland erblüht war.
    Waren aller Welt fanden von Kaineng ihren Weg nach Seitung. Wie oft waren er und die anderen Meister hier gewesen, um ausgefallene Früchte für Festaktivitäten zu kaufen?

    Auf dem Marktplatz vor ihnen herrschte ein reges Treiben. Bauern, Händler und Handwerker der ganzen Insel drängten sich um die zahlreichen Stände, die jeden Traum erfüllen konnten.

    „Hier habt Ihr einst Vaabische Melonen gekauft“, erinnerte sich Li. „Ich habe noch nie etwas so köstliches gegessen.“
    „Wenn wir in Elona sind werden wir sie vielleicht öfter essen können“, meinte Phill und ging in Richtung des Marktes.
    Als der Junge ihm folgte meinte er: „Nun suche uns aber zuerst etwas, dass wir der obersten Befehlshaberin der Paragone mitbringen können. Wir wollen doch einen guten Eindruck auf die Sonnenspeere erwecken.“
    Er kramte einige Goldmünzen aus seiner Tasche und gab sie Li.
    „Hier. Ich bin sicher, du findest etwas typisch Cantanisches. Ich werde mit dem Fährmeister sprechen und uns eine Überfahrt buchen. Normalerweise verlassen die Schiffe Seitung um die Mittagszeit. Sei also in einer Stunde an Pier sieben. Von dort aus müssten wir starten... Denkst du, du schaffst das?“
    Li nickte, nahm das Geld und verschwand in der Menge.
    Der Meister sah ihm hinterher und lachte.
    Er verschwindet wie ein Assassin... Vielleicht hätte er doch öfter mit Panaku reden sollen...

    Kapitel XXVIII

    Die Beerdigung war kurz. Zwei Paragone trugen Scytale auf einer Bahre den Weg vom Lager zum Friedhof der Sonnenspeere, der sich nahe Kamadan befand.
    Dort wurde er in einen Sarg gelegt.
    Komir hielt eine kurze Ansprache – nicht anders, als bei den anderen Paragonen.
    Dann setzte man Scytale bei.

    Nur wenige waren erschienen. Anscheinend mochten ihn die Sonnenspeere nicht mehr, seit er sich so gut mit Komir verstanden hatte. Als wäre sein Wort das Gesetz, war sie seinem Rat gefolgt, ohne auch nur jemand anderen anzuhören.
    Welch Geheimnisse die beiden teilten konnten sie nicht erahnen.

    Mokk, Devah, Dunkoro und Komir – sie sahen einander an. „Ein jeder Verlust ist schmerzhaft“, meinte die Marschallin und legte einen Kranz aus Blumen auf das Grab, den sie zuvor in Kamadan gekauft hatte.
    „Doch Scytale...“
    Im laufe der letzten Monate war er mehr als nur ein Untergebener. Er war Komir ein Freund geworden. Der einzige Freund, mit dem sie reden konnte. Sich traute, mit ihm zu reden. Über die Zukunft...
    Komir schüttelte den Kopf. Du hast den Sonnenspeeren eine Zukunft versprochen, Dwayna, dachte sie. Und nun nimmst du uns den Kämpfer, der sie uns ermöglicht hätte?

    Sie dachte an die vielen Stunden, die sie gemeinsam am Brunnen saßen. Nur Scytale und sie...
    Ihn plagten Alpträume, sie der Alltag.
    Was gäbe ich für Briefe, Formulare und Nichtigkeiten?
    Was gäbe ich dafür, jetzt an jenem Brunnen zu sitzen...
    Ihr fehlte der Klang des Wassers. Nun, da man ihr auch noch Scytale genommen hatte spürte sie ihre Einsamkeit mehr denn je.
    „Wir werden nun gehen“, sagte Mokk leise, senkte den Kopf und wartete auf ein Zeichen der Marschallin.
    „In Ordnung. Kümmert euch um die Vorbereitungen. Arbeitet eine Angriffsstrategie aus. Ich komme gleich nach...“
    „Wie Ihr wünscht.“ Und zu dem Grab gewandt: „Ruhe in Frieden Scytale. Das wünsche ich dir nachdem, was du durchgemacht hast.“
    Dann gingen die beiden Paragone.
    Dunkoro sah die Marschallin an. „Ich könnte Euren Kummer mit einem Mittel mildern...“
    „Nein... Keine Drogen...“
    „Nungut.“ Der alte Mann nickte. „Ihr wisst wo Ihr mich findet, sofern Ihr es Euch anders überlegt...“ Dann verabschiedete sich auch er.

    Die Marschallin betrachtete den Grabstein, in den einige Worte eingraviert worden waren, die sie dem Steinmetz diktiert hatte. „Hier ruht Scytale; Hoffnung der Sonnenspeere.“
    Dann endet es also in Gandara...
    Komir spürte die Last auf ihren Schultern. Da sie nun alleine war mehr den je.
    Dwayna... warum sprichst du nicht mehr mit mir?

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    Scytales Rache
    #63
    Kapitel XXIX

    Der Dschungel war feucht und heiß. Eine erdrückende Hitze, im Vergleich zum Ödland.
    Überall wuchsen Bäume, Pflanzen, Sträucher, Büsche...
    Dornenranken versperrten den beiden Frauen den Weg oder zerkratzen ihre Haut.
    Lianen und abgeknickte Äste erschwerten zudem das Vorwärtskommen.

    „Nun stell dich doch nicht so an“, rief Mashir, die einige Meter voraus ging, als Lacy sich zwischen einem Strauch verfangen hat.
    „Das sind doch nur ein paar Blümchen.“ Wie immer lachte sie abschätzig.
    Die Haut der Kosarin war ledern. Ihr ganzer Körper zeigte die Narben der Kratzer der Dornen. Allen Anscheins nach hielt sie sich oft in diesen Gebieten auf.
    „Einige dieser Pflanzen sind giftig, Mashir“, rief Lacy zurück, doch erntete nur erneut Gelächter.
    „So oft wie ich schon vergiftet war... Das geht vorbei. Es bringt dich um oder es geht vorbei.“
    Hätte es sie doch nur umgebracht...

    Einige Stunden bahnten sie sich so ihren Weg durch das Holz, ehe Mashir plötzlich stehen blieb.
    „Stimmt etwas nicht?“, fragte Lacy, als sie die Kosarin sah. Sie atmete schwer.
    „Scht...“ Mashir ging in die Hocke. Lacy tat es ihr gleich, robbte zu ihr und lauschte.

    Stille. Nur das Quaken einiger Frösche und das Zirpen einiger Grillen war zu hören. In weiter Ferne schrie ein Affe...
    „Hol deinen Speer hervor“, befahl die Frau und zog ihr Messer aus dem Gürtel.
    Vorsichtig streifte sie ein Gebüsch zur Seite.
    Mit der erlernten Bewegung teleportierte Lacy den Speer von ihrem Köcher direkt in ihre flache Hand, ehe sie den Griff umfasste.
    Dann spähte sie durch den Spalt, den Mashir ihr offen hielt.

    Auf der anderen Seite erkannte die Paragonin einen Skal. Groß und mächtig; fast einen Meter hoch.
    Messerscharfe klauen bohrten sich durch das Fleisch eines erlegten Tieres. Die Fratze des Wesens war blutverschmiert, als es in den Eingeweiden seines Opfers herumstocherte.
    „Diese Tiere sind gefährlich. Schnell, stark, tödlich. Als ich bei Eisenfaust gearbeitet habe hat er fast jede Woche einen Mann an sie verloren.“
    Lacy nickte, und überlegte, ihren Speer gegen das Untier zu werfen.
    „Skale leben für gewöhnlich in Rudeln, doch sie fressen allein. Also ist es gut Möglich, dass sich hier noch andere befinden.“
    Der Paragon sah sich um. Sollten sie von einem Rudel umgeben werden würde ihnen nichts anderes bleiben, als zu kämpfen.
    Hier kann ich unmöglich meine Flügel rufen, dachte sie. Die Bäume stehen viel zu dicht und durch die Kronen komme ich niemals. Sie erinnerte sich, als sie in jener Nacht im Wald abstürzte.
    „Was tun wir jetzt?“, fragte sie die Kosarin.
    „Du bist doch eine Kämpferin...“ Mahsir sah sich zu ihr um. „Also kämpfen wir. Besser wir überraschen den Skal, als das er uns überrascht. Denke nicht, nur weil er heute schon gefressen hat würde er nicht mehr jagen...
    Lacy schluckte. Zu zweit hatte die Macht eines Paragons im Gefecht kaum eine Wirkung. Zudem bestand ihre Stärke aus Schreien und Liedern... Kein besonders großer Vorteil, wenn es einen Überraschungseffekt auszunutzen galt. Sollte sie nun für Mashir eine Arie anstimmen?
    Sie entschied sich dagegen. Das hätte den Skal sowieso nur gewarnt, oder sogar Andere angelockt.

    „Also gut. Ich erledige das Biest. Es ist besser, du bleibst zurück...“
    „Soll das heissen, du denkst ich hätte Angst?“, brauste Mashir empört, aber dennoch leise auf.
    „Nein, es heisst das du direkt an den Skal heran musst, während ich ihn von hier aus bewerfen kann... Was ist wohl sicherer?“
    Die Kosain schüttelte den Kopf.
    „Denke nicht, das Tier ließe sich so einfach von einem Treffer erledigen. Aber du hast recht. Locken wir es her.“

    Lacy stand auf spannte die Muskeln und legte den Speer in ihren Rücken. Seit Chahbeck war es das erste mal, dass sie wieder einen Speer im Gefecht warf.
    Für eine Sekunde konzentriere sie sich auf das Ziel. Jene Kreatur, die vor ihr stand und das Fleisch von den Knochen ihres Opfers nagte.
    Dann schoss die Paragonin mit all ihrer Kraft hervor.
    Blitzschnell flog der Speer und bohrte sich tief in das Fleisch des Skales.
    Dieser stieß einen entsetzlichen Schrei aus, zuckte zusammen, fing sich aber wieder und drehte sich den beiden zu.
    Lacy rief ihren Speer erneut, legte ihn dieses mal jedoch nicht in den Rücken sondern warf ihn sofort. Als er ihre Hand verließ gab sie der Waffe eine leichte Rotation.
    Das – so hatte sie gelernt – sorgte für eine besonders Große Wunde, die lange bluten würde – sofern das Tier überhaupt überlebte.

    „Ziel auf die Augen!“, rief Mashir – wenig bedarft, dennoch wirkungsvoll.
    Lacy durchstieß den Kopf des Skales. Blut schoss aus den Wunden auf den Boden. Der Schrei des Untieres verkam zu einem jämmerlichen quieken, ehe es zusammenbrach und regungslos am Boden liegen blieb.
    „Sehr gut. Ihr Paragone seit ja doch zu etwas nütze“, meinte Mashir anerkennend. „Aber nun müssen wir auf der Hut sein. Das Rudel kann von überall kommen.“

    Lacy rief den Speer und wischte mit einem Tuch das Blut ab.
    „Sind doch nur Skale...“, scherzte sie und genoss die wenigen Sekunden, in denen man Mashir ansah, wie unterlegen sie sich fühlte.

    Diese brummte etwas von Vorsicht, ehe sie durch das Gebüsch stieg, sich umsah und zu dem Tier hastete...
    „Komm schon. Es gibt Mittagessen...“

    Kapitel XXX

    Li stieß gegen Mittag zu Phill am Pier sieben. In der Hand trug er eine große, aus Stein gehauene Schildkröte.
    „Sehr schön“, lobte der Alte. „Ja, eine Schildkröte ist etwas typisch Cantanisches. Komir wird sich bestimmt darüber freuen.“
    Oder sie zu den Anderen stellen... Etwas originelleres hätte dem Jungen schon einfallen können...
    Doch Phill nahm sie, und legte sie in seinen Rucksack.
    Sie wird ihren Dienst erfüllen.
    Li klimperte mit einigen Goldmünzen. „Hier ist der Rest“, meinte er und hielt dem Alten seine Hand auf.
    „Behalte es...“, meinte dieser.
    „Vielleicht kannst du es noch einmal gebrauchen.“

    Das Schiff würde Seitung in wenigen Minuten verlassen. Die Koffer waren bereits eingeladen; die Überfahrt bezahlt.
    Die beiden gingen an Board.

    Es war ein kleines chantanisches Fährschiff, das Menschen und Güter nach Kaineng übersetzte. „Wir erreichen den Markt von Kaineng gegen Abend“, erklärte Phill den weiteren Verlauf ihrer Reise. „Dann werden wir zum Zentrum gehen. Dort können wir im kaiserlichen Palast übernachten. Togo hat es mir und den anderen Meistern Shing Jeas gestattet, jederzeit vorbei zu sehen.“
    „Werden wir den Kaiser treffen?“
    Phill lächelte, als er den Glanz in den Augen des Jungen sah, und fühlte sich, wie schon so oft, an seine eigene Kindheit zurück erinnert.
    Wie aufgeregt er war, als er zum ersten mal den Kaiser sehen durfte...
    „Ja, vielleicht werden wir den Kaiser sehen. Und am nächsten Tag heißt es dann „auf nach Elona.““

    Die beiden setzen sich in einen Gemeinschaftsraum unter Deck. Einige andere Männer saßen bereits an den Tischen. Die Fähre war gut gebucht, doch nicht voll besetzt. Durch ein Bullauge sahen die beiden, wie mannshohe Holzkisten auf das Schiff getragen wurden.
    „Die Ernten werden in die Stadt gebracht. Sieh her, das muss die Ernte aus Tsumei sein...“
    Li nickte. Er konnte die Beschriftung Lesen.
    „Ingwer, Hirse, Spinat und Bohnen bauen wir an.“ Er sah zu Phill. „Und natürlich Reis.“
    „Und hier werden all diese Waren nach Kaineng gebracht. Ohne den Erträgen der Insel, könnte die Stadt garnicht mehr leben.“
    Phill rief sich das Bevölkerungsproblem ins Gedächtnis. Kaineng ist zu groß geworden. Der Kaiser muss aus allen Ecken Cantas importieren...

    „Taue los!“, schrie ein Mann auf dem Deck.
    „Nun geht es los, Meister...“, Li sah wieder aus dem Fenster.
    Phill war sich sicher, der Junge wäre viel lieber oben geblieben, doch da hätte er die Arbeiter nur gestört.
    Besiege deine Neugierde. Denn besiegt sie dich, setzt du dich selbst einer Gefahr aus, die dein Leben schon bald beenden kann, rief er sich die alten Lehren Togos ins Gedächtnis. Doch töte sie nicht, sonst wirst du eines Tages untergehen, wie deine Phantasie und dein Mut.
    „Heute Abend essen wir beim Kaiser.“

    Kapitel XXXI

    Am späten Nachmittag kehrte Scytale, zusammen mit Lacy aus Kamadan zurück.
    Die beiden lachten ausgelassen. In seiner Hand trug der Paragon einen kleinen Sack, den er erworben hatte.
    In ihm befanden sich lediglich ein paar Spielkugeln, doch er freute sich darauf, sie einmal auszuprobieren.
    Boule hatte es der Verkäufer – ein zuvorkommender Cantaner – genannt.
    In Kaineng sei das gerade der „letzte Schrei“, hatte er behauptet... Nunja, die vierzig Goldmünzen waren es Scytale wert...

    Als die beiden außerhalb des Gebäudekomplexes entlang gingen – weder Lacy noch Scytale wollten durch die kühle Eingangshalle – sah er nochmals in den Beutel und kramte einen Zettel hervor.
    „Hier steht, wie es gespielt wird“, meinte er, und hielt ihn der Paragonin hin.
    Diese nahm ihn, betrachtete ihn kurz und lachte: „Kannst du Altcantanisch?“
    Scytale warf einen weiteren Blick auf das Papier und lachte.
    „Och Mensch, nun haben wir ein Spiel und keine Ahnung, wie wir es spielen...“
    „Uns wird schon etwas einfallen... Die Kugeln sind auch schön“
    Scytale überlegte einen Moment, dann witzelte er: „Wir könnten sie ja verschenken. Hat Roinal nicht nächste Woche Prüfungsjubiläum?“

    Die beiden erreichten den Park, und gingen zum Brunnen im Zentrum. Sie dachten, dort könnte man am Besten spielen. Doch als sie ankamen erkannten sie Komir, die auf einer der Bänke saß, die sich um den Brunnen aneinander reihten.
    Ihren Gruß erwiderte sie nicht, sondern starrte lediglich auf das herabplätschernde Wasser, was Scytale dazu veranlasste, zu ihr zu treten.
    „Marschallin?“
    Die Frau sah auf und täuschte ein lächeln vor.
    „Ist etwas nicht in Ordnung?“
    Sie atmete tief durch.
    „Dieser Papierkram macht mir nur zu schaffen, meinte sie und täuschte ein weiteres mal kläglich ein Lächeln vor, welches sich lediglich zu einem gespielten Grinsen entwickelte.
    „Was habt Ihr da in der Hand?“

    Nungut... wenn Komir nicht über ihre Probleme sprechen will..., dachte Scytale, hielt den Beutel höher und sah ihn an. Während er sprach, blickte er sich zu Lacy um, die gemäß der Bilder auf dem Zettel versuchte, eine ebene Fläche in den Boden zu bekommen.
    „Das ist ein Spiel... Lacy, wie heisst es noch gleich?“
    „Baul“. Sie trat neben Scytale „Glaube ich...“

    Komir überlegte einige Sekunden, ehe sie nickte.
    „Ein wenig spielen wird mir gut tun“, meinte sie und stand auf.
    „Fort vom Ernst des Lebens...“
    Auch sprechen täte ihr gut, überlegte Scytale, doch er verstand sie.
    Manchmal fühlt man seine Last so erdrückend, dass man sie anderen nicht aufbürden möchte. Wissen kann schrecklich sein...

    ***

    Die Stunden verstrichen. Im laufe der Spiele hatte sich Komirs Laune mehr und mehr gebessert.
    Da sie lediglich sechs große und eine kleine Kugel hatten wechselten sie sich ab. Zur Überraschung der beiden, lag Lacy haushoch in Führung.
    Mithilfe eines Stockes ritzten sie den Spielstand neben das Feld.
    „Neunzehn zu zwölf zu acht... Scytale du könntest dich auch etwas anstrengen...“ Sie zwinkerte ihm zu.
    Der Paragon lachte, brummte dann aber mit gespielt beleidigter Stimme: „Dafür hätte ich nicht vierzig Goldmünzen ausgeben müssen...“
    Lacy drückte seinen Arm. „Dann schenken wir es Roinal... oder mir – zur bestandenen Prüfung.“
    „Ich habe dir für die Prüfung doch schon den Helm geschenkt.“
    Lacy grinste. „Ja und?“

    Die ausgelassene Stimmung und das Spiel zogen sich hin, bis zum Sonnenuntergang. Als es schließlich zu dunkel wurde entschlossen sich die drei, in die Taverne des Rekrutenhauses zu gehen. An diesem Tag müssten einige von der Ernte zurückgekehrt sein. Das Haus würde sich wieder füllen mit dem Leben, dass es so unverwechselbar machte.

    „Miriel musste heute schon einen Streit schlichten“, erzählte Komir, sichtlich ausgelassener und entspannter, als zur Mittagszeit.
    „Sie hat die beiden Rekruten zu mir geschickt. Kaum zu glauben, es ging um ein Handtuch...“
    Scytale und Lacy sahen sie an. „Erzähl uns davon“, forderte Lacy sie auf.

    Wie immer hatten sie im Lauf des Tages die Anredeform gewechselt. Scytale fiel es jetzt erst auf. Es ist schon unglaublich. Jeden morgen steht Komir, als unsere Marschallin auf, dachte er. Und jeden Abend geht sie wieder als Freundin zu Bett.
    Darum liebten sie die Sonnenspeere so. Sie freuten sich über ihre Menschennähe, auch wenn es für Komir sicherlich nicht immer leicht war.
    Menschen zu führen heisst immer, sich von ihnen zu distanzieren, erinnerte sich Scytale, und fragte sich, wie sie es schaffte, es über das Herz zu bringen, Sonnenspeere auf aussichtslose Missionen zu entsenden, von denen jeder wusste, sie würden nicht wiederkehren. Aus Gründen, die es anders nicht zulassen, denn eines wusste der Paragon ganz sicher: Komir würde sie niemals in einen sinnlosen Tod schicken.

    Als sie die Tür zur Taverne öffneten hatte Komirs Geschichte gerade geendet. Einige Sonnenspeere waren bereits anwesend; tranken einen Wein oder Saft, ein Bier oder Wasser. In einer Ecke stand Mina, eine Rekrutin, von der Scytale nichts wusste, außer dass sie bald ihre Prüfung würde ablegen müssen.
    Zwischen ihren Beinen hatte sie eine große Trommel aufgebaut und untermalte die verträumte Atmosphäre mit entspannenden Rythmen, die den drein sofort ins Blut gingen.

    An einigen Tischen saßen Rekruten und Paragone, Krieger und Personal, Zauberer und Bogenschützen beieinander und unterhielten sich.
    Sie verstummten für einen Moment, als sie Komir sahen; einige standen sogar auf.
    Als die Marschallin jedoch andeutete, sie mögen sitzen bleiben, kehrte der Geräuschpegel schnell wieder zu seinem Ausgangswert.

    Pepe lief vorbei, die Hände voller Gläser, mit unterschiedlichen Getränken.
    „Hallohallo“, begrüßte er seine Gäste überschwänglich. „Setzt euch doch Marschallin, Scytale...“ er hielt einen Moment inne betrachtete Lacy, hob seine Augenbrauen, wechselte die Stimmlage und nannte deutlich verführerischer ihren Namen, ehe er sich wieder allen gemeinsam zuwandte, und normal weiter sprach. „Ich fürchte ich bin gerade etwas im Stress. Aber ich komme sobald ich kann.“
    Scytale, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte, folgte den anderen zu einem leeren Tisch und sah Lacy an.
    „Läuft da was...?“
    Die Paragonin verdrehte die Augen. Ehe sie einen Ton sagen konnte antwortete Komir vor ihr:
    „Wieso, Scy? Eifersüchtig?“

    Kapitel XXXII

    „Die Sonne wird schwächer... Bald wird es Dunkel“, mahnte Lacy, als sie durch das dichte Blattwerk des Dschungels gen Himmel blickte. „Wie weit ist es noch?“

    Mashir ging einige Meter vor ihr.
    Seit sie den Skal erlegt hatten meinte sie, es wäre sicherer, man würde einigen Abstand halten.
    „Skale sind blitzschnell“ hatte sie gesagt. “Sie reissen dich von der Seite her um; dann kannst du garnicht reagieren. Da ist es besser, sie treffen nicht uns beide auf einmal.“
    Doch glücklicherweise hatte sich keine Kreatur mehr blicken lassen.
    Die Kosarin ging davon aus, das es sich vorhin um einen alten, schwachen Skal gehandelt hatte, der die Gruppe verlassen hatte, oder von ihr verstoßen wurde.
    „Oder diese Skaljäger haben einmal etwas zustande gebracht...“, hatte sie angemerkt und dabei den Kopf geschüttelt, als wären diese Gedanken absolut abwägig.

    Nun waren sie noch immer unterwegs...
    Lacy spürte das Brennen der Kratzer an ihren Beinen und Armen. Die Dornen hatten einige blutige Spuren hinterlassen. Manche davon juckten entsetzlich...
    Sie hatten ein wenig pausiert, um den Skal auszunehmen. Doch im Gegensatz zu Mashir hatte Lacy nichts von dem rohen Fleisch gekostet.
    Den größten Teil hatten sie auf ihre Rucksäcke aufgeteilt.
    „Skalfleisch ist wertvoll“, hatte die Kosarin gesagt. „Was will man hier im Dschungel mit Geld? Das Fleisch und die Flossen eines Skales kann man essen. Das könnte uns noch von Nutzen sein...“

    „Warte...“ Mashir hielt eine Hand hoch, wie vorher, als sie den Skal erspäht hatte.
    Vorsichtig kroch die Paragonin zu ihr.
    „Wir sind da“, flüsterte sie. Vor ihnen erkannte Lacy keine Besonderheit... Ein schmaler Pfad, der sich um einen Baum wand um dann wieder im Gebüsch zu versinken.
    Sie sah die Frau an. „Also, wo ist er, dein Kontaktmann?“
    „Scht!“, zischte diese. „Das ganze ist komplizierter, als du denkst. Eisenfaust lässt seine Leute überwachen, wenn sie ihm seltsam vorkommen. Daher kann man bei solch einem Treffen nie sagen, wer sonst noch anwesend ist. Ich hoffe, Nox hat sich unauffällig verhalten...“

    Stille legte sich über die beiden, als sie im Gebüsch abwarteten. Lacy starrte den alten Baum an. Wenn sie sich recht erinnerte war er von der Art der Tectona Grundis. Doch Biologie war nie ihre Stärke gewesen. Stünde der Baum nicht so isoliert, wäre ihr der verhältnismäßig hagere Stamm garnicht aufgefallen...
    Minuten verstrichen, dann brach Lacy die Stille.
    „Bist du sicher, er findet uns in unserem Versteckt?“
    „Ja. Das Gebüsch hier ist der Treffpunkt“
    Einige Sekunden überlegte Mashir...
    „Wenn sich Eisenfaust noch im Lahtenda Sumpf aufhält, kann es sein, dass er Nox mit etwas beauftragt hat. Aber er wird kommen. Ganz sicher. Zudem: noch geht die Sonne nicht unter. Wir hatten Sonnenuntergang ausgemacht...“
    „Nungut... dann warten wir eben.“

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    Scytales Rache
    #64
    Kapitel XXXIII

    Komir hatte am späten Nachmittag noch einmal ein Treffen verkündet. Sie hoffte, dass sich die Gemüter mittlerweile ein wenig abgekühlt hatten und sie so in Ruhe über eine Strategie sprechen konnte, ohne dass ihre Entscheidungen in Frage gestellt wurden.
    Manchmal muss man als Führer Befehle erteilen, die wenig populär sind... versuchte sie sich selbst von ihrem Vorhaben zu überzeugen.
    Was sie gesehn hatte, war eindeutig.
    Sie rief es sich ins Gedächtnis, was ihr der Spiegel gezeigt hatte.
    Wenn wir sterben müssen, dann tun wir das mit Ehre. Und nicht während wir uns verkriechen vor einem Schrecken, gegen den wir nichts ausrichten können...

    Mokk erschien als erster zu dem Treffen. Mit einem Tuch wischte er sich den Schweiß von seiner Glatze, als er in den kühlen Raum trat.
    Obwohl der Herbst schon bald begann brannte die Sonne unerbittlich auf sie herunter.
    Ein ausgesprochen langer, heisser Sommer, der sich mit allem was er hatte gegen den Winter zu stemmen schien. Oder doch göttliche Magie?
    „Marschallin, die Anderen kommen später...“, meinte er. „Miriel kümmert sich um einige Rekruten, die aus den Dörfern zurück kehren, Devah spricht mit den Kriegern... Macht ihnen Mut; versucht ihnen zu erklären, warum Gandara... Bina schläft. Sie ist noch geschafft von dem langen Flug. Die anderen sind unauffindbar...“
    „Ein Zeichen des Trotzes?“
    Mokk schüttelte den Kopf. „Ich denke eher, sie rechneten erst wieder an Deck der Schiffe mit einer Lagebesprechung...“

    Komir sah auf die Karte. „Nungut...“,meinte sie nach einiger Zeit.
    „Zu zweit hat es keinen Sinn...“
    „Da habt Ihr recht, Marschallin...“ Der Paragon sah sie an und schien auf etwas zu warten.
    „Ihr könnt gehen...“, meinte sie schließlich.

    Mokk ließ den Kopf sinken und sah zu Boden.
    „Ich weiß ich sollte das nicht sagen... Aber die Anderen machen sich sorgen um Euch. Ihr trefft unverständliche Entscheidungen, Ihr distanziert Euch von den Anderen... In einer solch schweren Zeit brauchen wir unsere Führerin an unserer Seite“
    Sie sah ihn an, sagte jedoch nichts.
    „Marschallin... Komir! Wenn wir Morgen in unseren Untergang segeln dann will ich Euch gerne folgen. Dann bin ich bereit, mit Euch zu gehen und Ihr wisst, dass ich keine Sekunde zögern würde.
    Doch es schmerzt meinem Herzen, Euch so alleine zu sehen. Nicht die Entscheidung macht mir Sorgen. Denn ich weiß, Ihr habt nie unüberlegt gehandelt. Ich teile die Bedenken der Anderen, doch ich verstehe, dass es nicht an uns obliegt, Euch zu richten.“
    Er sah zu, wie sie sich zur Wand drehte um die großen Feldherren zu betrachten. Er wusste, das sie ihm zuhörte. Das hatte sie immer getan...
    Er trat um die Karte herum und näherte sich ihr, ehe er so sanft wie Möglich fort fuhr:
    „Darum bitte ich Euch nicht als Soldat oder Paragon, als Offizier oder Truppenführer. Ich bitte euch als Freund. Sagt mir, was Euch bedrückt, so wie ich immer sagen konnte, was mich bedrückt.“
    Einen Moment sahen sich die beiden an.
    „Ach Mokk...“, brach es schließlich aus ihr heraus. Ihre Worte waren karg und Kraftlos. „...Unwissenheit ist ein Segen. Ich will dir das nicht antun.“

    Innerlich jubelte Mokk. Sie hat die Anrede gewechselt. Sie vertraut mir noch. Vielleicht kann ich mich nun für all das Revanchieren, was sie für mich getan hat.

    Er erinnerte sich, wie er Kormir das erste mal gesehen hatte. Er war ein Junge; nicht älter als sechs, der sich über seinen toten Vater bäugte; unfähig zu verstehen, was geschehen war. Er erinnerte sich, wie Komir ihn in den Arm genommen und getröstet hatte. Damals war sie selbst noch eine junge Frau. Eine Rekrutin, auf ihrer ersten Mission.

    „Ich kann nicht zusehn, wie du dich selber quälst...“, in seine Worte bettete er den Hauch einer Melodie. Unhörbar für Außenstehende, doch äußerst effektiv.
    Sprecht einander mit „Du“ an. Das ist persönlicher. Somit fällt es euch leichter, Zutritt zu ihren Gefühlen zu erlangen.
    Selbstverständlich kannte der Paragon sämtliche dieser Leitsätze der Sonnenspeere, doch dieser war etwas besonderes. Kormir selbst hat ihn mich gelehrt.

    Für einige Sekunden legte sich Stille über die beiden.
    Der Paragon überlegte, ob er weitersprechen sollte, doch Kormir schien sich zu überwinden. Leise sagte sie: „Mokk, mein guter Freund.“ Noch einmal sah sie ihn an. Will ich ihm die Wahrheit wirklich antun? Dann fasste sie sich ein Herz. Ich kann sie nicht ewig beschützen...
    „Was ich dir erzähle bitte ich, für dich zu behalten...“

    Als er nickte fuhr sie fort: „Einst ist mir Dwayna erschienen. Sie kündigte mir großes Unheil an, dass sich über die Sonnenspeere legen würde... Mehr noch, es war das Ende der Welt, wie wir sie kennen.“
    Sie ging zu einem Tisch, an dem einige Stühle standen, blieb jedoch davor stehen.
    Er folgte ihr.
    „Setz dich besser...“ meinte sie, und fuhr fort:
    „Nun, Dwayna versprach mir, es gäbe eine Hoffnung, das Ende aufzuhalten.“
    Mokk, der nieder gelassen hatte, sah sie an. „Scytale...“, meinte er dann.
    Komir nickte...
    „Dwayna sagte Scytales Entführung und Rückkehr voraus. Sie erklärte mir, dass er sich verändert haben würde. Er sei nur noch ein Schatten seiner selbst. Er würde behaupten, versagt zu haben, und hätte bizarre Geschichten zu erzählen. Sie meinte er sei der Einzige, der Abbadon aufhalten könne... Sie hat mir alles über ihn erzählt...“
    „Und nun ist er tot...“
    „Ja... aber jetzt wird es verwirrend... Du warst ja auch da, als wir das Apokryptum besiegten. Jenen Wächter, zwischen den Welten.“

    Mokk nickte. Er erinnerte sich an den Kampf mit jenem seltsamen Wesen.
    „Erinnerst du dich an die geheimnisvolle Frau, die es beschwor?“
    „Ja. Lacy hatte sie getroffen, als sie im Wald abgestürzt war. Nos...“
    „Nosferatu heisst sie...“

    Der Paragon sah sie verwundert an „Was ist mit ihr? Sie starb damals, bei dem Zauber, der die Welten miteinander verband und Scy so die Rückkehr ermöglichte.“
    Komir schüttelte den Kopf. „Ich habe sie gestern Nacht getroffen. Sie war es, die mich aus dem Lager führte... sie hat mich an einen seltsamen Ort gebracht...“, für einen Moment hielt sie inne. Sie schien erneut zu überlegen, ob sie Mokk diese Wahrheit anvertrauen sollte, doch dieser fragte wissbegierig nach.
    „Ich weiß nicht, wo ich mich befunden habe, doch es war nicht mehr auf dieser Welt. Erinnerst du dich an die Geschichte mit den Spiegeln, die Scytale uns immer erzählt hatte?“
    Wieder nickte Mokk. Der Mann folgte ihr aufmerksam.
    „Ich habe den Spiegel der Möglichkeiten gesehen. Ich habe gesehen, was geschieht, wenn ich wie Handel.“
    Ihre Stimme wurde lauter und verzweifelter.
    „Ich habe unzählige Möglichkeiten gesehen. Wieder und wieder. Nosferatu ließ mir die Zeit, die ich wollte. Ich kenne unsere Zukunft, Mokk! Glaubst du, ich wüsste nicht, was Gandara für uns ist?“
    Der Paragon sah zu Boden. Ein wenig war er erschrocken, doch er wusste es geschickt zu verbergen. Dann gibt es für uns wohl keine Hoffnung...

    „Und die Margaküste?“, fragte er vorsichtig und leise, nachdem einige Sekunden ruhe herrschte.
    Komir schüttelte den Kopf.
    „Es gibt keinen Ausweg. Einst versprach mir Dwayna eine Chance für die Sonnenspeere, doch ich denke diese ist mit Scytale gestorben... Was immer wir angreifen, wir sind des Todes. Was spielt es da für eine Rolle, ob man Gandara angreift, oder versucht in der Nundu Bucht zu landen?“
    Wieder stille.
    Nun schwieg auch Mokk... Wenn Kormir meinte, die Bucht bräche kein besseres Ende, dann lagen die Sorgen der Marschallin nicht bei den Kournischen Divisionen. Aber bei welcher Macht dann?

    Die Zeit verflog und keiner der beiden sprach ein Wort. Dann sagte Komir leise: „Was immer uns töten wird; es hat in Gandara seinen Ursprung. Darum ist die einzige Hoffnung, die mir bleibt ein Angriff auf die Festung. Und ein Wunder oder eine Göttliche Intervention...“
    „Dwayna?“
    Sie schüttelte den Kopf.
    „Die Götter hüllen sich in Schweigen... Die Götter haben zugelassen, dass Varesh die Sonnenspeerbasis zerstört hat. Die Götter konnten nichts gegen Scytales Tod ausrichten... Und doch beruht meine ganze Hoffnung auf ihnen... Wenn du mich fragst. Ich finde, es war nicht Scytale, der versagt hat...“

    Wieder legte sich bedrückendes Schweigen über die beiden...
    Dann nickte Mokk: „Es ist besser, wir behalten das für uns... Doch ich werde dir helfen, diese Last zu tragen.“
    Komir schien den Tränen nahe...
    „Fast tausend Menschen schicke ich Morgen in den sicheren Tod. Mich eingeschlossen...“
    sie sah auf an die Wand. Auf die Herrscher früherer Zeiten.
    „Es ist schwer genug, die Zukunft nicht zu kennen. Doch noch viel schwerer, offenen Auges in den Untergang zu gehen.“
    „Marschallin...“, Mokk stand auf und setzte all die Kraft seiner Stimme ein. „Wir verlangten nie Perfektion... Wir werden einfach tun, was in unserer Macht steht.“ Sein blick folgte Kormir, die am Tisch auf und ab wanderte. Er berührte ihren Arm.
    „Mögen die Götter richten, ob es reicht.“

    Dann stimmte er ein Lied an, dessen magische Worte Komir zu neuem Mut verhelfen sollten...

    Kapitel XXXIV

    Gegen Abend erreichten Phill und Li den Raisu Palast. Die Besorgungen waren getätigt, Lis neue Rüstung bereits beim Schneider in Auftrag gegeben, der versprochen hatte, sie über Nacht fertig zu stellen.
    Die Mönchsrobe war aus rissfestem Stoff, der zwar weitaus weniger Schutz bot, als eine eiserne Rüstung, doch dafür die Bewegungsfreiheit erlaubte, die ein Heiler bei seiner Arbeit brauchte.
    Ein Mönch steht auch nicht an vorderster Front...

    Der Raisu Palast versetzte nicht nur Li in Erstaunen. Hunderte golden verzierte Skulpturen, Säulen und Gemälde hingen oder standen in der Eingangshalle zum kaiserlichen Refugium. Der gewaltige Raum war pompös und spiegelte genau das wieder, was Phill an jener Regierung störte:
    Außerhalb dieser Mauern sterben die Menschen an Hunger, Leid und Elend...
    Der Boden bestand aus Jade, die man von den Luxon im Südosten des Reiches importiert hatte, während viele der veredelten Statuen gänzlich aus Bernstein gehauen waren, mit dem die Kurzik so rege Handel trieben.
    Ein Vermögen liegt in dieser Halle, dachte Phill, während auch er sich erstaunt umsah. Schon oft war er diesen Weg gegangen. Doch immer wieder faszinierte ihn der Anblick aufs neue, sodass er sie mit gemischten Gefühlen betrachtete.

    Li reckte den Kopf und sah an die Decke der Prachtbauten. Fresken erinnerten an die großen Kaiser vergangener Zeiten. Auch Kaiser Kisu hatte bereits eine solche Wandmalerei anfertigen lassen.
    Nicht der einzige Grund, weshalb man sich an ihn erinnern wird...

    Phill überlegte, wann er zuletzt ohne Togo hier war. Der Meister war noch unterwegs, zu einigen anderen Dörfern. So gab ihm beispielsweise Zen Daijun zu denken, nachdem er von dort eine bedrohliche Nachricht bezüglich Shiro erhalten hatte...
    Doch Shiro war nun nicht Phills Problem. Er vertraute voll und ganz auf Togo, und widmete sich den Gedanken der Sonnenspeere, seinem Sohn und dem jungen Li, bei dem er sich immernoch nicht sicher war, ob er ihn wirklich hätte mitnehmen sollen.

    „Werden wir heute Abend beim Kaiser speisen?“
    „Wenn er hier ist und uns Empfangen möchte...“ Der Alte sah den Jungen an. „Dann musst du dich aber benehmen...“

    Die beiden betraten die Innenräume des Palastes.
    „Nachdem wir Morgen deine Rüstung abgeholt haben brechen wir auf. Dann sind wir in zwei Wochen in Elona...“



    Kapitel XXXIV

    Die Nacht legte sich über den Sumpf. Das Zirpen und Quaken wurde lauter und aufdringlicher.
    Fast eine Stunde hatten Lacy und Mashir gewartet, ehe sie recht nahe ein leises Rascheln gehört hatten.
    Sofort war die Kosrain hellhörig geworden.
    „Das ist er“, raunte sie Lacy an.

    Ein Mann trat in das Gebüsch, in dem sich die Beiden versteckt hielten. Seine dunkle Haut schien im Schatten der anbrechenden Nacht zu verschwimmen.
    Lacy erkannte nur die weniger Haare, die er zu feinen Lockensträhnen zusammengebunden hatte... und seinen Geruch, der sich ihr in die Nase drängte.
    Kosaren leben in einem Sumpf... warum können sie nicht wenigstens hin und wieder auch darin Baden?

    „Mashir?“, begrüßte der Mann die beiden.
    Die Kosarin lächelte, dann küsste sie ihn.
    „Darf ich bekannt machen: Lacy, von den Sonnenspeeren. Lacy, das ist Nox.“
    Die Paragonin reichte ihm die Hand, doch er stemmte die Hände in die Hüften.
    „Meine Freunde nennen mich Blackblood.“
    Schwarzblut... Lacy kam der Name bekannt vor... Ist er nicht auch ein gesuchter Verbrecher?

    „Entschuldigt die Verspätung...“ Der Kosar musterte die Paragonin kritisch. Scheinbar war auch ihm nicht ganz Wohl bei dem Treffen.
    Doch Lacy dachte an Komir. An das Vertrauen, dass sie in sie legte. Und daran, dass sie heute nicht scheitern dürfte.
    „Eisenfaust hat mich aufgehalten... Er scheint ein wenig Missmutig geworden zu sein.“
    „Denkst du er ahnt, das wir von seinem Gold wissen?“
    Nox wankte vom einen Bein zum Anderen.
    „Ich bin mir nicht sicher...“
    Die Kosarin sah kurz zu Lacy, ehe sie, zu dem Mann gewandt fort fuhr: „Dann müssen wir schnell handeln. Wie weit ist es noch bis zum Versteck?...“

    Wenige Minuten später stapften die Drei erneut durch das Dickicht des Waldes.
    Nachts war es im Dschungel besonders gefährlich – das wussten die Kosaren ebenso wie Lacy. Doch da Eisenfausts Lager gegen Mitternacht erreicht werden konnte, entschieden sich die drei, direkt zuzuschlagen.
    „Das ist der beste Zeitpunkt“, hatte Nox behauptet, und verwies auf die Nachtwache, die er gut kannte.

    „Die meisten sind auf Eisenfausts Seite. Einige andere konnte ich überzeugen, doch sie wissen nicht, das uns ein Sonnenspeer begleitet... Wenn sie Lacy sehen werden sie nicht zu uns halten...“

    Lacy ging einige Meter hinter den beiden, verfolgte jedoch deren Gespräch genau. Allmählich wunderte sie sich, warum die Kosaren nicht selbstständig versuchten, Eisenfaust zu stürzen.
    Immerhin schien der Mann nicht besonders beliebt zu sein. Eine Meuterei könnte er nicht überleben...
    Ich bewege mich gerade zu einem der stärksten Lager der Kosaren...
    Vielleicht hätte sie Hilfe holen sollen.
    Würden sie mir ohne Weiteres ein Versteck zeigen, dass die Sonnenspeere schon seit Jahren suchen? Einen Mann ausliefern, dem die Sonnenspeere schon lange auf den Fersen sind?
    Lacy musste vorsichtig sein... Nicht zum ersten mal dachte sie daran, eventuell nie mehr zu den anderen Zurück zu kehren...
    Zu welchen Anderen? Komir müsste heute in See gestochen sein. Wenn alles glatt läuft greift sie Morgen an...
    Ob sie die Sonnenspeere jemals wiedersehen würde?
    Sie wünschte der Marschallin Glück...

    ***

    Die Nacht hatte wenige Minuten darauf endgültig den letzten Rest des Tageslichts verschlungen.
    Wie damals, als sie mit jener seltsamen Frau Nosferatu durch die erschlosseneren Regionen des Dschungels gelaufen war erkannte die Paragonin kaum mehr die Hand vor Augen.

    Der Geräuschpegel der Insekten wurde unerträglich. Allmählich verließen sie die Kräfte...
    Die Kosaren schien das wenig zu stören. Sie gingen weiter...
    Auch ihre Kraft darf ich nicht unterschätzen...

    Lacy summte leise ein Lied, und ließ die Töne einen Hauch von Magie durch die Nacht tragen, der ihre Muskeln stärkte, und den Schmerz der brennenden Wunden an ihren Armen und Beine ein wenig linderte.
    Ich werde doch wohl nicht früher schlapp machen, als ein Kosar...
    Doch Lacy hatte keine Sekunde an dem Können der Frau gezweifelt.
    Sie sind stärker, als ich dachte... Das erklärt die Probleme, die wir teilweise mit ihnen haben...

    Plötzlich blieben die beiden stehen und ließen die Paragonin zu ihnen aufschließen.
    „Dort vorne ist das Lager...“, flüsterte Nox leise.
    Eine Lichtung breitete sich vor ihnen aus. Lacy erkannte im Schein einiger Fackeln steinerne Ruinen, einer vergangenen Zeit.
    Zelte waren an deren Rand errichtet worden. Über zwei parallele Mauern war eine Plane gespannt.
    Hier und dort fand sich ein Haufen aus hölzernen Kisten; ein Wagen stand dabei, als könne man mit ihm durch den Dschungel fahren.
    Lacy fragte sich, wie all das hier her gekommen sein mochte, und vermutete einen Fluss, hinter den Ruinen.
    Oder sie haben das Zeug durch den Dschungel getragen... Dann verdienen sie in gewisser Weise Anerkennung...

    Das Lager war groß – viel größer, als Lacy gedacht hatte.
    Zelt an Zelt reihte sich um die Überreste der steinernen Mauern.
    Ein Mann trottete umher. Langsam, vorsichtig und doch wachsam sah er sich um.

    „Das ist Polk. Er ist auf unserer Seite, seit er von dem Schatz gehört hat, von dem du mir erzählt hast...“, erklärte Nox. „Zwischen diesen zwei Wänden...“ Er deutete auf die Ruinen. „... führt ein Gang in einen Raum. In den letzten, der von dem Schloss noch steht. Dort lebt Eisenfaust.“
    „Nur ein Eingang?“, fragte Mashir...
    Lacy hörte lediglich aufmerksam zu.

    „Zwei Wachen patrouillieren durch das Lager. Zwei weitere stehen vor dem Haus.“
    „Also Polk und drei Männer...“
    „Richtig. Wer die anderen drei sind, weiß ich nicht. Gelingt es uns, die beiden Wachen lautlos zu töten, müssen wir sie verschwinden lassen, ehe der Dritte uns sieht. Auch bei Polk weiss ich nicht, wie er auf den Sonnenspeer reagieren wird.“
    Allmählich hatte Lacy das Gefühl, sie wäre hier deplatziert...
    Wenn Mashir und Nox es nicht zusammen schaffen, wie soll ich ihnen helfen?, fragte sie sich, was sie nur mehr beunruhigte...
    „Und wo hat er das Gold?“ Mashir hakte nach, doch Nox schüttelte den Kopf, und meinte, er habe keine Ahnung.
    „Nunja... zuerst das Schwein Eisenfaust... Dann suchen wir unseren Lohn!“
    Nox sah sie an. „Warum holen wir nicht einfach das Gold und verschwinden? Eisenfaust bereitet den Paragonen Kopfzerbrechen...“
    Er schien Lacy völlig zu übersehen.
    „Weil er meinen Mann getötet hat!“, entfuhr es Mashir; beinahe zu laut. „Er hat ihn zu diesem sinnlosen Angriff nach Chahbeck geschickt.“

    Chahbeck...
    In Lacys Ohren hallte das Wort nach, als sich Stück für Stück das Puzzle zusammensetzte.
    Dann erschrak die Paragonin innerlich. Wie ein Stein traf sie die Erkenntnis.
    Das ist eine Falle!


    Kapitel XXXV

    Komir stand am Hafen Kamadans. Die Nacht hatte längst das Leben aus der Hauptstadt Istans gedrängt; nur wenige schlichen noch umher.
    Kriminelle? Kosaren?
    Komir kümmerte es nicht. Einige Sonnenspeere hielten wie jede Nacht Wache und durchforsteten Kamandans Schattenseiten. Sie würden sich um Probleme kümmern, sofern es welche gab...

    Im Kopf hatte sie alles noch einmal alles Revue passieren lassen. Ihre Gedanken rekonstruierten die Bilder, die sie in dem Spiegel sah.
    Dämonen, die auf diese Welt gelassen werden würden...
    Kamadan und ganz Istan, wie es brannte...
    Die umher rennenden Menschen... schreiend, flehend... sterbend.

    Das Hinterland einnehmen...
    In Komirs Gedanken flossen die Worte des Offizierstsaabs...
    „Die Festungen sind derart schlecht bewacht...“
    Bina hatte es gesehen...
    „Wir könnten Gandara belagern. Ihnen die Lebenszufuhr abschneiden. Und Varesh wäre Ohnmächtig, auch nur irgend etwas dagegen zu tun, ausser einen Ausfall zu wagen...“
    Dazu müssten die Sonnenspeere Dörfer einnehmen... Das brächte auch zahlreichen Zivilisten den Tod...
    Noch mehr Leid für einen sinnlosen Krieg...

    Komir hatte die Dämonen gesehen...
    Sie hatte gesehen, wie die Sonnenspeere deutlich geschwächt vor den Mauern Gandaras standen...
    Leichte Beute für die Kreaturen Abbadons...

    Und genauso hatte sie die istanische Flotte vor der Mondfestung brennen sehen...
    Schiffe, die in einem Feuerregen untergingen...
    Felsen der Mangen; Kugeln der Bombarden; Bolzen der Ballistas, die sich unaufhaltbar ihren Weg durch das schwache Holz der Schiffe bohrten...

    Die hochgelobte Paragonformation... Die Phalanx; die stärkste Waffe der Sonnenspeere...
    Komir hatte sie fallen sehen; einer nach dem anderen. Abgeschossen durch die Bogenschützen und Waldläufer. Verhext und entmutigt durch die Nekromanten und Mesmer...

    Was imnmer wir angreifen, wir verlieren...
    Gandara ist da nur ein schnellerer Weg...

    „Komir...“ Die Stimme kam aus dem Nichts... Und doch war sie so vertraut...
    Die Marschallin hielt die Luft an. Kaum traute sie sich, den Gedanken auszusprechen...
    „Dwayna?“
    Vor ihren Augen breitete sich ein winziger Nebel aus, der schon bald darauf das zierliche Gesicht der Göttin widerspiegelte.
    „So lang hast du mich alleine gelassen...“ Komir war von der Anwesenheit geführt... Innerlich schöpfte sie neuen Mut. Oder war es das zarte Band der göttlichen Stimme, das sich direkt in ihr Herz erstreckte, und ihr das Gefühl der Wärme und Geborgenheit gab, dass sie schon so lange vermisste...
    „Ja... Es tut mir Leid Komir... Wir haben uns ablenken lassen, von zu wichtigen Dingen...“
    Die Marschallin wollte von ihren Erlebnissen erzählen... Von dem Spiegel, der ihr Ende voraus gesagt hatte; von Scytales Tod, von all dem, was in ihr vorging, doch sie spürte, dass Dwayna ihre Geschichte kannte.
    Sie war den Tränen nahe, als berührte sie die Göttin direkt im Herzen und löste damit all das Leid und die Vorwürfe, die sie sich selber dafür machte, was sie den Anderen antun würde...

    „Was soll ich nur tun, Dwayna? Was soll ich nur tun...“

  5. Banned
    Userid
    60177
    Registriert seit
    09.2007
    Ort
    Augsburg
    IGN (GW1)
    Scytales Rache
    #65
    So wäre es weiter gegangen:


    Reale Welt; Sonnenspeere:

    Der Angriff auf Gandara verläuft erstaunlich gut, bis Varesh seltsame Wesen beschwört, die hundert mal mächtiger, als normale Menschen sind. Einem Nekromanten gelingt es mittels eines Geistesangriffs (Zwietracht oder so) Kormir zu töten. Mashir setzt sich mit ein paar überlebenden Paragonen ab und bildet eine Flüchtlingstruppe, die von Kournischen Bauern aufgenommen wird. Die Schuld für die Niederlage schreibt sie Kormir und Scytale zu. Voller bitterkeit legen sie und ihr Gefolge den Namen Sonnenspeer ab.

    Parallelwelt; Sonnenspeere:
    Scytales „krankheit“ entpuppt sich als attentat auf ihn.
    Auch wenn die Gründe hierfür nicht vollständig geklärt werden können, reicht es Kormir nach erbringen eines eindeutigen Beweisese, krieg mit Vaabi anzufangen.

    Kourna spielt infolge dessen eine völlig andere Rolle: als Verbündeter gegen Vaabi.
    Die folgenden Kapitel verbringen die Sonnenspeere mit der Vorbereitung auf den Krieg. Die Vaabianischen Fürsten selbst werden erstaunlich feindselig dargestellt.

    Zwischen Scytale und Lacy entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Getrübt von der Gehirnwäsche, aktzeptiert Scytale, dass die Vermutung, Lacy sei seine Mutter, nur ein Fiebertraum war.
    Doch beim ersten Kuss bricht die Fassade. Die Erinnerungen stürzen auf Scytale ein und das Puzzle setzt sich zusammen – er wacht auf, lässt sich aber nichts anmerken.

    Am nächsten Tag legen die Schiffe nach Vaabi ab. Lacy bleibt in der Basis. Scytale spielt die Geschichte mit, sucht aber nach einer Möglichkeit, der Parallellwelt zu entkommen.

    Zusammen mit den Kosaren greifen die Sonnenspeere Dzagonur an, scheitern jedoch an den deren Verteidigungsanlagen. Im Schlachtgetümmel wird Scytales Trupp vernichtet, und er leicht verwundet. Ihm gelingt es jedoch in die Wildnis von Bahdza zu fliehen, in der er Nosferatu begegnet. Nach einem klärenden Gespräch hilft sie ihm, auf jene Ebene zu gelangen, auf der sein in der realen Welt gestorbenes Ebenbild noch immer vor sich hin vegetiert. Für ihn sind etliche Jahre vergangen, jeglicher Versuch, die Realität wiederherzustellen, scheiterte.

    Lacy, das Kosarenlager:
    Lacy und co schaffen es, Eisenfaust zu töten, wodurch ihr Auftrag eigentlich erledigt sei. Aber auch wenn Lacy, seit sie die Falle Mashirs durchschaut hat, viel vorsichtiger geworden ist, gelingt es ihr nicht, der Kosarin zu entkommen. Mashir tötet die Paragonin aus rache, weil diese ihren Mann getötet hatte. Aber lacy wird von Dwayna aus den Händen der Gesandten gerettet. Der Gott bringt sie auf die Ebene, in der der gestorbene Scytale gelandet ist. Lacy erfährt selbst nicht wieso, erkennt aber, dass das nicht umbedingt der Plan jener großen Macht war, deren Spiel sie gerade hinterher jagen.
    Phil nimmt Kontakt zu Scytale auf (siehe unten) und weist sie an, was sie zu tun hat. Natürlich alles gut getimed, bloss nicht zu früh.

    Phill und Li:
    Die beiden kommen im zerstörten Kamadan an; die Finsternis hat bereits angebrochen. Den beiden gelingt es, einige Bauern und Krieger zu retten. Phill erfährt zwar, dass Scytale tot sei, jedoch gelingt es ihm, mit einigen Ritualisten Zaubern, die er in den Jahren auf Shing Jea gelernt hat, Kontakt zu jener Ebene aufzubauen. Scytale erfährt, dass auch Phills geschicke damals, als er noch in Kamadan lebte, von den Göttern beeinflusst worden war, und Scytales Geburt Teil eines großen Plans war.

    Allgemein / Hintergrundwissen:

    Die Sonnenspeere sind gut, abbadon und seine Kreaturen sind böse
    Das Gute und das Böse halten sich immer im Gleichgewicht,
    nur verteilt sich das Gute mehr, das Böse zentriert sich auf wenige
    Somit wirkt das Böse viel zu stark.
    Um das Böse abzuschwächen, verwundbar und verletzbar zu machen
    gibt es nur eine Möglichkeit: Das Gute muss abgeschwächt werden.

    Darum werden die Sonnenspeere ins Verderben geschickt.
    Beides soll ausgerottet werden - sowohl das Gute, als auch das Böse.

    Je mehr Sonnenspeere sterben, desto schwächer wird folglich auch das Böse
    Bis am Ende weder Gut noch böse Existieren.
    Scytale selbst existiert garnicht. Er wurde ja nie geboren.

    Mit diesem Trick schafft er es, die wenigen letzten überlebenden Guten zu retten
    indem er den schwachen Abbadon tötet. Er ist der Tropfen, der die Waage
    ins ungleichgewicht stürzt.

    Gelingt es Abbadon, ihn gegen das Gute einzusetzen, gewinnt das Böse. Aber der Versuch scheitert, nachdem Scytale bemerkt hat, dass nicht Vaabi der Feind ist.

    Ist abbadon besiegt wird die Zeitlinie bereinigt. Scytale verschwindet dann eigentlich.
    Hier greift dann Lacy ein. Von der Ebene aus rettet sie exakt zur richtigen Zeit den Jungen vor den Kosaren

    Bei der Reperatur der Zeitlinie geht das ganze dadurch unter, dass Scytale Nosferatu überraschend getötet hat, ehe er "wieder exisitert"

    Die Welt wird damit ins ungleichgewicht gestürzt, denn Nosferatu selbst war das Gleichgewicht. Niemand kann von nun an erahnen, was passieren wird.

    Was leider niemand weiß ist, dass Nosferatu nicht nur das Gleichgewicht zwischen Abbadon und den sonnenspeeren sondern, zudem der gegenpol zu den Drachen war...



    Ich hoffe, ich hab die Storyline irgendwie halbwegs verständlich rüberbringen können

    €dit: Der zweite Teil ginge nur bis zum gescheiterten Angriff auf Gandara im realen Leben, den Kuss in der Parallellwelt, und Lacys Tod. Den Rest der Storyline wollte ich im dritten Teil: "Die Rückkehr des Schattens" schreiben. (also z.B. die Ankunft der beiden Cantaner in Kamadan)
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    Elite Zauber. Wenn der Gegner unter einem Zustand und den Auswirkungen einer Verhexung oder einer Verzauberung leidet, erleidet er 30-94 Punkte Schaden. (Attrib.: Todesmagie)

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